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Hamburger Nächte
01
Hamburger Nächte

Tina

„Du hast heute Nacht wieder ganz schön geschnarcht.“

In Tinas Stimme lag kein Vorwurf, es war eine Feststellung.

„Julchen und ich konnten kaum schlafen.“

Julchen lag neben mir, mit geschlossenen Augen, völlig entspannt. Sie schlief fest. Tina, der Quirl, turnte im Gitterbett herum. Schließlich saß sie rittlings auf meiner Brust, ihren dick in Windeln verpackten Po vor meinem Gesicht. Es war unüberriechbar.

„Du hast vollgemacht!“

Sie wippte mit dem Po auf und ab, als wollte sie mit ihm nicken. Gleich darauf steckte sie den Kopf unter die Bettdecke und fuhr mit einer Hand zwischen meine Windeln.

„Und du bist pitschnass!“

Weil sie beim Herumturnen alles breit geschmiert hatte, zog ich ihr das Höschen und die Windeln erst unter der Dusche aus.

„Musst du dich immer so vollschmieren?“

Sie blickte sie mich mit großen Augen an.

„Du wolltest es doch so?“

Da hatte sie recht. Sie machte alle jene Dinge, die ich mich nicht traute, von denen ich meinte, sie nicht tun zu können, weil ich im Berufsleben stand. Sie war gewissermaßen mein „Placebo“, mein Ersatz, der an meiner Stelle agierte.

Das war nicht von Anfang an so gewesen. Als Tina vor einem Jahr zu mir gekommen war, ein schlaksiges dürres Ding mit weißblond gefärbten Haaren im Afrolook, hatten wir beide nichts miteinander anzufangen gewusst. Ich scheute mich, ihr offen zu zeigen, dass ich häufig in Windeln und Windelhöschen herumlief. Sie bekam zwar mit, wenn ich alles im Bad zum Trocknen aufhängte,verlor aber kein Wort darüber. Eines Morgens ihre Haare hatten unterdessen wieder ihr natürliches glattes Braun angenommen – war sie beim Frühstück besonders ungeschickt. Sie verkleckerte die Marmelade, verschüttete ihren Kaffee und verschluckte sich so heftig, dass sie über den Tisch prustete. Ich stand auf und holte ein Lätzchen. Wortlos band ich es ihr um. Sie blickt mich nur an und ließ sichvon mir wie ein kleines Kind beim Essen helfen. Nach dem Frühstück nahm sie mich bei der Hand und führte mich zu ihrem Bett. Es war nass. Tröstend strich ich ihr über den Kopf.

„Möchtest du nachts auch Windeln und Windelhosen anlegen, so wie ich?“

Sie nickte. Ich versprach, ihr welche zu besorgen. Lange suchte ich in den mir bekannten Sanitätsgeschäften nach ihrer Größe. Hatte sie vielleicht nur deshalb bisher keine Windelhöschen getragen, weil es keine passende für sie gab? Endlich fand ich zwei verstellbare, halb transparente  weiße Schwedenhöschen. Sie waren zwar noch immer etwas zu groß, aber der Bann zwischen uns war gebrochen. Sie wurde zu „meinem“ Baby.

Heute kuschelte sie sich beim Frühstück auf meinen Schoß und ließ sich füttern. Es ist eng an dem kleinen Tisch in der Küche, aber es ist der einzige Raum mit einem aufwischbaren PVC-Boden. Ihre Hände und ihre langen Haare waren ständig im Weg. Gelegentlich versuchte sie auch mich zu füttern Hinterher waren unsere Lätzchen und Gesichter völlig bekleckert. Ich säuberte mich; sie ließ ich so,wie sie war. Dann füllte ich für sie und Julchen noch Fläschchen für den Tag ab und bereitete den Mittagsbrei vor.

„Die Geschäfte haben heute länger auf, da wird es wieder später werden.“

Es machte mir Spaß, für die beiden einzukaufen. Immer wenn ich etwas Geld übrig hatte, bummelte ich an den verkaufslangen Donnerstagen durch die Kaufhäuser.

„Lässt du mir heute mal Schlüssel da? Bitte bitte!“ Tina schmiegte sich an mich. „Ich möchte mit Julchen ein bisschen spazieren gehen, vielleicht auf den Spielplatz.“

Zögernd gab ich ihr die Zweitschlüssel. Ihre blauen Augen strahlten und ihre Zähne blitzten. Ihr feuchter Babykuss zum Abschied schmeckte heute besonders intensiv nach Frühstücksresten.

Sie saß im dämmerigen Wohnzimmer, Julchen auf dem Schoß.

„Kein Licht bitte!“ Ihre Stimme klang dünn.

„Was ist passiert?“

Sie schwieg. Behutsam setzte ich mich neben sie und nahm sie in den Arm. Tränchen begannen zu kullern.

„Ich war nicht auf dem Spielplatz. Ich hatte Angst, die Kinder würden mich auslachen, weil ich doch noch das Lätzchen umhatte, und weil die Windeln auch wieder voll waren.“

Zum Trost packte ich meine Einkäufe aus. Mittlerweile hatte ich herausgefunden, in welchen Abteilungen es die hübschesten Sachen für Tinas Größe von 95 cm und Julchens von 55 cm gab.


Tina und Julchen sind meine beiden Puppen.

*      *

*


Eine Babybegegnung auf hanseatisch

Schon von weitem fiel mir die etwa mittelgroße Gestalt unter den Wartenden in der U-Bahnstation auf, die im gerade einsetzenden spät dem Bahnsteig und unterhielten nachmittäglichen Feierabendverkehr mäßig gefüllt war. Sie trug einen Anorak in der Modefarbe des Winters, pink, dieso herrlich kindlich wirkte. Dazu hatte sie Trainingshosen in ähnlicher Farbe an und, obwohl die Mützenzeit eigentlich bereits vorbei war, eine eng anliegende rosa Strickmütze auf. Ob es ein Mann oder eine Frau war, konnte ich von hinten nicht erkennen – Hüften und Hintern waren allerdings füreinen Mann zu gerundet.

Unruhig, fast gehetzt, wanderte die Person in Pink von einer Bahnsteigseite auf die andere, ohne an einer Stelle länger stehen zu bleiben. Es war ein Mann im mittleren Alter. Von vorne erahnte man bei jedem Schritt das Bauschen von Windeln unter der ungewöhnlich ausgefütterten Trainingshose. Sein unruhiger Blick streifte die Wartenden auf dem Bahnsteig, forschte wiederholt nach Reaktionen auf ihren Gesichtern. Aber da sich das Ganze in Hamburg abspielte, sah er nur diskret zur Seite gewendete Köpfe. Kaum jemand schien von ihm Notiz zu nehmen, niemand schien ihm besondere Aufmerksamkeit zu schenken.

Ein Zug fuhr ein. Er eilte von der anderen Bahnsteigseite herüber. Als er einsteigen wollte, drängten im letzten Moment zwei aufgeputzte junge Schwarzafrikanerinnen aus dem Waggon. Ungeniert drehten sie sich nach ihm um und begannen zu kichern. Sie standen noch auf sich lachendund kichernd in einer unverständlichen Sprache, als der Zug längst abgefahren war.

*      *

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Märchenbild: Schneewittchen


Die schnarchende Nachtigall

Neulich hörte ich im Halbschlaf einen Vogel singen. Es musste demnach wohl kurz vor dem Hellwerden sein, wenn die gefiederten Sänger ihr Morgenkonzert anstimmen. Wartend lauschte ich.

Es blieb bei dem einen Vogel. Ein Vogel, der singt, wenn andere Vögel schlafen? Das kann nur eine Nachtigall sein! Aber den Gesang der Nachtigall hatte ich doch viel schöner in Erinnerung. Diese hier pfiff immer wieder die gleiche Melodie vor sich hin, kein Schnalzen oder Schlagen, keine Variation der Tonfolgen.

Langsam tauchte ich ins Bewusstsein hinauf. Bis auf den üblichen Verkehrslärm nächtliche Stille. Es war drei Uhr morgens und Dezember – keine Saison für Nachtigallen. Aber was hatte mich geweckt? Doch nicht am Ende mein eigenes Schnarchen, das durch meine schlafgefilterten Ohren als Flöten einer Nachtigall in mein Bewusstsein gedrungen war? Ich angelte mir Julchen, meine Puppe, ließ es noch einmal warm in die Windeln laufen und schlief (schnarchte?) weiter, bis mich der Wecker ganz normal abrupt aus dem Schlaf riss.

*      *

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Märchenbild: Aschenputtel


Spieglein, Spieglein an der Wand, wer wohnt im schönsten Bayland?

Ich gebe zu, dass ich mich vielen Babys gegenüber im Vorteil befinde. Niemand, auf den ich Rücksicht nehmen muss, der mich an der Verwirklichung meiner Babyträume hindert. Um mich von der Rolle des erwachsenen Hardy in anheimelnder, kindgerechter Umgebung zu erholen, habe ich meinem zweiten Ich, dem Baby Wia, ein Kinderzimmer eingerichtet – mein Kinderzimmer:

Gelegentlich melden sich auch Nichtbabys zu Besuch an und wenn ich auf Reisen bin, übernimmteine Nachbarin die Blumenpflege. Ich brauchte daher ein Babyzimmer, dass ich bei Bedarf schnell wieder verschwinden lassen konnte. Und außerdem durfte es auch nicht viel kosten.

Eines Tages blätterte ich im Katalog eines Hamburger Versandhauses (keine Schleichwerbungbitte, aber ihn find ich gut). Auf Seite 439 kam mir „die“ Idee. Ihre Verwirklichung klappte nicht auf Anhieb. Die Pannen bei der Durchführung übergehe ich hier geflissentlich, ich will mich doch nicht als Heimwerker blamieren! Nach einigen körperlichen und geistigen Verrenkungen entstand das, was ich mir vorgestellt hatte. Und gekostet hat es keine 500,- Mark (abgesehen von Bettwäsche und Gummiunterlagen, die ich bereits vorher besaß).

Auf den ersten Blick ist es (m)ein ganz gewöhnliches Schlafzimmer, abgesehen vom Inhalt des Schranks, einiger Schubfächer und der unterm Bett versteckten Umbauteile. Zum Umbau befestige ich mit Schraubzwingen Gitter an zwei Seiten des Bettgestells. Es sind Türschutzgitter für Kleinkinder, insgesamt sechs 70 cm hohe und 51 cm lange Gitterteile, von denen ich je zwei mit Verbindungseisen bzw. Scharnieren fest miteinander verbunden habe. Da ich das Gitter nicht herunterklappen kann, dient das Gitterteilchen mit den Scharnieren als Einstieg. Zwei Riegelchen sichern es.

Ein Bettnestchen und ein Betthimmel sowie ein Teddy-Kalender an der gitterlosen Wand hinter dem Bett – und meine Puppen fühlen sich bereits wohl in diesem kuscheligen Kinderbettchen.

Babys müssen auch gewickelt werden. Dafür rücke ich die Schubfachregale, die nur 35 cm tief sind, etwas von der Wand ab und lege eine 160 cm lange und 50 cm tiefe Platte darüber. Sie besteht aus zwei Teilen, die durch ein Scharnier zusammen gehalten werden. Zusammengeklappt passt auch sie unter das Bett. Die hässlichen Schnittkanten habe ich mit aufgebügelten Umleimer abgedeckt. Als Wickelunterlage dient eine Schaumgummimatte, die ich in einen alten Duschvorhang eingeschlagen habe. Creme und Puder kommen griffbereit auf ein Brettchen an der Wand. Es ist mit zwei Bändern und Ringen an Bilderhaken befestigt. Den letzten Touch erhält mein Kinderzimmer durch die Märchenbilder (Betrachtung nur gegen Altersangabe!). Ihre Vordrucke habe ich mit Tapeten-Spezialkleister auf eine Sperrholzplatte aufgezogen, ausgesägt, anschließend mit Plakafarben angemaltund mit Tapetenschutz gegen das Abblättern der Farbe gesichert.

Dies ist also das Zimmer, in welchem Baby Wia und seine beiden Puppen, Tina und Julchen, sich so richtig wohl fühlen und wo sie sich ihre schönsten Babyträume ausdenken.

*      *

*

Märchenbild: Froschkönig                          Märchenbild: Sternthaler


 Der Windelprinz

Ein Märchen

Einst hatte ein Usurpator die Macht im Lande ergriffen und herrschte so grausam, dass es die Spatzen in den Nachbarländern von den Dächern pfiffen. Dies erboste den Usurpator so sehr, dass er seinen Generälen befahl, die Kanonen zu laden und auf die Spatzen zu schießen. Die Nachbarn, deren Dächer dabei zu Bruch gingen, ließen sich das nicht gefallen und schossen zurück. Alsbald herrschte Krieg. Der Krieg dauerte viele Jahre, weil die Spatzen immer wieder in andere Länder flohen und der Usurpator auch dort auf sie schießen ließ.

Mit der Zeit wurden die Soldaten knapp und der Usurpator schickte seine Chargen aus, um neue zu suchen. Die Kunde davon erreichte auch den Hof, auf welchem Prinz Tele von Särwis bei seinen Großeltern lebte. Der Vater des Prinzen war bereits im Krieg gefallen, seine Mutter hatte der Usurpator in seine Dienste genommen und in ein fremdes Land geschickt. Als die Kunde den Hof erreichte, waren die Großeltern des Prinzen beunruhigt. Sie hatten schon ihren Sohn verloren und wollten nicht auch noch ihren Enkel im Krieg verlieren.

In ihrer Not wandten sich die Großeltern an eine weise Frau um Rat. Zu jener Zeit gab es noch Feen, Hexen und Magier im Lande.

„Ich selbst kann euch nicht helfen,“ erklärte die weise Frau, „aber ich kenne einen Magier, der schon vielen geholfen hat.“

Voller Hoffnungen packten die Großeltern einen großen Korb voller Geschenkte und einen Beutel mit Dukaten in ihre Kutsche und machten sich auf den Weg zu dem Magier. Beim Magier angekommen, breiteten sie ihre Geschenke und das Geld vor ihm aus. Der warf einen Blick darauf und fragte:

„Was ist euer Begehr, liebe Leute?“

Die Großeltern schilderten ihm ihre Befürchtung, dass auch ihr Enkel, der Prinz Tele, nicht aus dem Krieg zurück kehren könnte.

„Wenn es eurem Enkel bestimmt ist, zu sterben, so kann auch ich nichts daran ändern,“ sagte darauf der Magier nach einer Weile des Schweigens, „aber einen Weg, dass er nicht in den Krieg ziehen muss, den kann ich euch wohl zeigen. Ihr seid nicht die Einzigen, die mit dieser Bitte an mich herantreten,“ setzte er noch hinzu.

Danach unterbreitete er den Großeltern einen Plan, wie sie mit seiner Hilfe den Prinzen Tele vor den Augen der Chargen verbergen könnten:

„Der Usurpator sucht kräftige Männer und gesunde Frauen für seine Dienste,“ erklärte der Magier, „an kleinen Kindern ist er nicht interessiert. Wenn ihr es denn so wollt und ein Bild des Prinzen bei auch habt, kann ich den Prinzen mit einem Zauber belegen, der ihn in ein kleines Kind verwandelt. Wenn wieder Frieden herrscht, könnt ihr erneut zu mir kommen, damit ich ihm seine ursprüngliche Gestalt zurückgebe.“

Die Großeltern des Prinzen waren einverstanden und der Magier sagte seinen Zauberspruch auf:

„Jüngling fein, Jüngling klein, sollst hinfort ein Baby sein!“

Dabei tippte er mit seinem Zauberstab auf das Bild des Prinzen, das ihm die Großeltern gegeben hatten.

Während der Rückfahrt fragten sich die Großeltern, ob der Zauberspruch des Magiers gewirkt habe. Als sie jedoch ihren Hof erreichten, fanden sie den Prinzen statt als Jüngling als ein kleines Kind in Windeln vor, das ihnen aus einem Kinderbettchen entgegen strahlte.

Spione trugen dem Usurpator jedoch zu, dass ein Magier mit seinem Zauber junge Männer in kleine Kinder verwandelte, damit sie nicht als Soldaten in den Krieg geschickt werden konnten. Daraufhin befahl der Usurpator, alle Personen, denen Zauberkräfte nachgesagt wurden, ausfindig und dingfest zu machen.

*

Die Jahre vergingen und die Großeltern umsorgten und hätschelten den kleinen Prinzen, bis der Krieg zu Ende war. Als wieder Frieden herrschte, machten sich die Großeltern von Prinz Tele auf die Suche nach einem Magier, der den Prinzen in einen jungen Mann zurückverwandelte. Aber so sehr sie auch suchten, überall zuckten die Leute, die die fragten, bedauernd die Schultern. Es gab keine Magier mehr; sie waren alle in den Gefängnissen des Usurpators ums Leben gekommen.

Als die Großeltern ihre Suche schon aufgeben wollten, sprach sie eine freundliche Frau an:

„Ich bin die Tochter eines Magiers, der im Gefängnis des Usurpators auf nimmer Wiedersehen verschwunden ist,“ erklärte sie. „Mich hatte mein Vater zu freundlichen Leuten geschickt, die ihm verpflichtet waren. So entkam ich den Häschern des Usurpators. Aber die Zauberbücher meines Vaters sind verbrannt und ich war noch zu jung, um mir alle Zauberformeln zu merken. Ich weiß nicht, ob ich euch helfen kann.“

Die Großeltern baten die Frau inständig, es doch wenigstens zu versuchen.

„Aber ich habe nur einen Versuch. Wenn es fehlschlägt, gibt es keinen Gegenzauber mehr!“ gab die Frau zu bedenken.

Dies schreckte die Großeltern nicht ab und so ließ sich die Frau in allen Einzelheiten schildern, was der Magier gesagt und gemacht hatte, um den Prinzen in ein Baby zu verwandeln.

„Ich werde versuchen, die gleichen Schritte wie dieser Magier zu machen, nur in umgekehrter Reihenfolge,“ versprach sie.

Mit dem Zauberstab, den sie von ihrem Vater geerbt hatte, tippte sie auf das Bild, das den Prinzen nach seiner Verwandlung in ein Baby zeigte und sprach:

„Baby fein, Baby klein, sollst hinfort ein Jüngling sein!“

Die Großeltern bedankten sich bei der Frau und kehrten voller Hoffnung nach Hause zurück. Dort angekommen, lief ihnen ein junger Bursche aus dem Tor entgegen. Es war Prinz Tele, der seine alte Gestalt wiedergewonnen hatte. Aber ein Wermutstropfen mischte sich in ihre Freude, als sie feststellten, dass sich Prinz Tele nur äußerlich in einen Jüngling zurückverwandelt hatte; im Innern war er ein kleines Baby geblieben, das weiterhin umsorgt und gehegt werden musste.

Nach und nach gelang es ihnen jedoch, den Prinzen dazu zu bringen, sich am Tage wie ein erwachsener Mann zu benehmen.

*

Der Prinz kam ins mannbare Alter und fand Gefallen an der Prinzessin Jever aus dem Hause Pils. Eine Hochzeit wurde ausgerichtet und die beiden heirateten.

Die Prinzessin wusste nicht, welches Geheimnis sich hinter Prinz Tele verbarg. Sie wunderte sich nur, dass er sich jeden Abend in seine Gemächer zurückzog, zu denen ihr der Zutritt verwehrt war. Wenn er dann am nächsten Morgen wieder erschien, war er der Prinzessin ein galanter und liebevoller Ehegatte. Auf ihre Fragen, weshalb sich der Prinz nachts in seine Gemächer zurückzog und was er dort triebe, gab niemand der Prinzessin eine Antwort.

Von Neugierde und Eifersucht getrieben, wandte sich Prinzessin Jever an eine alte Frau, die in dem Ruf stand, eine Hexe zu sein.

„Kindchen, ich kann dir einen Zaubertrank mischen, der dich eine Nacht lang in eine Katze verwandelt,“ erklärte die alte Frau, „aber hüte dich, auch nur ein einziges Wort zu sagen, denn dann verwandelst du dich in ein Plüschtier!“

Als es wieder Abend wurde, zog sich die Prinzessin in ihr Schlafzimmer zurück, ließ aber Türen und Fenster offen, um als Katze unbemerkt hinaus und wieder hinein schlüpfen zu können. Dann trank sie den Zaubertrank und schlich auf leisen Katzenpfoten dem Prinzen hinterher.

„Du bist aber ein süßes Kätzchen,“ sagte Prinz Tele, als er die Katze bemerkte, die um seine Beine strich, „willst du mit mir kommen und in meinem Bettchen schlafen?“

Bereitwillig ließ sich die Katze vom Prinzen auf den Arm nehmen und in dessen Schlafgemach tragen.

Nicht schlecht staunte hier die Prinzessin in der Gestalt einer Katze, als sie sah, dass es wie ein richtiges Kinderzimmer ausgestattet war, mit vielen Puppen, Stofftieren und einem Gitterbett in der Mitte. Eine Amme zog den Prinzen aus, legte ihn auf einen Wickeltisch und legte ihm für die Nacht ein dickes Windelpaket mit einem Windelhöschen darüber an. Dann zog sie ihm einen Strampelanzug an, gab ihm ein Gute-Nacht-Fläschchen und steckte ihm einen Schnuller in den Mund.

Prinzessin Jever, die mit schmalen Katzenaugen alles beobachtet hatte, musste an sich halten, um nicht laut heraus zu lachen. Als Prinz Tele sie jedoch statt einer seiner Puppen zum Schlafen in den Arm nehmen wollte, entfuhr ihr ein lautes:

„Igitt!“ und sie sprang aus dem Gitterbettchen.

Trotz der Warnung hatte Prinzessin Jever gesprochen, aber es war bereits zu spät, um es ungeschehen zu machen.

Am nächsten Abend fand Prinz Tele eine hübsche Plüschkatze unter seinem Bettchen. Es wurde sein liebstes Schlaftier, und wenn er nicht gestorben ist, nimmt er noch heute zum Schlafen dieses Plüschkätzchen in seine Arme.

*      *

*

Märchenbild: Rotkäppchen