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Der Dreamcatcher
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Der Dreamcatcher

 

Der Dreamcatcher

[Erschienen in: BABY GUM Nr. 48-51, LangeVerlag, Neuenbürg 2007-2008]

„Als die ersten Menschen – die wahren Menschen, die Anischinabeg – noch auf dem Rücken der Weltschildkröte lebten, der wie eine Insel aus dem Regenmeer herausragte, half Asibikaschi, die Spinnenfrau, mit ihrem Netz, die Sonne zurückzubringen. Seitdem knüpft sie ihre Netze jeweils vor dem Morgengrauen, und wenn die Sonne aufgeht, funkelt ihr Licht in den Tautropfen an den Netzen. Als sich das Volk der Anischinabeg in den Wäldern zerstreute, hatte es die Spinnenfrau schwer, ihre magischen Netze über allen Kinderkrippen zu weben. Mütter, Schwestern und Großmütter nahmen ihr die Arbeit ab. Sie fertigten Dreamcatcher – Traumfänger – an, deren kreisförmige Rahmen den Lauf der Sonne symbolisierten und die acht Punkte, an denen die Netze am Rahmen befestigt waren, die acht Beine der Spinnenfrau darstellten. In diesem Netzen verfingen sich alle Träume, gute wie schlechte. Aber während die guten Träume von den Federn an den Netzen aufgesogen wurden, lösten sich die schlechten mit den ersten Strahlen der Sonne wie Tautropfen auf. Beim Knüpfen ließen die Frauen jeweils ein kleines Loch in der Mitte der Netze frei. Durch dieses Loch konnten die guten Träume in einer nächsten Nacht schlüpfen, um geträumt zu werden. Auch brachten die Frauen in der Mitte der Dreamcatcher eine Feder an. Sie bedeutete die Luft, die wir atmen."

Böse Träume

Das Gewitter schien direkt über dem Campground zu stehen. Blitze und Donnerschläge gingen ineinander über, der Regen trommelte ein Stakkato auf das Dach. Die Wohnkabine bot den orkanartigen Gewitterböen so viel Angriffsfläche, dass ich mich selbst im Sitzen abstützen musste, um nicht umgeworfen zu werden. Dann kam der Hagel. Kieselsteingroße Hagelkörner peitschten gegen den Aufbau. Das Prasseln des Regen auf das Kunststoffdach der Wohnkabine war an sich schon laut. Als die Hagelkörner fielen, steigerte sich der Lärm ins Unerträgliche. Dazwischen knallten einzelne Tannenzapfen oder Äste wie Gewehrkugeln gegen die Wohnkabine. Bei diesem infernalischen Lärm konnte ich nicht schlafen. Ich saß aufrecht in meiner Schlafkoje und drückte meine Puppe fest in die Brust. Ich hatte Angst – Angst davor, dass ein Baum auf die Kabine fallen oder ein Blitz einschlagen könnte. Meine Windeln waren nass. Sie würden wohl nicht mehr bis zum Morgen dicht halten.

*

Das Geräusch eines anfahrenden Wohnmobils weckte mich. Die Sonne war aufgegangen. Während ich noch genüsslich auf meinem Schnuller herumkaute und einen Morgenstrahl in die Windeln laufen ließ, wurde mir bewusst, dass ich geträumt hatte. Ich befand mich auf einem Campground in den nördlichen Ausläufern der Prärie. Hier gab es keine Fichten mit Zapfen, die auf das Dach knallen konnten – nur Espen, deren weiße Samenflocken wie Schnee auf den Wegen lag.

 

In der nächsten Nacht träumte ich wieder. Nur mit einen halb transparenten Regenmantel und Gummistiefel über meinen Baby-Nachtsachen, das Babyhäubchen noch auf dem Kopf und den Schnuller im Mund, stand ich im Regen auf dem Pfad, der an meinem Stellplatz vorbei zu den Waschräumen führte. In der Ferne hörte ich das Grollen des abziehenden Gewitters. Ich beugte mich über die Tote. Als hätte sie jemand fallen gelassen, lag sie quer über dem Pfad. Regenwasser, das den Waldweg herunter rann, staute sich an ihrem Körper. Ihr Kopf lag in einer tiefen Pfütze.

Ein mädchenhaftes Baby-Doll Nachthemd klebte an ihrem Körper; nasse Haarsträhnen lugten unter einem Babyhäubchen hervor; ein Rüschenhöschen saß eng über einem dicken Windelpaket. Sie mochte mittleren Alters sein; ihr Gesicht konnte ich nicht erkennen.

Ich blickte mich um. Es war ein Campingplatz im nördlichen Wald-land. Die Stellplätze lagen aufgelockert im Wald verteilt und nur wenige waren belegt.

*

Als ich aufwachte, brauchte ich einige Zeit, ehe ich mich zurechtfand. Es war ein sehr realistischer Traum gewesen: Ich hatte das Rauschen des Windes in den Bäumen gehört und den feuchten Waldboden gerochen!

Beim Frühstück – ich frühstückte gerne in meinen Nachtsachen und wusch und windelte mich erst hinterher – stellte ich verwundert fest, dass ich ja fast das gleiche Baby-doll Nachthemd und ein ähnliches Rüschenhöschen trug, wie ich es bei der toten Babyfrau im Traum gesehen hatte.

*    *
*

Ich hatte mein ganzes Geld zusammengekratzt und eine Auszeit in Kanada genommen, um die Trennung von meiner Frau zu verarbeiten. Mit den vielen Babysachen war mein Koffer ziemlich schwer gewesen; seine Rollen hatten nicht einmal bis zum Flughafen durchgehalten.

In Vancouver holte ich mein vorbestelltes Mobile Home für die nächsten Wochen ab. Es war eine Wohnkabine, auf einen Benzin fressenden acht Zylinder Ford Pick-up montiert. Am Ende der Tour quer durchs Land musste ich das Gefährt in Toronto abliefern.

Für den Urlaub hatte ich mir vorgenommen, Tag und Nacht in Windeln herumzulaufen und mich in meiner Burg auf Rädern wie ein richtiges Baby benehmen. Schon für den Flug hatte ich Pampers angelegt, dann aber doch die Toilette benutzt. Ich wollte nicht nach „Baby“ riechen und für einen Windelwechsel mit der großen Reisetasche, in der sich die Reservepampers befanden, vor einer der ständig besetzten Toiletten zu warten, hatte ich mich nicht getraut. Auf dem Weg vom Flughafen Vancouver zur Verleihstation konnte ich mich dann nicht länger beherrschen und ließ es ungehemmt laufen. Die offizielle Wagenübergabe erfolgte in nassen Windeln.

Als erstes hatte ich die Schlafkoje über der Fahrerkabine eingerichtet: Gummiunterlage und Laken auf die Schaumgummimatratze, das bezogene Gummikopfkissen, die Wolldecke im Bettbezug mit dem Bärli-Muster, Schnuller, Windeln und Windelhöschen griffbereit neben der Matratze, Babyschlafanzüge, Babyschühchen und -häubchen unter der Decke.

Für kältere Nächte hatte ich noch einen aufschlagbaren Schlafsack als Überdecke parat.

Meine ständige Reisebegleiterin war Julchen, meine Puppe. Zum Einschlafen hielt ich sie in meinen Armen, beim Frühstück saß sie neben mir und teilte mit mir den Morgenkaffee im Fläschchen und während des Fahrens wälzte sie sich auf dem Beifahrersitz herum.

 


 

*    *
*

 

Der Medizinmann

Als Junge war mir im Nachlass meines Großvaters ein Winnetouband in die Finger geraten. Ich verschlang ihn und besorgte mir sämtliche anderen Indianerbücher von Karl May. Seitdem interessierten mich die Indianer Nordamerikas. Auf meiner Tour ließ ich keinen Ort aus, der irgendetwas mit Indianern zu tun hatte. Für Wanuskewin am South Saskatchewan Fluss nahm ich mir einen Tag Zeit. Hier hatten die Vorfahren der heutigen Indianer schon vor über 5000 Jahren Büffel gejagt, in der Schlucht eines kleinen Baches überwintert und religiöse Zeremonien abgehalten. In Wanuskewin befindet sich ein aus Steinen gelegtes mindestens 1500 Jahre altes „Medizinrad“, eines jener geheimnisvollen Kultzeichen in den Prärien, deren Bedeutung ebenso mysteriös ist wie die von Stonehenge.

Auf meinem Rundgang durch die weitläufige Anlage mit ihren zahlreichen Lehrpfaden bemerkte ich einen Indianer, der im Schneidersitz auf einer Anhöhe über dem Fluss saß, das Gesicht der Sonne zugewendet. Offenbar meditierte er, um die „Harmonie der Seele“ zu finden – was, grob übersetzt, die Bedeutung des indianischen Wortes „Wanuskewin“ ist. Um ihn nicht zu stören, schlug ich einen anderen Pfad ein.

Für die Touristen führte ein Indianer den Reifentanz auf. Hinterher kam ich mit seiner Mutter ins Gespräch. Sie pflückte Kräuter und ich ließ mir deren Bedeutung erklären. Als sie erfuhr, dass ich Deutschland kam, vermutete sich wohl, ich sei extra angereist, um den Reifentanz ihres Sohnes zu sehen. Jedenfalls war sie sehr angetan und fragte mich ungeniert aus. Von ihr erfuhr ich im Gegenzug, dass sie jetzt in der Stadt lebte, aber zu der Band im nächsten Reservat gehörte, einem Trupp der Prärie-Anischinabeg, wie ich später herausfand.

Während wir uns noch unterhielten, ging der Indianer, den ich auf der Anhöhe gesehen hatte, an uns vorbei. Er musterte mich mit einem Blick, der mich wie Röntgenstrahlen zu durchdringen schien.

„Wer war das?“ fragte ich, beeindruckt von der Erscheinung.

„Tikumwae, der Medizinmann in unserem Reservat“, klärte mich die Mutter des Tänzers auf.

Als hätte sie zu viel gesagt, brach sie unsere Unterhaltung abrupt ab und ging wortlos in Richtung Besucherparkplatz davon. Ich probierte noch die Büffelsuppe mit reichlich Maisbrot dazu im Restaurant aus. Das Fleisch in der Suppe dürfte ebenso wenig echtes Bisonfleisch gewesen sein, wie die Adlerfedern, die man im Andenkenladen verkaufte, von echten Adlern stammte: Sie waren eingefärbte Truthahnfedern.

 

*    *
*

 

Gerade wollte ich in meinen Wagen steigen, als die Dame vom Office des Campgrounds aus dem Büro stürzte und mir mit Handzeichen bedeutete, dass ich warten sollte. Sie hielt eine braune Papiertüte in der Hand, eine von der Art, wie man sie im einem Liquor Store erhält, um darin diskret seine alkoholischen Einkäufe zu verbergen, wobei die braunen Tüten so auffällig waren, dass jeder wusste, dass sich härtere alkoholische Getränke darin befanden. Verwundert wartete ich, bis sie herangekommen war. Ich hatte mich eben im Office abgemeldet. Sie war beschäftigt gewesen und ich hatte mich nicht für ihre freundlichen Auskünfte und Wegbeschreibungen bedanken können.

„Gut, dass ich Sie noch abfangen konnte“, sagte sie in überkorrekter Aussprache, die sich ich im Umgang mit den vielen ausländischen Touristen zugelegt hatte, „ich habe hier nämlich etwas für Sie.“

Sie gab mir die Tüte.

„Das ist heute Morgen für Sie abgegeben worden.“

„Für mich?“

Wer kannte mich hier und wer wusste, auf welchem Campground ich übernachtet hatte? Allerdings gab es nur diesen einen Campingplatz hier in der Gegend.

„Oh ja, ganz bestimmt für Sie. Der Mann, der das gebracht hat, hat sie ganz genau beschrieben und sogar das Kennzeichen ihres Wagens gewusst.“

„Und warum hat er es mir nicht selbst gegeben?“

„Er hatte es wohl eilig. Es war ein Eingeborener, wissen Sie, einer von den First Nations. Die sind manchmal etwas eigenartig.“

Ich schaute in die Tüte – eigentlich schauten wir beide hinein, denn die Dame vom Office war neugierig vor mir stehen geblieben.

In der Tüte befand sich ein Dreamcatcher. Es war eine Neuanfertigung in traditioneller Weise; die Weidenrute des Rahmens war noch frisch und der Bast, der ihre beiden Enden zu einem Ring zusammenband, noch feucht. Das Netz bestand aus faserigen gelben Sehnen. Am Rahmen waren Schnüre mit Federn, Fellstreifen, getrockneten Käfern und andere Insekten sowie der Panzer einer Babyschildkröte befestigt, die Feder in der Mitte des Rahmens war groß und schwarz und stammte vermutlich von einem Raben.

„Hat der Indianer denn keine Nachricht für mich hinterlassen?“

Bedauernd zuckte die Dame vom Office die Schultern.

„Keine!“

Dann fragte ich, wie der Indianer ausgesehen habe. Der Beschreibung nach musste es Tikumwae, der Medizinmann, gewesen sein.

 

*    *
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Bekanntschaft mit Drakulas Urgroßnichten und –neffen

Das Leben in der engen Wohnkabine erforderte besonderes Geschick. Ich hatte nie gewusst, woran und wobei man sich die Finger überall stoßen, klemmen, verbrühen, verbrennen oder ratschen konnte. Aber ich hatte Arnica D4 als homöopathisches Allheilmittel gegen alle Arten von Verletzungen mitgenommen.

Eines Tages verstreute ich beim Abfüllen Waschmittel auf den Fußboden der Wohnkabine. Als ich mich bückte, um es aufzukehren, fegte ich mit meinem dick in Windeln verpackten Babyhintern das noch offene Röllchen mit den Arnica Globeli vom Tisch. Sorgfältig klaubte ich die einzelnen Kügelchen wieder auf. Nur wusch ich seitdem meine Socken mit Arnica in Hochpotenz und gegen Verletzungen nahm ich Megaperls ein!

Meine Socken waren ein Thema für sich. Ich hielt mich nicht für besonders unordentlich, aber nachdem ich alle Sachen eingeräumt und verstaut hatte, war ich ständig am Suchen – speziell nach Socken. Jedesmal, wenn ich die Wäsche aus dem Trockner im Waschsalon nahm, fehlte eine Socke. Beim ersten Mal hatte ich die einzelne Socke noch weggeworfen; dann, als ich ein frisches Hemd anzog, fand ich die vermisste zweite Socke im Hemdsärmel versteckt. Später bewahrte ich einzelne Socken auf. Bis zur Rückreise hatte ich eine ganze Sammlung einzelner Socken.

*

Karl May war bestimmt kein Naturbursche gewesen. Wahrscheinlich hat er nie eine Nacht im Freien, ohne Zelt, nur in eine Decke gehüllt, verbracht – schon gar nicht in Nordamerika. Wenn seine Helden am Lagerfeuer sitzen – der Romantik wegen am Ufer eines Baches, wo es besonders viele Moskitos gibt – oder wenn sie sich auf Finger- und Zehenspitzen im unbekannten Gelände durch Büsche und Gras schleichen, verschweigt er, wie oft sie sich an Brennnesseln verbrannt, an Disteln zerstochen oder an Giftsumach verätzt hatten. Er erwähnt auch nicht, wie ihre Kleidung anschließend von Zecken übersät war. Bei meiner „Erkundung“ eines Campingplatzes in der Prärie geriet ich auf einen schlammigen Pfad und wich in das ungemähte Gras neben dem Pfad aus. Zurück im Wohnwagen entdeckte ich unzählige Zecken an meinen Hosenbeinen. Sie ließen sich nicht einfach abschütteln; ich musste Zecke für Zecke abklauben. Jedesmal, wenn ich die Türklappe öffnete, um eine weitere entdeckte Zecke ans Freie zu setzen, strömten Scharen von Moskitos herein. Mit Zeckensuche – eine fand ich noch, als ich meine Pampers wechselte – und Moskitojagd hatte ich dann ein abendfüllendes Programm. Bis spät in die Nacht hinein schallte lautes Händeklatschen aus meiner Wohnkabine und meine Nachbarn auf dem Campingplatz dürften jedesmal, wenn ich eine der Urgroßnichten Drakulas „abgeklatscht“ hatte, bei meinem jubelnden „gotcha“ im Schlaf hochgefahren sein.

Am nächsten Tag fand ich noch weitere kleine braune Tierchen mit unproportioniertem Hinterleib in meiner Wäsche. Keines hatte sich festgesaugt, ich war vielleicht nicht der richtige Wirt für diese Spezies – oder waren es gar keine Zecken? Ihr Krabbeln war jedenfalls gewöhnungsbedürftig.

Ausrechnet, als ich beim Fahren eine Pause einlegte und ein Nickerchen machen wollte, kroch etwas auf meiner Brust herum. Ich wurde unleidlich und gab keine Ruhe, bis ich das Tierchen gefangen und auf eine Nadel gespießt hatte. Es hatte acht Beine, es war eine Zecke! Wie ich später erfuhr, haben diese Waldzecken die Strategie, sich an ihren Wirten bis zum Haaransatz im Nacken emporzuarbeiten und sich dort festzusaugen. Bei mir war ihnen der Weg bis zum Nacken wohl zu weit gewesen, und einen anderen Haaransatz konnten sie bei mir nicht mit dem im Nacken verwechseln, da ich als Baby im Schritt und auch auf der Brust sauber rasiert war. Das aufgespießte Tierchen muss wohl ein Weibchen gewesen sein – wer sonst würde beim Schlafen meine Brust bekrabbeln?

 

*    *
*

 

Erinnerungen an Mona

Obwohl ich sie eigentlich vergessen wollte, musste ich während der Fahrt immer öfter an Mona, meine Ex, denken. Stets hatten sie Ängste geplagt. Mitten im Schäferstündchen konnte sie fragen:

„Ist es noch drauf?“

„Hm ...“

„Fühl´ nach, ob es noch richtig sitzt!“ ...

Einige Stöße später:

„Zeig mir mal, dass es noch richtig drauf ist!“

Das Schäferstündchen war gelaufen.

Tage später kam dann der Vorwurf:

„Du kannst es ja gar nicht mehr wie ein richtiger Mann machen!“

Wenn Mona gnädig gestimmt gewesen war, hatte sie mir erlaubt:

„Du darfst dich einpacken.“

Weniger gnädig gestimmt fügte sie manchmal hinzu:

„Als Trockenbaby!“

Das war eine Illusion von ihr. Denn sowie ich mir die Windeln umgelegt und in das Windelhöschen geschlüpft war, verspürte ich den Drang, unter mich zu nässen, einen Drang, dem ich einfach nicht widerstehen konnte!

Einmal hatte ich stundenlang zu Hause am Schreibtisch gearbeitet. Meine Windeln waren völlig durchnässt und verräterische feuchte Flecken zeichneten sich auf meiner Hose ab.

Mona kam ins Zimmer und fragte spöttisch:

„Na, hat Pervi seine Windeln vollgemiegelt?“

Die Flecken bemerkte sie erst, als ich aufstand. Ihre Augen wurden zu Schlitzen:

„Weißt du, ich kann dich nicht weiter als Mann akzeptieren. Du bist kein Ehemann mehr für mich.“

Das hatte Mona ernst gemeint. Ich durfte sie nicht mehr umarmen oder berühren. Wenn ich es versuchte, spottete sie:

„Hat Pervi-Baby etwa männliche Gefühle? Das kann doch gar nicht sein, so etwas haben Babys noch nicht.“

Manchmal legte sie sich dann in aufreizender Haltung vor mir auf das Bett, streichelte ihre Brüste und fuhr mit einer Hand unter ihren Schlüpfer. Ich konnte das schmatzende Geräusch hören, wenn ihre Finger immer schneller durch die feuchten Schamlippen fuhren, bis sie schließlich unter Stöhnen ihren zuckenden Höhepunkt erreichte.

Nachts, im Bett, wehrte sie mich mit den Worten ab:

„Geh weg, du riechst nach Baby!"

Es wurde von Tag zu Tag unerträglicher. Mona warf mir vor, dass sie jetzt schon von mir als Baby träumen müsse:

„Du widerst mich an. Wenn ich dich sehe, kann ich gar nicht so viel essen, wie ich kotzen möchte.“

Nach einem Jahr war ich ausgezogen.

*

Seit der Dreamcatcher in meiner Schlafkoje hing, hatte ich oft Träume. Eigentlich waren es keine Träume, eher das Hinüberwechseln in eine andere, parallele Welt. Sie schien ebenso real zu sein, wie die Welt, in der ich bisher gelebt hatte.

Allmählich ließ ich die Prärie und die Espenparklandschaft hinter mir und drang in die nördliche (boreale) Nadelwaldzone ein. Hier hörte ich klagenden Ruf des Loon (Sterntauchers) und den Dreiklang der Chickadee (Schwarzkopfmeise). Nicht zu überhören waren die Robin. Diese Verwandten der Drosseln mit ihrem rostroten Brustgefieder sind die Nachtigallen Kanadas. Sie singen morgens, noch bevor es dämmert und abends, wenn es längst dunkel ist. Nur ist ihr Gesang nicht so melodisch wie der unserer Nachtigallen. Wahrscheinlich haben sie nie Mozart, sondern nur American style Country Rock gehört.

Im Waldland wurden die Träume intensiver. Immer öfter glitt ich in die „Nebenwelt“ hinüber. Während ich fuhr, wähnte ich mich auf anderen Straßen und wenn ich auf einem Campingplatz übernachtete, befand ich mich plötzlich auf einem anderen Campground in einer anderen Gegend und ich unterhielt mich mit Personen in der Nebenwelt.

*

Ich hielt vor einem Trading Post in einem Reservat und durchstöberte den Laden nach Andenken und Mitbringseln. Auf der anderen Seite des Highways fand ein Schlussverkauf von Ladenhütern des Handelspostens statt. Unter ihnen entdeckte ich einen rosé farbenen Minirock für Teenager. Unschlüssig, ob ich ihn kaufen sollte, wollte ich mich schon abwenden, als Mona plötzlich zu mir trat:

„Kauf ihn, wenn er dir gefällt!“ redete sie mir zu.

Beim Auspacken der Geschenke und Andenken im Mobile Home fiel mir ein, dass sich gegenüber vom Handelsposten eine leere Wiese befunden hatte.

*

Wenn es ging, suchte ich mir zum Übernachten Campgrounds abseits der Hauptrouten aus. Unter der Woche und noch vor den Sommerferien gab es besonders in den Provincial Parks viele freie Stellplätze und ich wählte jene, auf denen ich so einparken konnte, dass man vom Weg aus nicht sehen konnte, wenn ich hinter meinem mobilen Heim am Campfeuer oder an der Tischbank, die zu jedem Stellplatz gehörte, in Babysachen saß.

*

Eines Abends hockte ich vor dem Firepit und war dabei, ein Campfeuer anzuzünden. Ich war nicht allein. Mona trat zu mir und spottete:

„Du hockst da, als wenn du gerade die Windeln voll machst! Das machst du doch manchmal, nicht wahr?“

Ich blieb ihr die Antwort schuldig. Unbeirrt fuhr sie fort:

„Vor mir brauchst du keine Hemmungen zu haben, ich weiß sowieso Bescheid. Mach sie ruhig voll!“

Sie trat hinter mich.

„Beweis mir, dass du wirklich noch ein echtes Baby bist.“

Mit diesen Worten kniete sie sich hinter mich, schlang ihre Arme um mich und presste ihre Hände auf meinen Bauch.

„Lass dich gehen!“ zischte sie.

Tatsächlich hatte ich schon den ganzen Abend ein leichtes Ziehen im Bauch verspürt. Von meiner Frau ermuntert und durch den Druck ihrer Hände auf meinem Bauch angeregt, gab ich dem Ziehen nach.

Ich wachte in meiner Schlafkoje auf – und war allein in meinem Mobile Home. Als ich mich bewegte, fühlte ich es und ein entsprechender Geruch bestätigte es: Wieder einmal hatte ich einen dieser intensiven Träume aus der Nebenwelt gehabt – einen so realistischen Traum, dass ich dabei die Windeln voll gemacht hatte!

 

*    *
*

 

Midiwiwin und Waubunowin

Freitag, der dreizehnte, war nicht mein Tag gewesen, absolut nicht. Gestern war eine günstige Gelegenheit gewesen, alle Windelhöschen in die Waschmaschine zu stecken, da ich der einzige Benutzer des Laundromats auf dem Campground gewesen war. Nachts hatte es geregnet und ich hatte vergessen, die Luke über der Duschkabine zu schließen. Der Wind hatte den Regen in die Duschkabine gedrückt und die Windelhöschen, die ich dort zum Trocknen drapiert hatte, waren nass wie frisch aus der Waschmaschine. Jetzt wusste ich nicht, was ich während der Fahrt über die Pampers ziehen sollte.

Dann war die Milch für mein Morgenfläschchen sauer gewesen und, als ich mich vom Tisch wegbeugte, um die aufgebackenen Brötchen aus dem Backofen zu nehmen, stieß ich mit dem Ellenbogen das Fläschchen um, in das ich gerade neuen Frühstückskaffee abgefüllt hatte. Der Inhalt lief über den Tisch auf die Sitzbank. Und dort hatte ich meine hellen Jeans, die ich nachher anziehen wollte, bereitgelegt. Auch nach dem Reinigungsversuch mit einem nassen Lappen hatten die Jeans hinterher noch gelblich-braune Flecken, denen man nicht unbedingt ansah, dass es Kaffeeflecken waren.

Als es an der Zeit war, einen Campingplatz anzusteuern, verfuhr ich mich auch noch. In Kanada biegen die Highways oft, nachdem sie kilometerlang schnurgerade durch die Landschaft verlaufen waren, im rechten Winkel zur Fahrtrichtung ab, laufen ein Stück mit einem anderen Highway zusammen, um dann wieder im rechten Winkel ihre alte Richtung aufzunehmen. An einem solchen Knick hatte ich gerade wieder eine Traumvision gehabt und war geradeaus weitergefahren. 

Nach sorgfältigem Studium von Karte und Campingplatzführer für die Provinz – so ganz genau wusste ich immer noch nicht, wo ich mich befand – kam ich zu dem Schluss, dass es zum nächsten Campground an diesem Highway fast ebenso weit wie zurück zu einem Campground an meiner eigentlichen Route sein müsse. Also fuhr ich weiter durch verkohlte Wälder, in denen Buschfeuer gewütet hatten.

Hinter einem kleinen Ort – eigentlich nur eine Tankstelle, drei Häuser und eine Bootsrampe an einem See, wies ein Schild auf den Campground hin.

Eine Schotterstraße zweigte vom Highway zum Campground ab. Sie war an sich gut gepflegt, stellenweise jedoch mit flach- und rundgeschliffenen Steinen aus einem Bachbett ausgebessert. Wo dieser Schotter lose auflag, war er tückisch wie Glatteis. Ein Schild wies das Gebiet als Indianerreservat aus. Die Reservat-Selbst-Verwal-tung betrieb den Campground. Eine Notiz am Eingang bat den Besucher, sich einen freien Stellplatz auszusuchen; später würde jemand vorbeikommen.

Der Campground lag in einem alten Kahlschlag, auf dem vorwiegend Balsampappeln und Birken nachgewachsen waren. Er hatte mehrere Stellplätze mit Stromanschluss.

Schilder an den Wasserpumpen auf dem Gelände wiesen auf die Verordnung des Gesundheitsministeriums hin, dass das Wasser vor Genuss fünf Minuten abzukochen sei. Es sei zwar gefiltert, man habe aber noch keinen Schutz gegen bakterielle Verunreinigungen einbauen können. Gemeint waren damit sicher die Bakterien, welche eine als „Biberfieber“ bekannte unangenehme Durchfallerkrankung hervorriefen.

In den Waschräumen der gleiche Hinweis. Ich drehte einen Wasserhahn auf – rotbraunes Wasser lief heraus. Auch der Kies auf den Wegen im Campground war braun, ebenso wie der Staub auf der Schotterstraße – der Boden hier in der Gegend war stark eisenhaltig. Nach dem Duschen hatten meine Haare einen brünetten Schimmer.

Das zentral gelegene Gebäude mit den Waschräumen war neu. Wie neu es war, zeigte sich im Inneren der Waschräume: Auch im Waschraum für Männer befand sich ein ausklappbarer Wickeltisch. Ausdruck völliger Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern (Männer sind auch Mütter) – oder Ausdruck absoluter Prüderie (Geschlechtertrennung schon auf dem Wickeltisch)? Ich nahm die Gelegenheit wahr und wickelte Julchen auf dem Wickeltisch in der Herrentoilette. Schließlich war ich ja auch ein Vater – ein Puppenpapa.

*

Abends drehte ein Pick-up langsame Runden durch den Campground. Er hielt bei meinem Stellplatz und ein älterer Indianer stieg aus, um die Übernachtungsgebühren zu kassieren. Er hatte es nicht eilig. Als er hörte, dass ich aus Deutschland käme, war er interessiert. Ob es dort auch Wälder gäbe, wollte er wissen. Obwohl er Schwierigkeiten mit meinem Akzent hatte (und ich mit seinem), unterhielten wir uns prächtig. Ich lud ihn zu einer Tasse Neskafé aus Deutschland ein. Er hieß John. In der Wohnkabine unterhielten wir uns dann über Frauen. Ob ich verheiratet sei, was meine Frau mache und wie oft ich mit ihr schliefe. Er sei 71 Jahre alt und noch immer an Frauen interessiert, besonders an jüngeren mit Feuer, weil die in den kalten Winternächten besonders gut wärmten.

Einer Eigebung folgend zeigte ich ihm den Dreamcatcher.

„Ein Medizinmann deines Volkes hat ihn für mich in Wanuskewin angefertigt. Kannst du mir mehr über die Bedeutung dieses speziellen Dreamcatchers erzählen?“

Er schaute sich den Dreamcatcher genau an. Ein Blick aus weiten Augen streifte mich. Nein, er wisse nicht mehr viel von den alten Bräuchen. Aber im Reservat lebe eine weise Frau, die sich noch an viele Dinge von früher erinnere.

„Wenn du einen Tag Zeit hast, kann ich ihr den Dreamcatcher zeigen und sie fragen“, meinte er.

Aus dem einen Tage wurden zwei Tage. Am meinem dritten Abend auf dem Campground kam John in Begleitung eines Mannes im mittleren Alter zurück. Es war Basil, einer seiner Söhne. Basil hatte die Oberschule besucht. Offenbar war das, was John mir mitteilen wollte, wichtig genug, um keine Missverständnisse durch Verständigungsschwierigkeiten aufkommen zu lassen.

Ich hatte ein Campfeuer angezündet. Auf meine Frage, ob sie deutsches Bier probieren möchten, nickten sie schweigend. Das Bier hatte ich in einem Liquor Store entdeckt. Wir hockten uns um das Feuer und unterhielten uns über viele Dinge, nur nicht über das, was mich brennend interessierte – den Dreamcatcher. Nachdem sie eine weitere Flasche Bier dankend abgelehnt hatten – ob aus Höflichkeit oder weil ihnen das Bier nicht geschmeckt hatte, fand ich nicht heraus – begann John mit monotoner Stimme und halb geschlossenen Augen in seiner Sprache zu erzählen. Basil übersetzte, versuchte Sachen zu umschreiben und zu erklären, die sich schlecht ins Englische übertragen ließen:

„Die Anischinabeg haben einst als Kinder der Himmelsfrau auf dem Rücken der Riesenschildkröte gelebt. Einigen ihrer Kinder gab die Himmelsfrau die besondere Gabe, mit den Spirits der Nebenwelt zu sprechen und lehrte sie, diese Gabe und die Kräfte der Natur zu nutzen. Als mit Hilfe der Spinnenfrau die Sonne wieder zu den Menschen zurückkam, verließen die Anischinabeg die Schildkröteninsel im Salzmeer und wanderten in drei Gruppen nach Westen in die Wälder. Um ihre Gabe zu pflegen und anderen weiterzugeben, schlossen sich die Midew – (Basil. Medizinmänner, Schamanen, Heiler) – der drei Gruppen zur Midiwiwin zusammen.“

(Erklärung von Basil: „Midiwiwin wird als ´Grand Medicin Society´ übersetzt, bedeutet aber eigentlich ´Gesellschaft derjenigen guten Herzens.´“)

„Viele Anischinabeg ließen sich taufen und die alten Zeremonien der Schamanen gerieten in Vergessenheit. Auch als Medizinmänner, Heiler, waren sie nicht länger gefragt, als die Krankenschwestern und Ärzte des weißen Mannes zu uns kamen und in den Städten überall Krankenhäuser gebaut wurden. Die Midiwiwin gibt es nicht mehr und nur noch wenige von uns wissen um die Kräfte der Natur.“

Er schüttelte traurig den Kopf, ehe er fortfuhr:

„Die Mutter der weisen Frau hier im Reservat war eine Midew, eine Heilerin, und hat ihrer Tochter beigebracht, was sie wusste. Die Midew der Midiwiwin haben keine solchen Dreamcatcher wie du ihn hast in ihren Zeremonien verwendet.“

Fast ehrfürchtig gab mir John die braune Papiertüte mit dem Dream-catcher zurück. Ich spürte, dass er mit seiner Geschichte noch nicht zu Ende war. Schweigend legte ich den Dreamcatcher zwischen uns und wartete. John musterte mich prüfend. Er schien zu überlegen, ob er mir auch den letzten Teil seiner Erkenntnisse anvertrauen sollte. Nach langem Zögern fuhr John fort:

„Einige Anischinabeg mit der besonderen Gabe der Himmelsfrau riefen die Geister auch bei anderen Dingen an. Sie baten um gute Jagdbeute, guten Fischfang und um Erfolg bei Kriegszügen. Auch sie hatten hatten eine Gesellschaft, die Waubunowin, die Gesellschaft der Morgendämmerung. Sie hielten ihre Zeremonien stets unter sich ab und beendeten sie im Morgengrauen – daher der Name.

Ihre Feinde fürchteten die, Schamanen der Waubunowin, weil sie glaubten, dass diese Schamanen ihnen mit Hilfe der Spirits Schaden zufügen könnten, sie mit einem bösen Zauber belegen könnten. Für die Missionare der Christen waren es Hexer.“

Mehr brauchte John nicht zu sagen. Mein Dreamcatcher stammte von einem Zauberer, einem Hexer. Oder sollte ich ihn besser als einen Nachfahren der Himmelsfrau bezeichnen, der eine besondere Gabe besaß?

Beim Abschied – John war für einen Augenblick hinter die Büsche getreten – erklärte mir Basil, dass die weise Frau im Reservat seine Grußmutter sei – mütterlicherseits, setzte er mit einem Blick auf mein erstauntes Gesicht hinzu. Mit den Worten:

„Du hast mit dem Dreamcatcher eine starke Medizin erhalten, das hat die Mutter meiner Mutter sofort gespürt. Ob es eine gute oder eine schlechte Medizin ist, das liegt an dir!“ stieg er in den Pick-up.

Den Dreamcatcher hängte ich wieder in meiner Schlafkoje auf. Ich war neugierig geworden und wollte herausfinden, welche Art von „Medizin“ er war.

In dieser Nacht erlebte ich eine dritte Sequenz meines ersten Traumes. Noch immer im Strampelanzug und dem dünnen Regenumhang darüber stand ich am Ufer eines reißenden Flusses und sah die Leiche der Frau in Babysachen den Fluss hinuntertreiben. Der Fluss mündete, ohne eine weitere Ortschaft zu berühren, in einem großen See. Die Tote würde so bald nicht gefunden werden – wenn überhaupt. Hier war Bärenland!

 

*    *
*

 

Der letzte Traum

Nur noch wenige Tage, und ich musste das Mobile Home abgeben. Die letzten Tage war ich längere Strecken gefahren. Ich war erschöpft und kroch nach dem Abendessen sofort in meine Schlafkoje.

„Ausgeschlafen?“

Es war Monas Stimme, die mich weckte.

„Komm, zieh deine Babyklamotten an, ich will ein paar Fotos von dir machen!“

Schon während ich mich umzog, begann sie mit ihrer Fotosession.

„Warum nimmst du nicht die Digitalkamera? Da kann ich die Fotos ausdrucken. Den Film in deinem Apparat musst du entwickeln lassen. Ich denke, es ist dir peinlich, wenn mich andere in diesem Aufzug sehen?“ fragte ich sie.

„Ich weiß schon, was ich tu´“, war ihre unbestimmte Antwort.

Auf dem Tisch stand eine Flasche Bourbon, diskret in eine braune Tüte gehüllt, so dass ich nicht sehen konnte, wie viel Mona schon aus der Flasche getrunken hatte. Aber einige Schlucke mussten es wohl gewesen sein. Wie ich sie kannte, hatte es sie Überwindung gekostet, die Aufnahmen zu machen. Ich musste nacheinander alle meine Babysachen anziehen und verschiedene Posen in und vor der Wohnkabine einnehmen, bis sie ihren Film verknippst hatte. Während der Fotosession trank sie weiter.

Monas Fotographischer Eifer hatte Hoffnungen in mir geweckt. Hatte sie sich damit angefreundet, dass ich ein Babymann war? Ich setzte mich neben sie auf die Bank, die zum Stellplatz gehörte.

„Komm´ mir bloß nicht zu nahe!“ fauchte sie und stieß mich weg.

„Wozu hast du dann all die Fotos von mir gemacht? Ich dachte, als Erinnerung an unseren Urlaub in Kanada.“

„Erinnerungen an diesen Urlaub? Es war ein Alptraum, dich ständig als Baby und in Mädchensachen um mich zu haben!“

Ich schluckte.

„Aber du hast mich doch stets ermuntert, meine Windeln auch ja zu benutzen und mir geholfen, Sachen für Teenager auszusuchen und zu kaufen. Warum sagst du jetzt, dass es ein Alptraum für dich war?“

„Ich wollte seh´n, wieweit du es treiben würdest. Ich habe alles dokumentiert.“ Sie deutete auf ihren Fotoapparat und nahm einen hastigen Schluck aus der Flasche. Ihre Zunge wurde zunehmend schwerer.

„Ich hatte gehofft, der Urlaub würde uns wieder zusammenbringen.“

„Wieder mit dir zusammenleben? Nach allem, was du mir angetan hast?“

„Was habe ich dir denn angetan?“

„Was du mir angetan hast? Du hast mich um die besten Jahre meines Lebens gebracht. Ich musste an der Seite eines Perverslings leben, der mich nur lieben konnte, wenn ich auf seine Abartigkeiten einging. Du müsstest dich psychiatrisch behandeln lassen, stattdessen musste ich zu einer Therapeutin.“

„Dort warst du, weil du Essprobleme hattest!“

„Na und? Die hatte ich wegen dir. Das meint auch Susanne.“

„Deine Therapeutin?“

„Susanne ist meine Anwältin!“

Mir schwante etwas – eine Anwältin – wollte Mona sich scheiden lassen? Bisher hatten wir aus steuerlichen Gründen von einer Scheidung abgesehen.

„Du willst dich scheiden lassen?“ hakte ich nach.

„Was hast du denn s-sonst g-gedacht?“ lallte sie. „Die sollen alle erfahren, wie du wirklich bist. Nicht der honorige Kolle“ – sie hatte Schwierigkeiten, das Wort auszusprechen – „du weißt schon, was ich meine, für den du dich ausgibst, nein, ein Windelkacker, der als Mädchen rumläuft!“

Wenn Mona betrunken war, entwickelte sie einen Hang zum Ordinären.

„Geh doch zu deinen Babytunten und lass dir von einer Tuntenmami den Asch putzen!“

„Du bist betrunken und weißt nicht mehr, was du redest!“

„Ich weiß genau, was ich sage. Ich bin nicht betrunken. Schau her, ich kann noch ganz gerade laufen!"

Sie stand auf, lief ein paar torkelnde Schritte – und setzte sich mit einem „Oups“ unsanft auf den Boden. Seufzend blieb sie sitzen.

Nicht besonders hilfsfreudig, aber immerhin pflichtbewusst, erhob ich mich, um ihr aufzuhelfen. Mit unkontrollierten Bewegungen wehrte sie meine Hilfe ab und versuchte, auf allen Vieren zur Tür der Wohnkabine zu kriechen. Da sah ich es: Sie hatte unter sich genässt. An ihrem Hosenboden klebte Waldboden – Nadeln, Borkenstückchen, Sand.

Mona befand sich im Zustand völliger Hilflosigkeit, unfähig allein aufzustehen oder auch nur zu sitzen. Ich musste sie von hinten packen und über die Treppe zur Kabinentür in die Kabine zerren.

Nur mit Mühe konnte ich ihr die Hose ausziehen. Mit nassen Schlüpfern lag sie auf dem Fußboden, während ich ihr Bett richtete – die für Kinder gedachte Schlafstelle, zu der man die Sitzecke umbauen konnte. Meine Frau hatte darauf bestanden, hier zu schlafen, um sich nicht die Schlafkoje mit mir teilen zu müssen.

Schon früher, bei ähnlichen Gelegenheiten, war Mona nachts nicht mehr hoch gekommen. Kurz entschlossen griff ich nach ihrem Regenumhang und breitete ihn auf ihrer Schlafstelle aus, bevor ich das Laken auflegte.

Während ich Mona weiter auszog, kam mir eine Idee. Sie hatte mich Fotografiert, um die Bilder bei einer Scheidung gegen mich zu verwenden. Wenn ich nun auch mit BabyFotos von ihr aufwarten könnte? Die Idee gefiel mir. Ich zog Mona meine Babysachen an: Pampers, ein rosafarbenes Suprima-Schutzhöschen darüber, Baby-Doll Nachthemd und ein Rüschenhöschen, Babyhäubchen und Babyschühchen. Um den Hals hängte ich ihr einen Schnuller. Beim Aufblitzen meiner Kamera drehte sie sich brummend auf die Seite und ihr gepamperter Hintern bot sich als weiteres reizvolles Motiv an.

Ein Gewitter zog auf.

 

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Das Ende des Dreamcatchers

Die tote Babyfrau in meinen Träumen war meine Frau gewesen! Aber auf eine Frage hatte mir der Dreamcatcher keine Antwort offenbart: Wie war Mona ums Leben gekommen? Hatte ich sie umgebracht? Hatte ich mir aus Enttäuschung, Wut und gekränkter Eitelkeit die andere Hälfte des Bourbon einverleibt und dann, als meine Frau, vom Gewitter aufgeweckt, fortfuhr mich zu beschimpfen und zu verhöhnen, die Nerven verloren und sie im betrunkenen Zustand erwürgt? Vielleicht aber auch hatte der entnervende Lärm in der Kabine durch Regen, Hagel und Tannenzapfen Mona in panische Angst versetzt und sie wollte, immer noch voll alkoholisiert, in das gemauerte Haus mit den Waschräumen flüchten. Auf dem Weg dorthin war sie dann unglücklich gestürzt, hatte mit ihrem Körper das Rinnsal am Weg aufgestaut und war ertrunken.

Der Dreamcatcher würde mich die Antwort nicht mehr träumen lassen. Als hätte er seine Schuldigkeit getan, begann er sich in seine Bestandteile aufzulösen. Die Bast-bindung lockerte sich, der Rahmen verbog sich und die Applikationen am Rahmen fielen ab. Ich konnte ihn nicht mehr aufhängen. Sollte ich über das Ende des Traumes selbst entscheiden, die Lösung wählen, die mir am Meisten zusagte – um mich selbst zu prüfen?

Den Dreamcatcher einfach in einer Mülltonne zu entsorgen, schien mir für diesen Dreamcatcher zu unwürdig. Auf dem letzten Campground zündete ich ein kleines Campfeuer an. Dazu verwendete ich weder Papier noch Feuerzeug, sondern trockene Ästchen einer Fichte und viele – sehr viele – Streichhölzer. Bei ihren Zeremonien verbrannten die Indianer früher Süßgras zur Reinigung. Heute kann man zu Zöpfen geflochtene Büschel von Süßgras in den Trading Posts in Reservaten kaufen. Nachdem ich ein Büschel Süßgras ins Feuer geworfen hatte, legte ich den Dreamcatcher in die Flammen. Rauchend und zischen verbannte er, und für eine Sekunde erschien im Rauch das Gesicht von Tikumwae, dem Magier. Er hatte mich nicht mit einem „bösen“ Zauber belegt, sondern mir einen verborgenen, abgespaltenen Teil meiner Seele vorgeführt. Der Schamane der Waubunowin hatte seine übernatürlichen Kräfte eingesetzt, um mich vor mir selbst zu warnen.

 

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Aus Monas Fotosession:


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