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Das Fort der Geister
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Das Fort der Geister

 

 

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Das Fort der Geister

Der Unfall

Chris, wie sich das Baby hier in Kanada nannte, fühlte die Nässe in seinen Pampers. Die letzte Stadt lag gut 200 km hinter ihm. Er wollte in den Norden, um sich in den „ewig singenden Wäldern“ von Stress und Hektik der Großstadt zu erholen. Mit seinem Wohnwagen war er auf der holprigen Straße nur langsam voran gekommen, und seine Windeln hatten ihr Fassungsvermögen erreicht. Gerade wollte er seinen „Teddybär-Express“ nach rechts auf einen Rastplatz lenken, um die Windeln zu wechseln, als der Unfall passierte. Der Stoß ans Heck seines Wohnwagens war so heftig, dass er die Kontrolle über sein Gespann verlor. Im weiten Bogen scherte es nach links aus, bis ein zweiter Stoß an die Fahrertür es abrupt zum Stehen brachte. Als Chris den Kopf wandte, blickte er auf den riesigen Kühler eines Trucks. Wie betäubt blieb er sitzen. Waren es Sekunden oder Minuten? Er hatte jedes Zeitgefühl verloren. Nachdem er endlich den Sicherheitsgurt gelöst hatte und zum Aussteigen auf die Beifahrerseite kletterte, schmerzte sein linkes Knie. Beim Aufprall war es gegen das Lenkrad gedrückt worden.

Sind Sie verletzt?“

Vom Rastplatz waren Leute herbeigeeilt. Sie halfen ihm beim Aussteigen.

Weiß ich noch nicht. Ich hab mir das Knie gestoßen.“

Dieser verrückte Mistkerl, jetzt hat er es schon wieder gemacht!“ hörte Chris eine Frauenstimme im Hintergrund sagen.

Er konnte aufstehen, humpelte aber stark, als er um sein Gespann ging, um sich den Schaden zu besehen. Am Wohnwagen war die Heckklappe mit dem Bettalkoven aufgesprungen, die Matratze mit dem rosa PVC-Spannlaken, das er aus Bequemlichkeit nicht abgenommen hatte, lag im Straßengraben und die Tüte mit seinen Schnullern war aus der Seitenablage aus dem Alkoven geschleudert worden. Die Schnuller lagen verteilt zwischen Scherben und Trümmern auf der Straße.

Der Truck, der ihn gerammt hatte, war ein Sattelschlepper ohne Auflage. Chris hatte ihn eine Zeitlang im Rückspiegel gesehen, nach einer Kurve aber aus den Augen verloren. Er musste so dicht aufgefahren sein, dass er sich im toten Winkel der Spiegel befunden hatte.

Jetzt sah Chris auch den Fahrer des Sattelschleppers. Der saß noch immer in seiner Fahrerkabine und winkte Chris feixend zu.

Was ist denn mit dem los?“ wandte sich Chris an die Umstehenden. „Ist der nicht ganz dicht?“

Ist er tatsächlich nicht“, erklärte ihm eine Frau „er steht unter der Vormundschaft seines Bruders. Der müsste auch gleich hier sein. Wir haben ihn verständigt.“

Gleichzeitig mit einem Streifenwagen der OPP (Ontario Provinzpolizei) kam die Ambulanz. Eine etwas rundliche Sanitäterin kümmerte sich um Chris.

Kommen Sie, lassen Sie ihr Knie untersuchen!“ sprach sie Chris an. Zuvor hatte sie sich bei den Umstehenden nach Verletzten erkundigt.

Chris zögerte. Er würde seine Hosen ausziehen müssen und dann würde sie mitbekommen, dass er Pampers anhatte und wohl auch, dass diese bereits ziemlich nass waren. Sanft, aber bestimmt, dirigierte sie ihn zum Ambulanzwagen. Offenbar war sie im Umgang mit Schockpatienten geschult. Es gelang Chris, den Damenschlüpfer, den er trug, zusammen mit der Hose herunterzuziehen.

Sie haben Blasenprobleme?!“ Es war mehr eine Feststellung als eine Frage.

Ihr Knie scheint wirklich nur geprellt zu sein. Wenn es anschwillt oder in den nächsten Tagen nicht besser wird, gehen Sie zum Röntgen ins Krankenhaus!“ wies sie Chris an.

Als er sich wieder anzog, sah sie den Damenschlüpfer. Sie wurde rot und machte große Augen, sagte aber nichts.

Die Unfallaufnahme durch die Polizei war kurz. Der Fahrer des Trucks schien auch den Polizisten bekannt zu sein. Inzwischen waren zwei Abschleppwagen eingetroffen. Ein älterer Mann in blauer Arbeitsmontur sprach Chris an und machte den Vorschlag, den Wohnwagen zu einem Campingplatz zu schleppen, auf dem man auch Ferienhäuser mieten könne. Das Auto sollte wohl besser gleich in seine Werkstatt geschleppt werden; den Wohnwagen würde er morgen abholen, wenn Chris umgepackt hätte. Er sprach so langsam wie Emil und nuschelte dabei wie Otto. Chris, der den Schock noch nicht überwunden hatte, war froh, keine eigenen Entscheidungen treffen zu müssen und stimmte allen Vorschlägen zu.

Machen Sie sich um die Kosten keine Sorgen“, beschwichtigte der Mann Chris, „wir sind gut versichert. Und was die Reparaturen betrifft, das kriegen wir alles wieder in Griff!“

Er hieß Earl, war der Bruder des Truckfahrers und betrieb einen Body Shop, eine Reparaturwerkstatt für demolierte Autos.

*

Earl hatte Chris in seinem Wagen mitgenommen, als er den Wohnwagen zu einem wenige Kilometer entfernten Campground an einem Fluss abgeschleppt hatte. Dort hatte er sich kurz mit dem Besitzer beraten und danach den Wohnwagen irgendwo abgestellt, während Chris im Office noch den Registrierzettel ausfüllte. Der Besitzer bot Chris eine Ferienhütte an, das zurzeit leer stand. Dann fuhr ihn Jean, so hieß der Besitzer das Campgrounds, mit seinem Jeep zu der Hütte. Auf dem Weg dorthin zeigte er ihm die Waschräume.

Die Ferienhütte, eine „log cabin“, war ein altes, wieder hergerichtetes Blockhaus, das sich ein Prospektor in den dreißiger Jahren gebaut hatte. Es lag in einer Nische des Waldgeländes, welches den Campground umgab, abseits der Stellplätze für die Camper, die nur eine Nacht blieben. Sie kamen am späteren Nachmittag an, verbrachten einen Abend am Campfeuer und fuhren am nächsten Morgen in aller Frühe weiter.

Jean stammte aus Québec und hatte ein Mädchen aus dem Ort geheiratet – eine Schwester von Earl, wie Chris später herausfand. Während er Chris noch mit Einzelheiten in der Hütte vertraut machte, meldete sich sein Pieper; neue Camper waren gekommen, er musste zurück ins Office.

Allein gelassen und noch immer unter Schock, gab Chris erst einmal dem unterdessen fast schon unangenehmen Druck auf seine Blase nach. In dieser Situation war es ihm egal, ob die Hose durchfeuchtete und es Jean sehen konnte, falls er noch einmal vorbei schaute. Jean schaute nicht mehr vorbei.

Der Raum war spärlich mit Etagenbetten, Tisch und Sitzbank möbliert. Neben Kühlschrank und Herd befand sich ein Spülbecken, das wohl auch als Waschbecken gedacht war. Fast panikartig räumte Chris den Wohnwagen leer. Irgendjemand hatte seine Sachen von der Straße aufgelesen und zurück in den Wohnwagen gelegt. Es musste die Sanitäterin gewesen sein; Chris hatte sie am Wohnwagen hantieren gesehen, während er mit der Streifenwagenbesatzung gesprochen hatte. Im Blockhaus benutzte er das obere Etagenbett als Ablage, das untere Bett richtete er als Babybett her. Danach wechselte er die Pampers, zog das T-Shirt mit dem Aufdruck: „geboren um Baby zu sein“ und seine Strampelhose an, nahm seine Puppe in den Arm, steckte einen Schnuller in den Mund und kroch ins Bett.

Am späten Vormittag holte Earl den Wohnwagen ab. Erst jetzt kam Chris auf die Idee, nach einem Ersatzwagen zu fragen. Earl wusste, wo er einen Leihwagen mieten konnte und fuhr ihn hin. Es war die Tankstelle gegenüber seiner Werkstatt, die Einzige im Ort, die nebenbei Wagen vermietete – drei Wagen, von jeder Größenklasse einen. Der Pächter der Tankstelle hieß Peter. Er hatte den gleichen Nachnamen wie Earl.

Die fehlenden sanitären Anlagen in seiner Unterkunft waren für Chris kein Problem – er hatte ja Windeln, und wenn sich sein Darm meldete, konnte er die Toilette in den Waschräumen aufsuchen. Um einfach in die Büsche zu gehen, gab es zu viele Moskitos. Aber in der Hütte befand sich nur eine Waschgelegenheit. Er musste stets erst den Abwasch erledigen, bevor er sich selbst waschen konnte.

*

Eigentlich hätte sich Chris nach dem Frühstück mit der letzten Tasse Kaffee und einer Zigarette gar nicht erst gemütlich hinsetzen dürfen. Schon als er aufstand, war er auf einer Seite feucht gewesen. Die Briefs von Attends mit den fünf Tropfen und die Briefs von Depend mit der Aufschrift: „Fitted Maximum Protection“ waren hier die gängigsten guten Pampers, die es in Apotheken und Drug Stores zu kaufen gab; die Super von Tena hatte er erst einmal entdeckt. Attends und Depend waren längst nicht so saugfähig wie die Forma Slip X-Pus, die er zu Hause benutzte. Besonders in kalten Nächten ließ ihr Fassungsvermögen zu wünschen übrig. Aber selbst wenn er morgens noch nicht durch gefeuchtet war, änderte sich das, so wie er Wasser in die Kaffeemaschine goss. Wenn er sich dann, noch im Nachtzeug, zum Frühstück setzte, drückte sein Gewicht regelmäßig die Nässe aus den Pampers. Zugegeben, er könnte ja nachts auch zwei oder gar drei Pampers übereinander ziehen, die Inneren der Länge nach in der Mitte aufgeschnitten, aber er genoss es, mit nassem Hosenboden zu frühstücken. Um die Polstergarnitur im Wohnwagen zu schützen, benutzte er Plastikunterlagen. Er hatte einen ganzen Stapel dieser Unterlagen als Sonderangebot in einem Store gekauft, weil er sie wegen ihrer hellgrünen Farbe für Pampers gehalten hatte.

Als er sich an diesem Morgen die Zigarette anzündete, ahnte er bereits nach den ersten Zügen, dass er es nicht mehr bis zu den Waschräumen schaffen würde. Er hatte im Spielanzug mit den langen Armen und kurzen Beinen und einem Reißverschluss am Rücken geschlafen. Noch während er unter Verrenkungen am Reißverschluss im Rücken herum nestelte, entleerten sich Darm und Blase gleichzeitig.

Mit den Sachen, die sich bereits in seinem Wäschesack befanden und mit denen, die an diesem Morgen nass geworden waren, kamen gut zwei Maschinenladungen zusammen. Bisher hatte Chris nach Möglichkeit Campingplätze mit Waschautomaten aufgesucht und jeweils eine Zeit abgepasst, in der nicht gerade Camperfrauen mit der gesamten Kinderbettwäsche Waschautomaten und Trockner belegten. Aber der Münzwaschautomat auf dem jetzigen Campingplatz war außer Betrieb – bei einem unerwarteten Frosteinbruch waren die Wasserrohre geborsten. Chris musste mit seiner Wäsche in den Ort fahren und sich nach einem Waschsalon durchfragen.

 

 

*

Die Stadt teilte das Schicksal vieler Städte im „Nordland“, im borealen Nadelwald nördlich der Laubwaldzone. Ende des 19. Jahrhunderts hatte man am Fluss bei einem Fellhandelsposten Gold gefunden. Der Goldrausch hielt zwanzig Jahre an. Jahrzehnte später übernahmen große Minengesellschaften den Abbau der Gold-, Silber-, Kupfer- und Eisenvorkommen. Der Handelsposten entwickelte sich zu einem regionalen Zentrum für die umliegenden Minen; eine Straße und eine Stichbahn verbanden den Ort mit dem Straßen- und Schienennetz des Landes. Als die Minen nach und nach wieder schlossen – die letzte erst vor wenigen Jahren – verlor die Stadt wieder an Bedeutung und Einwohnern. Der Ausbau der Straße zu einer Durchgangsstraße weckte in den verbliebenen Einwohnern die Hoffnung auf den Tourismus. Einige Touristen kamen, die meisten blieben nur über Nacht, höchstens einen Tag. Denn außer stillgelegten Minen, einem Wasserfall und viel Wald hatte die Stadt keine Attraktionen zu bieten. Der erhoffte Boom blieb aus; Motels entstanden und schlossen wieder.

In einem Anbau des General Stores waren Waschmaschinen und Wäschetrockner aufgestellt. Entsetzt stellte Chris fest, dass sich vor dem Anbau mehrere Frauen unterhielten, die auf ihre Wäsche warteten. Er musste seine Wäsche vor den Augen der wartenden Frauen waschen! Beim Einfüllen in die Waschmaschinen konnte er sich noch so davor stellen, dass niemand sah, was er aus seinem Wäschesack in die Maschinen schüttete. Peinlicher war es schon beim Herausnehmen. Er musste die Windelhöschen aussortieren, da er sie nicht mit in den Trockner legen durfte. In einem Moment, in welchem die Frauen selbst beschäftigt waren, stopfte er sie hastig in seinen Wäschesack. So diskret wie möglich beförderte er die übrigen Sachen zu einem freien Trockner. Hinter der Scheibe des Trockners konnte man jedoch deutlich die Princess-Bettwäsche mit den Disneymotiven erkennen, sein pink- und rosafarbenes Nachtzeug, die farbigen Damenschlüpfer. Das konnte Chris nicht vor den Frauen verbergen, die nach ihrer Wäsche in den anderen Trocknern schaute. Er hoffte nur, dass die Damen annähmen, er wasche für eine ganze Familie. Tuschelten sie nicht bereits über ihn? Schließlich war es ein sehr kleiner Ort und er der einzige Fremde im Waschsalon. Sie konnten sich also zusammenreimen, wer er war. Mit rotem Kopf nahm er seine Wäsche aus dem Trockner und verzichtete auf einen weiteren Trockengang, obwohl einige Stücke noch feucht waren.

* *
*

Das Fort

Eines Abends schlenderte Chris den Pfad am Ufer des Flusses entlang. Es dunkelte bereits. Am gegenüberliegenden Ufer glaubte er Lichter zu sehen und der Wind schien Fetzen von Musik herüber zuwehen.

Tags darauf schaute Chris beim Office vorbei. Er wollte ein Bündel Feuerholz für etwas Lagerfeuerromantik kaufen.

Wohnt gegenüber am Fluss jemand?“ fragte er Jean beiläufig.

Niemand. Dort ist nur Wald; Privatbesitz“, war die unerwartet knappe Antwort.

Als Franko-Kanadier war Jean sonst viel gesprächsbereiter. Aber vielleicht lag es daran, dass er zum Einkaufen mit dem Pick-up in die Stadt fahren wollte.

Von seiner Frau erfuhr Chris mehr:

Hi, wie geht´s?“ begrüßte sie Chris. „Ich bin Kaireen. Ich hab von deinem Pech gehört. Hoffentlich langweilst du dich hier nicht zu Tode. Wir haben hier nicht viel zu bieten, nur viel Natur und einen Wasserfall. Angelst du? Nein? Schade, die meisten hier angeln nämlich. Naja, da wäre noch das Fort. Es war für Touristen gedacht, jetzt verfällt es. Es liegt gleich gegenüber, auf der anderen Seite des Flusses. Wenn du willst, kannst da ja mal mit dem Boot hinüber fahren. Du kannst dir gerne das Kanu nehmen, das bei der Bootsrampe unten am Fluss liegt.“

Noch am gleichen Nachmittag nahm sich Chris das Kanu und paddelte zum Fort hinüber.

Vom Fluss führte ein steiler Uferpfad zu den Gebäuden hinauf. Das Fort war ein von Palisaden umgebenes Viereck, an dessen Ecken kleine Turmhäuschen standen, deren Obergeschosse weit über die Palisaden hinausragten. Die Palisaden waren stellenweise umgefallen, einige Gebäude drohten einzustürzen. Es machte einen trostlosen Eindruck, halb verfallen, vandalisiert und der Wald stand im Begriff, wieder Besitz von dem Platz zu ergreifen. Das Haupttor – zumindest das, was davon noch übrig war – befand sich auf der anderen Seite. Ein breiter Weg führte von dort hinunter in eine Sumpflandschaft. Chris konnte mehrere Biberdämme und -burgen ausmachen.

Waren die Lichter, die er gesehen und die Musik, die er gehört hatte, hier aus dem Fort gekommen? Er sah keine frischen Spuren, die auf eine nächtliche Party hindeuteten.

Am nächsten Tag wollte Chris von Kaireen mehr über das Fort wissen.

Ende der sechziger Jahre kaufte ein Geschäftsmann aus der Stadt ein großes Stück Land am Fluss unterhalb des Wasserfalls und baute auf dem Hügel ein Phantasiefort als Touristenattraktion“, gab sie breitwillige Auskunft.

Er verstarb plötzlich und ist mit seinem Lieblingshund hinter der Kapelle im Fort begraben. Dort ist ein richtiger kleiner Friedhof entstanden, wo man alle, die beim Hügel ums Leben kamen, bestattet hat. Seine Witwe lebte noch einige Zeit im Fort. Aber es kamen keine Touristen mehr. Weiter unten am Fluss hatten die Hydro Company (die Great Lakes Power Company, vermutete Chris) ein Kraftwerk gebaut, und der Rückstau hinter dem Damm hatte den Zufahrtsweg zum Fort in einen Sumpf verwandelte. Es heißt, seine Witwe sei wieder zurück in die Stadt gezogen. Jedenfalls hat man sie hier nicht mehr gesehen.“

Kaireen lud Chris zu einer Tasse Kaffee ein. Bevor sie weiter erzählen konnte, musste sie jedoch erst neu angekommene Camper einweisen.

Damals, als der alte Mackenzie – ja, ich glaube, so hieß er – das Fort baute, waren viele hier im Ort dagegen gewesen, besonders die Älteren. Sie glaubten, dass auf dem Hügel am Fluss Gespenster hausten. Das hatten sie von den Indianern übernommen. Die Indianer erzählen, dass eine Jagdgruppe, die dort lagerte, Steine gesammelt und im Lagerfeuer erhitzt hatte, um sie dann in die Wasserbehälter aus Birkenrinde zu tun. Auf diese Weise pflegten sie ihre Mahlzeiten zuzubereiten. Als sie aufbrechen wollten und die Steine mit in ihr Kanu nahmen, soll die Stimme eines Geistes, eines Manitus, sie beschuldigt haben, das Spielzeug seiner Kinder zu stehlen. Von der Jagdgruppe erreichte nur einer lebend das Hauptlager, wo auch er starb, nachdem er seine Geschichte erzählt hatte.“

Wieder musste sie unterbrechen.

Ob die Indianer wirklich der Rache eines Geistes zum Opfer gefallen sind oder ob sie, wie Geologen vermuten, kupferhaltiges Gestein zum Kochen benutzten, dass, erhitzt und ins Wasser gelegt, giftige Bestandteile absonderte, sei dahingestellt. Aber soviel steht fest, nachts ist es dort drüben wirklich nicht geheuer! Wir nennen das Fort daher das Gespensterfort.“

*

Es war heller Mondschein, als Chris nach Einbruch der Dunkelheit ins Kanu stieg und zum gegenüberliegenden Ufer paddelte. Flackernde Lichter, die im Wind zu tanzen schienen, wiesen ihm den Weg. Langsam steuerte er auf die Landestelle am Ufer zu, von welcher der Pfad zum Fort hinauf führte. Bevor er aus dem Kanu stieg, machte er sich bemerkbar. Schließlich hatte er reichlich Wildwestromane verschlungen und viele Western gesehen und wusste, wie er sich zu verhalten hatte.

Hallo“, rief er, „hallo Fort!“

Er hörte Stimmen antworten, konnte aber nicht verstehen, was sie riefen.

Kann ich an Land kommen?“.

Auch jetzt verstand er die Antwort nicht, aber aus dem Fort kamen ihm Leute mit Fackeln entgegen. Chris zog das Kanu an Land. Als er aufschaute, gewahrte er zwischen den Büschen eine in Felle gehüllte Gestalt. Ihr Gesicht lag im Dunkeln, dennoch schien von den Augen ein iri- sierendes Leuchten auszugehen. In einer kehligen Sprache stieß die Gestalt abgehackte Sätze aus. Dazu stampfte sie mit einem Stab, der mit Federn, weißen Fellstreifen und Rasseln besetzt war, auf den Boden. Chris spürte die Drohung, die dahinter stand.

Inzwischen waren auch die Leute aus dem Fort bei Chris eingetroffen.

Du hast hier nichts mehr zu suchen! Deine Zeit ist abgelaufen!“ herrschte eine rundliche Frau die Gestalt in den Büschen an und ging mit ihrer Fackel auf sie zu. Im Licht der Fackel schien sich die Gestalt in Nebel aufzulösen.

Ein hohlwangiger, weißhaariger Mann mit tiefen Schatten unter den Augen begrüßte Chris:

Willkommen im Fort!“.

Der Hund in seiner Begleitung schnüffelte an Chris Hose. Die Partie um den Schritt schien ihn dabei besonders zu interessieren. Er ließ sich von Chris über den Kopf streichelte und beant- wortete diese Geste mit einem Ansatz von Schwanzwedeln.

Siehst du, der Hund akzeptiert dich. Und der hat mehr Menschenkenntnisse, als wir alle zusammen. Also sei unser Gast! Ich bin übrigens A. B. Mackenzie. Das Fort ist mein Werk.“

Gewisser Stolz schwang in seiner Stimme mit. Chris nannte seinen Namen. Nacheinander mach- ten sich die anderen mit ihm bekannt, allen voran Sue:

Ich bin Sue Mackenzie, seine Frau. Alle nennen mich ´Mom´“, stellte sie sich vor und schüttelte Chris die Hand.

Die anderen waren Lucy, Louisa, Mildred, Old Featherby und zwei Indianer.

Wir nennen sie Jim und Joe, ihre indianischen Namen können wir nicht aussprechen“, erklärte Mom.

Überall im Fort brannten Fackeln, auf den freien Flächen zwischen den Gebäuden loderten mehrere Feuer, Petroleumlampen erleuchteten einige Räume von innen. Die beiden Mackenzies führten Chris herum. Im Gegensatz zu dem verfallenen Eindruck, den Chris bei Tage vom Fort gewonnen hatte, schien alles tadellos in Stand gehalten zu sein. Die Palisaden waren aufgerichtet, das Haupttor war wieder vorhanden und geschlossen und er sah keine Spuren mutwilliger Zer- störung, die ihm am Tage aufgefallen waren.

In den Ecktürmen wohnen die Frauen, die du kennen gelernt hast“, erklärte Sue Mackenzie, „ein Turm ist jedoch unbewohnt.“

Die beiden Mackenzies bewohnten das Hauptgebäude, das sich neben dem Tor befand. Im rech- ten Winkel schloss sich eine Kantine mit Küche und Speisesaal an. Im länglichen Gebäude an den Palisaden neben dem Kantinenhaus waren Toilettenpits, Waschgelegenheiten und zwei Duschen untergebracht.

Auf der anderen Seite des Tores lag ein mit Gras gedecktes flaches, halb unterirdisches Gebäude mit Steinmauern – die Pulverkammer, wie A. B. Mackenzie erklärte. Der Eingang zur Pulverkammer befand sich hinter Regalen versteckt im anschließenden „Store“, einem Vorratshaus.

Schräg gegenüber der Kantine hatte A. B. Mackenzie an der anderen Seite des Forts eine kleine Kirche errichtet, wobei er das Kreuz über dem Podest für den Altar in die Giebelkonstruktion eingearbeitet hatte. An der rückwärtigen, dem Fluss zugewandten Seite, ragte seitlich neben dem Brunnen ein Wasserturm empor. Daneben war eine kleine Pforte in die Palisaden eingelassen. Zwischen den einzelnen Gebäuden schmiegten sich kleine Hütten an die Palisaden. Sie hatten rechte und links neben der Tür je ein Fenster und sie waren nicht tiefer als die Länge einer Schlafpritsche. Drei der Hütten dienten als Unterkunft, eine Vierte hatte vergitterte Fenster und ein Vorhängeschloss. Sie diente als Arrestzelle. Ob sie denn schon jemanden eingesperrt hätten, wollte Chris wissen.

Oh ja“, erwiderte ´Mom´ Mackenzie, „Jim und Joe waren schon häufiger darin, wenn sie zu viel getrunken hatten. Auch Old Featherby hat schon mal Bekanntschaft mit der Zelle gemacht.“

Nach dem Rundgang nahm Old Featherby Chris unter seine Fittiche. Er war ein kauziger Alter mit Biberschwanzmütze und struppigem Bart und er gab vor, dass ihn das Goldfieber hierher gebracht habe.

Ich hatte einen Stollen in den Hügel getrieben. Als ich auf eine besonders goldhaltige Schicht stieß, ließ ich alle Vorsichtsmaßnahmen außer acht. Da brach der Stollen ein und ich wurde ver- schüttet. Ja und da bin ich nun.“

Sie hatten sich an ein Feuer gesetzt. Ab und zu nahm Old Featherby einen Schluck auf einem Tonkrug, der dem Geruch nach ziemlich billigen Fusel enthielt. Er bot Chris nichts von dem Getränk an, was Chris zwar verwunderte, worüber er aber froh war, denn allein der Geruch brachte ihn zum Schütteln.

Ich war nicht der Erste hier“, erzählte Old Featherby weiter, „da waren schon die beiden Indianer, und da war Lucy. Lucy ist eine wirkliche Heldin. Ihr Vater war ein französischer Fallen- steller und ihre Mutter eine Cree – sie ist also eine Métis, ein Halbblut. Konkurrierende Trapper hatten sie gefangen und wollten von ihr wissen, wo ihr Vater seine Felle aufbewahre. In der Nacht konnte sie ihre Fesseln durchscheuern – ihre Handgelenke sind noch immer wund davon – und mit einem Kanu entkomme. Sie lockte die Trapper, die ihr im anderen Kanu wütend folgten, zum Wasserfall. Ihre Verfolger kamen im Wasserfall um, sie hat der Fluss hier beim Hügel ans Ufer gespuckt, mehr tot als lebendig.“

Nach einer Kunstpause, um die Geschichte besser wirken zu lassen, fuhr er fort:

Der alte Mackenzie hat sich mit der Arbeit an dem Fort körperlich völlig verausgabt. Da spielte sein Herz nicht mehr mit. Aus Kummer um sein Herrchen hat sein Hund nichts mehr gefressen. Sue, Mom, hat erst noch einige geschäftliche Dinge erledigt, dann ist sie hierher zurückgekommen, um ihrem Mann freiwillig zu folgen.“

Weiter kam Old Featherby nicht mit seiner Aufzählung. Mom hatte ihre Mundharmonika hervorgeholt und begann alte Country Melodien zu spielen.Die beiden Indianer stampften ihren eigenen Rhythmus dazu. Eine der Frauen – später erinnerte sich Chris, dass es Lucy gewesen war – begann sich selbstvergessen zur Musik zu drehen.

Sie hieß Mildred, aber ihrer Hautfarbe wegen nannten sie alle „Choc´late“. Die knappe Hüfthose und das enge Oberteil ließen viel braune Haut um den gepiercten Bauchnabel frei. Ihre weiblichen Rundungen und ihre lasziven Bewegungen konnten Männer in Ektase versetzen.

Willst du mit mir tanzen?“ fragte sie Chris und drängte sich gegen ihn.

Beim Tanzen glitten ihre Hände von seinen Schultern immer tiefer hinunter, verweilten auf seinen Hüften und glitten weiter nach unten. Etwas irritierte sie dort und Chris merkte, wie sie stutzte. Ihre Finger griffen fester zu. Sie tastete sein Gesäß ab, fuhr mit den Fingerspitzen den von der Hose bedeckten Rändern seines Windelhöschens entlang. In ihren dunkelbraunen Augen stand ungläubiges Staunen. Abrupt hörte sie auf zu tanzen, berührte noch kurz wie entschuldigend seinen Arm und wandte sich ab. Chris sah, dass sie zu Mom Sue ging und mit ihr sprach. Verstohlen blickten dabei beide zu ihm herüber. Chris konnte sich denken, was Choc´late gefühlt hatte und dass sie es gerade Mom erzählte. Er wollte sich davonschleichen und ohne sich zu ver- abschieden ins Kanu steigen, aber Old Featherby hatte nur auf die Gelegenheit gewartet, um Chris wieder in Beschlag zu nehmen.

Weißt du, mit wem du eben getanzt hast?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr er fort:

Sie ist eine echte Hure aus den Staaten. Es macht ihr Spaß und sie kann nie genug kriegen. Ein Mann reicht bei ihr nicht.“ Er zwinkerte Chris zu:

Sie hatte einen Unfall, oben am Fluss, auf der Brücke, als sie mit einem Freund unterwegs war. Sie sind in den Fluss gestürzt. Es war Schneeschmelze und der Fluss angeschwollen.“ Kichernd fuhr er fort:

Ihr Freund saß noch im Wagen, als man den später fand – mit offener Hose! Und sie hatte auch nur ein Hemdchen an, als wir sie fanden.“

Zielstrebig kam Mom auf Chris zu. Mit den Augen bedeutete sie Old Featherby, sich ein anderes Opfer führ seine Geschichten zu suchen. Als er außer Hörweite war, wandte sie sich an Chris:

Choc´late – Mildred – meint, dass du Windeln anhast?“

Bevor Chris zu einer längeren Ausrede ansetzen konnte, legte sie ihm ihren Zeigefinger auf die Lippen:

Aus einem ganz bestimmten Grund möchte ich mir das genauer anschauen.“

Energisch ergriff Mom seinen Arm und führte ihn ins Haupthaus, wo ein Raum als Krankenstation eingerichtet war. Ohne auf die Proteste von Chris zu achten, zog sie ihm die Hose herunter. Sie sah den etwas fülliger gearbeiteten lachsfarbenen Schlüpfer aus Kunstseide – Made in China – sagte jedoch nichts, zog auch diesen herunter, danach das rosa farbene Windelhöschen. Mit halb heruntergezogenen Hosen stand er vor ihr, während sie die Pampers gründlich untersuchte.

Aha, die gibt’s also auch für Erwachsene“, kommentierte sie ihre Inspektion. Mehr sagte sie nicht.

Als sie wieder hinaus zu den anderen gingen, glaubte Chris zu spüren, dass durch Mildred bereits alle über seine Windeln Bescheid wussten. Aber niemand ließ sich etwas anmerken.

Beim nächsten Mal bringst du ein paar von diesen Windeln für Erwachsene mit“, verabschiedete ihn Mom Sue, „damit wir sie wechseln können, wenn sie nass sind!“

Soll ich denn überhaupt wieder kommen? Fragte Chris schüchtern.

Wenn du es willst, bist du jederzeit willkommen!“ antwortete ihm Mom.

Wir würden uns freuen“, sagte Louisa mit einem harten, osteuropäischen Akzent leise im Hintergrund, und Old Featherby fügte hinzu:

Ich hab´ dir doch noch nicht alle Geschichten erzählt.“

Da der Mond inzwischen untergegangen war, bat Mom in ihrer Art, die einfach kein Nein zuließ, die beiden Indianer Jim und Joe, Chris ans andere Ufer zu bringen.

Die beiden finden den Weg auch noch, wenn es stockfinster ist“, erklärte sie.

Joe setzte sich vorne in das Kanu und wies Chris den Weg. Jim folgte in einem zweiten Kanu. Es war eine sternklare Nacht. Dennoch hätte Chris ohne Joes Hilfe das Kanu wohl nicht heil um die Hindernisse und über die Untiefen gebracht.

Am nächsten Tag musste Chris ständig an das blasse, von einem Kopftuch umhüllte Gesicht mit den graublauen Augen denken, das Gesicht von Louisa. Immer wieder hörte er ihre Worte:

Wir würden uns freuen.“

*

Es muss eine Theatergruppe gewesen sein, vielleicht Laiendarsteller aus dem Ort“, sagte sich Chris. Er fand die Idee, über Flüsterpropaganda zu verbreiten, dass es im verlassenen Fort Ge- spenster gäbe, die dort nur nachts zu sehen seien, einen guten Werbegag.Statisten, die in nach- gebauten Pionierdörfern und Forts in historischen Kostümen herumliefen, gab es an vielen Orten. Ein Gespensterfort war dagegen etwas anderes. Und da sie zu verschiedenen Zeiten zu „Gespen-stern“ geworden waren, brauchte sie nicht auf die historische Echtheit ihrer Kostüme zu achten. So weit er sie bereits kannte, fand er auch ihre „Legenden“, wie sie an diesem verwunschenen Ort ums Leben gekommen waren, gut ausgedacht. Die beiden Indianer, Jim und Joe, spielten die ersten Opfer des Manitus, dessen Sitz der Hügel war. Der Geist selbst warnte die Ankommenden, sein Reich zu betreten. Über die Rolle, die Choc´late spielte, war sich Chris noch nicht so recht im Klaren. Vielleicht war hier tatsächlich vor einiger Zeit ein derartiger Unfall passiert, der Schlagzeilen gemacht hatte. Mildred spielte jedenfalls ihre Rolle hingebungsvoll echt.

Wenige Tage später schien sich die Vermutung von Chris, dass es sich um eine Theatertruppe handelte, zu bestätigen. Er hatte Vorräte im Ort eingekauft und war anschließend zu Fuß über einen Pfad hinter den Häusern zu Earls Werkstatt geschlendert. Auf dem Gelände der Werkstatt standen noch immer dieselben völlig demolierten Autowracks wie bei seinem ersten Besuch. „Versicherungsfälle“ hatte ihm Earl erklärt. Für die Versicherungen kam keine Reparatur mehr in Frage und sie hatten Earl die Fahrzeuge überlassen – ihm sogar noch Geld zum Entsorgen überwiesen. Die meisten Fahrzeuge schlachtete Earl aus; das eine oder andere Fahrzeug wollte er wieder herrichten und auf eigene Kosten verkaufen. Chris entdeckte kein Fahrzeug, das zur Reparatur neu hinzugekommen war. Earls Geschäftslage schien flau zu sein. Die Reparaturen für Chris waren ihm da wohl sehr gelegen gekommen. Benutzte Earl etwa seinen schwachsinnigen Bruder, um an neue Aufträge zu kommen? Der beschädigte Wagen von Chris stand noch immer in der Werkhalle. In der Halle befand sich niemand und Chris wollte gerade rufen, ob jemand anwesend sei, als er Earl in einem Nebenraum fragen hörte:

Wie lange soll ich die Sache noch hinauszögern?“

Lass dir Zeit, so lange du willst“, antwortete eine Stimme, die Chris unbekannt war.

Meinst du nicht, dass er misstrauisch werden könnte?“ gab Earl zu bedenken.

Oh nein, der ist voll beschäftigt. Er fährt jede Nacht mit dem Kanu von Jean zum Gespensterfort hinüber. Und du weißt ja, wer bei Nacht dort war, der kommt so schnell nicht wieder weg – wenn überhaupt.“

Du fährst doch auch oft hinüber“, warf Earl ein.

Geschäftlich, mein Lieber, rein geschäftlich.“

Chris hatte genug gehört. Er verließ die Halle und ging um das Gebäude zum Office, wo eine schrille Klingel jeden Besucher ankündigte. Nach einer Weile kam Earl und, als er Chris sah, setzte er zu einer langatmigen Erklärung an, weshalb es ihm bisher noch nicht möglich gewesen sei, mit der Reparatur zu beginnen. Er habe die Ersatzteile bestellt, aber vor nächster Woche rechne er nicht mit der Lieferung, denn über Pfingsten sei ein langes Wochenende gewesen. Und wenn sie kämen, müssten sie erst in der richtigen Farbe gespritzt werden – was in der nächsten Woche nicht mehr möglich sei. Denn da sei Victoria Day und ein weiteres langes Wochenende, an dem er sich mit Freunden zum Angeln verabredet habe. Deshalb mache er seinen Laden schon am Donnerstagnachmittag dicht.

Nach dem belauschten Gespräch hatte Chris nichts anderes erwartet. Er war nicht einmal unglücklich über die Verzögerung, die es ihm ermöglichte, weiterhin das geheimnisvolle Fort aufzusuchen.

* *
*

Louisa

„Und was macht ihr tagsüber?“ wollte Chris bei seinem nächsten Besuch wissen.

Betretenes Schweigen in der Runde.

Am besten, du stellst keine Fragen!“ sagte Mom Sue.

In dieser Nacht lernte Chris auch die „Legende“ von Louisa kennen. Ihr Vater, der mit Frau und Kind aus der Ukraine eingewandert war, hatte hier in den Minen gearbeitet.

Louisa hatte die Oberschule besucht und dort ihren Freund gefunden. Sie waren beide unerfahren gewesen. Während einer Autofahrt gestand sie ihrem Freund, dass sie schwanger war – was sich kaum noch verheimlichen ließ. Der Junge war wütend geworden. Er wollte nichts mit dem Baby zu tun haben. Voller Verzweiflung war sie ausgestiegen und wollte über den bereits zugefrorenen Fluss zu Fuß nach Hause laufen. Aber es war November und das Eis noch brüchig. Sie brach ein, konnte noch herauskriechen und sich bis zum Fort schleppen. Dort starb sie an Unterkühlung.

Als Louisa sich mädchenhaft schüchtern, mit kleinen, trippelnden Schritten näherte, die Zehenspitzen vor Verlegenheit nach innen gekehrt, murmelte Old Featherby etwas wie: „noch was Wichtiges zu Erledigen“ in seinen Bart und ließ die beiden allein. Auch Chris war verlegen. Schweigend standen sie drei Meter voneinander entfernt. Ab und zu kreuzten sich ihre Blicke, woraufhin beide sofort wieder wegschauten.

Ich muss etwas sagen“, dachte Chris, „aber bloß nicht über das Wetter reden!“ Schließlich räusperte er sich und schlug mit belegter Stimme vor:

Kommst du mit zur Bank über dem Fluss?“

Louisa ging voran und setzte sich an das eine Ende der Bank; Chris nahm am anderen Ende Platz. Jetzt war die Reihe an Louisa, die Unterhaltung fortzusetzen. Auch sie räusperte sich, bevor sie mit ebenfalls heiserer Stimme fragte:

Stimmt das, was Choc´late erzählt?“

Chris wusste, was sie meinte:

„Ja.“

Hast du – äh, – hast du irgendwelche Probleme?“

Nein, keine Probleme. Ich tu es einfach, weil es mir Spaß macht.“ Es klang trotzig und leicht aggressiv.

Ein langer, prüfender Blick streifte Chris:

Macht es dir nur Spaß, Windeln zu benutzen oder möchtest du ein richtiges kleines Kind sein, mit allem, was so dazu gehört?“

Jetzt konnte Chris keinen Rückzieher mehr machen. Er gestand, dass er mit Puppen spiele, Schnuller benutze und Bettwäsche gekauft habe, die eher zu einem jungen Mädchen als zu einem Mann passte. Ihm war egal, was sie jetzt von ihm dachte – sie hatte gefragt! Louisa schwieg, blickte jedoch Chris unverwandt an. Ihre Augen glänzten im Mondlicht.

In diesem Augenblick kam Mom. Chris hatte ihr gleich nach seiner Ankunft verstohlen eine Einkaufstüte mit einigen Pampers und zwei seiner rosa Suprima PVC-Windelhöschen in die Hand gedrückt.

Ach, da bist du“, sagte Mom, “ich glaube, es ist Zeit für einen Wechsel.“

Sie hatte recht. Während der Unterhaltung auf der Bank hatte Chris, wie zur Bekräftigung seiner Worte, noch einmal kräftig in die Windeln genässt. Als er aufstand, fühlte er verstohlen nach, ob er schon durchfeuchtete. Mit rotem Kopf folgte er Mom zur Krankenstation. Als erwachsenes Baby hatte ihm noch nie eine Frau – und natürlich auch kein Mann – die Windeln gewechselt. Es war ihm peinlich, sich von Mom die Hosen aufknöpfen und halb herunterziehen zu lassen und sich dann auf die mit einem roten Gummilaken bespannte Liege zu setzen, wo ihm Mom die Hose von den Füßen streifte. Er musste sich zurücklegen und den Po anheben, damit ihm Mom den Schlüpfer, das Windelhöschen und schließlich die Pampers ausziehen konnte. Während sie Chris neu puderte, fragte sie:

Bist du ein Babymädchenmann – ein Mann, der ein Baby und als Baby ein Mädchen sein möchte?“

Chris war zu verlegen, um darauf zu antworten. Ohne lange auf eine Antwort zu warten, redete Mom Sue weiter:

Irgendetwas stört mich. Ich habe noch nie ein so behaartes Baby gesehen. Ich glaube, das große Baby hier hat auch sonst überall Haare, wo Babys keine haben.“

Mit einer Hand hob sie das Hemd von Chris hoch, mit der anderen fuhr sie hinein und fühlte nach:

Auch auf der Brust und unter den Achseln!“

Bald nach dem Windelwechsel verabschiedete sich Chris. Er wollte versuchen, das Kanu allein, ohne die Hilfe von Jim und Joe, zum Campground zu steuern. Mom, Louisa und auch Old Featherby begleiteten ihn zum Kanu hinunter.

Möchtest du die Sachen, von denen du erzählt hast, nicht einmal mitbringen, damit ich sie mir anschauen kann?“ flüsterte ihm Louisa zu, bevor er ins Kanu stieg. Ihre Hand streifte dabei wie unabsichtlich seine Hand.

Mom stand direkt neben ihnen und musste gehört haben, was Louisa geflüstert hatte. Jedenfalls gab sie Chris den Rat:

Ich würde mich erst einmal gründlich rasieren, bevor ich wieder her komme!“

Old Featherby, der nicht wissen konnte, worum es bei dieser Unterhaltung ging, machte einen seiner üblichen Witze:

Mein Bart bleibt, wo er ist. Wie soll mir denn sonst eine Frau um den Bart gehen können?“

Dann bis morgen. Ist doch recht, oder?“ fragte Chris noch, bevor er ablegte.

Du bist jederzeit sehr willkommen!“ gab Mom zurück.

*

Noch hielt sich das Wetter und die Nächte waren sternklar und hell. Für Chris war es kein Problem mehr, den Weg zum Fort und zurück auch ohne Mondschein zu finden. An diesem Abend schleppte er eine Reisetasche hinunter zum Kanu. In ihr hatte der die meisten seiner Baby- und Mädchensachen gepackt. Unter seinen Jeans und einem dünnen Rollkragenpullover trug Chris seine Strampelhose. Die Träger des Stramplers mit ihren Knopfleisten zeichneten sich deutlich unter dem Pullover ab. Auch der Schnuller, den er sich mit einem Band um den Hals gehängt hatte, war unter dem Pullover zu erkennen. Chris war gespannt, wie Mom und Louisa auf sein Outfit reagieren würden.

Wenn sich Mom so sehr für meine Pampers und Windelhöschen interessiert und Louisa sich meine Babysachen anschauen möchte, dann sollen sie mich auch in Babysachen sehen!“ hatte er sich gesagt.

Damit jedoch die übrige Mannschaft im Fort nicht mitbekam, was er unter seiner Straßenkleidung trug, hatte er sich noch eine Windjacke übergezogen, was wohl nicht weiter auffallen würde, da ständig ein kühler Wind den Fluss herauf wehte.

Gleich nach seiner Ankunft übergab er Louisa die Tasche, mit der sie in ihr Turmzimmer verschwand. Chris gesellte sich zu Old Featherby, der sofort wieder eine seiner haarsträubenden Geschichten zum Besten gab:

Hab ich dir schon erzählt, wie ich einmal im Winter von einem Schneesturm überrascht wurde und die Nacht in einer Höhle zusammen mit einem Bären verbrachte? ...“

Nach einiger Zeit kam Louisa zurück. Ohne auf Old Featherby zu achten, nahm sie Chris zaghaft an die Hand und führte ihn in die Arrestzelle. Sie setzte sich auf die Pritsche und zog ihn neben sich:

Willst du das Baby sein, das ich in mir trage?“

Fragend und zugleich ängstlich blickte sie Chris an. Hatte er sie richtig verstanden? Worauf wollte sie hinaus? Statt direkt zu antworten, nestelte er seinen Schnuller unter dem Pullover hervor und steckte ihn in den Mund. Louisa faste dies als Zustimmung auf. Sie nahm seine freie Hand und führte sie unter ihr T-Shirt auf ihren Bauch.

Fühlst du, wie du dich bewegst?“ fragte sie.

Chris war verwirrt. Ihr Benehmen wirkte so echt, dass es kein Schauspiel mehr sein konnte. Er fühlte die Bewegung in ihrem Bauch und nickte.

Ich möchte ein Mädchen haben. Für kleine Mädchen gibt es so süße Sachen zum Anziehen.“ redete Louisa weiter. „Wenn du mein kleines Babymädchen bist, werde ich dich genau so anziehen, wie ich es mir immer für mein Baby vorgestellt habe!“

Sie streichelte seinen Kopf und blickte ihn dabei mit einem so mütterlichen Ausdruck im Gesicht an, dass er sich fast automatisch in Fötusstellung auf die Seite drehte und seinen Kopf in ihren Schoß kuschelte.

Willst du meine Brust?“

Ohne seine Antwort abzuwarten, hob sie ihr T-Shirt hoch und presste seinen Kopf gegen ihre Brüste. Vorsichtig begann er an einem der Nippel zu saugen. Er hatte den Geschmack von Muttermilch im Mund – oder war es nur Einbildung, weil sie sich beide in die Rolle von Mutter und Kind hineingesteigert hatten?

Nicht – jetzt noch nicht!“ Erschrocken löste sie seinen Kopf von ihrer Brust.

Als Mom kam, um Chris die Windeln zu wechseln, meinte sie zu Louisa:

Du kannst auch mitkommen. Da kannst du gleich etwas für dein Baby lernen.“

Chris war befangen und unsicher, wie die beiden Frauen reagieren würden, wenn sie ihn in der Strampelhose sahen. Mom reagierte wie eine Mutter, die ihren kleinen Liebling an- und auszieht und redete in Babysprache mit Chris; Louisa streichelte ihn unablässlich und achtete darauf, dass er seinen Schnuller nicht verlor, den sie ihm vorsorglich in den Mund gesteckt hatte. Beim Anlegen der Pampers musste Louisa Mom zur Hand gehen, da sein durch die Berührungen stark erigiertes Glied sie immer wieder verrutschen ließ.

*

Nach zwei Wochen ließ ihm Earl die Nachricht zukommen, dass er sein Auto abholen könne. Vor der Werkstatt standen noch immer dieselben schrottreifen Wagen.

Mit der Reparatur des Wohnwagens müsse sich Chris noch gedulden, eröffnete ihm Earl. Es müsse einen Zimmermann hinzuziehen, schließlich sei er „Bodyliner“ und für Autos zuständig, nicht für Wohnwagen. Der Zimmermann, der in Frage käme, sei zurzeit jedoch mit Aufträgen stark ausgelastet.

Sicherlich ein weiterer Verwandter von Earl“, mutmaßte Chris.

*

Chris fuhr jede Nacht zur Insel hinüber, um Louisa zu sehen.

Du warst heute aber ein ungezogenes Baby“, empfing ihn Louisa eines Abends und gab ihm einen scherzhaften Klaps auf seinen gepamperten Hintern.

Was habe ich denn getan?“ fragte Chris zurück.

Du hast die ganze Zeit gestrampelt, als ob du raus wolltest“ erwiderte sie ernsthaft. „Ich bin gar nicht zur Ruhe gekommen.“

Chris war betroffen. „Als ob du raus wolltest“ – wie konnte Louisa gespürt haben, dass er einen Moment lang daran gedacht hatte, hier alles hinter sich zu lassen und nach Hause zurück-zukehren? War Louisa bereits so stark auf ihn fixiert, dass sie seine Gedanken fühlen konnte, auch wenn er nicht in ihrer Nähe war?

Stundenlang hatte er über sich und Louisa nachgedacht. Rätselhafte Schwingungen gingen von ihr aus, die ihn bei jedem Zusammensein stärker in ihren Bann zogen. Eines Tages würden sie ihn völlig durchdringen, seinen eigenen Willen überlagern und ihn zu einem Teil von Louisa werden lassen. Sollte er sich dagegen wehren, fliehen, den Campground, den Ort, am besten das Land verlassen, um Louisa zu entkommen? Dann sah er wieder ihr blasses, schmales Gesicht vor sich. Nein, Louisa hatte nur etwas geweckt, das tief in ihm geschlummert hatte! Er würde nicht vor ihr sondern mit ihr weglaufen! Und Louisas magischer Einfluss auf ihn?

Alles Blödsinn, Junge“, hatte er sich zugerufen, „du hast dich rettungslos verliebt!“

Er wollte mit Mom über seinen Plan sprechen, Louisa nach Deutschland zu holen. Bei passender Gelegenheit nahm er Mom zur Seite und gestand ihr, dass er immer mit Louisa zusammen sein wolle. Mom nickte:

Ich hab´ von deinem ersten Besuch an gewusst, dass ihr beide für einander bestimmt seid.“

Was meinst du, würde Louisa mit mir kommen?“ fragte Chris.

„Ausgeschlossen!“

Chris war betroffen von dieser vehementen und kategorischen Antwort.

Sie gehört hierher. An einem anderen Ort hättet ihr nichts voneinander“, fuhr Mom im versöhnlicheren Tonfall fort.

Als sie den zweifelnden Ausdruck im Gesicht von Chris sah, legte sie ihre Hand auf seinen Arm und sagte:

Jetzt musst du dich entscheiden, ob deine Liebe zu Louisa groß genug ist, alles aufzugeben und für immer hier bei uns zu bleiben. Wenn du dazu bereit bist, gib mir Bescheid. Dann werde ich dafür sorgen, dass du in unsere Gemeinschaft aufgenommen wirst. Überleg´ dir genau, was du wirklich willst.“

Nachdenklich ging Chris zu einer Stelle, von der aus er auf den Fluss hinunter blicken konnte. Hatte er sich nicht schon längst entschieden? Er wollte bei Louisa sein, alles Andere erschien ihm unwichtig.

Nach einer Weile gesellte sich Louisa zu ihm. Schweigend nahm sie seine Hand und verschränkte ihre Finger mit seinen. Chris fühlte den warmen Strom, der von ihr auf ihn überging, ein Strom, der ihm das Gefühl gab, zu schweben. Nach einer Zeit, die ihm wie eine Ewigkeit vorgekommen war, raffte sich Chris auf:

Lass uns jetzt zu Mom gehen!“

Louisa nickte nur und stand auf.

*

Chris war unterwegs zur Stadt. Dort gab es gleich zwei Malls, Einkaufszentren mit Filialen aller großen Warenhäuser. Louisa und Mom hatten ihm eine lange Liste von Dingen aufschreiben lassen, die er besorgen sollte. Sie selbst konnten nicht mitfahren – warum, hatten sie ihm nicht gesagt. Louisa wollte in erster Linie Wolle, um daraus niedliche Baby- und Mädchensachen für Chris zu stricken und zu häkeln. Chris sollte sich auch in den Baby- und Kleinkinderabteilungen umsehen und, wenn er etwas besonders Hübsches sah, es als Muster kaufen. Mom hatte ihre Wünsche ganz genau beschrieben. Sie wollte bestimmte Bett- und Kleiderstoffe. Chris würde lange suchen müssen, bis er die entsprechenden Stoffe fand. Mom und Louisa hatten sich auch beraten, welche Nahrungsmittel für ein Baby geeignet seien und sie Chris diktiert.

Die nächsten beiden Tage durchstreifte Chris alle einschlägigen Geschäfte der Stadt. Dabei hatte er das Gefühl, von Mom und Louisa begleitet zu werden. Schon während der Fahrt zu Stadt hatte er ihre Anwesenheit fast körperlich gefühlt, als hätten sie auf dem Rücksitz gesessen und sich mit ihm unterhalten. Beim Einkaufen schienen sie ihn zu führen, und wenn eine Verkäuferin nach Menge, Größe oder Maßen fragte, wusste Chris die Antwort, obwohl ihm die Bezeichnungen völlig fremd waren – als hätten ihm jemand vorgesagt. In den Damenabteilungen der Kaufhäuser und in den Boutiquen hatte Chris bei einigen Kleidungsstücken, die zu kaufen in Mom und Louisa ´einredeten´, den Verdacht, dass sie für Louisa selbst, Mildred oder Lucy bestimmt waren.

Abends im Motel war ihm, als würden Mom und Louisa ihn für die Nacht pampern und als er zu Bett ging, sah er Louisa vor sich und hörte, wie sie ihn in den Schlaf sang. Verwundert stellte er fest, dass er diese Verbundenheit mit den beiden inzwischen ganz selbstverständlich fand! Bei der Rückfahrt war sein Wagen bis unters Dach mit Einkaufstüten vollgestopft und sein Konto um Einiges erleichtert.

Zurück auf dem Campground musste er in der nächsten Nacht mehrere Male zum Fort übersetzen, um alle Einkäufe abzuliefern. Niemand vom Fort half ihm beim Ausladen, und den steilen Pfad zum Fort musste er die Sachen ebenfalls ohne Hilfe hinauftragen. Mom ließ ihn alles in einen Raum unter dem Store bringen, in welchem allerlei Geräte, Werkzeuge und Gebrauchsgegenstände lagerten. Zufällig entdeckte er darunter auch seine Reisetasche mit den Babysachen, die er Louisa mitgebracht hatte. Chris hatte keine Ahnung gehabt, dass sich unter dem Store ein versteckter Raum befand. Das eingefallene Dach hatte ihn bei Tage daran gehindert, sich genauer umzusehen. Aber es war wohl nicht das einzige Versteck, das er nicht bemerkt hatte. Irgendwo mussten ja auch die Versatzstücke lagern, welche die Truppe abends hervorholte, um das Fort im alten Glanz wiederentstehen zu lassen sowie die Teile, mit den sie morgens das Fort wieder in einen Ort des Verfalls und der Verwüstung verwandelte. Selbst bei einer ausgereiften Theatertechnik, die hier sicher nicht zur Verfügung stand, würde der jeweilige Umbau einige Zeit in Anspruch nehmen. Chris fragte sich, wieso die Truppe solche Mühen auf sich nahm. Oder ging hier etwas vor sich, dass er, wie so vieles, was mit dem Fort im Zusammenhang stand, mit rationellem Verstand nicht begreifen konnte?

*

Gleich beim nächsten Besuch fragte Chris Old Featherby im scherzhaften Ton, ob die Leute im Fort Gespenster seien, wie man im Ort behaupte.

Ob wir Gespenster sind, willst du wissen?“ Die Bartspitzen von Old Featherby zitterten vor Erregung.

Fass mich an! Fühlt sich so ein Gespenst an?“

Chris wollte schon antworten, dass er noch nie ein Gespenst angefasst habe und daher nicht wisse, wie es sich anfühle, stockte jedoch erschrocken, als Old Featherby sein Messer aus dem Gürtel zog. Chris befürchtete, dass der sichtlich aufgebrachte Old Featherby auf ihn einstechen würde. Aber Old Featherby ritzte sich mit dem Messer den Handballen auf. Blut tropfte auf den Boden.

Hast du schon mal Gespenster gesehen, die bluten? Hast du? Nein, mein Sohn, wir sind keine Gespenster. Wir leben!“

Aber die Geschichten, wie ihr hier alle auf oder bei dem Hügel ums Leben gekommen seid?“ wollte Chris wissen.

Die sind genau so echt, wie wir!“ antwortete Old Featherby nur und beschäftigte sich intensiv mit seinem Whiskeykrug.

Wenn schon der sonst so erzählfreudige Old Featherby nicht mehr verriet, hatte es keinen Sinn, einen anderen der Truppe zu fragen, sagte sich Chris.

Trotz der eindrucksvollen Demonstration von Old Featherby war sich Chris nicht mehr sicher, dass es sich um eine Theatergruppe handelte. Vielleicht waren es tatsächlich Geister, die ihre frühere Gestalt annehmen konnten. Die geheimnisvolle Kraft des Hügels ließ sie nicht altern. Auch konnten sie alles, was sie besessen hatten und was sich bei ihrem Tod auf dem Hügel befunden hatte, weiter benutzen. Denn auch diese Dinge vergingen ebenso wenig wie ihre Körper. Und dieser Kreislauf wiederholte sich jede Nacht aufs Neue – wie in einer unendlichen Schleife eines Computerprogramms: Die Herzprobleme von A. B. Mackenzie würden nie aufhören, die Hand- gelenke von Lucy nie heilen und Louisa würde ihr Baby nie bekommen. Mom und Louisa hatten ihre Wünsche nicht selbst aufschrieben, weil ihre Liste nur eine Nacht lang existieren würde, und Chris musste die Einkäufe ohne Hilfe ins Fort schaffen – sie mussten eindeutig sein Besitz sein, wenn ...

Chris scheute sich, den Gedanken zu Ende zu führen. Vielleicht bildete er sich ja die Existenz der Fortbewohner bloß ein, angeregt durch den magischen Zauber, der nachts vom Hügel ausging. Was es auch immer sein mochte, für Chris waren Louisa, die ihn als ihr Baby adoptieren wollte, und die Leute im Fort, die ihn als Babymädchen in ihre Gemeinschaft aufnehmen wollten, Realität – seine Realität.

*

Wind und Regen peitschten über den Campground. Von Ferne drang Donnergrollen herüber. Bei diesem Wetter traute sich Chris nicht mit dem Kanu auf den Fluss hinaus. Jemand pochte laut an die Tür seines Ferienhauses. Es waren Jim und Joe.

Du nicht können alleine bei diesem Wetter kommen“, sagte Joe, „deshalb wir holen dich!“

Chris zog seinen Regenumhang über und ging mit ihnen zum Fluss hinunter. Dort setzten sie das Kanu, das Chris immer benutzte, ins Wasser und ließen ihn in der Mitte einsteigen. Für die beiden Indianer bereitete die Fahrt über den Fluss zum Fort auch bei diesem Wetter keine Schwie-rigkeiten. An der Anlegestelle erwartete ihn die gesamte Truppe. Louisa nahm in an die Hand, Old Featherby zwinkerte ihm zu. Gemeinsam gingen sie zum Fort hinauf und versammelten sich in der Kapelle.

Grelle Blitze erhellten sekundenlang den Raum, die Kerzen flackerten unruhig. A. B. und Sue Mackenzie, Chris und Louisa traten vor die anderen. Louisa hielt noch immer die Hand von Chris fest.

Chris, du willst also bei uns bleiben?“ begann Mom die Zeremonie.

Ja – bei Louisa“, fügte Chris hinzu.

Louisa lächelte glücklich.

Als Louisas Baby?“ setzte Mom ihre Befragung fort.

Chris nickte:

„Ja“

Du weißt, dass sich Louisa ein Mädchen wünscht? Willst du es sein?“

Wieder nickte er. Seine Antwort ging im Donnergrollen unter.

Und du, Louisa, willst du Chris als dein Baby annehmen und dich wie eine richtige Mutter um ihn kümmern?“

Und ob ich das will!“ antwortete Louisa mit sanfter Stimme in hartem Englisch.

Seit ihr damit einverstanden, das Chris als Louisas Baby zu uns kommt?“ wandte sich Mom an die übrigen Anwesenden.

Zustimmendes Gemurmel war die Antwort.

Wer möchte noch etwas sagen?“

Joe machte sich bemerkbar.

Ja, Joe?“

Als ein Weendigo, ein böser Geist, hatte gefangen genommen Nanabusch, ein Wiesel riet ihm, er soll sich benehmen wie ein kleines Baby, so sprechen und so weinen. Das machte den Weendigo mitleidig und er pflegte Nanabusch wie ein Baby. So Nanabusch blieb am Leben. Trotzdem er ist ein Held.“

Es war die Art der beiden Indianer, ihre Zustimmung mit einer Legende ihres Volkes auszudrücken.

Louisa, dann musst du jetzt Chris als dein Babymädchen schlafen legen. Tu das, was wir besprochen haben. Wenn Chris dann wieder aufwacht, seid ihr beide für immer zusammen“, schloss Mom die Zeremonie.

Louisa ging mit Chris in ihr Turmzimmer. Chris spürte ihre Verlegenheit, als sie ihn auszog und ihre Erregung, als er sich auf das Bett legen musste und sie ihm neu einkleidete. Sie legte ihm gleich mehrere Pampers übereinander um und zog das größte Windelhöschen, das er hatte, darüber. Ein Mädchenoberhemd, eine Rüschenbluse und weiße, halb durchsichtige Strumpfhosen, unter denen die rote Windelhose deutlich zu sehen war, folgten. Nur mit Mühe konnte sie einen kurzen, altrosa farbenen Minirock über das dicke Windelpaket streifen. Zuletzt zog sie ihm noch die weiß und rosa gefärbten Laufschuhe an. Die meisten dieser Sachen hatte Chris erst neulich in der Stadt erworben. Als er fertig angekleidet war, setzte sie sich zu ihm auf das Bett, band ihm ein Lätzchen um, nahm seinen Kopf in den Schoß und gab ihn sein Fläschchen – nachdem sie zuvor wie eine erfahrene Mutter die Temperatur auf dem Handrücken geprüft hatte.

Das Fläschchen schmeckte Chris nicht, er hatte einen bitteren Nachgeschmack im Mund, aber Louisa bestand darauf, dass er es bis zum letzten Tropfen austrank.

Damit er ein Bäuerchen machen konnte, legte sie ihn mit dem Bauch über ihren Schoß und drückte auf seinen Rücken. Schließlich bettete sie ihn sanft zurück auf das Lager, steckte ihm einen seiner Schnuller in den Mund und legte ihm seine Puppe in den Arm.

Louisa blieb auf den Rand der Pritsche sitzen. Sie ergriff seine Hand und stimmte verhalten ein schwermütiges russisches Schlaflied an.

Schlaf schön, mein Baby“, sagte sie zwischen den Strophen und küsste dabei seine Hand, „wenn du aufwachst, bist du für immer mein kleines Babymädchen!“

Ein hohles Dröhnen breitete sich in Chris Kopf aus.

Ein Schlafmittel also“, dachte er und, als er das erste leise Ziehen in seinem Bauch verspürte, „auch noch ein Abführmittel. Deswegen der komische Geschmack.“

Das Letzte, was er wahrnahm, waren die auf ihn gerichteten unergründlichen graublauen Augen von Louisa. Danach zerflatterten seine Gedanken.

* *
*

Nachtrag

Regionaler Rundfunksender, Lokalnachrichten, Montag, 8:30:

Vermisst wird seit Sonntag ein Tourist, der Quartier auf dem hiesigen Campground bezogen hatte. Wie ein Sprecher der zuständigen Polizeibehörde mitteilte, war der Tourist mit einem Kanu auf den Fluss hinaus gefahren. Angestellte des Kraftwerks fanden heute Morgen das Kanu in der Überlaufrinne des Staudamms. Die Polizei befürchtet, dass der Tourist vom schlechten Wetter überrascht und gekentert sein könnte. Die Suche nach ihm ist noch im Gange.“

Gespräch zwischen zwei Nachbarinnen beim Einkaufen, Dienstag, 11:30:

Hast da schon das Neueste von dem Touristen gehört, der gesucht wurde?“

Nein. Hat man ihn gefunden?“

Man hat seine Leiche im Gespensterfort gefunden. Er lag dort in einem der Türme auf einer Pritsche, als Mädchen verkleidet, eine Puppe im Arm und einen Schnuller im Mund!“

Oh, nein! Aber jetzt, wo du das erwähnst, erinnere ich mich. Ich hab´ ihn mal im Waschsalon gesehen. Da hat er auch Sachen gewaschen, die für einen Mann reichlich seltsam waren. Bloß da wusste ich noch nicht, wer er war und hab´ mir nichts dabei gedacht. Woher weißt du das alles?“

Ich weiß das von meiner Cousine, die, welche mit Constable Allen von der Polizei verheiratet ist. Und stell dir vor, unter dem Rock hatte er Pampers an und die soll er von oben bis unten beschmutzt haben!“

Igitt, abscheulich! Und woran ist er gestorben?“

Das untersucht die Polizei noch. Bisher vermutet sie Selbstmord. Man fand ein Babyfläschchen mit seinen Fingerabdrücken neben ihm. Es ist zur Analyse in die Stadt geschickt worden.“

Hatte er Verwandte oder wird er hier beerdigt?“

Bis man Verwandte ausfindig gemacht hat, dauert es einige Zeit. Das läuft auf diplomatischem Weg. Man wird ihn wohl neben den Anderen beim Fort beisetzen – oder willst du hier auf unserer Seite des Flusses einen Geist begraben haben?“