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Baby-Impressionen aus Kanada
02
Baby-Impressionen aus Kanada

Impromptu

Wie Baby Wia zu seinem Namen kam

Der Druck auf meine Blase wurde immer stärker. Vor mir flimmerte der Highway in der Hitze. Mackinac Trail, Drummond Is., South 75 – fremde Namen und Begriffe huschten vorbei. Mein Dampfschnuller schmeckte nach Stroh. Vor knapp zwei Stunden hatte ich Mommy und Daddy zumAbschied umarmt, umkläfft von ihrem Terriermischling ... (keinen Namen bitte). Ohne die von Mommy fürsorglich angelegten Pampers und die Windelhöschen darüber fühlte ich mich schutzlos und irgendwie nackt. Am liebsten wäre ich in ihre Obhut zurückgekehrt, mit nassen Hosen, verschämt denDaumen im Mund. Für eine Woche war ich bei Mommy und Daddy in die Rolle von „Wia“ geschlüpft. Die beiden hatten offenbar Spaß daran gefunden, dem Baby Wia zu einer eigenen Identität zu verhelfen, die es von jedem anderen Baby unterscheidet.

Abends im Kaminzimmer, in das durch die Fliegengitter die Brise von der Bay strich, war Daddy bei einer Flasche Rotwein auf sein Lieblingsthema zu sprechen gekommen:

„Kein Baby gleicht dem anderen, you know. Wir tolerieren das – in gewissen Grenzen allerdings. Sex mit Kindern, Videos davon, oder aber gefährliche Sachen, die zu Gesundheitsschäden führen können, da machen wir nicht mit. Das ischt gar nicht luschtig!“

Der dunkle, klagende Ruf eines Loon, Sterntauchers, unterbrach Daddys Redefluss.

„Es gibt viele scheue Babys, die keine Möglichkeit haben, aus dem Verborgenen herauszukommen und ihren Weg als Babymann oder Babyfrau zu finden.“

Mommy hatte zustimmend genickt. Sie überließ Daddy das Theoretisieren; sie organisierte und handelte.

„Das Baby braucht einen eigenen Namen!“ meinte sie. „Wir müssen einen Namen für das Baby finden.“

Nach einigen Vorschlägen blieben dem Baby drei Buchstaben eines Namens im Gedächtnis:

„Wia. Ich bin Baby Wia.“

„Okay, Wia, darauf stoßen wir an“, stimmte Daddy zu und füllte die Gläser auf.

Mommy verschwand für einen Moment und kam mit einem Babyfläschchen zurück.

„Babys können noch nicht aus Gläsern trinken“, erklärte sie.

Schnell war der Wein für das Baby ins Fläschchen umgefüllt. Jetzt hatte Daddy Bedenken:

„Darf Wia denn schon Wein trinken?“

„Das ist doch nur eine Art Traubensaft“, entschied Mommy.

Daddy hob sein Glas:
„Auf ein langes Babydasein für Wia!“

Während Mommy und Daddy an ihren Weingläsern nippten, nuckelte Baby Wia den Wein aus der Flasche.

Nach einer Weile nahm Daddy sein altes Thema wieder auf:

„Look, I tell you, manchmal gibt es schon große Geburtswehen, ehe sich ein Boy oder Girl zu seiner Babypassion bekennt. Manche können es aus familiären oder beruflichen Gründen nicht offen tun.“

Auch bei Wia war es eine etwas schwierige Geburt gewesen. Baby Wia ist noch immer sehr scheu. Aber es wird Kontakte zu anderen Babys aufnehmen und zu Babytreffen gehen. Vielleicht findet es Freunde, die Wia gerne leiden mögen.

 

Baby Wia nach seiner Geburt

*      *

*


Wias erstes Kleid

Drückende Hitze lastete über The Soo. Unter der leichten Sommerhose zeichnet sich Wias dickes Windelpaket mit dem gerüschten Plastikhöschen darüber deutlich ab. Wia traut sich kaum aus dem Wagen. Mommy lächelt aufmunternd:

„Keine Angst, niemand wird etwas sagen, nur Eingeweihte denken sich ihren Teil, wenn sie es sehen!“

Schüchtern folgt ihr Wia in die City Mall.

„Jeans sind hier billiger als in Deutschland“, erklärt Mommy und steuert auf ein Kleidergeschäft zu.

Nach langem Suchen und, nachdem sie wie zufällig in der Damenabteilung gelandet sind, finden sie die passende Größe für Wia. Zielstrebig geht Mommy weiter in die Mädchenabteilung. Wia folgt mit fragendem Gesicht. Mommy lächelt verschmitzt.

„Ich weiß, dass mein Baby gerne süße, verspielte Sachen trägt. Und die Sachen für brave kleine Mädchen sind nun mal niedlicher als die für wilde Jungs!“ erklärt sie.

Verlegen folgt Wia der Mommy, die ein Kleidchen und ein kurzes Latzhöschen heraussucht und es Wia  anhält, um zu sehen, ob die Größe stimmt.

„Jetzt musst du die Sachen erst anprobieren, ehe wir sie bezahlen!“

Wia will abwehren, aber Mommy winkt eine Verkäuferin heran und bittet sie, eine Umkleidekabineaufzuschließen.

„Damen oder Herren?“

Fragend blickt die Verkäuferin Mommy und Wia an. Einen Moment lang befürchtet Wia, Mommy würde die Damenkabine öffnen lassen.

„Für Männer“, kommt Wia Mommy zuvor.

Mit dem Stapel von Kleidungsstücken überm Arm geht Wia in die Umkleidekabine. Durch ihren um die Hüften etwas fülligeren Schnitt sitzen die Jeans wie angegossen über dem Windelpaket. Mommy lässt sie sich vorführen und ist zufrieden.

„Und nur zeig´ mir, wie die anderen Sachen passen!“ befiehlt Mommy.

Wia muss zurück in die Kabine. Die Latzhose ist zu klein, ihre Träger sind zu kurz. Mommy klopft an die Kabinentür. Wia muss mit dem Kleidchen vor die Kabine kommen und sich im Spiegel zeigen. Ängstlich vergewissert sich Wia vorher, ob Verkäuferinnen oder andere Kunden in der Nähe sind.

Der Einkauf zieht sich hin: Zum Kleidchen kommen noch passende Schühchen, Söckchen, Strumpfhosen, Schlüpferchen, Unterhemdchen, ein warmer, pinkfarbener Kuschelanzug für kalte Tage, ein Mädchentop – und in allen möglichen Boutiquen die Frage nach einem kurzen Latzhöschen. Vor Aufregung hat Wia die Windeln längst nass gemacht. Zum Abschluss gibt es noch Eistee und einen Donut am Imbissstand. Auf dem Weg zum Wagen beginnt Wia erneut auszulaufen. Vorsichtig schiebt sie sich auf den hohen Beifahrersitz des Pickup. Da passiert es: Es läuft warm an Wias linkem Oberschenkel hinab.

„Mommy!“

„Was hat Wia denn?“

Wias Hand an der Hose verrät alles.

„Oh-oh, Wia nass gemacht?“ fragt Mommy in Babysprache. „Lass ´mal sehen!“

Mitten auf dem Parkplatz inspiziert sie das Ausmaß des Unglücks. Hinten an der Hose zieht sich ein feuchter Streifen bis zum Knie hinab.

 

„Da wird Wia wohl nicht mehr weiter einkaufen können!“

Während Mommy noch zur Post und zur Bank geht, darf Wia beim Wagen bleiben. Im Wagen ist es zu heiß und Wia steigt aus. So gut wie eben möglich versucht Baby Wia sein unterdessen schweres Windelpaket und die feuchte Rückseite vor den Passanten zu verbergen. Anschließend fährt Mommy noch bei einem anderen Supermarkt vorbei. Wia muss mit hineingehen und bei einem belebten Eisstand auf Mommy warten.

Zu Hause empfängt Daddy die beiden Shopper mit lautem Hallo. Der kleine Koboldhund schlägt Purzelbäume vor Wiedersehensfreude.

„Nun zeigt ´mal, was ihr alles eingekauft habt“, fordert Daddy.

Mommy breitet die Einkäufe vor ihm aus.

„Oh my God, ihr habt ja die Stadt halb leer gekauft“, ruft er aus.

Als sich Wia dann in dem neuen Trägerkleidchen aus blau gemustertem Kattun zeigt, ist auch er  begeistert, wie gut es Wia steht. Und zu Mommy und Wia gewendet meint er:

„Das hat sich aber gelohnt, da hätte ich gerne noch ein paar Stunden länger auf euch gewartet!“

Am Abend gibt Mommy Wia eine Babypuppe zum Spielen.

„Willst du sie nicht füttern und wickeln?“

 

                                                                                                         

Baby Wia mit Puppe                                                                                                                                                                                                                                                                   und mit seinem neuen Kleid

 

Wia hatte noch nie eine Puppe besessen. Unter Mommy´s wachsamen Augen, begleitet von Daddys Kommentaren, spielt Baby Wia nach, was es am Tage mit Mommy erlebt hat.


Es wird ein langer Abend. Gewitterböen peitschen Regen und Hagel gegen das Giebelfenster der Halle. Man hört das Brechen von Bäumen, Licht und Telefon fallen aus. Nicht nur für den Hund, der sich unter dem Tisch verkriecht, auch für Klein-Wia ist es ein beängstigendes Schauspiel. Dennoch freut sich Baby Wia, dass es so lange aufbleiben darf, weil es sein neues Kleidchen die ganze Zeit über anbehalten kann. Als Wia auch noch mit dem Kleidchen ins Bett gehen will, greift Mommy energisch ein.

*      *

*


Rückgewöhnung mit Hindernissen

oder Wias erste Flugreise

Wia war noch nie geflogen. Wias Alter Ego schon – das hatte zusammengerechnet mindestens einpaar Mal den Globus umrundet. Aber für Baby Wia war es der erste Flug, den es wohlverpackt in Windeln antreten sollte. Mommy hatte darauf bestanden, obwohl Wia ihr fest versprochen hatte, auf dem Rückflug wieder ganz „groß“ zu sein und trocken zu bleiben.

„Du bist die ganze Zeit hier bei uns in Windeln ´rumgelaufen. Da verlernt man schnell, wie ein Erwachsener rechtzeitig zur Toilette zu gehen. Ich weiß nicht, ob du dich so schnell wieder umstellten kannst!“ hatte sie gemeint und Wia vor der Abfahrt zum Flughafen frisch gewickelt. Zur Sicherheit hatte sie dem großen Baby zwei Pampers übereinander unter dem durchsichtigen Plastikhöschen angelegt.

Wia hatte Urlaub bei Mommy und Daddy in Kanada gemacht. Es war eine schöne Zeit gewesen, mit Spielen im Sand am Seeufer, Shopping in der Stadt und mit einem Gewittersturm, bei dem ein verschüchtertes Baby froh über sein Windelpaketchen gewesen war. Trocken zu bleiben war leichter versprochen als durchgehalten. Schon auf der Fahrt in die Stadt hatte Wia Mühe, an sich zu halten. Als Wia immer unruhiger auf dem Sitz herumrutschte, erlaubte Mom-my dem „großen“ Baby, in der City Mall eine Toilette aufzusuchen. Im Flughafen musste Wia sofort wieder auf die Toilette, und da sich der Abflug verzögerte, erneut im Flugzeug nach Toronto. Und so ging es weiter: in Toronto während des Wartens auf den Anschlussflug zweimal (zugegebenermaßen einmal rein vorsichtshalber vor dem Einsteigen) und im Flugzeug nach dem Abendessen. Der Flug über den Atlantik zog sich hin. Jedesmal, wenn Wia zur Toilette wollte, standen Schlangen vor ihr. Obwohl Mommy Reservepampers in Wias Köfferchen getan hatte, traute sich Wia nicht, die Windeln zu benutzen – noch nicht. Es (das Baby Wia) hätte dann früher oder später die Windeln wechseln müssen und sich dazu mit dem Köfferchen oder den in einer rosa Plastiktüte verpackten Pampers mit den anderen Passagieren anstellen müssen. Bis Paris ging noch alles gut.

Aufregung mit dem Koffer, Umsteigen in die Maschine nach Hamburg, keine Zeit zur Toilette zu gehen. Trotz aller guten Vorsätze wurden die Windelchen zum ersten Mal nass. Danach waren alle der Mommy gegebenen Versprechen vergessen. In Hamburg Probleme mit dem in Paris gebliebenen Koffer, warten, reklamieren. Jetzt schwammen die Windeln von Baby Wia bereits vor Nässe. Als Wia dann auf der Heimfahrt schnell ein paar Lebensmittel fürs Wochenende einkaufte, machten sich auch noch die ganzen im Flugzeug gereichten Imbisse bemerkbar. Im Fahrstuhl zur Wohnung hinauf hingen Wias Windelchen ziemlich schwer zwischen den Beinen. Sie waren nicht nur nass, sondern auch voll.

Es war Wia leicht gefallen, wieder ein kleines Baby zu werden, sich jedoch als kleines Baby erwachsen zu benehmen, fiel Wia schwer.

*      *

*


Wo mich kein Elch knutschte (Kanada 1996)

 

Ich glaub, mich knutscht ein Elch ... im Wohnmobil.

Anfang September zwei Wochen in Windeln auf der „längsten Straße der Welt“ durch die kanadische Provinz Ontario.

Möchte sich außer mir noch jemand knutschen lassen?

(Kosten: Hin- und Rückflug ca. 1000,- DM, ½ Wohnmobil 637,- DM

& laufende Ausgaben)

Weibliche Begleitung so sehr ersehnt, dass alle Kosten übernommen werden!

Baby Wia

Diese „Werbung“ hatte ich bei GUWI in Hamburg auslegen lassen. Niemand sonst wollte sich knutschen lassen. Baby Susi aus Berlin hatte abgewinkt – es war ihm zu teuer. Also fuhr ich allein. Um es vorweg zu nehmen, ein Elch hat mich nicht geknutscht. Ich habe nicht einmal einen zu Gesicht bekommen. Aber sonst war die Fahrt so, wie ich es mir vorgestellt hatte – von gewissen Startschwierigkeiten abgesehen. Überzeugt Euch selbst, liebe Mit-Babys:

Eigentlich hätte ich schon beim Einchecken in Hamburg misstrauisch werden müssen, als mir die Air France keine Bordkarte für den Weiterflug von Paris nach Toronto ausstellen konnte. In Paris brachte mich der junge Mann am Schalter in der Business Class unter, nachdem er zuvor fünfzehn Minuten auf seinem Computer herumgehackt hatte.

Dem angenehmeren Flug in der besseren Klasse folgte in Toronto die erste Ernüchterung. Mein Koffer war nicht mitgekommen. Er sollte mir bis zum nächsten Abend zum Campingplatz nach gebracht werden.

Während des Fluges hatte Baby Wia brav die Toilette aufgesucht, obwohl es Pampers anhatte. Es wollte nicht nach „Baby“ riechen. Und für einen Windelwechsel mit der großen Reisetasche durch die Reihen zu gehen, traute es sich nicht. Im Wohnwagen ließ es Wia dann ungehemmt laufen. Die offizielle Wagenübergabe erfolgte bereits in nassen Windeln. In der Tasche waren noch zwei Pampers zum Wechseln, die Reservewindeln befanden sich im Koffer, und morgen war Sonntag. Es würde knapp werden.

Um drei Uhr nachts lief die zweite Windel über. Wia brauchte unbedingt Nachschub.

„Shopping on Sunday? No problem!“

Es war zwar Sonntag, dennoch hatten die meisten Geschäfte geöffnet, speziell die größeren im nächsten Einkaufszentrum.

Der Koffer kam nicht. Anrufe bei der Fluggesellschaft am nächsten Morgen ergaben, dass er gestern dem Fahrer übergeben worden war. Ich konnte also hoffen und machte ich den Wagen startklar, füllte den Frischwassertank auf, entleerte den Abwassertank und Wia entsorgte die nassen Windeln. Dabei ließ ich mir Zeit. Gegen 12 Uhr war ich so weit und fuhr zum Eingangsbüro. Dort winkte man mich aufgeregt heran. Ein Koffer war abgegeben worden. Es war tatsächlich meiner.

Als erstes wollte ich bei der Station von Cruise Canada in Bolton vorbeifahren, trotzt Labour Day. An einer der vier Ketten, mit denen die Wohnkabine auf dem Pick-up befestigt war, war der Verschlussring verbogen und offen. Nach zehn Kilometern auf der Schnellstraße nach Norden knallte mir das Bodenblech der überstehenden Wohnkabine auf das Führerhaus. Mit 40 km/h und Warnlicht fuhr ich bis zur nächsten Ausfahrt. Der Austausch einer herausgerissenen Schraube an der nächsten Tankstelle hielt weitere zehn Kilometer. Um 13 Uhr hatte ich endlich die 30 Kilometer vom Campingplatz zum Hof von Cruise Canada in Bolton geschafft. Das Tor war verschlossen, kein Mensch weit und breit zu sehen. Es war eben „Tag der Arbeit“!

Ein Shuttlebus der Firma mit Gästen zum Flughafen hielt. Der Busfahrer ließ mich auf dem Hof parken. Gegen 14 Uhr kam die stellvertretende Managerin vorbei, weil sie vergessene Wagenpapiere für ein Wohnmobil nach reichen musste. Eine Stunde später hatte ich einen neuen Wagen und weitere zwei Stunden später erreichte ich endlich hinter Barrie den Highway 11 – die Yonge Street, die „längste Straße der Welt“, allerdings nicht, ohne mich auf dem Weg dorthin verfahren zu haben. Nach meiner älteren Karte hätte ich die Straße 11 kreuzen müssen – nur gibt es zwischen Toronto und Barrie keine Straße 11 mehr!

Gegen Abend hatte Wia am Rand des Windelhöschens ein leicht feuchtes Gefühl. Ein schneller Windelwechsel auf dem Gelände eines Vertreters für Wohnwagen und Boote war angesagt.

*

Da ich schon einiges über den „Algonquin Provincial Park“ gehört hatte, bog ich auf die Straße 60 nach Osten ab. Der Highway 60 verläuft mitten durch den Naturschutzpark. Es begann zu dämmern. In einem Pub (wir würden „Kneipe“ dazu sagen) erkundigte ich mich nach dem nächsten Campingplatz. Der war keine zehn Kilometer entfernt. Das Motto des Platzes war: „We Pamper our Campers!“ Zunächst aber pamperte sich Wia und richtete die Schlafkabine für die nächsten vierzehn Tage ein: Gummiunterlage und Laken auf die Schaumgummimatratze, das bezogene Gummikopfkissen, die Wolldecke im Bärli-Bettbezug, Schnuller, Windeln, Windelhöschen griffbereit neben der Matratze, Babyschlafanzug, -schühchen und -häubchen unter der Decke, den Globetrotterschlafsack als Überdecke. Und natürlich Julchen, meine Puppe!

Das Wandern im Algonquin Provincial Park hatte Wias Darmtätigkeit angeregt. Während der Mittagspause auf einem Rastplatz am Highway 11 (Übernachtungen sind auf diesen Plätzen verboten) ließ Wia der Natur ihren Lauf – in die Windeln. Während des anschließenden Trockenlegens in derniedrigen Schlafkabine bekam das Laken einige Flecken ab. Dem Versuch, es mit einem feuchtenLappen zu säubern, war nur mäßiger Erfolg beschieden. Dafür sah es jetzt wie ein richtiges Babylaken aus.

*

In Cochrane biegt die Straße 11 als Trans-Canada Highway nach Westen ab und verläuft bis Thunder Bay am Oberen See parallel zur transkanadischen Bahnlinie. Straße und Bahn verbinden eine Kettevon alten Minenstädten zwischen Cochrane und Hearst. Auf diesen 200 Kilometern ist noch wenigvon der kanadischen Taiga zu erkennen. Als ich dann endlich doch „im Wald“ war, bekam ich Probleme mit dem Wind. Das Wetter, bisher windig aber meist heiter, war umgeschlagen in Sturm und Regen. Die Luft war so feucht geworden (90% Luftfeuchtigkeit), dass ich die Streichhölzer mit dem Feuerzeug anzünden musste.

Auf dem River View Campground in Long Lac war ich einziger Gast. Ein Gewitter zog auf und rüttelte an meiner Wohnkabine. Es war ein richtiges „Wiegegefühl“. Wia freute sich darauf, in den Schlaf gewiegt zu werden. Als es Schlafenszeit war, ließ der Wind jedoch nach. Mit dem Gewitter letzte Nacht hatte sich der Regen verabschiedet. Die Sonne schien wieder. Am Nordufer des Lake Superior bog ich auf den Highway 17 nach Osten ab. Immer wieder eröffneten sich wunderschöne Ausblicke auf den Oberen See.

*

Baby Wia fühlte sich rundum zufrieden. Es spürte das dicke Windelpaket zwischen den Beinen, das´leichte und nicht unangenehme Scheuern der Abschlüsse des Plastikwindelhöschens von GUWI mit den breiten Beinansätzen, das Reiben der engen Strumpfhose unter den Jeans. Äußerlich war es Hardy; nur Eingeweihte und Kenner der Materie konnten die überproportionale Ausbuchtung am Gesäß und im Schritt richtig deuten. Baby Wia konnte unter sich nässen, wann immer ihm danach war – und ihm war fast immer danach, im Stehen, im Sitzen, am Lenkrad, im Liegen. Selbst wenn es morgens die Toilette für das große Geschäft aufsuchte, waren die Windeln auf dem Weg dorthin bereits feucht. Tag und Nacht in Pampers, fühlte es sich so richtig „geborgen“. Die Scheu, in der Öffentlichkeit Windeln zu tragen, hatte es schon in den ersten Tagen abgelegt. Nicht einmal der erste Einkauf in einem Drugstore, noch in Toronto, hatte es sonderlich aus der Fassung gebracht, auch nicht, als es mit den drei großen Paketen an der Kasse mit der Kreditkarte seines Alter Ego bezahlte: Vorlagen, die durch mitgelieferte Gummibänder rechts und links gehalten wurden (gut geeignet an warmen Tagen unter Windelhaltern), große Pampers mit drei seitlichen Klebestreifen für die Nacht und mittlere mit nur zwei Klebestreifen für den Tag. Nach mehreren Nothalten für einen unbedingt nötigen Windelwechsel war es dazu übergegangen, tagsüber mindestens zwei Einlagen in die mittelgroßen Pampers zu legen oder aber über eine der mittelgroßen Pampers noch die große mit den drei Klebestreifen zu ziehen, die untere Windel grob perforiert, damit sie die Nässe weitergeben konnte.

Nachdem das Laken morgens mehrmals feuchte Flecke aufgewiesen hatte, schlief Wia mit drei Lagen Pampers übereinander. Aber selbst die reichten nicht immer aus, wenn sich das Baby im Schlaf wälzte und die Nässe seitlich ablief.

Irgendetwas war immer nass. Letzte Nacht war es der Schlafanzug bis zum Bauch. Abendliches Windelhöschenspülen gehörte zu den Routineübungen auf der Tour. Durch die hohe Luftfeuchtigkeit brauchten die Windelhöschen in der Regel zwei Tage, bis sie wieder trocken waren, andere Sachen trockneten gar nicht, z. B. das Hygienehöschen mit den eingearbeiteten Saugpolstern. Wia hatte es nur einmal des besseren Halts wegen über die Pampers gezogen und es war prompt nass geworden Am Ende der Reise musste Wia es feucht in den Koffer packen.

                                                                             ..

 

*

In Sault Sainte Marie deckte sich Wia mit Windeln für die nächste Woche ein. Jetzt wusste das Baby ja, welche Sorte sich am besten bewährt hatte. Auch das gut riechende Babypuder, nach dem es bishervergeblich Ausschau gehalten hatte, fand es im Regal für Babyartikel. Und einmal beim Einkaufen bekam Püppchen Julchen auch ein neues Kleid aus der Babyabteilung. Gerne hätte Wia ja auch nach hübschen Sachen für sich selbst gesucht, aber das Baby brachte nicht die Courage auf, in der Mädchen- und Damenabteilung herumzustöbern. Vor dem Schlafengehen auf dem Campingplatz bei Sudbury machte Wia noch ein Photo von Julchen in ihrem neuen Kleid (und mit Wias Schnuller in der Hand).

 

 

In der vorletzten Nacht konnte ich schlecht schlafen. Vielleicht hätte ich mir zum Abend doch nicht die Büchse Baked Beans, den Becher Wiener Melange und den Dognut „reinziehen“ sollen. Oder war es etwa Aufregung? Vielleicht auch nur ein weiterer Wetterwechsel, der sich ankündigte! Ein Nachtspaziergang wäre sicher gesund gewesen, aber erstens war draußen vom Regen noch alles nass und voller Pfützen, und zweitens konnte man fast nichts sehen (jedenfalls ich nicht). Während meines letzten Nachtspaziergangs im Awenda-Park zu den Waschräumen (von der Entfernung her war das schon so etwas wie ein kleiner Spaziergang) bin ich über einen halbmeter hohen Feldbrocken gestolpert. „Muss ja nicht schon wieder sein“, sagte ich mir und rauchte eine Pfeife.

Die Dognuts, die ich in ein Schubfach gelegt hatte, waren angeknabbert. Es fiel mir erst auf, als ich den Rest entsorgen wollte. Wie kommen Mäuse ins Schubfach? Sie könne ja gut klettern und müssen von außen eingedrungen sein – oder nisteten sie etwa in den Eingeweiden der Wohnkabine?

Rückgabe des Campingwagens und der Transfer zum Flughafen verliefen reibungslos. Es ging alles so schnell, dass ich schon ab Mittag auf dem Flughafen herumlungerte. Meine Maschine flog erstam Abend ab. Wia hatte größere Probleme mit dem Warten. Die Windeln waren bald nass, aber mit dem ganzen Gepäck konnte Baby Wia doch nicht die Toilette aufsuchen, um die Windeln zu wechseln! Schließlich musste es andere Reisende bitten, ein paar Minuten auf das Gepäck aufzupassen, damit Wia die Windeln wechseln konnte. Diesmal blieb Wia auch während des Fluges nicht trocken. In Hamburg war das Baby dann ziemlich nass.

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