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Nanabush
03
Nanabush

 

Nanabusch

– wie Wia dem Spirit entkam

Der Platz im Wald

„Ihr wollt wissen, was ich in Kanada erlebt habe?“ fragte Baby Wia.

Wir, eine Gruppe von Babys, die eine Fahrt in die herbstliche Natur unternommen hatten, saßen um ein Lagerfeuer. Das Feuer, die Regenumhänge und die Windelhöschen knisterten. Wia war völlig verändert aus Kanada zurückgekommen und wir waren neugierig, was passiert war.

Eine Weile starrte Baby Wia gedankenverloren ins Feuer.

„Mir ist drüben etwas ganz Seltsames wiederfahren“, Wia schluckte, „so seltsam, dass ihr es mir nicht glauben werdet!“

Nach weiteren Ermunterungen fuhr Wia fort:

„Auf der Jagd nach dem ultimativen Tierfoto war ich mit meinem Wohnwagen in die Waldregion, in das ‚Nordland‘, gefahren. Eines Nachmittags folgte ich einer plötzlichen Eingebung und bog in eine Nebenstraße ab. Ich wusste nicht, wo sie hinführte; auf meiner Karte war sie nicht eingezeichnet. Allem Anschein nach war es nur eine Stichstraße zu einer Siedlung im Wald, einer kleinen Siedlung, denn die Straße befand sich in einem miserablen Zustand. Wiederholt fragte ich mich, warum ich diese mit Schlaglöchern und Verwerfungen übersäte Straße überhaupt weiter fuhr – was heißt fuhr? Ich ‚kroch‘ teilweise im Schritttempo über die Unebenheiten. Langsam wurde es Zeit, mir einen Platz zum Übernachten zu suchen. Meine Windeln hielten längst nicht mehr dicht und der nasse Fleck am Hosenboden meiner hellen Jeans wurde immer größer. Außerdem rebellierte mein Darm gegen das heftige Rütteln und Schütteln. Solange ich hinter dem Lenkrad saß und mich fest in den Sitz presste, konnte ich dem Druck gerade noch ertragen.“

Baby Wia trank ein paar Schlucke aus seinem Fläschchen:

„Plötzlich zwang mich ein schepperndes Geräusch zum Anhalten. Der Stabilisator für den Wohnwagen schleifte auf der Straße; einer der beiden Klemmbügel aus Draht, die ihn sicherten, hatte sich aus unerfindlichen Gründen gelöst. In der Hoffnung, den Bügel zu finden, lief ich ein Stück die Straße zurück. Allein die paar Schritte genügten, um meinen Darm explodieren zu lassen. Ich brach die Suche ab, kehrte breitbeinig zum Auto zurück, montierte den Stabilisator ab und stieg vorsichtig – wegen meiner vollen Windeln – wieder ein. Ich wollte gerade die Tür zumachen, da bemerkte ich die Frau. Wie aus dem Nichts aufgetaucht stand sie plötzlich schräg vor meinem Wagen auf der Straße.

Sie trug die typische Kleidung der Waldbewohner: Jeanslatzhose und kariertes Baumwollhemd. Ihr dunkles, faltiges Ledergesicht deutete auf eine indianische Abstammung hin und das rote Stirnband, das ihre langen, grauen Haare zusammenhielt, verstärkte diesen Eindruck.

‚Hi’, grüßte ich verlege – verlegen, weil ich nicht wusste, wie viel sie vom Zustand meiner Hose mitbekommen hatte.

‚Du suchst einen Platz zum Übernachten?‘ fragte sie in einem kehligen Englisch.

Mit einer Handbewegung forderte sie mich auf, ihr zu folgen. Ihr Angebot kam mir sehr gelegen, zumal der Platz, den sie mir zeigen wollte, nicht weit entfernt sein konnte, da sie zu Fuß war. Dort konnte ich mir eine Behelfslösung für den Stabilisator ausdenken oder aber ohne Wohnwagen einen Ersatzbügel in einer Werkstatt besorgen.

Trotz ihres Alters lief sie mit elastischen Schritten vor meinem Auto her. Nach wenigen Metern bog sie in einen Waldweg ein, der bereits zuzuwuchern begann, aber gut befahrbar war – jedenfalls war er auch nicht schlimmer, als die Buckelpiste zuvor. Nach etwa 300 Metern endete der Weg auf einem Felsplateau aus Urgestein, das stellenweise mit Flechten, Moos und Blaubeerstauden bewachsen war. Kleine Rinnen durchzogen das Plateau, das jedoch eben und groß genug war, um dort mit meinem Wohnwagen zu wenden. Der Platz gefiel mir. Auf zwei Seiten säumten ihn Bäume, auf der dritten Seite schloss ein höheres Plateau an und auf der vierten Seite senkte sich der Felsen zu einem See hinab.“

Erneut nahm Baby Wia einen schmatzenden Schluck aus dem Fläschchen.

„Im Wohnwagen erwartete mich eine Überraschung. Windelhöschen und andere Babysachen waren aus der Ablage gerutscht und lagen verstreut auf dem Boden. Auch die Tür des Hängeschranks, in welchem ich die Pampers verstaut hatte, war trotz ihres starken Federscharniers aufgesprungen und die Pampers hatten sich unter die Windelhöschen gemischt.

Hier im Nordland waren die Moskitos ein Problem. Abends zündete ich stets Zitronenkerzen an, um sie aus dem Wohnwagen fernzuhalten. An jenem Abend war es völlig windstill, dennoch fingen die Kerzen nach kurzer Zeit an zu flackern und ich hatte plötzlich das Gefühl, nicht mehr allein zu sein. Deutlich konnte ich die Aura eines anderen Wesens spüren, eine Aura, die mir den Atem nahm und der ich unruhig auszuweichen suchte. Dieses Gefühl legte sich wieder, nachdem ich die Kerze ausgeblasen und zu Bett gegangen war.

 

Es war eine romantische Nacht. Schräg unter meinem Wohnwagen plätscherten die Wellen des Sees gegen den Felsen, Glühkäfer schrieben kurze Leuchtzeichen in den Nachthimmel, der Mond warf seine Lichtbahn auf das Wasser und der klagende Ruf eines Loons hallte über den See. Aber auch andere Laute mischten sich in diese friedliche Nachtstimmung: Im Wald hinter der Lichtung heulte ein Wolf den Mond an und auf der anderen Seite des Sees antwortete ihm das Rudel.

Am nächsten Morgen badete ich im See, statt unter die Dusche zu gehen. Als Badehose zog ich einen knappen, roten Windelhalter mit weiß umsäumten Rändern und Rüschenbesatz um den oberen Rand an. Ich war mir sicher, dass hier außer der alten Indianerin niemand auftauchen würde, und was die sich bei meinem Aufzug dachte, war mir egal. Nein, nicht egal, irgendwie hatte ich das Bedürfnis, mich ihr gegenüber als das zu outen, was ich gerne sein wollte: ein Baby in süßen Mädchensachen. Das Wasser war leicht bräunlich, aber klar. Auf dem See schwamm ein Loon, der mich nicht aus den Augen ließ. Wenn ich auf ihn zu schwamm, tauchte er weg und kam an einer weit entfernten Stelle wieder an die Oberfläche. Zahlreiche große blaue und schwarze Libellen schwirrten umher und machten Jagd auf Moskitos.

Erfrischt und unzerstochen kehrte ich zum Wohnwagen zurück. Und erst jetzt bemerkte ich, dass die mit Flechten überwachsene Stelle, auf der er stand, eine eigenartige Form aufwies – die Form eines aufrecht stehenden Kaninchens mit rundem Kopf und langen Ohren. Eine ähnliche Figur hatte ich auf indianischen Felszeichnungen gesehen. Dort hatte die Kaninchengestalt Nanabusch symbolisiert, den Boten und Gehilfen des Großen Manitu.

 

*    *
*

 

Im Bann des Geistes

Ich hängte gerade Windelhöschen im Wohnwagen auf, als die alte Indianerin vor der Fliegen-gittertür meines Wohnwagens stand. Sie hatte nicht gerufen oder geklopft, sie stand einfach vor der offenen Tür und schaute mir zu.

‚Wie die, die du suchst’, sagte sie und ehe ich fragen konnte, wen ich denn suche, fuhr sie fort:

‚Fahr zu Joes Werkstatt im Dorf, der kann dir weiter helfen!‘

Abrupt wendete sie sich um und ging. Ich war neugierig geworden und wollte sehen, wohin sie ging, aber sie war bereits verschwunden, als ich vor den Wohnwagen trat. Weit konnte sie noch nicht sein, also begann ich sie zu suchen. Kaum hatte ich jedoch das Plateau verlassen, da überfielen mich hunderte von Moskitos. Sie setzten sich in Ohren, Augen und Nase und, als ich den Mund öffnete, um Luft zu holen, drangen sie auch dort ein. Ich rannte zurück auf die Lichtung – die Moskitos ließen von mir ab!

Das Dorf musste irgendwo tiefer im Wald an der schlechten Straße liegen, von der ich gestern in den Waldweg zur Lichtung abgebogen war. Ohne Wohnwagen kam ich besser voran, da ich die Unebenheiten besser ausbremsen konnte. Nach wenigen Kilometern endete die Straße in einer Siedlung – ein paar verstreut liegende Häuser am See, ein Generalstore und auf einer Landzunge eine schmucke, weiße Kirche. Vor einem Haus standen auf der wuchernden Rasenfläche verrostete und verbeulte Autos – es musste Joes Werkstatt sein! An einem der Wagen hämmerte ein Mann im schmierigen Overall herum.

‚Sind Sie Joe?‘, fragte ich.

‚Wer will das wissen?‘

‚Einer, der einen Drahtbügel für seine Hängerkupplung braucht.‘

Ausführlich musste ich ihm erklären, was ich benötigte. Den zweiten Drahtbügel hatte ich als Muster dabei. Ob ich mit meinem Hänger nicht vorbeikommen könne, damit er sich die Sache anschauen könne, wollte Joe wissen. Ich erklärte ihm, dass ich wirklich nur einen zweiten Drahtbügel brauche und dass mein Wohnwagen jetzt auf einer Lichtung im Wald stände, die mir eine alte Indianerin gezeigt habe. Bei der Erwähnung der Indianerin wurde er unruhig.

‚Ich würde da nicht bleiben’, meinte er in eindringlichem Tonfall.

‚Und warum nicht? Stimmt etwas nicht mit dem Platz?‘ fragte ich zurück.

‚Ich weiß ja nicht, wer Sie sind und was Sie hier suchen, aber ich sollte Sie wenigstens gewarnt haben.‘

‚Wovor gewarnt haben?‘

‚In den letzten Jahren sind hier immer wieder Touristen verschwunden.‘

Erstaunt blickte ich ihn an und er erzählte mir eine, wie mir schien, verworrene Geschichte von einem großen, alten Bären, dessen Fell schon ganz grau sei und der hier in den Wäldern sein Unwesen treibe:

‚Es ist ein Geist, verstehen Sie, der in der Gestalt des Bären nachts um die Häuser schleicht und die Seelen der Menschen frisst, die ihm begegnen. Hier geht nachts niemand vor die Tür!‘

‚Und was hat das alles mit den verschwundenen Touristen zu tun?‘ wollte ich wissen.

Fast unwirsch antwortete er:
‚Sie sind ihm begegnet!‘

Danach hatte er es eilig, mich auf den nächsten Tag zu vertrösten. Bis dahin habe er sich eine Sicherung ausgedacht, die nicht mehr von selbst aufspringen könne.

Die kleine Kirche auf der Landzunge interessiert mich. Sie wirkte wie ein Fremdkörper in dieser Umgebung. Vielleicht lag es daran, dass sie im Gegensatz zu den übrigen Gebäuden der Siedlung gepflegt und adrett aussah.

‚Hallo, suchen sie geistlichen Beistand?‘ dröhnte es vom Kirchendach herab.

Der Geistliche, Reverend einer der vielen christlichen Sekten im Lande, befestigte gerade einige Dachpappenziegel, die der letzte Sturm gelöst hatte. Ich erklärte, dass mir die hübsche Kirche aufgefallen sei und ich sie mir ansehen wollte. Eine solche Gelegenheit, seine Rednergabe unter Beweis zu stellen, ließ sich der Reverend nicht entgehen. Eilfertig stieg er die Leiter herunter und begrüßte mich mit Handschlag – nachdem er seine Hand zuvor verstohlen an der Hose abgewischt hatte.

Während der Führung erfuhr ich mehr über ihn und seinen Werdegang als Reverend, als über die Kirche und den Ort. Nebenbei fragte er mich ganz unverhohlen aus. Da ich keine Eile zeigte, lud er mich zu einem Bier ein, offensichtlich froh, einen geduldigen Zuhörer gefunden zu haben. Es blieb nicht bei dem einen Bier.

‚Das Gebiet hier ist ein Reservat der First Nation. Früher lebten hier mehrere Klane der Ojibwe, die sich selbst Anischinabeg nennen, mit zahlreichen Nachkommen. Wir – meine Glaubens-gemeinschaft – machten sie zu Christen und bauten die Kirche. Es war eine florierende Gemeinde, bis plötzlich die Geburtenziffer rapide absank. Heute findest du hier nur noch einige wenige Familien der Eingeborenen – aber bei denen klappt es wieder, wenn du verstehst, was ich meine!‘ berichtete der Reverend.

‚Und wo liegt da das Problem?‘ hakte ich mit einem Blick auf sein bekümmertes Gesicht nach.

‚Sie kommen nicht mehr in die Kirche und glauben wieder an die alten Geistergeschichten. Wenn du bei Joe warst, hat er dir sicher die Geschichte vom Geisterbären und den verschwundenen Personen erzählt. Alles Humbug, kann ich dir versichern! Ranger und Polizei sind der Geschichte nachgegangen. Weder sind hier Personen verschwunden, noch hat man einen grauen, alten Bären gesichtet. Aber die Leute hier glauben daran und wagen sich nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr aus dem Haus – die meisten jedenfalls.‘

‚Wer nicht, außer Ihnen?‘

‚Die alte Indianerhexe. Ihr begegne ich häufiger, wenn ich draußen auf und ab gehe und meine Predigt überlege.‘

‚Wieso nennen Sie sie eine alte Indianerhexe?‘

‚Sie stammt von einer berühmten Schamanin der Anischinabeg ab und die Leute sprechen ihr übernatürliche Heilkräfte zu, besonders, wenn es um Kindersegen geht. Sie lassen sich von ihr mit ihren Hokuspokus behandeln, statt in die Stadt zu einem richtigen Arzt zu fahren.‘

‚Und Joe von der Werkstatt?‘ bohrte ich weiter.

Er sei mit einer Indianerin verheiratet gewesen, erfuhr ich. Man solle ja nichts Schlechtes über seine Mitmenschen sagen, schon gar nicht als Reverend, aber Joe ließe sich manchmal volllaufen, mit einem Gesöff, der er von der Indianerhexe bezöge und dann geistere – bei diesem Wortspiel lachte der Geistliche dröhnend – Joe geistere dann also nachts mit seinem Wagen oder seinem Boot in der Gegend herum. Am nächsten oder übernächsten Tag wache er in seinem Haus auf und kann sich an nichts mehr erinnern. Er schwöre Stein und Bein, dass er das Haus nicht verlassen habe – wegen des Bären nachts nie verlassen würde! Dabei sei im ganzen Ort zu hören, wenn er nachts den Motor seines Wagens oder Boots aufheulen ließ, bevor er los führe.

‚Eigentlich seltsam, dass Joe nie wegen Trunkenheit am Steuer belangt worden ist’, sinnierte mein Gesprächspartner, bei den vielen Tickets, die er sich regelmäßig auf solchen Fahrten einhandelt.‘

‚Ich muss noch Vorräte einkaufen und möchte meinen Wohnwagen noch vor Sonnenuntergang erreichen’, scherzte ich und verabschiedete mich.

Ich musste gehen – die Biere drohten wieder einmal das Fassungsvermögen meiner Windeln zu sprengen. An der Kasse im Store erfuhr ich, dass die Siedlung an einer ganzen Kette von Seen läge, in denen man herrlich angeln könne.

‚Haben Sie ein Boot dabei?‘ fragte mich der Ladeninhaber. ‚Wenn nicht, können Sie bei mir eines mieten und zum Fischen hinausfahren. Eine Lizenz kann ich Ihnen bis morgen besorgen.‘

Leutselig erzählte er, dass er mit der Gemeinde über Unterkünfte, Cabins für Hobbyangler und einen Campingplatz verhandle. Gleich als er hierher gezogen sei, habe er die Möglichkeiten erkannt, die dieser Ort böte. Er schien recht geschäftstüchtig zu sein. Im Raum hinter der Kasse hantierte eine korpulente Frau mit schwarzen Haaren am Herd – eine Indianerin.

‚Und was ist mit der Lizenz?‘ rief er mir hinterher, als ich den Laden verließ.

‚Vielleicht morgen’, winkte ich ab.

Zum zweiten Male erreichte ich die Lichtung im Wald mit pitschnassem Hosenboden. Meine Hose von gestern hatte ich im See ausgewaschen, sie hing noch zum Trocknen auf der Leine unter meinem Vordach. Jetzt kam die zweite Hose dazu und ich konnte nur noch in meinen eng anliegenden, pinkfarbenen Jogginghosen herumlaufen, unter denen sich das Windelpaket besonders deutlich abzeichnete.

Angeregt durch die Geschichten, die ich in der Siedlung gehört hatte, träumte ich in der Nacht seltsame Dinge: Ein Bär war in meinen Wohnwagen eingedrungen und versuchte sich neben mich zu legen. Ich suchte meinen Fotoapparat, den ich nicht sofort fand. Unterdessen saß der Bär in meinem Auto und stieg mit fast menschlichen Bewegungen aus, als ich mich näherte. Er rannte in den Wald, ich folge ihm und als ich ihn endlich vor mir hatte und den Auslöser drücken wollte, verwandelte er sich in die alte Indianerin, die mir mit entgegengestreckten Handflächen das Fotografieren verbot.

Träume haben ja eine Bedeutung; sie deuten Dinge aus dem Unterbewusstsein an, die wir noch nicht verarbeitet haben. Was mein Unterbewusstsein mir durch diesen Traum mitteilen wollte, fand ich in den nächsten Tagen heraus.“

Wia machte eine kurze Besinnungspause und fuhr mit dem Bericht fort:

„Noch bevor ich am nächsten Morgen zu Joes Werkstatt fahren konnte, klopfte es heftig an meinen Wohnwagen. Erschrocken fuhr ich zusammen. Ich hatte gerade mit meiner Puppe gefrühstückt und nuckelte die letzten Schlucke des Morgenkaffees aus meinem Fläschchen.

Da es recht frisch war, hatte ich mein Joggingset über die Windelhose mit der Dreifachpackung an Pampers gezogen, die ich nachts immer anlegte und die ich noch nicht gewechselt hatte. Rosa Strickbettschühchen, ein gestricktes Babyhäubchen und ein großes Lätzchen vervollständigten mein Outfit. Vorsichtig blickte ich durch die Jalousieblätter hinaus. Vor der Tür stand die alte Indianerin und lehnte sich auf ein Stechpaddel.

‚Komm jetzt’, rief sie, ‚ich bring dich zu den Andern!‘ Sie wies mit dem Kinn in den Wald.

Es war schon eigenartig, dass ich gar nicht erst versuchte, meinen Aufzug vor ihr zu verbergen und die Tür öffnete. Im Gegenteil, ich empfand sogar ein gewisses Lustgefühl dabei! Zu wem sie mich bringen wollte, fragte ich sie nicht, sie würde wohl wie gestern keine Frage zulassen.

‚Einen Moment’, sagte ich daher nur, ‚ich muss mich erst umziehen.‘

‚Soviel Zeit habe ich nicht!‘ erwiderte sie bestimmend. ‚Auf dem Weg wird uns niemand begegnen und für das Camp, wo ich dich hinbringe, bist du gerade richtig angezogen.‘

Dabei tippte sie mit dem Paddelgriff gegen mein Windelpaket.

‚Ein Babylager’, schoss es mir durch den Kopf, ‚sollten hier in der Nähe andere Babys ihren Urlaub verbringen?‘

In diesem Moment war ich bereit ihr so, wie ich war, meine Puppe noch im Arm, ohne Fragen zu folgen.

Sie hatte ein Kanu am Ufer befestigt und bedeutete mir, in der Mitte einzusteigen. Die Scene, wie ich als Baby von einer alten Indianerin über den See gepaddelt wurde, kam mir völlig unwirklich vor! Ganz automatisch steckte ich meinen Schnuller, den ich an einem Bändchen um den Hals trug, in den Mund.

Wir gelangten an das Ende des Sees, folgten einer schmalen Verbindung zum nächsten See und so ging das eine schier endlose Zeit hindurch fort. Ich konnte nicht sagen, was Flüsse oder was Passagen zwischen einzelnen Inseln waren, durch die die Indianerin das Kanu lenkte. Schließlich bog sie in einen flachen Creek ein, der durch ein Schilfdickicht floss, und legte an der Böschung einer Straße an. Offenbar hatte ein Hochwasser dort, wo jetzt der Creek floss, ein breites Stück der Straße fortgespült. Ich musste aussteigen und zur Straße hinaufgehen. Auf meiner Seite machte die Straße einen scharfen Bogen. Auf der anderen Seite des verschilften Creeks zog sie sich schnurgerade durch den Wald, der im Begriff war, wieder von ihr Besitz zu ergreifen.

Die Indianerin war im Kanu sitzen geblieben und als ich mich umwandte, verschwand das Kanu gerade wieder im Schilfwald. Da stand ich nun in voller Babymontur auf einer offenbar nicht mehr benutzten Straße im Wald. Durch die Bäume konnte ich Gebäude erkennen und Stimmen schallten herüber. War dort das Babylager? Und wenn nicht? Mit gemischten Gefühlen ging ich den den Stimmen nach.


 

*    *
*

 

Das Babycamp

‚Willkommen im Camp der verlorenen Seelen’, begrüßte mich ein bärtiger Mann, der auf den ersten Blick wie ein Cowboy gekleidet aussah: Halstuch, Fellweste und Lederchaps.

Statt Jeans guckte unter den Chaps allerdings ein prall gefülltes Windelhöschen hervor. Nacheinander umarmten mich alle Campbewohner – außer dem Cowboy noch zwei Männer, von denen der Eine als Frau und der Andere als Baby gekleidet waren sowie zwei Frauen.

Meine anfängliche Euphorie, tatsächlich in einem Babycamp gelandet zu sein, wich bitterer Enttäuschung, als ich mehr über das Camp erfuhr. Es gab kein Entkommen aus ihm! Sobald jemand ein paar Schritte über eine unsichtbare Sperre um das Camp machte, fielen tausende Moskitos über ihn her. Kein Ranger, keine Jagdgesellschaft, war bis in die Nähe des Camps gelangt; nicht einmal Flugzeuge hatten die Campbewohner gesehen. Die Welt wusste nichts von diesem Camp!

Das Camp lag auf dem Gelände einer offenbar schon vor vielen Jahren aufgelassenen Mine. Die meisten Gebäude waren verfallen, zusammengesunken und zum Teil demontiert. Lediglich die Mannschaftsbaracke der Minenarbeiter war noch bewohnbar. Im Innern befand sich an der fensterlosen Längsseite gegenüber der Tür ein doppelstöckiges Brettergestell mit Schlafpritschen, auf der Türseite Bänke und Tische. An den beiden Giebelseiten war je ein Raum abgetrennt. Der eine Raum diente als Waschraum und enthielt außer Waschbecken auch eine Dusche und eine uralte Waschmaschine. Das Wasser rann spärlich und braun aus den Hähnen. Es kam von einem verrosteten Wasserturm, in den wir mit einer Handpumpe Wasser aus einem Brunnen nachfüllen mussten. Ein altersschwacher Generator im Schuppen auf der Rückseite des Hauses lieferte stundenweise Strom für die Waschmaschine. Der andere Raum war ein Küchenanbau mit einem gusseisernen Herd.

In Balken, Tischplatten und Bänke geritzte Namen und Daten verrieten, dass die Mannschaftsbaracke in den letzten Jahren während der Sommermonate zahlreiche Personen als Unterkunft gedient hatte. Sie hatten außerdem persönlichen Utensilien und einen Kleider- und Wäschefundus hinterlassen. Unter ihnen mussten sich mehrere AB‘s befunden haben.

Von Zeit zu Zeit kam Joe von der Werkstatt – jedenfalls seine Gestalt – in der Nacht mit dem Boot vorbei und lud auf dem Straßenstück zum Camp Vorräte ab, manchmal auch andere Dinge, wie z. B. einen Ballen Nesselstoff für Windeln. Mit der Galone Benzin, die jeweils bei den Vorräten war, mussten wir sparsam umgehen und den Generator nur so lange laufen lassen, wie unbedingt nötig war, um unsere Windeln in der Waschmaschine zu waschen. Nicht immer reichte das Benzin bis zur nächsten Galone. Dann liefen wir in nur notdürftig ausgespülten Windeln herum und stanken zum Himmel!

Jeder von uns im Camp hatte seine persönlichen Hygieneartikel, seine Wäsche und Kleidung erhalten; auch die meisten meiner Sachen aus dem Wohnwagen hatten nach dem nächsten Besuch von Joe in einem großen Müllsack neben den allgemeinen Vorräten auf dem Straßenstück gelegen. Die meisten Sachen – alle technischen Geräte wie Radio, Handy, Laptop, Fotoapparat und selbst die Uhr fehlten, ebenso Kalender, Notizblock, sämtliches Schreibzeug und alles Kartenmaterial. Niemand im Camp hatte etwas, mit dem er Verbindung zur Außenwelt aufnehmen, die Lage des Camps bestimmen oder die Bewohner und das Leben im Camp dokumentieren konnte.

Gleich am ersten Abends hatten wir uns um ein Feuer versammelt und jeder hatte berichtet, unter welchen Umständen er hierher gelangt war. Der Cowboy war mit seinem Motorrad unterwegs gewesen und in die Straße zum Reservat eingebogen. Warum, konnte er nicht sagen. Ein Baum hatte die Straße blockiert, und als er ihn beiseite räumen wollte, war ein Bär aufgetaucht und hatte ihn stundenlang durch den Wald bis hierher ins Camp getrieben. Die alte Straße zur Mine müsse von einem Highway weiter im Osten abzweigen, meinte er.

‚Auch mich hat ein Bär vor sich her bis in das Camp gejagt, als ich aus dem Wagen gestiegen bin, um einen Ast aus dem Weg zu räumen.‘

Susan war eine große, schlanke Maklerin, die es anturnte, wenn sie in die Windeln nässte, ohne dass die Kunden etwas bemerkten. Sie war auf dem Rückweg von einem Kunden in die Straße zum Reservat eingebogen.

‚Ich wollte an einer einsamen Stelle meine nasse Windel genießen – ihr wisst, was ich meine?‘

Wir wussten es. Noch völlig benommen war sie anschließend in die falsche Richtung gefahren.

Joanne war ein farbiger Transvestit aus New York. Er war sorgfältig geschminkt, hatte grell lackierte Fingernägel und trug einen nuttigen kurzen, engen, schwarzen Lederrock, Netzstrümpfe, hochhackige Pumps und ebenfalls Windeln. Er habe mit einem Freund eine Urlaubsreise gemacht, berichtete er. Sie hatten sich gestritten und der Freund war ohne ihn weiter gefahren. In der nächsten Stadt am Highway lernte Joanne abends Joe kennen, der ihn zu sich einlud. Unterwegs tranken sie etwas, das Joanne völlig ausknockte. Zu sich gekommen war er erst wieder auf dem Straßenstück zum Camp.

‚Ich bin mit meinem Baby übers Wochenende zum Angeln ins Reservat gefahren‘, erzählte die etwas mollige, brünette Claire.

‚Wir zelteten auf der Wiese beim Store und liehen uns ein Boot. Es war ein erfolgreicher zweiter Tag gewesen, ein Fisch größer als der Andere. Wir machten unsere Photos und ließen sie wieder frei. Ich mag nämlich keinen Fisch, musst du wissen‘, fügte sie entschuldigend hinzu.

‚Ganz aufgeregt von den guten Fängen drangen wir immer weiter in das Gewirr von Seen und Flüssen vor, auch als der Film längst aufgebraucht war. Plötzlich zog ein Unwetter auf. Wir suchten Schutz auf einer Insel. Dort war ein Blockhaus, in dem wir Unterschlupft fanden. Nachdem das Gewitter vorübergezogen war, wollten wir zurückkehren, aber unser Boot war weg. Es muss wohl weggetrieben sein, obwohl wir es weit auf den Strand getragen hatten. Während wir noch nach dem Boot suchten, tauchte eine alte Indianerin in einem Kanu auf. Sie bot an, uns mitzunehmen. Wir stiegen zu ihr ins Kanu und dachten, dass sie uns ins Dorf zurückbringen würde und vertrauten ihr, auch wenn sie durch ganz andere Seen und Flüsschen fuhr, als wir gekommen waren. Wir nahmen an, dass sie Abkürzungen kenne. Schließlich ließ sie uns an dem Straßenstück zum Camp hier aussteigen. Auch da glaubten wir noch, dass die Straße ins Dorf führe – wir hatten immer noch nichts gecheckt! Hier sind wir nun. Und erst hier im Camp fand ich heraus, dass mein Boyfriend gar nicht inkontinent ist, wie ich immer geglaubt hatte, sondern einfach noch nicht aus dem Windelalter heraus war! Seitdem ist er für mich kein Mann mehr und muss immer in Babysachen herumlaufen, damit jeder sieht, was mit ihm los ist.‘

‚Du dummes Baby, warum hast du mir vorher nichts gesagt?‘, wandte sie sich an das große Baby im Strampelanzug, das seinen Kopf auf ihren Schoß gelegt hatte und am Daumen lutschte. ‚Ich hätte doch draußen viel bessere und hübschere Babysachen für dich nähen und häkeln und dich darin meinen Freundinnen vorstellen können!‘

Claire selbst trug keine Windeln, versorgte aber alle anderen im Camp mit Stoffwindeln, die sie von einem großen Ballen abschnitt und umnähte sowie mit Windelhöschen in verschiedenen Formen und Größen, die sie aus Plastiktüten zurechtschneiderte.

‚Wir haben uns schon so manchen abenteuerlichen Fluchtplan ausgedacht’, informierte mich der Cowboy weiter. ‚Wir wollten Joe überrumpeln und mit seinem Boot fliehen. Aber der ließ uns so lange mit den Vorräten hängen, bis wir diesen Plan aufgegeben hatten. Einmal versuchten wir während eines Sturmes, der die Moskitos vertrieb, alle gemeinsam über den Bach auf den anderen Teil der Straße zu entkommen. Aber im Bach warteten bereits Biber auf uns und verteilten sehr schmerzhafte Hiebe mit ihren Schwänzen, und im Wasser schnappte eine riesige, alte Schildkröte nach uns – guck nicht so ungläubig, die hiesigen Wasserschildkröten können sich nicht völlig in ihren Panzer verkriechen und schnappen, wenn ihnen jemand zu nahe kommt. Auf der anderen Seite empfing uns ein Skunk, ein Stinktier, und als wir auszuweichen versuchten, rasselten Klapperschlangen im Gebüsch. Und dann ist da noch der große, graue Bär, der von Zeit zu Zeit beim Camp auftaucht und interessiert zu uns herüber wittert.

Ein paar von uns hatten sogar vor, das Camp in Brand stecken, um so die Aufmerksamkeit auf uns zu lenken. Aber das wäre zu gefährlich gewesen. Es hätte einen richtigen Waldbrand auslösen und das Feuer hätte uns einschließen können. Außerdem war es eine zeit lang viel zu regnerisch, so dass bestimmt keine Brandposten oder Beobachtungsflugzeuge im Einsatz waren und wir hätten hinterher keine Unterkunft mehr gehabt’, berichtete der Cowboy weiter und fügte hinzu:

‚Dennoch verschwindet nachts ab und zu jemand aus dem Camp. Aber bisher kam keine Hilfe von außen. Der Bär muss sie wohl allesamt erwischt haben. Wir fragen uns ständig, wer wohl der Nächste sein wird’, orakelte er.

Langsam begann ich, die Zusammenhänge zu erahnen. Das Verschwinden von Personen, die Geschichte vom Bären, der nachts Seelen fängt, die Gefangenen im Camp und der Kindersegen bei den Indianerfamilien im Reservat hingen miteinander zusammen. Die Form des Flechtenteppichs um meinen Wohnwagen wies auf den Spirit Nanabusch hin. Der Geist brauchte offenbar fremde Seelen, um sie Kindern seines Volkes zu geben. Nanabusch war der graue Bär und der graue Bär war die alte Indianerin. Als es für den Bären zu riskant wurde, neue Opfer zu reißen, lockte der Geist in verschiedenen Gestalten Touristen in den Wald. Zufällig musste er wohl entdeckt haben, dass sich die Seelen von erwachsenen Babys leichter in Kinderseelen zurückverwandeln ließen als andere Seelen, und da manche der männlichen AB‘s gerne als Mädchen herumlaufen, hatte er auch genügend Seelen, die er als Mädchen wiederbeleben konnte. Mit seiner Magie bewirkte er, dass Fremde in die Straße zum Reservat einbogen, und wenn er Windelliebhaber entdeckte, trieb oder verschleppte er sie in das Camp.

Was wusste ich über Nanabusch? Er war ein mächtiger Manitu, ein Geist, der jede Gestalt annehmen konnte, aber dann auch an die Eigenschaften und Fähigkeiten dieser Gestalt gebunden war. Auch sollte er den Menschen manchmal Streiche – üble Streiche – spielen. Wenn uns wirklich dieser Geist in seinem Bann hielt, waren alle gemeinsamen Fluchtpläne zum Scheitern verurteilt. Jeder Vogel in der Nähe, jedes Eichhörnchen, jede Maus konnte Nanabusch sein und von den Plänen erfahren.“

*    *
*

Der Plan

„Und wie bist du entkommen?“ wollte ein Baby wissen.

„Eines Nachts war der Cowboy verschwunden. Wieder keimten bei den Babys im Camp Hoffnungen auf Befreiung auf. Ich wusste es besser: Ein neues Baby der Anischinabeg war zur Welt gekommen!

Ich war also ganz auf mich allein gestellt und mir war klar, dass ich nur durch eine List entkommen konnte. Als Spirit der Anischinabeg kannte der Spirit Nanabusch wohl alle Kriegslisten der Indianer. Um auf meine List hereinzufallen, musste sie neu, ihm noch unbekannt sein, außerhalb seiner Erfahrungswelt liegen. Ich musste ihn in eine Stadt locken, dort war mein Revier und nur dort hatte ich eine Chance, ihm zu entkommen. Die Verwandlungs- und Verstellungslust des Geistes und seine Vorliebe für Streiche brachten mich auf eine Idee. Es war eine vage Vorstellung davon, wie ich vorgehen müsste, kein fester, in allen Einzelheiten ausgearbeiteter Plan.

Es musste einen besonderen Grund dafür geben, dass Nanabusch gerade in diesem Reservat so oft auftauchte und dass er gerade dieses stillgelegte Minencamp für seine Gefangenen ausgesucht hatte. Befand sich hier in der Nähe eine jener uralten Kultstätten der Indianer, an der er früher verehrt worden war? Wenn ich sie fand, müsste ich dort auch Kontakt mit dem Spirit aufnehmen können. Das Problem war, aus dem Camp zu gelangen, um sie zu suchen.

Ich flocht einen Kranz aus wilden Blumen, zog meine Schnuller auf eine Schnur und band meine Windelhöschen aneinander. Eines späten Nachmittags zog ich mich bis auf Windeln und Windelhöschen aus, setzte mir den Blumenkranz auf den Kopf, legte mir die Kette mit den Schnullern um den Hals und die zusammengebundenen Windelhöschen wie eine Schärpe über die Schulter. Meine Puppe über den Kopf schwenkend tanzte ich jauchzend und lachend bis an den Rand des Camps. Benahm ich mich absonderlich genug, um vom Geist so respektiert zu werden, wie die Indianer einen ‚von Geistern besessenen‘ Verrückten respektierten?

Durch die Myriaden Moskitos, die außerhalb des Bannkreises lauerten, summte der Wald wie eine Hochspannungsleitung. Ich musste es riskieren und tanzte über die magische Linie. Die Moskitos umschwirrten mich, ließen mich jedoch weiter den Felsbuckel aus Urgestein, an dessen unteren Rand sich das Camp befand, zu seinem höchsten Punkt hinauf tanzen. Wenn sich in der Gegend früher eine Kultstätte der Indianer befunden hatte, dann vermutete ich sie dort.

Auf der Anhöhe lagen Felsbrocken und Steine herum.

In einige Anordnungen erkannte ich indianische Symbolfiguren wie z. B. die Schildkröte.

Während ich über den Platz tanzte, suchte ich nach einer Steinanordnung, die Nanabusch symbolisierte. Schließlich fand ich eine, die mit etwas Phantasie ein stehendes Kaninchen darstellte. Zu ihren Füßen legte ich meine Puppe als Opfergabe nieder. Dann setzte ich mich und tat, als ob ich meditierte. Die ganze Zeit über hatte ein Rabe im Geäst eines abgestorbenen Baumes gehockt und mein Tun beobachtet. Auf dem Rückweg zum Camp blickte ich einmal kurz über die Schultern zurück und sah den Raben mit meiner Puppe in den Fängen davonfliegen.

Am nächsten Nachmittag wiederholte ich den Tanz und ließ meine Schnullerkette als Gabe zurück. Diesmal schaute ein Biber aus respektvoller Entfernung neugierig zu mir herüber. Am dritten Tag legte ich meine Schärpe aus Windelhöschen an der Symbolfigur des Geistes nieder. Im Windbruch hinter mir knackten Zweige unter dem Gewicht eines großen Tieres. Mir stockte der Atem, als ich es brummen hörte und vor Schreck machte ich in die Windeln. Am liebsten wäre ich aufgesprungen und ins Camp zurück gerannt, das könnt ihr mir glauben! Dennoch blieb ich sitzen, wenn auch zitternd vor Angst. Das Brummen klang nicht gefährlich, eher fragend, als wollte der Bär mit mir sprechen. Schlürfende Schritte näherten sich. Schon meinte ich, den Atem des Raubtiers in meinem Nacken zu spüren, da trat die alte Indianerin unvermittelt neben mich, so unvermittelt, dass ich zusammenfuhr. Sie setzte sich seitlich von mir und fragte mit ihrer kehligen Stimme:

‚Was willst du von mir?‘

‚Du nimmst die Seelen von fremden Weißen und hauchst sie den Kindern deines Volkes ein’, begann ich.

‚Die Anischinabeg vergessen immer mehr ihre Traditionen und bestatten immer weniger Verstorbene nach den alten Riten. Das Land der Seelen ist leer’, unterbrach mich der Geist unwirsch.

‚Dabei bevorzugst du die Seelen von weißen Babymännern und -frauen’, fuhr ich unbeirrt fort, ‚will der Spirit der Ojibwe rote AB‘s heranwachsen lassen?‘

Die Augen der alten Indianerin blitzten auf. Vielleicht hatte Nanabusch diese Möglichkeit noch nicht bedacht.

‚Bist du gekommen, um mir das zu sagen?‘

Anstatt direkt zu antworten, erzählte ich die Legende von der Geisterfrau, welche einen Irdischen zum Mann genommen und so die Indianer gezeugt habe. Fragend blickte mich die Indianerin an und ich fuhr fort:

‚Vor langen, langen Sommern hat eine Indianerin einem Weißen das Leben gerettet und ihn zum Manne genommen. Es war Pocahontas, die Tochter des Häuptlings Powhatan.‘

‚Ich kenne die Geschichte. Die Powhatan waren Vettern der Anischinabeg.‘

Sie hatte verstanden, worauf ich mit meinen Geschichten hinaus wollte und blickte nachdenklich vor sich hin. Nach einer Weile hob sie den Kopf und sagte mit einem Blick, der mich zu durchbohren schien:

‚Ich weiß nicht, ob die Medizin gut ist, die du mir geben willst. Ich werde darüber nachdenken.‘

Der Geist in der Gestalt der alten Indianerin erhob sich und flog als Eule davon.

Innerlich triumphierend kehrte ich zum Camp zurück. Ich hatte den Kontakt zum Spirit hergestellt und ihn nachdenklich gestimmt. Aber würde mir der Geist ein Antwortzeichen geben? Die Tage vergingen. Hatte Nanabusch mich durchschaut? Im Camp verhielt ich mich möglichst normal – so normal, wie man sich eben in einem Babycamp verhält. Wenn es warm war, lief ich nur in Windelhöschen herum – in den Windelhöschen aus Plastiktüten von Claire, ich lutsche wieder am Daumen statt am Schnuller und ich zog die Sachen meiner Puppe einer Ersatzpuppe an, die ich aus langen, trockenen Grashalmen zusammengebunden hatte. Jeden Nachmittag setzte ich mich auf einem Felsblock am Rande des Camps, dort, wo der Pfad zur alten Kultstätte begann, und wartete auf das Zeichen.

Eines Abends – meine Windeln waren bereits nass und voll, den Daumen hatte ich im Mund und im Arm wiegte ich meine Strohpuppe – da machte ein possierliches Streifenhörnchen vor mir Männchen, sprang einige Meter auf den Wald zu, kehrte um und wiederholte das Spiel, bis ich begriff: Es war ‚das Zeichen‘.

In langsamen Tanzschritten folgte ich dem Tier in den Wald. Es verschwand in einem dichten Gestrüpp. Auf der anderen Seite des Gebüschs stand ‚Sie‘ – die Pocahontas aus dem Film! Jedenfalls bildete ich es mir ein. Sie trug ein kurzes, fransenbesetztes Kleid aus weichem, weißem Hirschleder, Mokassins, auf deren Oberseite das Zeichen von Nanabusch eingestickt war und meine Schnullerkette um den Hals. Als sie sich umdrehte, rutschte ihr Kleid über dem Gesäß etwas nach oben und ein Windelhöschen guckte hervor – eines meiner Windelhöschen!

Ohne sich umzublicken, schritt sie tiefer in die Wildnis. Und wie sie schritt! Sie schien zu schweben, so anmutig und graziös glitt sie mit leicht angedeuteten Hüftbewegungen dahin. Benommen folgte ich ihr.

‚Nur nicht in den Bann des Spirits geraten’, sagte ich mir und begann leise, rhythmische Kinderverse vor mich hinzumurmeln.

Wir überquerten mehrere aneinander grenzende Felsplateaus bis hinunter zum See. Dort stiegen wir in ihr Kanu und sie paddelte mit mir in den Abendsonnenschein.

 

*    *
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Pocahontas

Mit dem letzten Tageslicht setzte Pocahontas das Kanu auf einen flachen Sandstrand. Ohne Scheu, als wäre es die natürlichste Sache der Welt, entledigte sie sich ihrer Kleidung. Völlig nackt zog sie anschließend mich aus, ergriff meine Hand und tauchte mit mir in den See.

Nach einem erfrischenden Bad und einer gründlichen Säuberung meines verschmutzten Hinterns folgten wir, unsere Kleidung unter den Armen, einem gewundenen Pfad zu einem höher gelegenen Blockhaus hinauf. Wassertropfen glänzten auf ihrer dunklen Haut. Vielleicht hätte ich sie in Deutschland nicht weiter beachtet, da sie so gar nicht meiner Idealfrau entsprach: Sie war von untersetzter Gestalt, hatte eine breite Taille und runde Brüste. Aber wie sie mit ihren anmutigen Bewegungen vor mir her ging, verspürte ich unvermittelt ein heißes Verlangen nach ihr. Mein aufgerichtetes Glied nahm sie mit einem spöttischen Lächeln zur Kenntnis.

Diesen leicht spöttischen und doch zugleich liebevollen Ausdruck in ihrem Gesicht werde ich wohl nicht so schnell vergessen. Sie hatte ihn noch, als sie mich im Blockhaus – wohl das, welches Nanabusch als alte Indianerin bewohnte – auf ein Bett drückte und mich, selbst noch immer nackt, windelte. Sie zog mir ein gleichartiges Fransenkleid wie ihres an, das mir allerdings noch eine Idee kürzer vorkam. Dann durfte ich ihr zusehen, wie sie sich windelte und ankleidete.

Das Blockhaus hatten wohl Holzfäller oder Landvermesser schon vor langer Zeit auf einer Insel im Seengebiet als Außenposten errichtet; ein Propangasbehälter vor dem Haus und ein Generator in einem Anbau sorgten jedoch für modernen Komfort. Auch der indianische Geist Nanabusch hatte die Vorteile moderner technischer Errungenschaften entdeckt und mochte in seiner menschlichen Gestalt nicht auf Heizung, Warmwasser, Gasherd und Bratröhre, Kühlschrank, Licht und eine Pumpe verzichten, die das Wasser aus dem See durch eine Filteranlage direkt ins Haus pumpte.

Wir lebten wie zwei Schwestern in dem Blockhaus zusammen, immer gleich gekleidet. Die meiste Zeit behandelte mich Pocahontas wie eine kleine Schwester, der sie all die Dinge beibrachte, die ein Mädchen der Anischinabeg können muss, um auf ein Leben als Frau vorbereitet zu sein. Ich lernte, Kleidung für eine Indianerpuppe zu nähen und einen Tragesitz aus Birkenrinde für sie herzustellen. Unter Pocahontas Anleitung fertigte ich aus Glasperlen und Federn indianischen Zierrat für mich an; nähte Mokassins, bastelte einen Dreamcatcher, und ich musste ihr bei den täglichen Hausarbeiten zur Hand gehen. Bei all den Unterweisungen und der Erziehung zu einem Mädchen hatte sie diesen nachsichtig-spöttischen Gesichtsausdruck!

Ihr Gesicht konnte aber auch warme Mütterlichkeit ausstrahlen, wenn sie mich trockenlegte oder mich an ihren Brüsten saugen ließ, um dann einen entrückten Ausdruck anzunehmen, wenn wir uns in heißer Leidenschaft umarmten. Ihr lustvolles Stöhnen verriet mir, wann sie kurz vor dem Höhepunkt war. Danach stammelte sie nur noch unverständliche Worte vor sich hin.

Manchmal wechselten wir die Rollen. Dann war sie mein ‚kleines Indianermädchen‘ und ich durfte ihr Windeln und Windelhöschen anlegen. Wenn sie sich mit ihrem verpackten Po verkehrt herum rittlings auf mein Gesicht setzte, wenn ich fühlte, wie sich ihre Windeln mit warmer Nässe füllten, sie in mein Höschen griff und die feuchten Windeln darunter massierte, dann war ich derjenige, der vor Wonne stöhnte. Sie machte alle Sexspiele mit, die ich erfand und animierte mich zu weiteren Spielen, nur nicht zur körperlichen Vereinigung, zum Zeugungsakt. Zu diesem Zeitpunkt war ich dem Spirit Nanabusch in seiner Gestalt als Pocahontas völlig verfallen und der Gedanke an Flucht erschien mir wie eine irreale Zukunftsvision.

Häufig verschwand Pocahontas für Stunden, einige Male sogar für Tage. Dennoch konnte ich die Insel nicht verlassen. Ständig beobachteten mich irgendwelche Tiere. Sie waren zutraulich, solange ich innerhalb eines bestimmten Bannkreises blieb; sobald ich ihn verließ, attackierten sie mich. Von Zeit zu Zeit schlüpfte Pocahontas auch in die Kleider der alten Indianerin, in die sie sich wohl außerhalb meiner Sichtweite verwandelte, und holte mit dem Kanu Vorräte.

Mehrmals nahm mich Pocahontas zu Streifzügen durch den Wald jenseits der Insel mit, wo wir Beeren, Früchte, Kräuter und Wurzeln sammelten. Anfangs hatte ich Hemmungen, ihr in Fransenkleid und Windeln in den Wald zu folgen und stolperte befangen und verkrampft hinter ihr her. Da wir jedoch nie einem Menschen begegneten, fand ich bald Gefallen daran und begann, ihre gleitenden Bewegungen nachzuahmen – einschließlich des leichten Schwingens der Hüften! Ihr schien es nichts auszumachen, dass ich bei jedem Recken ihrer Arme, bei jedem Bücken, ihr Windelhöschen unter dem kurzen Kleid sah, was mich in ständige Erregung versetzte. Auch sie schien es zu genießen, wenn sie mein Höschen sehen konnte – jedenfalls schaute sie auffällig hin und griff hin und wieder an meinen Hosenboden, um zu prüfen, wie nass oder voll meine Windeln waren. Als große Schwester müsse sie auf alle meine Körperfunktionen achten, hatte sie mir erklärt, es sei daher für sie einfacher, wenn ich für alle Geschäfte meine Windeln benutzte.

Während unserer Ausflüge in den Wald begrüßten alle Tiere, denen wir begegneten, Pocahontas. Sie stellte mir jedes einzelne Tier mit seinem indianischen Namen vor und erzählte mir seine Geschichte.

Das schöne Sommerwetter schlug um. Eine Kaltwetterfront aus dem Norden brachte Sturm, Hagelschauer und kalten Regen. Wenn es über Nacht aufklarte, lag morgens bereits Raureif auf den Gräsern. Die ersten Zugvögel sammelten sich für ihren Flug nach Süden. Und wie die Tiere den Wetterumschwung vorausahnten, spürte ich, dass auch eine Veränderung meiner Situation bevorstand. Pocahontas bestand weiterhin auf unserem täglichen Bad im See. Einmal verwandelte sie sich dabei in einen Loon. Der Loon sah etwas komisch aus mit dem roten Windelhalter und dessen weißen Spitzen über seinem Schwanz. Es war jenes Höschen aus meinen Beständen, das ich als Badehose benutzt hatte. Pocahontas zog es an, wenn sie ihre Tage hatte und behielt es dann auch beim Schwimmen an. Als Loon tauchte sie so dicht unter mir hindurch, dass sie dabei meinen Körper von der Brust bis zu meinen PVC-Höschen streifte. Mein Höschen war bis auf die Spitzen ihrem Höschen sehr ähnlich und sie zog es mir mit einer gefalteten Windel als Einlange immer dann an, wenn sie ihres trug. Ich konnte mir denken, was die Verwandlung in einen Loon andeuten sollte: Der Loon lebt immer paarweise und ist bei den Indianern das Sinnbild für eine lebenslange Partnerschaft.

‚Ich werde dich Wob-N‘gah-Qwae nennen, weiße Babyfrau’, sagte Pocahontas eines Tages zu mir, während sie neben dem Blockhaus ein mit Fellen bedecktes Schwitzhaus errichtete.

Die Bemerkung stimmte mich nachdenklich – sehr nachdenklich. Die Indianer suchten ein Schwitzhaus auf, um Körper und Geist zu reinigen. Die Schwitzzeremonie öffnete ihnen das Tor zu einer anderen Welt und wenn sie nach der Zeremonie die Hütte verließen, krochen sie wankend auf Händen und Knien zurück in die diesseitige Welt, als seien sie neu geboren. Ich sollte also rituell neu geboren werden und danach in einer weiteren Zeremonie einen indianischen Namen erhalten, der mich charakterisierte: weiße Babyfrau. Danach würde ich dem Volk der Anischinabeg angehören und erst dann konnte sich Nanabusch, der Spirit dieses Volkes, als Pocahontas mit mir vereinen, um neue Seelen zu zeugen.

Der Gedanke an Flucht beherrschte mich wieder und ich sah eine Möglichkeit, wie ich sie in eine größere Stadt locken konnte. Am Abend, nachdem sie mir ein Fläschchen mit süßem Saft gegeben hatte, ging ich auf ihre Bemerkung über meinen Namen ein:

‚Du sagst, dass ich die weiße Babyfrau sein werde, aber du kleidest mich wie eine Qwae, wie eine Indianerin. Als weiße Babyfrau sollte ich auch wie ein kleines weißes Babymädchen angezogen sein.‘

Um die Sachen einzukaufen, die ich als Babymädchen brauchte, mussten wir in die nächste größere Stadt fahren, die eine Mall, ein Einkaufszentrum, mit den entsprechenden Geschäften hatte.

Pocahontas antwortete nicht, schien jedoch über meine Worte nachzudenken.“

 

*    *
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Die Flucht

„Wieder einmal fasste ich mich in Geduld. Nach einigen Tagen und nachdem ich ihr zu zahlreichen Orgasmen verholfen hatte, verschwand sie eines Nachts. Am nächsten Morgen lagen meine Jeans und mein Hemd neben mir auf meinem Bett und obenauf meine Brieftasche, mein Portemonnaie sowie ein Bündel Banknoten. Spontan wollte ich nachsehen, ob mein Pass und mein Rückflugticket noch in der Brieftasche waren, besann mich aber im letzten Moment. Ohne die Sachen weiter zu beachten, erhob ich mich. Erst jetzt bemerkte ich Pocahontas, die still in einer dunklen Ecke stand und mich mit brennenden Augen beobachtete. Sie trug die Latzhose und das Baumwollhemd der alten Indianerin und sah einfach unmöglich darin aus.

Wie gewöhnlich wollte Pocahontas mir nach dem morgendlichen Bad im See frische Windeln umlegen, hielt dann aber zögernd inne und blicke mich fragend an. Ich nickte ihr zu:

‚Wir gehen als Babymädchen einkaufen und Babymädchen tragen nun mal Windeln und Windelhöschen!‘ ermunterte ich sie.

Nachdem Pocahontas mich gewindelt hatte, wickelte ich sie in so viele Windeln, dass ich Mühe hatte, mein größtes Windelhöschen, das Pumphöschen mit den gerüschten Beinabschlüssen, darüber zu ziehen. Bevor wir aufbrachen, packte sie Ersatzwindeln in eine Plastiktüte und meine Brieftasche, das Portemonnaie und das Geld in einen Beutel – einen ‚Medizinbeutel‘ aus Leder.

Unfähig, die Knie zusammen zu bekommen, stieg sie breitbeinig ins Kanu. Wir fuhren zu jener Lichtung, auf der ich gecampt hatte. Statt meines Wohnwagens stand ein alter Pick-up auf ihr – Joes Wagen. Zu meinem Erstaunen forderte sie mich auf, den Wagen zu fahren. Dann fielen mir jedoch die vielen Strafzettel ein, die Joe bei seinen Fahrten in die Stadt erhalten haben sollte. Nicht er hatte sie bekommen, sondern der Spirit in der Gestalt von Joe! Im städtischen Straßenverkehr kannte sich Nanabusch wohl nicht so gut aus wie in seinen Wäldern, und weil er als Pocahontas keinen Führerschein vorweisen konnte, wollte er wohl eventuelle Komplikationen mit einer Verkehrsstreife vermeiden. Wohl nur zufällig – oder weil ihnen Joes Wagen bekannt war – fuhr tatsächlich ein Streifenwagen hinter uns her und ich ließ mir meine Brieftasche mit meinem Führerschein aus dem Beutel geben. Aber nach geraumer Zeit drehte der Streifenwagen wieder ab. Wie automatisch steckte ich die Brieftasche hinter die Sonnenblende zu den anderen Wagenpapieren.

Es war noch einmal ein heißer Tag im Spätsommer. Pocahontas waren meine missbilligenden Blicke auf ihre Kleidung nicht entgangen und, nachdem sie ein süßes dünnes Hängerkleidchen für mich anprobiert hatte, behielt sie es gleich an. Die Einkäufe bezahlte ich mit meinen Kreditkarten, die ich gleich beim ersten Mal – wiederum wie automatisch – eingesteckt hatte.

Um die Hände für die nächsten Einkäufe frei zu haben, verstauten wir den ersten Schwung Tüten im Pick-up. Auf dem Rückweg zur Mall grüßte mich ein fremder Mann überschwänglich:

‚Wie geht es Ihnen? Oh, wie ich sehe, haben Sie ihre Verlobte dabei! Haben Sie ein Haus gefunden?‘ wollte er wissen.

Ich konnte mit seiner Frage nichts anfangen. Pocahontas ergriff die Initiative. Sie hakte sich besitzergreifend bei mir ein, lehnte sich an mich und erwiderte:

‚Allerdings! Wir haben eine wirklich schöne Log Cabin gefunden, etwas außerhalb, aber sehr hübsch an einem See gelegen. Wir sind gerade dabei, einige Sachen für unseren künftigen Hausstand zu kaufen, denn wir wollen noch vor dem Winter heiraten.‘

In diesem Moment sah sie wirklich wie eine glückliche Braut kurz vor der Hochzeit aus, die ihren Traummann gefunden hatte. Es wirkte auch auf mich überzeugend echt und ich hatte das Gefühlt, dass Pocahontas sie selbst war und nicht der Spirit Nanabusch in ihrer Rolle. Der Fremde gratulierte uns. An Pocahontas gewandt verabschiedete er sich mit den Worten:

‚Wenn Sie etwas brauchen, wenden Sie sich an mich. Ihr Verlobter weiß ja, wo er mich findet, aber sicherheitshalber gebe ich Ihnen meine Geschäftskarte.‘

Ich warf einen Blick auf die Karte und begriff: Es war der Händler, dem Nanabusch in meiner Gestalt mein Auto und meinen Wohnwagen verkauft hatte! Dem Verhalten des Händlers nach zu urteilen, hatte er dabei ein gutes Geschäft gemacht. Auf ähnliche Weise hatte sich der Spirit offenbar auch in der Gestalt anderer Personen in seiner Gewalt an weit vom Reservat entfernten Orten gezeigt und dadurch vermieden, dass man ihr Verschwinden mit dem Reservat in Verbindung brachte.

Beim weiteren Bummel durch die Geschäfte verstärkte sich bei mir der Eindruck, dass Nanabusch voll in der Rolle der Pocahontas aufgegangen war. Pocahontas benahm sich, wie man es von einer Frau erwartete: Der Kaufrausch packte sie. Sie konnte an keinem Geschäft mit Sonderangeboten oder Räumungsverkäufen vorbeigehen, ohne nicht mindestens ein Schnäppchen zu erstehen. Wenn sie etwas Begehrenswertes sah, bekam sie große, glänzende Augen. Ein blaues Reisekostüm gefiel ihr besonders, auch wenn sie als Indianerin nie Gelegenheit finden würde, es zu tragen. Ich musste sie nicht groß überreden, es anzuprobieren. Mit Absicht wählte ich eine Größe, die zu klein für sie war. In der Umkleidekabine bemerkten wir den ‚Irrtum‘ und ich bot mich an, es gegen eine größere Nummer auszutauschen. Um die richtige Größe zu finden, nahm ich das Hängerkleidchen als Muster mit. Nur mit dem Windelhöschen über ihrem dicken Windelpaket bekleidet, ließ ich sie in der Kabine zurück. In diesem Aufzug konnte Pocahontas die Kabine nicht verlassen, ohne Aufsehen zu erregen. Wenn Nanabusch mir folgen wollte, musste er sich in ein Tier verwandeln – in einen Vogel vielleicht, der sich verirrt hatte. Als Vogel aber hätte er Probleme mit den großen Glasscheiben und den Ausgangstüren der Mall!

Ungeduldig wartete ich an der Kasse, bis ich an der Reihe war, wobei ich ständig nach einem verirrten Vogel Ausschau hielt. Wie viel Vorsprung würde ich haben, bis Pocahontas misstrauisch wurde? Verwunderte Blicke und missbilligendes Kopfschütteln folgten mir, als ich zum Ausgang zur Mall und weiter zum Pick-up rannte.

Auf der Fahrt zur Mall hatte ich in der Nähe ein Parkhaus gesehen. Dort versteckte ich den Wagen im Untergeschoss und wartete die Dunkelheit ab, ehe ich weiter fuhr. Gegen Morgen ließ ich ihn mitsamt unseren Einkäufen auf dem Hof einer Reparaturwerkstatt stehen, verbrachte ein paar Stunden im hintersten Winkel eines Wendy‘s-Restaurants und ließ mich dann mit einem Taxi zum nächsten Autoverleih fahren. Schließlich erreichte ich die Außenbezirke Torontos, wo ich mich in einem Hotel verkroch. Bei jedem Tier, das ich sah, bei jedem Vogel, der an meinem Hotelfenster vorbeiflog, geriet ich in Panik. Hatte Nanabusch die Gestalt dieses Tieres angenommen? Glücklicherweise gelang es mir, meinen Flug auf einen anderen Tag umzubuchen°–°ich wollte eine Begegnung mit dem Spirit auf dem Flughafen vermeiden, falls Pocahontas sich mein Ticket angeschaut und den Flugtermin eingeprägt hatte. Erst, als das Flugzeug gestartet war, legte sich meine Nervosität allmählich. Als wir uns mitten über dem Ozean befanden, belustigte mich der Gedanke, den Spirit überlistet zu haben, dermaßen, dass ich laut auflachte und mich einige Fluggäste verwundert anschauten.“

Auch jetzt gluckste Wia bei dem Gedanken daran vergnügt in sich hinein. Er drehte sein leeres Fläschchen, um, wie um anzudeuten, dass seine Geschichte zu Ende sei. Eine Minute herrschte Schweigen im Kreis, dann begannen mehrere Babys durcheinander zu sprechen:

„Du willst uns diese Geschichte doch nicht etwa für wahr verkaufen?“

„Warum bist du überhaupt geflohen? Ich wäre geblieben – von einer schönen Indianerin als Baby bemuttert zu werden ...“

„Und was ist aus den Anderen geworden?“

„Denkt, was ihr wollt“, erwiderte Wia, „ich für meinen Teil wollte jedenfalls nicht den Rest meines Lebens als Zuchthengst für Indianerseelen verbringen. Was aus den Anderen geworden ist, weiß ich nicht genau“, gestand er kleinlaut, „aber unlängst las ich in der Internetausgabe der Lokalzeitung aus der Gegend, in der das Reservat liegt, dass eine Frau im Kreiskrankenhaus Vierlinge zur Welt gebracht hat und dass auf dem Gelände einer stillgelegten Mine ein Feuer ausgebrochen war, dem ein paar Gebäude ...“

Mitten im Satz stockte Wia und starrte in die Dunkelheit. Eine Frau trat in den Lichtschein des Feuers. Sie trug ein an diesem Ort völlig deplatziertes blaues, viel zu enges Reisekostüm, dessen Bluse über den Brüsten spannte und dessen Reißverschluss am Rock auseinander klaffte. Eine Aura magischer Energie umgab sie und nahm uns den Atem. Breitbeinig und dennoch gleitend ging sie um das Feuer auf Wia zu. Unvermittelt loderte das Feuer hell auf und der Flammenschein beleuchtete ein Gesicht, das dem der Pocahontas aus dem Film verblüffend ähnlich war! Wia sprang auf, aber statt zu fliehen, blieb er entmutigt mit hängenden Schultern stehen. Wir waren wie gelähmt sitzen geblieben. Deutlich konnten wir unter dem Rock des Wesens die gerüschten Beinabschlüsse und den Boden eines rosafarbenen Windelhöschens sehen, der sich prall über ein dickes Windelpaket spannte. Wortlos, mit einem leicht spöttischen Lächeln um die Mundwinkel, nahm das Wesen, das wie Pocahontas aussah, Wia an die Hand und verschwand mit dem Baby in der Dunkelheit.

 

*    *
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Wia hatte übersehen, dass sich der Spirit Nanabusch nicht in ein Tier zu verwandeln brauchte, um jemanden aufzuspüren. Als Geist konnte er sich jederzeit in die kosmischen Wellen einklinken, die von Baby Wia ausgingen, wenn es an den Spirit dachte.