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Andi und Biggi Krimis

  

Mit einem Hai spielt man nicht    Baby – ein Titel, den man mit oder ohne Komma lesen kann. Dahinter verbirgt sich eine Kriminalnovelle der gehobenen Art:

Andi und Biggi sind mit einem Wohnwagengespann in den kanadischen Provinzen Ontario und Südost-Manitoba unterwegs. An ihrem Wohnwagen sind außer der Polizei auch Personen aus dem Windelmilieu von Toronto interessiert – mit dramatischen Folgen für Andi.

Unter seinem Babynamen „Wia“ hat der Autor bereits zwei Windelkrimis und mehrere Kurz- geschichten veröffentlicht. Mit seinem neuen Krimi setzt er einen Meilenstein in der Literatur für erwachsene Babys und Windelliebhaber.

Mit einem anderem Cover erschienen 2009 im K. Lange Verlag, Neuenbürg, Format A5, 118 S. 

 

Inhalt
1. Kapitel                    Timmins 
2. Kapitel                 Barrie
3. Kapitel                 Kevin 
4. Kapitel                 Aguasabon Falls 
5. Kapitel                  Spuren 
6. Kapitel               Thunder Bay 
7. Kapitel               Hecla Island 
8. Kapitel               Albion Hills
9. Kapitel               Pamela
10. Kapitel              Der Hai 
Anhang                       Abkürzungen und ausgewählte englische Begriffe
 
Personen:
Andreas/Andi Reis und Brigitte/Biggi – Rentnerpaar auf Urlaub in Kanada
Paul/Pauline und Margit/Maggy/Mac Newman (Neumann) – Maklerehepaar in Barrie
„Flipper“ LaRoche – ABDL-Club Aktivist in Toronto
Kevin Stapleton – AB im Gefängnis
Diane Lindsey/Di Diaper – schwesterliche Freundin
Basil Chillin – ängstlicher DL
Bob Dudley – zugekiffter DL
Pamela/Pam Delorme – Detective Constable (DC) bei der Mordkommission der Polizei Toronto
Christopher/Chris Puckett – Detective Constable bei der Ontario Provincial Police (OPP)
Baljinder S. Dabar – Inspektor der Kriminalabteilung bei der Regionalpolizei Peel
Earl Mcfarland – Chief Superintendent der Royal Canadian Mounted Police (RCMP), „O“ Division
Clive Barkman – RCMP-Sergeant
Brian Benutti – zwielichtiger Verteidiger
Filipe Roccelli – Gestalt aus der Unterwelt
„Nervi“ John Thate – Yuppie und Handlanger
 
Die Handlung spielt in der kanadischen Provinz Ontario (mit einem Abstecher nach Manitoba)
 

 

1. Kapitel
Mühsam kämpfte er sich aus dem tiefen, dunklen Loch nach oben. Er fühlte keinen Körper, seine Gedanken schienen im leeren Raum zu schweben.
„Ich denke, also bin ich!“
Hatte das nicht ein französischer Philosoph behauptet? Descartes? Aber wer war dieses „Ich“?
„Mach die Augen auf! Komm schon, mach sie auf und schau auf die Uhr!“
Helles Licht blendete ihn. Das Licht war unangenehm und er schloss die Augen wieder. Vor seinen geschlossenen Augen tanzten grelle Lichtkreise. Sie zerflossen und lösten sich schließlich auf. Wo war er hier und was machte er hier? Das Nachdenken strengte ihn an. Es wurde wieder Nacht um ihn.
 
Er brauchte lange, bis er begriff, dass jemand seine Hand streichelte. Als er mit den Fingern zuckte, umschloss dieser Jemand mit beiden Händen seine Hand und küsste ihn sanft auf den Mund.
„Andi, Liebling, du bist wach?!“ Es war eine weibliche Stimme.
Nach dieser Feststellung im fragenden Tonfall sprudelte die Stimme fort: 
„Wie fühlst du dich? Hast du Schmerzen? Warum musst du denn immer so verrückte Sachen machen? War das wirklich nötig? Das hast du nun davon. Pam ist ganz außer sich vor Selbstvorwürfen. Sie will übrigens vorbeikommen, sobald es dir besser geht.“
Er hatte Mühe, den Worten zu folgen; ihren Sinn verstand er nicht. Um sich konzentrieren zu können, hielt er die Augen weiterhin geschlossen.
„Ist mein Baby nass?“, fragte die weibliche Stimme.
Eine Hand fuhr unter sein Deckbett. Am knisternden Geräusch erkannte er, dass er Pampers anhatte.
„Du bist ja noch trocken! Komm Baby, lass erst noch einen Strahl ab, bevor die Schwester kommt und die Windel wechselt.“
Liebend gerne hätte sie ihm die Windeln gewechselt, aber sie hatte die strikte Anweisung erhalten, die Pflege den dafür ausgebildeten Schwestern zu überlassen. Unaufhörlich redete sie weiter:
„Pam hat sich sehr fair verhalten. Sie hat das alles hier mit dem Krankenhaus organisiert und mit den Schwestern gesprochen. Sie sind wirklich sehr nett und wissen Bescheid. Ich übernachte im Schwesternheim und kann jederzeit zu dir herüber kommen.“
Eine Pause entstand, während sie etwas in den Schrank räumte.
„Wenn du wieder auf den Beinen bist, bekommt das Baby auch wieder ein Windelhöschen über die Pampers.“
Sie deckte ihn zu. Was sie noch alles erzählte, bevor sie ihn noch einmal liebkoste und ging, bekam er nicht mehr mit.
„Warum hat sie mich Andi genannt?“, wunderte er sich, bevor er wieder einschlief. „Bin ich nicht Kay? Kay Jürgens?“
Bereits im Halbschlaf erinnerte er sich wieder: Kay war eine Romanfigur, der Hauptheld in den Babykrimis, die er gelesen hatte.
 
Die Nachtschwester kam und wechselte die Windel. Es war mühsam, weil er sich nicht bewegen und ihr die Arbeit erleichtern konnte. Zentimeter für Zentimeter gelang es ihr, die Einwegwindel in die richtige Position zu bringen. Dann setzte ihre Routine ein: Fieber- und Pulsmessen, Kontrolle seiner Pupillen, Tabletten.
 
In der Nacht kamen die Kopfschmerzen und mit ihnen Erinnerungen. In den immer längeren Pausen, in denen er wach war und vor sich hin döste, spulten Bilder und Szenen vor seinem geistigen Auge ab. Sie waren ungeordnet, einzelne Teile eines Puzzles, von denen er noch nicht wusste, wie sie zusammengehörten.
Timmins
Sie waren in Cochrane gewesen. Sie? Ach ja, Biggi und er, Andi. In Cochrane waren sie mit dem Polar Bear Express der Ontario Northland Railway nach Moosonee am Moose River gefahren. Der Express, vollbepackt mit Touristen, hatte auf der Hinfahrt für die rund 300 km gute vier Stunden gebraucht. Es war eine schöne Fahrt gewesen, für jemanden, der acht Stunden nördliche Taiga mag, unterbrochen von drei größeren Flüssen – wo der Zug auf der Hinfahrt langsamer gefahren war, damit die Touristen fotografieren konnten – und großen abgebrannten Flächen, an deren Rändern abgefackelte Fichten in Flaschenbürstenform nachgewachsen waren. Auf der von Natives, von Indianern, bewohnten Insel gegenüber von Moosonee, auf Moose Factory, hatte die Hudsons´s Bay Company 1672 einen Pelzhandelsposten eingerichtet. Der Moose River mündete in die James Bay, den südlichsten Zipfel der Hudson Bay. Es war der einzige Gezeitenfluss Ontarios, immerhin mit eineinhalb Metern Gezeitenunterschied. Trotz der vielen Hinweise auf Elche in den Namen, hatten Andi und Biggi auf der Fahrt keinen einzigen Vertreter der Spezies Breitschaufelgeweihler zu sehen bekommen.
 
Moosonee hatte keine Anbindung an das kanadische Straßennetz. Dennoch waren in den drei Straßen des Ortes ständig Autos unterwegs gewesen. Ihre Besitzer hatten sie per Bahn herangeschafft.
 
Schon in Cochrane waren Andi an den öffentlichen Gebäuden die seltsamen Schriftzeichen neben Englisch und Französisch aufgefallen. In Moosonee standen sie auch auf nicht öffentlichen Gebäuden. Es war die Schrift der Cree-Indianer, die hier lebten. Missionare hatten diese Schrift im 19. Jahrhundert zur besseren Verbreitung ihrer Bibeltraktate unter den Cree „erfunden“.
 
Den im Reiseführer angegebenen Campingplatz direkt in Cochrane hatte es nicht mehr gegeben. Sie hatte im Greenwater Provincial Park, 30 km westlich der Stadt unweit des Highway 11, übernachtet.
*   *
*
In Timmins hatten Andi und Biggi eigentlich den „Felsdom“ besichtigen wollen, aber kein Hinweisschild gefunden, obwohl er im Internet so großartig beschrieben wurde und ein „Dom“ auf ihrer Straßenkarte verzeichnet war. Es war nicht das erste Mal, dass sie etwas nicht gefunden oder durch langes Herumirren eine Veranstaltung verpasst hatten. Der CN-Tower in Toronto hatte ihnen den ersten „verpassten“ Höhepunkt ihrer Rundreise durch die Provinz Ontario beschert. Im Drehrestaurant, wohin Andi seine Biggi zum Essen einladen wollte, waren keine Plätze frei gewesen. Sie waren nicht einmal enttäuscht darüber gewesen, denn bei dem trüben Wetter hatten sie kaum das Ufer des Lake Ontario ausgemacht und schon gar nicht den Sprühnebel der Niagarafälle auf der anderen Seite des Sees, den man bei gutem Wetter angeblich sehen konnte. Als Nächstes hatten sie den als unbedingt sehenswert empfohlenen Farmer Market in St. Jacobs verpasst, wo sich dienstags die Mennoniten in ihrer Tracht aus dem 19. Jahrhundert mit ihren Pferdedroschken trafen. Sie hatten sich auf dem Weg von Niagara dorthin zu oft verfahren. Auch an der bekannten überdachten Brücke im Mennonite Countywaren sie vorbeigefahren – sie hatten wieder einmal die Abzweigung nicht gefunden.
 
Enttäuscht folgten sie hinter Timmins auf dem Highway 101 nach Osten dem nächsten Hinweisschild auf einen Campingplatz und landeten auf dem Night Hawk Campground am gleichnamigen See.
 
Eine Frau im Rentenalter winkte sie zu sich heran. In ihremWohnwagen – einem betagten Modell des Typs „Kleinfamilienhaus“ – befand sich das Office. Während des Eincheckens tobten zwei handzahme Eichhörnchen durch den Wagen.
 
Außer den Wohnwagen einiger Dauercamper war der Platz leer, und auch bei den Wohnwagen der Dauercamper regte sich nichts. Die Frau aus dem Office hatte sich wieder in ihren Wohnwagen zurückgezogen – Andi und Biggi waren quasi allein auf dem Platz. Nicht ganz – die Nachricht von ihrer Ankunft hatte sich wie ein Lauffeuer unter den Moskitos verbreitet. Schon während des Abkoppelns und Aufbockens des Wohnwagens griff die erste Welle an. Erfolgreich waren diejenigen Moskitos, die sich unter Andis Brille oder auf seine Finger setzten, wenn er keine Hand zur Abwehr frei hatte. Nachdem die erste Welle trunken davon getorkelt war, kam die zweite – beim Anschließen von Strom und Wasser. Obwohl Andis Einsatzbereich mehr außerhalb und Biggis mehr innerhalb des Wohnwagens lag (Betten richten, Essen kochen), litt sie stärker unter den Moskitos als Andi. Bei ihr stachen sie selbst unter den Haaren im Nacken zu und sie fanden den winzigen, unbedeckten Spalt am Rücken zwischen T-Shirt und Hose.
 
Wie auf allen Campingplätzen waren auch auf dem Night Hawk Campground die Waschräume ein beliebtes Jagdrevier der Moskitos. Während des Duschens hielt der warme Dampf die Meisten in Schach und den Rest konnten Andi und Biggi mit der Hand abwehren. Sobald sie jedoch die Toiletten benutzten, waren sie ihnen hilflos ausgeliefert – dort kamen die Moskitos von unten!
 
Einen Nachschlag bekamen die Moskitos an diesem Abend, als Biggi nach dem Essen Lagerfeuerromantik wollte. Bis der Qualm des Feuers im Fire Pit, der zum Standard eines kanadischen Campingplatzes gehörenden Feuerstelle, Andi eingehüllt und die Moskitos vertrieben hatte, hatten diese ihren Jahresvorrat getankt.
 
Feuchter Nebel stieg aus der nassen Wiese des Campingplatzes auf und trieb Biggi wieder in den Wohnwagen zurück. Hier ging Andi noch einmal die Internetausdrucke und seinen Reiseführer durch.
„Biggi, weißt du, was ich vermute? Wir hätten zwischen Schumacher und Porcupine dem Hinweisschild auf das Shania Twain Centre folgen sollen. Im Centre kann man Führungen durch eine aufgelassene Goldmine buchen – das wird wohl die mit dem Felsdom sein.“
Shania, der Star der Country Music, stammte aus Timmins und die Stadt hatte ihrem Leben und ihrem Werk ein eigenes Zentrum gewidmet. Statt zu antworten, fragte Biggi mit betont harmloser Miene:
„Und was haben wir morgen vor, das wir verpassen müssen?“
„Wollen wir es noch einmal probieren?“
„Lass und das morgen sehen. Jetzt bin ich zu müde, um mich zu entscheiden!“
Als sie sich gerade unter ihren Decken zurecht gekuschelt hatten, Andi in Pampers, Windelhöschen und babymädchenhaftem Nachtgewand, Biggi in einem dicken Schlafanzug, fuhr eine Kolonne von Motorrädern mit gedrosselten Motoren in der Nähe des Campgrounds vorbei. Es gab hier nur noch eine Stichstraße zum Nachbargrundstück, die oberhalb des Platzes abzweigte.
In der Nacht wachte Andi noch einmal auf. Vom Nachbargrundstück klang unterdrücktes Stimmen Gemurmel und Ächzen herüber. Kurz darauf platschte etwas laut ins Wasser – ein Boot, das man heftig zu Wasser gelassen hatte? Danach trug auch er – wie Biggi schon vor ihm – seinen Teil zu den ungewöhnlichen Nachtgeräuschen bei.
„Wollen wir nachsehen, was heute Nacht hier los war?“, schlug Andi am nächsten Morgen beim Frühstück vor, nachdem er Biggi von seinen nächtlichen Wahrnehmungen berichtet hatte. Biggi, fast noch neugieriger als er, war einverstanden, meinte jedoch:
„Wenn, dann aber gleich, bevor wir mit der Zusammenbau- und Abfahrroutine beginnen!“
Sie waren ein eingespieltes Paar, das nach einem festen Schema vorging. Es fing damit an, dass Andi seine Nachtsachen auszog und sich in der Nasszelle des Wohnwagens wusch oder unter die Dusche in den Waschräumen ging. Wenn sie ihr System nicht einhielten, vergaßen sie bestimmt irgendetwas.
 
Biggi hatte schon geduscht und war fertig angezogen, während Andi zum Frühstück lediglich seinen pinkfarbenen Hausanzug übergezogen hatte. Biggi bestand darauf, dass er außer Gummistiefeln nichts weiter anzog. Lediglich das Lätzchen vom Frühstück band sie ihm ab. Da sie so gut wie allein auf dem Platz waren, hoffte Andi, dass ihnen niemand begegnete. Und wenn doch? Dann hoffte er, dass der oder diejenige vermuten würde, dass er, weil es noch frisch war, warme Sachen von seiner Frau übergezogen habe, weil er selbst keine dabei hatte. Allerdings hätte ein genaues Hinsehen diese Annahme widerlegt: Andi war mittelgroß und hatte nur einen leichten Ansatz zu einem „Kekse-Erker“ (so bezeichnete Biggi das bei der Naschkatze Andi, was bei anderen Männern ein „Mollenfriedhof“ war), Biggi war dagegen einen halben Kopf kleiner als Andi, leicht rundlich und mit einigen „Bewegungsfalten“ ausgestattet, kleinen Fettpölsterchen an Bauch und Hüften. Ihr breites Becken hatte ihre Mutter immer als „gebärfreudig“ bezeichnet und bedauert, dass Biggi keine Kinder bekommen hatte. Biggis Kleidung hätte Andi nicht gepasst.
 
Sie gingen hinunter zum kleinen Anlegeplatz beim Campground. Er sah noch genauso verlassen wie gestern aus.
„Das Geräusch kam weiter von rechts“, meinte Andi.
Überall entlang des Campingplatzes hatten Schilder an der Grenze zum Nachbargrundstück gewarnt „No trespassing“. Direkt am Seeufer stand kein Schild „Betreten verboten“.
Über Felsbrocken turnten sie am Ufer entlang bis zu einer Kante, wo das Ufer mehrere Meter steil abfiel. Sie mussten sich schon auf dem Nachbargrundstück befinden. Unterhalb der Kante lag ein Auto im See.
„Das liegt noch nicht lange dort unten. Siehst du den Benzin- und Ölfilm auf dem Wasser? Und die Luftblasen, die noch immer aus dem Auto aufsteigen?“
„Wir haben genug gesehen. Komm, gehen wir wieder zurück!“
Biggi war von Natur aus noch ängstlicher als neugierig.
*   *
*
Sie entschieden sich, nicht weiter nach dem Felsdom zu suchen, weil der eventuell an diesem Wochentag geschlossen sein könnte, sondern gleich in Richtung Lake Superior zu fahren.
„Hier im Norden sind mir sowieso zu viele Moskitos unterwegs“, hatte Biggi gemeint.
Die erste Strecke fuhr wie gewöhnlich Biggi. Andi brauchte morgens seine Pfeife, um sich zu sammeln. Erst danach fühlte er sich wieder als normaler Mensch.
Andi blickte auf seiner Seite in den Rückspiegel. Sie hatten gerade die Stadt Timmins hinter sich gelassen.
„Fahr mal rechts ran! Ich glaube, hinter uns sind die Cops her.“ Es sollte ein Scherz sein.
Verunsichert verlangsamte Biggi das Tempo, lenkte das Caravangespann auf den unbefestigten Seitenstreifen und ließ es ausrollen.
„Und was nun?“ fragte sie.
Achselzucken. Andi wollte schon aussteigen und nachsehen, da tauchte ein Polizist in Uniform an Biggis Seitenfenster auf und bedeutete ihr, das Fenster herunterzulassen. Ihre Englischkenntnisse reichten nicht über fünf Jahre Schulenglisch hinaus. Deshalb wendete sie sich an Andi:
„Was soll ich jetzt sagen?“
An Andis Stelle antwortete der Polizist auf Deutsch, jedoch mit kanadischem Akzent:
„Am besten die Wahrheit!“
Einen Moment lang starrte ihn Biggi mit offenem Mund an, dann prustete sie unter Lachen heraus:
„Ich meinte doch, was ich auf Englisch sagen sollte!“
Ihr Lachen war so ansteckend, dass sich auch auf dem Gesicht des noch jungen Streifenpolizisten ein Lächeln abzeichnete. Nachdem er ihren Pass und Führerschein geprüft hatte – es war ihr internationaler Führerschein, dessen viele Sprachen ihn offenbar verwirrten – ermahnte er Biggi:
„Sie sind zu schnell gefahren. Hier sind nur 60 km/h erlaubt.“
„Ich dachte, ich sei schon aus der Stadt heraus, weil hier keine Häuser mehr stehen.“
Der Officer ließ es bei einer mündlichen Ermahnung und Belehrung bewenden. Seine Neugierde war offenbar größer, als sein Bedarf, Strafzettel auszustellen und er fragte sie aus: woher aus Deutschland sie kämen, wo sie schon waren und wohin sie noch wollten. Nebenbei ließ er durchblicken, dass er von deutschen Einwanderern abstamme; seine Großmutter hätte sich geweigert Englisch zu lernen und nur Deutsch mit ihm gesprochen.
„Sind Sie auch für Umweltsünden zuständig?“, fragte Andi unvermittelt. „Wir haben nämlich ein Auto im Night Hawk Lake entdeckt, das offenbar gestern Nacht dort versenkt worden ist.“
Der Streifenpolizist ließ sich die Stelle beschreiben und versprach, seine dort zuständigen Kollegen von der Provinzpolizei zu informieren. Dann ermahnte er Biggi, vorsichtig zu fahren und wünschte ihnen einen angenehmen Aufenthalt in Kanada.
*   *
*
Am nächsten Morgen begrüßte Andi die Frau von gestern freudig mit:
„Hallo, Biggi!“
„Du erinnerst dich wieder an mich? Da bin ich aber froh! Dann müssen wir unsere Beziehung ja nicht noch einmal von vorne beginnen.“ Der flotte Spruch sollte verbergen, dass sie am liebsten vor Freude geweint hätte.
„Was ist passiert? Warum liege ich hier?“, wollte Andi wissen.
Biggi legte ihm einen Finger auf den Mund:
„Ich soll dir nichts erzählen und auch keine Fragen stellen, hat man mir eindringlich geraten. Du musst dich selbst an alles erinnern!“
Um vom Thema abzulenken, fragte sie:
„Hat Baby Durst?“
Er fühlte die Spitze eines Flaschensaugers an seinen Lippen. Nach ein paar Schlucken war er völlig erschöpft.
 
Biggi verstaute das Fläschchen wieder in ihrer Tasche, damit die Schwestern nicht mitbekamen, dass sie sich doch in die Pflege eingemischt hatte. Aber sie kannte ihr „Baby“ und wusste, dass es am liebsten aus seinem gewohnten Fläschchen trank, dass es gerne Windelhöschen über den Pampers trug – nicht etwa die schlichten aus einem Sanitätshaus, sondern die mit Babymustern oder Rüschen – und dass es mit einem Nuckel und seiner Puppe im Arm besser einschlief.
Bevor sie ging, sagte sie noch:
„Schau mal, was ich dir mitgebracht habe!“
Sie legte Andi seine Puppe in den Arm. Die Stationsärztin hatte es erlaubt.
*   *
*
Biggi hatte Andi auf der Silvesterparty einer Freundin kennen gelernt. Die Freundin war mit einem Babymann zusammen gezogen und wollte ihn bei dieser Gelegenheit einigen engeren Freunden und Bekannten vorstellen. Seit sich Biggis Mann vor Jahren über Nacht verabschiedet hatte, interessierten Biggi die vielfältigen Aspekte zwischenmenschlicher Beziehungen. Sie suchte immer noch eine Erklärung für das, was damals passiert war. Ihre Freundin hatte sie vorgewarnt: Sie habe sowohl ´Normalos´ aus ihrem Bekanntenkreis als auch ABs und DLs aus dem Kreis ihres Freundes eingeladen. Wie zufällig waren alle ´Normalos´ Frauen und alle Adult Babies und Diaper Lover Männer gewesen.
 
Andi war geschieden, lebte allein und hatte als Korrespondent längere Zeit im Ausland verbracht. Aus „familiären“ Gründen musste er diese Tätigkeit aufgeben und sich in Deutschland niederlassen. Er hatte sich einen Job gesucht, der wenigstens ab und zu mit einer Auslandsreise verbunden gewesen war. Nachdem die Kinder das Haus verlassen hatten, war seiner Frau und ihm aufgefallen, dass sie keinen gemeinsamen Gesprächsstoff mehr hatten. Ihn in seiner, wie seine Frau es nannte, „postpubertären Selbstverwirklichungsphase“ zu unterstützen und mit ihm in andere Länder zu reisen, hatte sie kategorisch abgelehnt.
 
Gerade die Reise und Abenteuerlust Andis hatten Biggi fasziniert. Allerdings war sie sich anfangs nicht sicher gewesen, was sie von Andis Vorliebe für Windeln halten sollte. Auf der Party hatte sie es als ganz angenehm empfunden, dass die Windeln unter seiner schwarzen Hose nur auffielen, wenn man es wusste – im Gegensatz zum Babymann ihrer Freundin, der ein derart dickes Windelpaket unter seiner Jeanslatzhose trug, dass die Knöpfe an der Seite nicht mehr schlossen. Im Laufe der Party hatte er die Latzhose ausgezogen und war in einer dünnen Strumpfhose herum gelaufen, durch die das Babymotivmuster seiner Windelhose zu erkennen gewesen war.
 
Unsicher, was sie von ihrer neuen Bekanntschaft halten sollte, sprach Biggi mit einer anderen Freundin über ihre neue Bekanntschaft. Deren Kommentar war lediglich:
„Du schreist aber auch immer ´hier´, wenn es was zu verteilen gibt! Na und? Mich würde es nicht stören, dass er gerne in Windeln herumläuft, und wenn es dich nicht stört – soll er doch.“
Auch Biggis Lieblingsnichte reagierte ähnlich:
„Ach wie süß!“, rief sie. „Da hast du ja gleich zwei in einem: einen Mann und ein Baby. Du wolltest doch schon immer beides haben!“
Biggi gewöhnte sich daran, Andi Pampers anzulegen, dünnere für den Tag und dickere für die Nacht und ihm Windelhöschen darüber zu ziehen.
 
Im Herbst gingen sie zu viert – die Freundin mit ihrem Babymann, Andi und Biggi – zum Jahrestreffen jener Firma in Wedel, die sich auf Artikel für ABs spezialisiert hatte. Dort lernten sie Maggy und Paul aus Kanada kennen. Maggy – Margit – und Paul stammten ursprünglich aus der Gegend von Münster. Vor zwanzig Jahren waren sie nach Kanada ausgewandert und inzwischen dort eingebürgert. Im Laufe des Abends erwähnte Biggi den beiden gegenüber, dass auch sie Ende des Jahres in Rente gehe und sie dann mit Andi etwas Unternehmen und Erleben wolle, statt ihre Zeit im natürlichen Lebensraum der Rentner – auf den Sofas vor den Fernsehern – zu verbringen.
„Warum kommt ihr nicht nach Kanada? Da gibt es so viel zu sehen und zu erleben, damit seit ihr auf Jahre beschäftigt“, schlug Paul, inzwischen überzeugter Kanadier, vor.
Andi fand den Vorschlag interessant, Biggi hielt sich zurück. Paul, dem Biggis Zaudern nicht entgangen war, schwärmte ihnen von den Schönheiten, den Dimensionen und den Weiten Kanadas vor. Sie bestellten eine Flasche Wein, bei der es nicht bleiben sollte, und schmiedeten Pläne. Es wurde eine lange Nacht.
 
Paul bot jede erdenkliche Hilfe an. Sein Vorschlag war, sich in Kanada ein Auto und einen Wohnanhänger zu kaufen und damit im Lande herumzufahren. Das sei am Ende billiger als die Miete für ein Wohnmobil oder Mobile Home, denn das Gespann konnten sie ja wieder verkaufen, wenn sie es nicht mehr brauchten. Er wollte sich umhören, wer einen Wohnwagen preisgünstig abzugeben habe.
„See, manche Familien kriegen Zuwachs, da reicht dann der alte Wohnwagen nicht mehr“, hatte er erklärt, „und ich komme mit vielen Menschen zusammen.“ Er hatte sich nördlich von Toronto, in Barrie, eine Existenz als Grundstücks- und Häusermakler aufgebaut.
Maggy und Paul übernachteten in Wedel gleich im Hotel nebenan, Biggi und Andi nahmen ein Taxi zu Biggis Wohnung in Rissen.
Am nächsten Mittag holten sie Andis Wagen aus Wedel ab. Maggy und Paul saßen noch beim Frühstückskaffee.
„Es bleibt doch dabei, ihr besucht uns nächstes Jahr?“ hatte Paul sie lautstark begrüßt.
*   *
*
Zwei Volontäre kamen herein und stellten einen bequemen Fernsehsessel mit der Lehne direkt vor das Fernsehgerät in der Ecke.
„TV ist sowieso nicht gut bei ´Concussion Cerebri´, witzelte einer von ihnen, anscheinend ein Medizinstudent.
Obwohl – oder gerade weil – der Pfleger die medizinische Bezeichnung verwendet hatte, wusste Andi Bescheid. Er hatte eine Gehirnerschütterung, ein Schädel-Hirn-Trauma, ein ziemlich schweres offenbar. Die Gedächtnislücken, die Schwindelanfälle, seine Übelkeit und seine Kopfschmerzen waren typische Begleiterscheinungen.
Biggi blieb den ganzen Tag über bei ihm. Wenn sie nicht nachfühlte, ob seine Pampers nass waren und ihm heimlich aus dem Fläschchen zu trinken gab, saß sie im Fernsehsessel und las. Gelegentlich tönte ein leises Schnarchen von ihr zu Andi herüber.
 
2. Kapitel

Biggi wollte Andi nicht „vorführen“, beileibe nicht! Aber schon bei Andis Einlieferung hatte Pam die Ärzte auf Andis vermeintliche Blasenschwäche aufmerksam gemacht, unnötigerweise, denn bei der Untersuchung waren ihnen Andis nasse Windel aufgefallen – und auch seine für einen Mann ungewöhnliche Unterwäsche. Noch während Biggi und Pam auf das Untersuchungsergebnis gewartet hatten, hatte sich eine Ärztin zu ihnen gesetzt um Andis Anamnese, seine Krankenvorgeschichte, noch einmal mit Biggi durchzugehen. Sie hatte mehr über Andis Lebensumstände und –gewohnheiten wissen wollen, als aus den Routinefragen, die eine Schwester bei der Einlieferung gestellt hatte, hervorging. Biggi war viel zu aufgeregt gewesen, um sich in Englisch halbwegs verständlich ausdrücken zu können und oft hatte Pam an ihrer Stelle antworten müssen. Die Ärztin hatte ihnen nicht sagen können, wie schwer Andis Schädel-Trauma war und welche Folgen auftreten würden. Andi sollte über Nacht auf der Intensivstation beobachtet werden. Am Ende des Gesprächs hatte sie gemeint, dass es für Andis Genesungsprozess vorteilhaft sein könnte, wenn er in der fremden, nüchternen Krankenhausumgebung bekannte Dinge vorfände und vertrauten Verhaltensmustern folgen könnte. Bei einem eventuellen Gedächtnisverlust oder bei Gedächtnislücken könne dies zur Regenerierung seines Erinnerungsvermögens beitragen.

Barrie
Andi hatte über E-Mail den Kontakt zu Paul und Maggy gehalten. Anfangs herrschte noch einige Konfusion über die Dimension des Wohnwagengespanns. Paul schwärmte für einen Fifth-Wheel, einem großen Wohnanhänger der viel Raum bot, aber eine besondere Kupplungsvorrichtung auf der Ladefläche eines Pick-upbrauchte. Andi ging von seinen finanziellen Möglichkeiten und von den auch in Kanada steigenden Benzinpreisen aus und entschied sich für einen kleineren Wohnwagen, so um 20 Fuß, ca. sechs Meter Länge und als Zugmaschine einen der kleineren Pick-up von Mitsubishi oder Toyota. Die Preise für vergleichbare Gebrauchtwagen schienen bei kanadischen Händlern ganz moderat zu sein – bis Paul ihn aufklärte, dass diese Preise ohne Steuern seien. In Ontario kämen noch 8% Provinz- und 6% Föderationssteuern hinzu. Allerdings sei der Wiederverkaufswert bei den japanischen Wagen wesentlich höher als bei amerikanischen Modellen.
 
Wenige Tage vor ihrer Abreise mailte Paul, dass er den entsprechenden Wagen, einen Toyota-Tundra Pick-upbei einem Händler und einen Wohnwagen von privater Seite für sie gefunden habe.
 
In Toronto waren sie ohne Schwierigkeiten durch die Pass- und Gepäckkontrolle des Lester Pearson Airports gekommen. Paul hatte ihnen den Tipp gegeben, auf den Formularen „für statistische Zwecke“, die sie vor der Landung ausfüllen mussten, als Aufenthaltsdauer maximal vier Wochen anzugeben, um eine Befragung durch die Pass- und Einwanderungsbehörde zu vermeiden. Auch ihr Gepäck war ordnungsgemäß befördert worden und nicht in Rio oder sonst wo gelandet und so strebten sie in erwartungsvoller Spannung dem Ausgang zu, wo sie Maggy bereits erwartete. Paul hatte ein wichtiges Verkaufsgespräch und ließ sich entschuldigen. Maggy hatte ihren Wagen in dem mehrgeschossigen Parkhaus abgestellt. Sie brauchte eine Weile, um ihn wiederzufinden.
 
Vom Flughafen aus dauerte es noch einmal drei Stunden, bis sie auf dem überfüllten Highway 400 die 100 km bis Barrie zurückgelegt hatten. Dies sei jedes Wochenende so, erklärte Maggy, Barrie und Umgebung sei ein beliebtes Wochenendziel der Torontoer. Am Freitagabend sei der Highway von Toronto nach Barrie und am Sonntagabend von Barrie zurück jedesmal hoffnungslos überlastet.
 
Während der Fahrt war die Anspannung bei Andi und Biggi in bleierne Müdigkeit umgeschlagen. Dass die Villa von Maggy und Paul außerhalb von Barrie in Shanty Bay auf einem Wassergrundstück an der Kempenfelt Bay des Lake Simcoe lag, bekamen Biggi und Andi an diesem Abend nicht mehr mit.
*   *
*
Es war Anfang Mai und noch immer trieben Eisplatten auf dem Lake Simcoe. Der Regen der letzten Tage hatte das Eis nicht sofort zum Schmelzen gebracht. Er hatte erst einmal die schwarze Schicht aus Ablagerungen der Luftverschmutzung, die das Eis noch zusammen hielten, abgespült. Jetzt schien die Sonne und mit ihr erwachte das Leben. Maggy und Paul hatten mit ihren Gästen aus Deutschland einen langen Spaziergang auf der alten Eisenbahntrasse zwischen Barrie und Orillia unternommen. Mit den Mitteln örtlicher Vereine und Mäzen hatte man die Trasse zu einem bequemen Wanderweg umgestaltet. Der Spaziergang war eine Kurzeinführung in die Natur Kanadas gewesen: Paul hatte ihnen die Schnappschildkröten gezeigt, die sich nicht völlig in ihren Panzer zurückziehen können und daher zuschnappen, wenn ihnen jemand zu nahe kommt, er hatte sie vor dem Poison Ivy, dem Giftsumach, gewarnt, der empfindliche Hautreizungen verursacht, wenn man direkt oder indirekt mit ihm in Berührung kommt, und sie hatten in einer Plantage gesehen, wie man Ahornsirup gewinnt. Morgen wollten sie alle Vier nach Barrie hineinfahren, wo Paul seine Büroräume hatte. Paul und Maggy mussten sich um „den Laden“ kümmern, wie Paul es leger ausdrückte und Andi um eine Geldüberweisung aus Deutschland.
 
Pauls Büro lag in Downtown Barrie in der Essa Road. Während der Führung durch die modern eingerichteten Räume machte Paul seine Gäste aus Deutschland mit mehreren Angestellten bekannt. Bei passender Gelegenheit bemerkte Maggy mit gesenkter Stimme und unverhohlenem Stolz, dass Paul von der Handelskammer in Barrie für eine Auszeichnung als erfolgreichster Geschäftsmann des letzten Jahres in der Region vorgesehen sei. Begonnen hatte er seine Karriere als Makler mit dem Kauf einer Farm bei Barrie, für den Maggy und er ihre gesamten Ersparnisse ausgegeben hatten. Er hatte das Land parzelliert und, als der Grundstücksboom in Barrie begann, die Parzellen mit Gewinn an Städter aus Toronto verkauft, die hier ihre Ferienhäuser bauen wollten.
 
Paul bot Biggi und Andi einen seiner „Assistenten“ als Begleitung bei ihren Erledigungen an, aber Andi lehnte dankend ab. Er erkundete eine fremde Stadt lieber auf eigene Faust. Ausgerüstet mit einem Stadtplan, auf welchem Paul die für Andi wichtigen Einrichtungen markiert hatte, machten sich Biggi und Andi auf den Weg.
 
Der Charme von Barrie nahm sie gefangen. Die Stadt hatte mit den vielen kleinen, älteren Häusern und deren verspielten Holzvorbauten, mit ihrer Lage am sanft ansteigenden Uferhang und mit den zahlreichen angebotenen Ferienwohnungen das Flair eines Ostseebades. Hier grüßte man sich noch beim Spaziergang auf der Uferpromenade, auf der Straße ging man mit einem leicht entschuldigenden Lächeln aneinander vorbei. Allerdings entstanden am Rande der Stadt überall neue Wohnanlagen im Landhausstil und entsprechende kleinere Einkaufsmöglichkeiten von Supermarktketten. Als Grundstücksmakler war Paul nicht unbeteiligt an dieser Entwicklung. Aber er hatte auch aus Deutschland einen Hang für alles Alte mitgebracht und setzte sich öffentlich für den Erhalt von alten Bauwerken in der Stadt ein.
 
Die Hauptstraße von Barrie führte um Bogen um die Kempenfelt Bay herum. Sie hieß jetzt erst Burton und dann Blake Street. Es war die ursprüngliche Yonge Street, die vor dem Bau der Fernstraßen 400 und 17 einmal die längste Straße derWelt gewesen war und von Toronto über den Norden bis nach Rainy River im äußersten Südwesten der Provinz geführt hatte. Jetzt erinnerten nur noch die Namen einzelner Teilstücke an die einstige Berühmtheit dieser Straße.
 
An einer Kreuzung der Burton Street in der Innenstadt befanden sich gleich zwei der größeren Banken Kanadas, eine dritte in der Nebenstraße. Andi entschied sich – auf Pauls Rat hin – für den TD Canada Trust und eröffnete dort ein Konto mit Zugang zum Online Banking. Nur wenige Blöcke entfernt lag die öffentliche Bibliothek mit gebührenfreiem Internet Zugang. Dort nahm er von seinem Konto bei der Postbank eine Überweisung auf sein neues Konto in Kanada vor. Den Tipp mit der Postbank hatte er über das Internet von einem erfahrenen Kanadareisenden erhalten, der selbst schlechte Erfahrungen mit der Überweisung von einer anderen Bank gemacht hatte.
 
Mittags trafen sie sich mit Maggy. Sie führte Pauls Buchhaltung und hatte den Vormittag über die Unterlagen der letzten Woche zusammen gesammelt. Den Rest erledigte sie stets zu Hause. Nebenbei betätigte sie sich innen architektonisch als Raumausstatterin, hatte allerdings nicht viele Aufträge. Die Konkurrenz war groß und Paul konnte ihr nur selten Kunden vermitteln. Die meisten von Pauls Kunden wollten ihr Kapital gewinnbringend und möglichst an der Steuer vorbei anlegen, Details interessierten sie nicht.
 
Nach einem kleinen Imbiss in einem italienischen Restaurant in der Innenstadt fuhr Maggy mit ihren Gästen zur Toyota Vertretung im Maple Drive West. Hier, auf den Hügeln über dem Stadtkern, hatten gleich mehrere Autohändler ihre ausladenden Schauräume errichtet. Andere würden wohl folgen, wie Andi aus der regen Bautätigkeit rundum ableitete. Es war ein trüber Tag und die Wolken hingen so tief, dass Wolkenfetzen den oberen Teil des Maple Drive streiften und Nieselregen verbreiteten. Biggi und Andi schauerten in der kühlen Nässe.
 
Der Wagen, den Paul ausgesucht hatte, war noch nicht verkauft. Es war ein schon älteres Modell in der hintersten Reihe der Gebrauchtwagen. Außer einigen Lackschäden schien sein Zustand in Ordnung zu sein. Nach einer Probefahrt einigten sich Andi und der Verkäufer schnell auf den Preis, wobei Andi noch einen Satz neuer Reifen für die schon reichlich abgefahrenen alten herausschlug. Die Anmeldung auf seinen Namen beim zuständigen Straßenverkehrsamt und die Anfertigung von neuen Nummernschildern (die Kennzeichen würden immer sein Besitz sein, solange er sie nicht zurückgab) übernahm das Autohaus. Lediglich die Gebühren dafür musste Andi im Voraus bezahlen. Allerdings würde es ein paar Tage dauern, bis alles erledigt sei, entschuldigte sich der Verkäufer. Das war Andi nur recht, denn auch mit der Geldüberweisung konnte er erst in einigen Tagen rechnen. Als Andis Wohnadresse in Kanada gab Maggy ihre und Pauls Anschrift in Shanty Bay an.
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Der Wagen war angemeldet, die nur im Süden der Provinz Ontario obligatorische Abgasprüfung erledigt, der Agentur, über welche Andi in Deutschland eine Vollkaskoversicherung für Wagen und Wohnwagen abgeschlossen hatte, das Autokennzeichen mitgeteilt, so dass die Agentur die Versicherungsunterlagen an die angegebene Adresse schicken konnte. Den Wohnwagen hatte er ohne zusätzliche Gebühren bei der gleichen Versicherung mitversichert. Jetzt musste er warten, bis die Unterlagen eintrafen, vorher wollte er den neu erstandenen Pick-upnicht benutzen – na ja, gelegentlich kleinere Fahrten, um sich an den Wagen zu gewöhnen, stellten sicherlich kein Problem dar. Er müsse nur aufpassen, dass ihn niemand anfahre, hatte Paul ihn gewarnt. Hier in Ontario gelte das „no fault“-System, was bedeute, dass die Versicherungen von der Unschuld ihres Versicherungsnehmers ausgingen und keine Zahlungen an den anderen Unfallbeteiligten leisteten. Deshalb seien sie hier auch alle voll versichert, also auch für die Schäden am eigenen Fahrzeug. Andi war froh, dass er eine entsprechende Versicherung abgeschlossen hatte.
 
Gelegentlich nahm Paul seinen Gast aus Deutschland auf Besichtigungstouren von Objekten mit. Pauls leutselige Art, ohne dabei großspurig zu wirken, schien bei seinen Kunden gut anzukommen. Sei nahmen ihm ab, dass er es ehrlich meinte.
 
Während Andi und Paul einmal länger unterwegs waren, fanden Biggi und Maggy Zeit, bei einem Gläschen ein Gespräch „von Frau zu Frau“ zu führen.
„Wie ist das bei euch beiden“, wollte Biggi wissen, „läuft Paul auch in Windeln herum?“
Maggy amüsiert sich über diese Frage, ließ sich jedoch nichts anmerken:
„Manchmal tut er das. Dann ist er mein Baby. Manchmal bin ich sein Baby. Dann ist er Pauline, meine Mami. Wir haben eine nette Sammlung von verspielten Windelhöschen. Ich finde es süß, wenn er sie anzieht und er findet mich sexy in ihnen. Diese Höschen sitzen nur mit Windeln. Crossdressing ist bei Paul und mir kein Problem. Manchmal, wenn wir etwas zum Anziehen kaufen, wissen wir vorher nicht, für wen es ist.“
Maggy war eine große Frau mit kräftigem Knochenbau. Paul hatte die gleiche Größe und Statur. Muskeln und Fettgewebe glichen bei ihm die Rundungen aus, welche die weiblichen Gene bei Maggy hervorgebracht hatten.
Nach einer Pause fuhr Maggy scheinbar ohne Zusammenhang fort:
„Wir haben keine Kinder und wenn nicht einer von uns das Kind spielt, sind wir am liebsten Mommy und Daddy oder Onkel und Tante für andere Babys. Du siehst, wir haben mehrere Rollen, die wir abwechselnd spielen. Andi ist doch dein Baby?“
Biggi zögerte mit der Antwort. War Andi ihr Baby? In gewisser Weise schon, aber wiederum nicht so richtig. Maggy deutete das Zögern richtig:
„Wenn du willst, zeige ich dir, wie du ein richtiges Baby aus ihm machen kannst.“
Biggi war skeptisch. Skeptisch, wie Andi reagieren würde und was auf sie alles zukommen würde. Maggy zerstreute ihre Bedenken:
„Wenn er sich von dir windeln lässt, hat er dich bereits als Mami akzeptiert. Und als Mami bestimmst du, was du mit ihm machst und wieweit du gehen willst – na ja, und er bereit ist, es geschehen zu lassen. Probier es einfach aus, sonst wirst du nie erfahren, was euch Spaß macht. Ich wette, er wird wie Wachs in deinen Händen werden und wird dir bald völlig verfallen sein, sich überhaupt nicht mehr vorstellen können, dass es einmal anders gewesen ist.“
Der Gedanke, Andi von sich so abhängig zu machen, dass er sie nie mehr verlassen würde, gefiel Biggi. Sie redeten noch eine Weile darüber, was sie alles mit Andi anstellen könnten.
„Nach meinen Erfahrungen steckt in den meisten Babymännern auch ein kleines Babymädchen mit einer Vorliebe für süße, niedliche und kindliche Sachen zum Anziehen.“
Schließlich beendete Maggy das Thema mit der Ankündigung:
„Andi ist schlank und nicht zu groß, da gibt es in der Teens- und Kinderabteilung von Sears sicher ein paar nette Sachen für ihn, die ihm passen. Morgen gehen wir mit ihm shoppen! 
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Die Sonne schien und an windgeschützten Stellen war es bereits angenehm warm. Biggi hatte Andi am Morgen eine seiner üblichen Windeln für den Tag angelegt und ein lila, an den Beinabschlüssen gerüschtes Plastikhöschen, das ihr Maggy gereicht hatte, darüber gezogen. Unter der leichten Sommerhose zeichneten sich das Windelpaket und das Plastikhöschen deutlich ab. Noch ahnte Andi nicht, was auf ihn zukommen würde. Er war schon nass, als sie in seinem Pick-upzu einem, wie er meinte, Spaziergang auf Wegen, auf denen ihnen kaum andere Spaziergänger begegneten, aufbrachen. Als Maggy ihn jedoch vom Highway 400 hinunter zur Bayfield Mall in Barrie lotste, wurde er nervös. Auf dem Parkplatz neben dem Einkaufszentrumtraute er sich nicht, aus den Wagen zusteigen. Maggy lächelte aufmunternd:
„Keine Angst, niemand wird etwas sagen, nur Eingeweihte denken sich ihren Teil, wenn sie es sehen!“
Biggi hakte sich bei Andi ein und folgte Maggy in die Mall. Maggy hatte offenbar recht: Andi bemerkte niemanden, der auffällig seine aufgebauschten Hosen musterte oder sich gar nach ihm umdrehte. In der Mall fragte Maggy:
„Andi braucht doch neue Jeans? Hier sind sie billiger als in Deutschland.“
Andi brauchte wirklich neue Jeans; seine alte fielen bereits auseinander. Maggy steuerte auf die Konfektionsabteilung von Sears zu. Nach langem Suchen und, nachdem sie wie zufällig in der Damenabteilung gelandet waren, fanden sie die passende Größe für Andi. Maggy und Biggi schlenderten weiter durch die Gänge und Andi schob ergeben den Einkaufswagen hinter ihnen her, ohne recht darauf zu achten, wohin sie gingen. Vor einer Auslage mit Sonderangeboten von Damenunterbekleidung blieb Maggy stehen und begann zu wühlen. Zwei füllig gearbeitete, hüfthohe Perlonhöschen in Weiß und Rosé erweckten ihre Aufmerksamkeit. Andi fand, dass sich solche Schlüpfer gut über Windelhöschen anziehen ließen, dachte aber nicht weiter darüber nach. In der Abteilung für Teens stieß Maggy auf Trikot-Hüftschlüpfer mit Bein und passenden Unterhemden dazu. Andi fand die Sachen niedlich, konnte sich aber nicht vorstellen, dass sie zu Biggis Stil passten und für Maggy, die einen Kopf größer war, kamen sie nicht in Frage. Weiter landeten noch Strumpfhosen im Warenkorb – eine dickere in Schwarz und ein Set von drei gewirkten Strumpfhosen in Weiß, Bleu und Rosa. In einer Ecke entdecke Maggy kuschelig warme Hausanzüge (Made in Hongkong).
„Etwas für kalte Tage?“, wandte sie sich an Biggi.
Biggi nickte und Maggy suchten einen in Pink heraus. In der Kinderabteilung entdeckte sie noch eine kurze Jeanslatzhose, die sie Andi vor die Brust hielt, um die Größe abzuschätzen. Andi war irritiert. Wieso musste er zum Anpassen herhalten? Er machte ein derart fragendes Gesicht, dass Maggy verschmitzt lächelte.
„Ich weiß, dass Babys gerne süße, verspielte Sachen tragen. Und die Sachen für brave kleine Mädchen sind nun mal niedlicher als die für wilde Jungs!“, erklärte sie.
Spätestens jetzt realisierte Andi, dass die beiden Frauen Sachen für ihn kauften. Noch konnte er das Spiel von Maggy und Biggi abbrechen und einfach zum Wagen zurückkehren. Biggi würde ihm wohl als Erste folgen. Aber die bisher ausgesuchten Sachen hatten es ihm angetan und die Vorstellung, dass sie für ihn bestimmte waren, reizte ihn, turnte ihn an. Biggi musterte ihn mit einem prüfend-fragenden Blick, während Maggys Gesicht einen befriedigt-triumphierenden Ausdruck angenommen hatte. Andi würde weiter mitzuspielen, das hatte sie erkannt. Vor Verlegenheit nässte Andi seine Pampers bis an den Rand ihrer Aufnahmekapazität ein. Mit rotem Kopf folgte er Maggy und Biggi.
 
Vor einem Ständer mit preiswerten Jungmädchenkleidern blieb Maggy stehen und warf Biggi einen undefinierbaren Blick zu:
„Sollen wir?“
Biggi zögerte, stimmte jedoch nach einer Aufmunterung von Maggy zu und half Maggy ein Kleid auszusuchen.
“Jetzt musst du die Sachen erst anprobieren, ehe wir sie bezahlen!“ befahl sie Andi.
Andi wollte abwehren, aber Maggy winkte eine Verkäuferin heran und bat sie, eine Umkleidekabine aufzuschließen.
„Damen oder Herren?“
Fragend blickte die Verkäuferin Maggy an. Einen Moment lang befürchtete Andi, Maggy würde die Damenkabine öffnen lassen.
„Für Männer“, kam er Maggy zuvor.
Mit dem Stapel von Kleidungsstücken über dem Arm ging Andi in die Umkleidekabine. Er hatte das Gefühl, dass Maggy und Biggi am liebsten mit in die Kabine gekommen wären, um ihn beim Umkleiden zu helfen.
 
Durch ihren um die Hüften etwas fülligeren Karottenschnitt saßen die Jeans wie angegossen über dem Windelpaket. Maggy und Biggi ließen sie sich vorführen und waren zufrieden.
„Und nur zeig uns, wie die anderen Sachen passen!“ schickte ihn Maggy zurück in die Kabine.
Die Latzhose war zu klein, ihre Träger zu kurz. Maggy klopfte an die Kabinentür. Andi solle das Kleidchen anziehen, damit vor die Kabine kommen und sich im Spiegel zeigen. Ängstlich vergewisserte sich Andi vorher, ob Verkäuferinnen oder andere Kunden in der Nähe waren.
„Jetzt haben wir aber noch nichts für die Nacht“, bemerkte Biggi.
Unter den Schlafanzügen und Nachthemden fanden sie nichts, was ihnen zusagte und Maggy meinte, sie habe zu Hause sicher etwas Passendes für das Baby.
 
Der Einkauf zog sich weiter in die Länge: Zum Kleid kamen noch passende Schuhe und Söckchen hinzu, und Maggy fragte in mehreren Boutiquen nach einer kurzen Latzhose für Mädchen. Zu guter Letzt setzten sie sich in den Food Court, dem Speisenhof derMall, tranken Kaffee und aßen Donuts. Auf dem Weg zum Wagen begann Andi erneut auszulaufen. Vorsichtig schob er sich auf den hohen Sitz des Pick-up. Da passierte es: Es lief warm an seinem linken Oberschenkel hinab.
„Biggi! Maggy!“
„Was hat Andi denn?“
Andis Hand an der Hose verriet alles.
„Oh-oh, Andi nass demacht?“, fragte Maggy in Babysprache. „Lass ´mal sehen!“
Mitten auf dem Parkplatz inspizierte sie das Ausmaß des Unglücks. Hinten an der Hose zog sich ein feuchter Streifen bis zum Knie hinab.
„Da wird Andi wohl nicht mehr weiter einkaufen können! Aber ich muss mit Biggi noch in den Supermarkt Vorräte kaufen. Dann musst du eben hier auf uns warten.“
Andi wollte sich mit seiner nassen Hose nicht auf die Wagenpolster setzen. So stand er mit dem Rücken vor dem Pick-up, verbarg den nassen Teil seiner Hose und fröstelte vor sich hin. Biggi und Maggy kamen erst eine ganze Weile später mit zwei voll beladenen Einkaufswagen zurück. Andi musste ihnen beim Verstauen der Einkäufe auf der Ladefläche und beim Abdecken mit einer Plane helfen. Maggy schien sich an seiner Verlegenheit dabei zu weiden.
„Schau mal Biggi, wie genierlich sich unser Kleiner benimmt. Dabei ist er nun mal ein großes Baby, ob er es nun wahrhaben will oder nicht“, zog sie ihn auf und gab ihm einen leichten Klaps auf den gewindelten Hintern.
Die beiden Frauen hatten eine gummierte Wickelunterlage für Säuglinge mitgebracht, die sie auf seinen Sitz legten.
„Ich glaube, die Unterlage sollte am besten gleich dort liegen bleiben“, schlug Maggy vor.
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Zurück in Shanty Bay verstauten Maggy und Biggi erst einmal die Einkäufe. Sie hatten Andi auf die Hollywoodschaukel im Garten gesetzt, die noch mit ihrem Schonbezug aus Plastik vom Winter bedeckt war. Die Zeit schien Andi unendlich langsam zu verstreichen. Er kämpfte gegen den immer stärker werdenden Drang in seiner Blase an, aber als Biggi ihn endlich ins Haus rief, waren seine Hosen von oben bis unten durchnässt. Maggy nahm seinen Zustand nur mit ihrem Üblichen „Oh-oh“ zur Kenntnis. Gemeinsam zogen ihn die beiden Frauen aus und schickten ihn unter die Dusche.
„Wenn du fertig bist, komm rüber ins Gästezimmer!“ ordnete Maggy an.
Im Gästezimmer zeigte Maggy, wie Biggi ihrem Baby drei Windeln verschiedener Größen übereinander anziehen konnte: Die beiden kleineren, inneren Pampers erhielten je drei Längsschnitte in der Mitte, so dass sie ihre Feuchtigkeit an die nächste Lage weitergeben konnten. Für dieses dicke Windelpaket benötigten sie ein besonders füllig gearbeitetes Windelhöschen aus Maggys Sammlung. Danach kleideten sie Andi mit den neuen Sachen ein: mädchenhaftes Unterhemd, fülliger Schlüpfer, weiße Strumpfhose, das neue Kleidchen, welches so kurz war, dass das Windelpaket unten hervor lugte und die zum Kleid passenden Schuhe.
„Süß“, kommentierte Maggy Andis neues Outfit und Biggi gab ihm zum Zeichen ihres Einverständnisses einen Kuss auf die Stirn.
Paul staunte nicht schlecht, als er nach Haus kam und Andi sah.
„Oh“, meinte er, „ihr habt ja halb Barrie leer gekauft!“
Abends im Kaminzimmer, in das durch die Fliegengitter eine frische Brise von der Bay strich, war Paul bei einer Flasche Rotwein auf sein Lieblings- Thema zu sprechen gekommen:
„Kein Baby gleicht dem anderen, you know. Maggy und ich tolerieren das – in gewissen Grenzen allerdings. Sex mit Kindern, Videos davon, oder aber gefährliche Sachen, die zu Gesundheitsschäden führen können, da machen wir nicht mit. Da hört der Spaß auf!“
Der dunkle, klagende Ruf eines Loon, Eistauchers, unterbrach Pauls Redefluss.
„Es gibt viele scheue Babys, die keine Möglichkeit haben, aus dem Verborgenen herauszukommen und ihren Weg als Babymann oder Babyfrau zu finden.“
Maggy nickte zustimmend. Sie überließ Paul das Theoretisieren; sie organisierte und handelte.
„Das neue Babymädchen in Andi braucht einen eigenen Namen!“, meinte sie. „Wie willst du dein Baby nennen?“, fragte sie Biggi.
Biggi hatte keine Ahnung.
„Andrea vielleicht?“
„Zu simpel. Wir müssen einen speziellen Namen für das spezielle Kind finden!“, widersprach Maggy.
Nach einigen Vorschlägen blieben Andi vier Buchstaben eines Namens im Gedächtnis:
„Vivi. Ich bin Baby Vivi.“
„Wee-Wee“, Paul sprach den Namen englisch aus, „ist ein ganz passender Name für ein Baby. Besonders nach dem Malheur heute in der Mall, von dem mir Maggy erzählt hat. Okay, Vivi, darauf stoßen wir an“. Er füllte die Gläser auf.
Maggy verschwand für einen Moment und kam mit einem Babyfläschchen zurück.
„So kleine Babymädchen können noch nicht aus Gläsern trinken“, erklärte sie.
Schnell war der Wein für das Baby Vivi ins Fläschchen umgefüllt. Aber jetzt hatte Paul Bedenken:
„Darf Vivi denn schon Wein trinken?“
„Das ist doch nur eine Art Traubensaft“, entschied Maggy.
Paul hob sein Glas:
„Damit taufen wir dich auf den Namen Vivi. Auf ein langes Babydasein für Vivi!“
Während Maggy, Paul und Biggi an ihren Weingläsern nippten, nuckelte Vivi den Wein aus der Flasche.
Nach einer Weile nahm Paul sein altes Thema wieder auf:
„Look, I tell you, manchmal gibt es schon große Geburtswehen, ehe sich ein Boy oder Girl zu seiner Babypassion bekennt. Manche können es aus familiären oder beruflichen Gründen nicht offen tun. Aber so weit wir es können, helfen wir dabei.“
Im Laufe des Abends gab Maggy dem Babymädchen Vivi eine Puppe zum Spielen.
„Willst du sie nicht füttern und wickeln?“ fragte sie.
Andi hatte noch nie eine Puppe besessen. Maggy und Biggi zeigten ihm, wie man mit Puppen spielt. Unter ihren wachsamen Augen spielte Babymädchen Vivi nach, was es am Tage in der Mall erlebt hatte.
„Jetzt ist es aber Zeit für kleine Mädchen, ins Bett zu gehen!“, meinte Maggy nach einer Weile.
Am liebsten wäre Andi so wie er war ins Bett gegangen. Energisch schritt Maggy ein. Sie wies Biggi an, ihr Baby vor dem Schlafengehen noch einmal trocken zu legen und für die Nacht zurecht zu machen.
„Ich hole nur schnell ein paar Nachtsachen für das Baby“, entschuldigte sie sich. Sie winkte Paul mit sich hinaus.
„Mal ehrlich, fühlst du dich wohl in deiner Rolle als Babymädchen Vivi?“, fragte Biggi, als sie allein waren.
„Ich glaube schon. Jedenfalls ist es eine ganz neue Erfahrung und ich könnte mich an meine neue Rolle gewöhnen“, gestand er. „Und du? Wie siehst du das? Was empfindest du dabei?“
Biggi überlegte einen Augenblick, ehe sie antwortete:
„Ich glaube, ich kann damit Leben!“
Maggy und Paul riefen sie ins Gästezimmer. Hier hatten sie an einem der Gästebetten mit den hohen Kopf- und Fußteilen an beiden Seiten Gitter angebracht, die mit Scharnierwinkeln unter der Matratze befestigt waren und heruntergeklappt werden konnten. Unter Maggys und Pauls wachsamen Augen musste Biggi dem Baby Vivi für die Nacht ein langärmeliges aber kurzes Nachthemd mit Spitzenvolants am Hals und an den Ärmeln, Girls Rompers – Spielhöschen in Pluderhosenform mit viertel langen Beinen und gerüschten Beinabschlüssen – sowie Bettschühchen anziehen und ein zu allem passendes Nachthäubchen mit Spitzenbesatz aufsetzen, „weil Babys noch Haare drehen und die sich dabei ausreißen“, erklärte Maggy. Zum Schluss holte Maggy noch die Puppe aus dem Kaminzimmer legte sie Andi in den Arm.
„Babymädchen schlafen gerne mit ihrer Puppe“, sagte sie, „und sie lutschen auch noch an den Finger oder am Daumen. „Was ist es bei dir?“
Andi hatte noch bis zur Einschulung am Daumen gelutscht, erinnerte sich aber nicht mehr, an welchem. Er hielt den rechten Daumen hoch und Maggy steckte dem Baby seinen Daumen in den Mund.
„So, nun schlaf schön, Baby Vivi! Deine Mami, Tante Maggy und Onkel Paul unterhalten sich noch ein bisschen. Alle Drei streichelten ihm die Wange, küssten ihn auf Stirn und Augen und ließen Andi allein mit seinen Gedanken und zwiespältigen Gefühlen zurück. Er hatte es aufregend und beschämend zugleich gefunden, als Mädchen gekleidet zu sein und als Kleinkind behandelt zu werden. Aber vielleicht war ja gerade die Beschämung das Aufregende gewesen?
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In der Woche nach dem Kleiderkauf unterwies Maggy die unerfahrene Biggi in Säuglingspflege, wie man mit einem erwachsenen Kleinkind umging und was man alles mit ihm machen konnte. Andi war es peinlich, wenn sowohl Maggy als gelegentlich auch Paul zusahen, wie Biggi seine nassen Pampers wechselte, ihn fütterte und zum Ausgehen anzog. Vor einem ihrer Ausflüge in die Umgebung wollte Maggy dem Baby Vivi eine Medizin geben – Castor Oil. Biggi fand im Wörterbuch heraus, dass es Rizinusöl war. An diesem Punkt machte Biggi nicht mehr mit.
 
Am nächsten Samstag fuhren Paul und Andi schon früh mit Andis Pick-up nach Toronto, um den Wohnwagen zu kaufen. Bei der Ausfahrt Newmarket bogen sie vom Highway 400 auf den Hwy 9 nach Westen ab und von dort auf die Bezirksstraße 27 nach Woodbridge. Hier wollten sie „Flipper“ LaRoche abholen, der den Kauf vermittelt hatte.
 
„Flipper“ LaRoche – seinen richtigen Namen kannte wohl kaum jemand und niemand wusste, weshalb er sich „Flipper“ nannte – war der Hauptaktivist in der ABDL- und auch in der Spankingszene von Toronto und Umgebung. Er organisierte die monatlichen Treffen der Babys und Windelliebhaber in einem Lokal (diskrete Erscheinung bitte, da öffentlich) und veranstaltete oder initiierte gelegentlich Babyfreizeiten in abgelegenen Camps. Seinen Lebensunterhalt verdiente er mit dem An- und Verkauf gebrauchter Autos, meist Unfallwagen mit kleineren Schäden, welche die größeren Vertragshändler einer Marke nicht in ihr Angebot aufnahmen. Nach der Restaurierung in einem Body Shop, einer Karosseriewerkstatt, konnte ein Laie die Schäden nicht mehr erkennen.
 
In Woodbridge an der nördlichen Peripherie von Toronto waren viele Kanadier mit Migrationshintergrund aus Italien in neu erschlossene Wohnviertel mit eng beieinander stehenden Einfamilienhäusern eingezogen. Im alten Kern des Ortes, rund um den hoffnungslos zugeparkten kleinen Platz, konnte man in der Filiale des TD Canada Trust mit den Bankangestellten in Italienisch verhandeln, in den kleinen Geschäften um den Platz italienische Mode und Accessoires erwerben, seinen Kaffee oder Wein und seinen Snack bei italienischen Kellnern bestellen. „Flipper“ wohnte in einem der noch nicht abgerissenen älteren Häuser des Orts. Die Bautätigkeiten rundherum und der ständig zunehmende Verkehr hatte die Wohnqualität dieser Häuser erheblich gemindert.
 
Flipper LaRoche war untersetzt, hatten einen dunklen Teint und seine gescheitelten schwarzen Haare hingen glatt an den Schläfen herunter. Er war älter, als er sich den Anschein gab. Seiner Hautfärbung und Frisur nach könnte er indianische Vorfahren gehabt haben; seine Gestik beim Reden und die vertrauliche Art, den Arm seines Gesprächspartners zu berühren, passten allerdings nicht zu einem Abkömmling der „First Nations of Canada“. Andi erinnerten sie eher an einen Südländer.
 
Nach der gegenseitigen Vorstellung, der üblichen Umarmung und einigen belanglosen Bemerkungen über das schöne Wetter, fuhren sie zu Dritt weiter. Diesmal setzte sich Paul ans Steuer. Flipper holte sein Handy heraus und rief die Verkäuferin des Wohnwagens an. Andi war ganz froh, dass er nicht selbst fahren musste. Hier, im nordwestlichen Gürtel der Trabantenstädte um Toronto, waren der Verkehr dichter und die Fahrer hektischer als draußen in Barrie.
 
Irgendwo in Brampton hielten sie vor einem allein stehenden Haus, dessen eine Hälfte wohl einmal ein Büro oder Geschäft gewesen sein musste. Rechts und links befand sich noch unbebautes Gelände und hinter dem Haus grenzte ein Park an das Grundstück. Die Stellfläche für Autos war größer als bei normalen Einfamilienhäusern – wahrscheinlich hatte man sie für Kunden angelegt. Der Wohnwagen stand auf dem Stellplatz.
 
Eine Frau Mitte/Ende 20 in einem knappen Jeansrock, die Haare zu zwei „Rattenschwänzchen“, kleinen Zöpfchen, geflochten, öffnete die Tür. Es war Di, die ihren Wohnwagen verkaufen wollte. Bei der gegenseitigen Vorstellung musterte sie Andi einen Moment lang kritisch, dann schenkte sie ihm ein breites Lächeln und eine feste Umarmung, bei der ihre rechte Hand wie zufällig von seinem Rücken nach unten rutschte.
„Willkommen im Land des Ahorns“, begrüßte sie ihn, „der Wohnanhänger wird dir bestimmt gefallen. Kevin hat immer darauf geachtet, dass alles Technische einwandfrei funktioniert. Wollt ihr ihn gleich ´mal ansehen?“
Ohne eine Antwort abzuwarten, ging sie voraus zum Wohnwagen und schloss ihn auf. Paul inspizierte den Wohnwagen jedoch erst einmal von außen. Winterlicher Schmutz hatte sich als grau-schwarze Schicht auf den Wohnwagen abgesetzt und die Reifen hatten Luft verloren, aber Paul meinte, der Wagen scheine soweit in Ordnung zu sein, nur den Reifendruck müssten sie kontrollieren. Auch innen schien alles in Ordnung zu sein, obwohl auch hier eine gründliche Reinigung nötig war. Sie nahmen in der Sitzecke Platz.
„Ich dachte immer, es sei Kevins Wohnwagen“, eröffnete Paul das Geschäftsgespräch.
„Kevin hatte doch dafür gar kein Geld“, widersprach Di, „der hat doch jeden Dime in seine Fotosachen gesteckt.“
In den Kaufvertrag, den Paul vorbereitet und in zweifacher Ausfertigung ausgedruckt hatte – eine für Andi als Käufer und eine für Di als Verkäuferin, musste Paul nur Fabrikat, Typ und Identifikationsnummer des Wohnwagens einsetzen, dann unterschrieben alle Vier, Paul und Flipper als Zeugen, die beiden Ausfertigungen (eine Kopie des Vertrags musste Andi noch an seine Versicherung schicken). Den Preis hatte Paul schon im Vorfeld ausgehandelt. Andi übergab Di einen von seiner kanadischen Bank bestätigten Scheck und Di ihm die Papiere und die Schlüssel – der Handel war perfekt.
„Wollt ihr noch mit nach oben kommen?“ frage Di, nachdem sie den Kauf mit Handschlag und Umarmung besiegelt hatten.
Durch die Tür zum Garten und einen Raum, der wie ein Fotolabor eingerichtet war, gelangten sie zu einer Treppe in die obere Etage. Im Labor fragte Paul:
„Hat hier Kevin seine Fotoarbeiten gemacht?“
Di bejahte. Unbefangen ging sie vor ihnen die Treppe hinauf, wobei Andi die Pampers unter ihrem kurzen Röckchen bemerkte und auch an ihrer Verfärbung und der Art, in welcher sie schwer herunterhingen, dass sie bereits ziemlich nass sein mussten.
 
Oben erwartete Andi eine Überraschung. Das Zimmer über dem ehemaligen Geschäft war ein vollkommen für erwachsene Babys eingerichtetes Kinder- und Spielzimmer: Ein hohes weißes Gitterbett mit Baldachin aus einem mit Babymotiven bedruckten Stoff, ein weißer Wickeltisch, offene Regale mit Babykleidung, Stapeln von Wegwerfwindeln und Windelhosen, ein mindestens 70 cm hohes Schaukelpferd aus Holz, ein Hochstühlchen mit Anschnallvorrichtungen, ein als Elefant gearbeitetes Sitzkissen, ein Puppenwagen und viele Puppen, Teddys und Plüschtiere, so dass man kaum treten konnte.
 
Flipper warf sich der Länge nach auf das Kinderbett, dessen Gitter heruntergeklappt war und verschränkte seine Arme hinter dem Kopf, Paul probierte das Schaukelpferd aus, Di wies Andi das Hochstühlchen zu, während sie sich nachlässig so auf das Elefanten Sitzkissen setzte, dass Andi selbst von seinem erhöhten Sitz aus ihre nassen Pampers im Blick hatte. Es schien sie nicht im Mindesten zu stören, dass er mehr ihre Windel als sie anschaute. Im Gegenteil, sie zog den Rock noch etwas höher, lehnte sich nach hinten und hob ihr Gesäß leicht an, damit er noch mehr von der Windel sehen konnte. Als sie meinte, er habe genug gesehen, begann sie den Gast aus Deutschland ungeniert auszufragen. Dabei beugte sie sich aus Interesse wieder vor, achtete aber darauf, dass er ihr noch immer unter den Rock gucken konnte. Andi verstand manche ihrer Slangausdrücke nicht und Paul musste dolmetschen.
 
Paul, der mit Andi noch den Wohnwagen nach Barrie bringen wollte, drängte zum Aufbruch. Flipper stand kurz auf, um ihnen Lebewohl zu sagen, dann legte er sich wieder auf das Kinderbett. Di begleitete Paul und Andi nach unten. Zum Abschied gab sie beiden einen Big Hug mit Küsschen und raunte Andi verschwörerisch zu:
„Wenn du mal Lust hast, ein richtiges Baby zu sein oder“, sie verbesserte sich, „wenn du und deine Lass etwas dazu lernen wollt, ruft mich an.“
Sie steckte Andi eine Visitenkarte mit ihrer Adresse und Telefonnummer zu. Als Name stand auf der Karte: „Di Diaper“ und darunter: „baby girl, baby sitter, baby nurse – whatever you like“. Pastellfarbene Hintergrundzeichnungen verdeutlichten, was damit gemeint war.
 
Der Beleuchtungsscheck nach dem Ankuppeln war positiv, alle Signallichter funktionierten. Die Rückfahrt mit dem Hänger übernahm Paul, damit sie schneller voran kamen. Unterwegs meinte Andi:
„Du hättest mich vor Di warnen können!“
„Ich wollte, dass du dir selbst ein Bild von ihr machst. Sie ist ein Goldstück, eine echte Windelliebhaberin bei sich und bei anderen und in der Szene sehr beliebt. Wer zu ihr geht, bezahlt natürlich etwas – aber mehr als die Miete spring dabei für sie nicht heraus. Ihre Brötchen verdient sie als Kassiererin in einem Supermarkt.“
Dann klärte er Andi über Kevin auf. Kevin sei ein Babyjunge ohne weibliche Komponenten und Di sei für ihn so etwas wie eine fürsorgliche Schwester.
„Es ist eine traurige Geschichte mit Kevin“, fuhr Paul fort, „bevor er ins Gefängnis kam, war er mit seinem Fototick das Enfant terrible in der Szene. Ich habe ihn immer davor gewarnt jemanden zu fotographieren und dann die Fotos auch noch ins Internet zu stellen, der nicht ausdrücklich damit einverstanden ist. In einigen Fällen konnte er die Sache bereinigen, aber viele in Szene meiden ihn wie die Pest, besonders die, die etwas zu verlieren haben. Aber zur Polizei ist deswegen niemand gegangen – zu peinlich. You know what I mean?
„Und weswegen sitzt er dann jetzt im Gefängnis?“
„Ach, er hat im Internet dubiose Geschäftsvermittlungen angeboten und Anzahlungen und angebliche Auslagen dafür kassierte, ohne je eine Leistung zu erbringen. Wegen der Art der Geschäfte ging das lange gut, weil ihn niemand angezeigt hat. Aber dann kam die Polizei dahinter und der Richter verurteilte ihn zu einer unerwartet langen Gefängnisstrafe.“
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Nach dem Gespräch mit der Ärztin war Biggi entschlossen gewesen, ihrem „Baby“ den Aufenthalt im Krankenhaus so angenehm wie möglich zu gestalten, auch wenn es nicht zur üblichen Krankenhausroutine passte. Sie sah ja ein, dass das Krankenpersonal nicht auf Sonderwünsche der Patienten eingehen konnte, aber sie war ja da und konnte das tun, wozu die Schwestern keine Zeit oder Lust hatten. Sie hatte erreicht, dass man Andi, als er noch bewusstlos war, kein Katheder einführte sondern Windeln anlegte. Später hatte sie die Schwestern gebeten, die Gitter rechts und links am Bett, die man angebracht hatte, falls Andi krampfe, nicht wieder zu entfernen. Ob sie Andi außer seiner Puppe auch seinen Schnuller bringen durfte, hatte sie nicht gefragt. Im Krankenhaus musste sich Andi eben mit seinem Daumen begnügen.
 
3. Kapitel
Kevin
Die erneute Ermordung eines Häftlings durch revoltierende Mitgefangene im Kingston Penitentiary, im Staatsgefängnis von Kingston, hatte für Schlagzeilen gesorgt. Allein die Tatsache, dass ein herbeigeeiltes Spezialteam Stunden benötigt hatte, um den Block, in welchem die Revolte ausgebrochen war, wieder unter Kontrolle zu bringen, gab den Medien Anlass genug zur Kritik am kanadischen Strafvollzugswesen. Dass jedoch während des Krawalls Häftlinge einen Mithäftling so schwer zusammengeschlagen hatten, dass dieser im Krankenhaus seinen Verletzungen erlegen war, rief abenteuerliche Gerüchte und wilde Spekulationen auf den Plan. Die Royal Canadian Mounted Police, die außer in den Provinzen Ontario und Québec Polizeiaufgaben erfüllte, war in Ontario nur für die Einrichtungen der kanadischen Föderation zuständig. Das Staatsgefängnis in Kingston war eine solche Einrichtung, weshalb in Kingston nicht nur ein Detachment der RCMP stationiert war, sondern auch eine Zweigstelle des Integrated Proceeds of Crime, der integrierten Verbrechensbekämpfung. Sobald der Coroner, der amtliche Leichenbeschauer, Fremdverschulden am Tod des Häftlings bestätigt hatte, stellte die RCMP eine übergreifende Untersuchungskommission zusammen, in der außer ihren Polizeibeamten auch die Ontario Provincial Police, deren Zuständigkeit in den ländlichen Gebieten der Provinz lag, mitarbeiten sollte und, da der verstorbene Häftling aus Toronto stammte und auch dort verurteilt worden war, ebenfalls das CID, das Criminal Investigation Department,die Kriminalpolizei der Toronto Police. Die Beteiligung dieser beiden regionalen Polizeiorgane war mehr eine politische Geste, um die Arbeit der Untersuchungskommission nicht durch eventuelles Kompetenzgerangel zu verzögern.
 
Detective Constable Pamela Delorme hatte es noch nicht zum Sergeant des Homicide Squad, der Mordkommission von Toronto, gebracht. Ihre Hauptbeschäftigung seit der Versetzung zur Mordkommission hatte darin bestanden, für mehr oder minder bornierte Kollegen Recherchen in Akten, im Polizeicomputer oder im Internet durchzuführen. Bisher hatte man sie nur selten im Außendienst eingesetzten. Daher hatte sie sich, als ihr Vorgesetzter sie für eine Mitarbeit in der Kommission für die Aufklärung des Gefängnistoten in Kingston freistellte, nichts vorgemacht. Er hatte sie nicht ihrer Qualifikationen wegen ausgesucht, sondern weil sie die einzige entbehrliche Person im CID war. Vielleicht war für die Wahl auch ausschlaggebend gewesen, dass ihr Vorgesetzter von ihr keine großen eigenen Initiativen erwartete, welche die Arbeit der Untersuchungskommission unnötig hinauszögern würden. Beiläufig hatte er sie an die Revolte 1971 in Kingston erinnert, bei der die Aufrührer zwei Mithäftlinge zu Tode gefoltert hatten. Psychologen hatten als Ursachen Langeweile und ein in Gefängnissen typisches Klima von Agitation, Unruhe und angestauter Wut gesehen, was schließlich dazu geführt hatte, dass die Häftlinge beim geringsten Anlass ihren Aggressionen Luft gemacht und ihren Gefängniskoller ausgetobt hatten.
 
Trotz dieses versteckten Hinweises auf die Richtung ihrer Ermittlungen nahm sich DC Pamela Delorme vor, völlig unvoreingenommen an den Fall heranzugehen – und damit genau das zu tun, was ihr Chef nicht von ihr erwartete.
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In drei Tagen sollte ein erstes Briefing der Kommission stattfinden. Delorme blieb nicht viel Zeit, vorher ihre „Hausaufgaben“ zu erledigen. Erst einmal vertiefte sie sich in die vorliegenden Berichte des Wachpersonals und die bisherigen Aussagen der Häftlinge in Kingston, dann nahm sie sich die Polizeiprotokolle von der Verhaftung und den Verhören des verstorbenen Häftlings vor. Danach setzte sie sich mit seinem Verteidiger in Verbindung und verabredete eine Zusammenkunft.
 
Brian Benutti war ein kleiner, beleibter Mann mittleren Alters und schütteren Haars. Sein Kürzel, B. B., fand er selbst wahnsinnig komisch. Er lachte oft und laut. Vielleicht wollte er damit bei seinen Klienten Vertrauen erwecken und Optimismus verbreiten, bei Delorme bewirkte er das Gegenteil. Ihr schien eher, als wolle der Anwalt damit nur seine wahren Absichten verschleiern.
 
Benutti gab nicht mehr Preis, als sie ohnehin schon wusste: dass Kevin Stapleton wegen Betrugs mit einer Scheinfirma im Internet verurteilt worden war. Da er schon einmal wegen eines ähnlichen Delikts verurteilt, die Strafe aber zur Bewährung ausgesetzt worden war, hatte ihn das Gericht als Wiederholungstäter zu vier Jahren Haft verurteilt, die er im Gefängnis von Kingston absitzen musste. Als der Anwalt mit einer anzüglichen Bemerkung Delorme zum Essen einladen wollte, beendete sie die Unterredung .
 
Immerhin hatte Delorme den Namen eines Notars erfahren, den Kevin Stapleton in Anspruch genommen hatte. Der Notar machte einen vertrockneten aber Vertrauen erweckenden Eindruck – immer korrekt, aber umständlich. Da es sich um ein Tötungsdelikt handelte, gab er bereitwillig Auskunft. Ja, Stapleton habe seine Dienste in Anspruch genommen, um einer Vertrauensperson gewisse Vollmachten für die Zeit seiner Inhaftierung zu übertragen. Bereitwillig gab er Delorme die Anschrift.
 
Der nächste Schritt führte DC Delorme zu dieser Vertrauensperson, einer Frau, wie der Name verriet. Die Adresse in der Main Street von Brampton war ein ehemaliger Gewerberaum, der jetzt als Wohnraum diente. Poster mit einem Gardinenmuster bedeckten die untere Hälfte des großen Fensters neben der Eingangstür. Nach mehrmaligem Läuten öffnete schließlich jemand einen Spalt breit die Tür.
„Missis Diane Linsey?“, fragte Delorme. „Delorme, von der Polizei Toronto. Ich bin außerdienstlich hier“, fügte sie hinzu, weil Brampton außerhalb des Zuständigkeitsbereichs der Polizei von Toronto lag. „Ich würde gerne mit ihnen über Kevin Stapleton sprechen.“
„Er ist tot!“
„Eben darum geht es. Vielleicht können Sie uns helfen, seinen Tod aufzuklären.“
„Ich weiß nichts!“
Es bedurfte Delorme aller ihrer Überredungskünste und viel Mitgefühl in der Stimme, bis Diane endlich die Tür öffnete und sie herein ließ. Beim Öffnen der Tür schlug eine alte Ladenglocke an.
„Is´ ganz praktisch, wenn ich ´mal nich´ abschließ´ und jemand ´reinkommt“, erklärte Diane.
Alles an Diane sah nach Zuhause bleiben aus: Das ungepflegte Haar, das strähnig herabhing, die Jogginghose, die eigentlich in die Wäsche gehörte, das ungebügelte T-Shirt, die offenen Gesundheitssandalen, aus denen Zehen mit verblassten Lackresten hervor guckten. Ihre Augen waren gerötet. Diane bot an, Kaffee aufzusetzen. Delorme nahm das Angebot an. Wenn sie zusammen Kaffee tranken, würde es den inoffiziellen Charakter ihres Besuchs unterstreichen.
 
Während Diane in der kleinen Küchenzeile hinter dem ehemaligen Geschäftsraum hantierte, hatte sich Delorme auf ein abgesessenes „Chesterfield“ gesetzt, eine zweisitzige Couch, deren Sprungfedern sich an einigen Stellen durch den Bezug zu bohren drohten. Neugierig blickte sie sich um. Der Raum diente als Wohnzimmer, dessen Einrichtung wenig Geschmack und Phantasie aufwies. Es gab keine persönlichen Dinge, die Aufschluss über seine Bewohner gegeben hätten. Das Mobiliar war altersschwach und verwohnt und wirkte wie aus dem Empfangsraum einer Pension, welche ihre besten Zeiten längst hinter sich hatte. Selbst ein halb hohes Regal mit Magazinen in den Fächern fehlte nicht. Lediglich ein Fernseher und ein DVD-Player auf dem Regal sowie ein Stapel DVDs in einem Ständer waren Zugeständnisse an die Moderne.
 
Diane kam mit dem Kaffee zurück und setzte sich ebenfalls auf die Couch. Pamela Delorme widmete sich ihrem Kaffee und überließ Diane die Initiative, das Gespräch zu eröffnen – eine oft nützliche Taktik, die sie in einem Fortbildungskurs gelernt hatte.
„Warum musste das gerade jetzt sein?“, klagte Diane. „Noch beim letzten Besuch bei ihm hat er mir gesagt ´pass auf´, hat er gesagt, ´es wird sich alles aufklären und ich werde hier bald rauskommen´. Das hätte auch sein Anwalt gesagt. Er, Kevin, hätte noch ein As im Ärmel.“
„Was für ein As?“
„Das hat er nich´ gesagt. Er meinte nur, sein Anwalt hat die richtigen Beziehungen, der würde ein Wiederaufnahmeverfahren durchdrücken. Es war bestimmt nicht Kevins Schuld, dass er ins Gefängnis kam. Man hat ihn ´reingelegt.
„Wer hat ihn denn hereingelegt, Missis Lindsey, ihrer Meinung nach?“, hakte Delorme nach.
„Wenn schon, denn ´Miss´. Aber kein Mensch nennt mich so. Nenn´ mich Diane – ich red´ auch alle Leute mit Vornamen an. Also, wer ihn ´reingelegt hat? Ich glaube, das war sein komischer Freund. Der rief dauernd an, manchmal kam er auch her und überredete Kevin, irgendwo hin zu fahren, wo Kevin gar nicht hin wollte.“
„Weißt du, wie dieser Freund heißt?“
Diane zögerte:
„Er hat sich nicht vorgestellt. Kevin nannte ihn nur den ´Nervi´, weil er immer so nervöse Bewegungen machte.“
„Und wie ist Kevin zu diesem Freund gekommen – oder dieser Freund zu ihm?“
„Durch Flipper, Flipper LaRoche.“
„Und wer ist das?“
Wieder zauderte Diane ehe sie antwortete:
„Flipper ist ein wirklich guter Freund. Er verstand Kevin und nahm ihn ernst. Er kam manchmal her und sie spielten zusammen ihr Ageplay.“
Detective Constable Delorme wusste mit diesem Begriff nichts anzufangen, ließ es sich aber nichts anmerken. Sie fragte:
„Und du? Hast du mitgespielt?“
Ein erstaunter Blick traf Delorme:
„Was denkst du denn? Natürlich hab´ ich mitgespielt. Ich war das Babymädchen, der Babysitter oder die Kinderschwester.“ Und mit gewissem Stolz fügte sie hinzu:
„Und ich bin gut in diesen Rollen, das haben mir alle meine Babys bestätigt.“
Kaum hatte Diane das gesagt, biss sie sich auf die Lippen uns wie zur Entschuldigung fügte sie hinzu:
„Aber ich verdiene nichts daran, ich stecke alles wieder in Sachen für die Babys. Wenn ich nicht meinen Job als Verkäuferin hätte, käme ich nicht über die Runden.“
Delorme tat, als hätte sie nichts gehört, das sie ohnehin nicht schon wusste. Wenn sie Diane ansah, konnte sie sich kaum vorstellen, das sie eine Professionelle vor sich hatte, die sich auf eine bestimmte sexuelle Spielart spezialisiert hatte.
„Und wie lernst du deine Babys kennen?“
„Na, durch Flipper. Der ist doch der Hauptaktivist in der AB-Szene in Toronto.“
Delorme erfuhr mehr über Flippers Stellung in der ABDL- und der Spankerszene der Stadt. Sie erfuhr auch, dass Flipper LaRoche das kinderlose Ehepaar in der anderen Hälfte des Hauses aus der Spankerszene kannte und Diane die Wohnung vermittelt hatte. Die Nachbarn hatten das Haus und auch das unbebaute Gelände auf beiden Seiten geerbt. Ihrem „Hobby“ kam der Abstand zu anderen Häusern sehr entgegen. Diane störte das Klatschen und Wimmern von nebenan nicht und ihre Nachbarn nahmen keinen Anstoß an Dianes Besuchern.
 
Durch gleichbleibende Freundlichkeit und durch ihr offenbar ehrliches Interesse gewann Delorme schnell Dianes Vertauen. Als Delorme sie fragte, wo die Age-Spiele denn stattfänden, antwortete Diane:
„Na hier! Komm, ich zeig´ dir was!“
Sie sprang auf, nahm Delorme bei der Hand und führte sie durch den Nebenraum und über die schmale Stiege ins Obergeschoss. Dort hielt Delorme überrascht die Luft an und schluckte.
Diane deutete Delormes Reaktion falsch:
„Nicht wahr, das hättest du nicht erwartet!“
Sie bot Delorme das Elefantenkissen an und holte sich selbst ein weiteres Sitzkissen aus dem Nebenraum. Soweit Delorme durch die offene Tür sehen konnte, war es ein kleineres, wie für einen Teenager eingerichtetes Schlafzimmer, mit einem der gerade in Mode gekommenen Betten aus Metall, die an drei Seiten Gitter besaßen und einem Baldachin, der quer über das Bett gespannt war. In der Ecke gegenüber der Tür stand ein Schminktisch mit großem Spiegel. Das Sitzkissen mit flauschigen langen Fransen, welches Diane heran rollte, hatte vor dem Schminktisch gestanden.
 
Diane verlor ihre letzten Hemmungen. Froh, einer Fremden alles zeigen und erklären zu können ohne dass diese Abneigung oder Entsetzen zeigte, redete sie wie aufgezogen. Nur mit Mühe konnte Delorme von Zeit zu Zeit Dianes Redefluss unterbrechen und ihr Zwischenfrage stellen. Beiläufig fragte sie, wer sich den jetzt um Kevins Angelegenheiten kümmere.
„Na, ich“, erklärte Diane unbefangen, „wir haben das alles schriftlich vor einem Notar vereinbart. Einer musste sich ja um Kevins Sachen kümmern, während er saß. Und er war sowieso häufiger hier als in seiner eigenen Bude, weil er sich hier zu Hause gefühlt hat. Bei mir konnte er sich ausleben – als Baby, verstehst du?“
„War er dein Lover?“
„Was heißt schon ´Liebhaber´? Ich war eher seine ältere Schwester, die sich um ihn gekümmert hat.“
Delorme entdeckte ein Fotoposter von Diane an der Wand, das Diane in einer äußerst knappen Schuluniform zeigte, unter der deutlich eine mit Windeln prall gefüllte transparente Windelhose hervor guckte. Diane, die Delormes Blick gefolgt war, erklärte:
„Das hat Kevin gemacht. Er hat viele solcher Bilder von mir und anderen ABs und DLs gemacht.“
„Kevin hat wohl gerne fotografiert?“
„Oh ja, das war ein richtiger Tick von ihm. Hast du den Raum unten vor der Treppe gesehen? Dort hat Kevin die meisten Fotoarbeiten selbst erledigt.“
„Hast du ihm manchmal dabei geholfen?“
„Nee man, das sind doch alles seine Geräte, die er sich gekauft hatte. Ich durfte nicht einmal aufräumen oder sauber machen.“
Delorme wusste aus den Akten, dass die Polizei einen anonymen Hinweis erhalten und Stapleton eine Falle gestellt hatte. Vor Gericht hatte Kevin nur zugegeben, was er ohnehin nicht leugnen konnte. Der Verbleib von beträchtlichen Summen, die er nach Meinung der Staatsanwaltschaft mit seinen Internetbetrügereien eingenommen haben musste, war ungeklärt geblieben. Hatte Kevin Stapleton sie in die Ausstattung des Fotolabors gesteckt? Es mochten teure Geräte sein, aber war das alles? Über Kevins Wohnung in Toronto hatten die Kollegen nichts Außergewöhnliches in den Protokollen vermerkt.
„Was für ein Auto hat Kevin denn?“, bohrte sie weiter.
„Gar keins mehr! Das war noch nicht abgezahlt und der Händler hat es wieder geholt, als Kevin nicht mehr zahlen konnte, weil er ... “ Diane führte den Satz nicht zu Ende.
Einer spontanen Eingebung folgend, frage Delorme:
„Kevins letzte Worte auf der Fahrt ins Krankenhaus sollen so etwas wie ´Hänger suchen´ gewesen sein. Kannst du damit etwas anfangen?“
„Hänger suchen? Nee, oder? Warte ´mal, vielleicht doch. Ich hatte einen Wohnanhänger, mit dem ist Kevin immer ´rumkutschiert.“
„Du hattest? Also hast du ihn jetzt nicht mehr?“
„Na ja, weißt du, ich hatte ihn eigentlich nur für Kevin gekauft, weil der doch so oft unterwegs war und sich in den Motels nicht so benehmen konnte, wie er es brauchte. Und nach seiner Verhaftung stand der Hänger nur herum. Als dann Flipper kam und sagte, er weiß jemanden, der ihn kaufen will, war ich einverstanden. Ich konnte das Geld gerade gut brauchen.“
„An wen hast die den Wohnwagen verkauft“, wollte Delorme noch wissen.
„An einen Deutschen. Der will mit seiner Lass den ganzen Sommer lang durch Kanada gondeln.“
Delorme erfuhr noch, dass der Verkauf in der zweiten Maihälfte stattgefunden hatte. Auf die Frage, ob Diane den Käufer schon vorher gesehen habe und ob der auch zu „Szene“ gehöre, antwortete Diane:
„Ich hab´ ihn erst kennen gelernt, als er mit Flipper und einem Bekannten aus Barrie alles abholte. Den aus Barrie, den kenn´ ich von früher, der gehört dazu und der Komposti aus Deutschland, also, der hatte auch Windeln in der Hose, das habe ich beim Umarmen geprüft – du verstehst?“ Sie machte ein schelmisches Gesicht und setzte hinzu:
„Wie der auf meine Windeln unterm Rock gestarrt hat!“
Delorme fielen keine weiteren Fragen mehr ein. Es tat ihr fast leid, das Gespräch mit Diane zu beenden.
 
Während Diane die Detektivin zur Haustür begleitete, griff sie vertraulich nach Delormes Arm und meinte:
„Du scheinst ganz in Ordnung. Nenn mich einfach ´Di´!“
„Und ich bin Pam“, gab Delorme zurück, während sie sich zum Abschied umarmten.
*   *
*
Der Besuch bei Diane hatte länger gedauert, als Delorme eingeplant hatte. Vor dem Briefing am nächsten Tag blieb keine Zeit mehr, Flipper LaRoche zu kontaktieren – seine Adresse und Handynummer hatte sie von Diane bekommen und auch Dianes Kopie des Kaufvertrags über den Wohnwagen. Dort war der Name des Käufers und eine Adresse in Shanty Bay bei Barrie angegeben. Delorme fuhr zu ihrer Dienststelle in der College Street zurück. Unterwegs überlegte sie, ob sie die Kollegen von der Regionalpolizei Peel, die für Brampton zuständig waren, auf das Labor aufmerksam machen sollte, entschied sich jedoch, es nicht zu tun. Ihr fielen mehrere rationelle Begründungen dafür ein:
–   Bei der Verhaftung von Kevin hatte man in seiner Wohnung kein belastendes Material gefunden. Offenbar hatte er mit seiner Verhaftung gerechnet und selbst die Festplatte seines Laptops neu formatiert, so dass es unmöglich gewesen war, Dateien wieder herzustellen. Es war den Ermittlungsbehörden damals schwer gefallen, genügend belastendes Material gegen Kevin zusammenzutragen. Man konnte davon ausgehen, dass Kevin auch im Labor mit der gleichen Gründlichkeit vorgegangen war.
–  Selbst wenn im Labor noch irgend etwas von Bedeutung vorhanden sein sollte, würde Di – vorausgesetzt, sie hätte gelogen – es spätestens jetzt beiseite schaffen.
Wenn Di nicht gelogen hatte und sich wirklich nicht mit den Sachen im Labor auskannte, eilte es nicht mit einer Durchsuchung. Falls es etwas zu finden gab, würde man es auch später noch finden.
Der eigentliche Grund, weshalb sie keine Meldung machte, war emotionaler Art: Pam wollte das Vertrauen, das ihr Di entgegengebracht hatte, nicht missbrauchen und Di dadurch enttäuschen.
Zurück in der College Street startete DC Delorme eine Suchfrage im Polizeicomputer nach „Flipper“ und/oder „LaRoche“. Kein Eintrag. Dafür fand sie um so mehr über und von ihm auf einer ABDL-Webseite und in deren Chatroom.
 
Bis in die Nacht hinein tippte sie die Ergebnisse ihrer bisherigen Ermittlungen in den Computer, versuchte dem Ganzen mit hervorgehobenen Namen und Adressen ein übersichtliches Layout zu geben und druckte den Bericht in genügend großer Auflage aus.
 
Das erste Briefing der Untersuchungskommission fand in der RCMP-Zentrale für den Großraum Toronto in Newmarket, knapp 50 km nördlich von Toronto, statt. Leiter der Kommission war ein Chief Superintendent der Criminal Intelligence Branch aus dem Hauptquartier der „O“ Division der RCMP in London. Dieses London lag im Süden der Provinz Ontario. Delorme mutmaßte, dass sich der Chief Superintendent den weiten Weg nach Kingston ganz im Westen am Lake Ontario ersparen wollte. Während des Briefings sollten Ermittlungsergebnisse und ein weiteres Vorgehen besprochen werden und den Vertretern der beiden regionalen Polizeibehörden die Möglichkeit geboten werden, quasi als Außenstehende, ihre Meinungen dazu abzugeben.
 
Die Verhöre der Häftlinge des Blocks C, wo die Meuterei stattgefunden hatte, hatten nichts ergeben; auch aus den Aufzeichnungen der Überwachungskameras ging nicht hervor, wer den Häftling Stapleton zusammengeschlagen hatte. Viele Häftlinge hatten geschwiegen, entweder aus Angst vor Repressalien durch Mithäftlinge oder um sich nicht selbst zu belasten. Einige hatten auf die Anwesenheit ihres Anwalts bei den Verhören bestanden. Auf die Frage, weshalb ausgerechnet dieser Häftling zum Opfer geworden war, hatten sie übereinstimmend ausgesagt, dass er sich nicht wie ein richtiger Mann benommen habe und damit die Anderen provoziert habe.
 
Nachdem die Mounties unter sich lang und breit beraten hatten, wie sie wen gegeneinander ausspielen und mit welchen Mitteln sie den einen oder anderen zu einer Aussage bewegen könnten, fragte der Vorsitzende:
„Haben die Kollegen – Verzeihung, die Kollegin und der Kollege – von den Polizeibehörden der Provinz etwas zu berichten oder nachzufragen?“ „Etwa“ hatte er nicht gesagt, man hatte es aber heraus hören können. Der Mann von der OPP, Detective Constable Christopher Puckett aus der OPP-Zentrale in Orillia, hatte wirklich nicht viel beizutragen. Kevin Stapleton aus Udney, einem Ort 25 km östlich von Orillia, hatte außer einer Schwester, die in die Staaten geheiratet hatte, keine lebenden Verwandten mehr. Als Kanadier waren für den Constable die USA einfach „die Staaten“. Eine ehemalige Lehrerin von Stapleton konnte sich erinnern, dass Kevin schon immer „etwas sonderbar“ gewesen sei und nach dem Tod seiner Mutter offenbar unter seinem Vater zu leiden hatte.
„Aber ich habe etwas zu berichten, du arrogantes Arschloch“, dachte Delorme, sagte aber nur:
„Ja.“
Sie zählte ihre Fakten in so nüchternem Ton auf, dass sich auf den meisten Gesichtern gelangweiltes Desinteresse abzeichnete, obwohl ihre Ausführungen über die ABDL-Szene sicher einige schockierte. Trotz ihrer betonten Sachlichkeit konnte Delorme nicht verhindern, dass sich unter den Achseln dunkle Schweißflecken auf ihrer Bluse abzeichneten. Als sie geendet und ihr Material verteilt hatte, meinte der Vorsitzende nur, dass sich dies ja alles sehr gut in das Bild einfüge, welches man durch die bisherigen Aussagen schon gewonnen habe. Ein junger Mounty, der in Kingston eingesetzt war, blätterte in seinen Aufzeichnungen.
„Der Verteidiger von Stapleton, Benutti, ist das ein kleiner, etwas korpulenter Mann, vor dessen brüllendem Gelächter man sich kaum retten kann?“, fragte er.
„Und vor dessen Annäherungsversuchen“, fügte Delorme in Gedanken hinzu und bejahte die Frage.
„Dem bin ich in Kingston begegnet. Er war auf Wunsch seines Mandanten bei dem Verhör dabei.“
„Mit ihrer Erlaubnis, Herr Vorsitzender, möchte ich noch auf etwas hinweisen. In dem Bericht der Paramedics, der Sanitäter, die Stapleton ins Krankenhaus gebracht haben, steht, dass der Verletzte während des Transports etwas von einem „Hänger suchen“ oder „im Anhänger nachschauen“ gemurmelt hat. Könnte damit nicht der Wohnanhänger von Diane Lindsey gemeint gewesen sein?“
Delorme hatte zwar keine Beweise vorbringen können, dass es eine Verbindung zwischen der Tat an Kevin Stapleton und der Babyszene in und um Toronto gab, erhielt vom Vorsitzenden jedoch freie Hand, diese Spur weiter zu verfolgen. DC Puckett von der OPP, der sich bisher sichtlich überflüssig vorgekommen war, bot an, Delorme bei ihren Nachforschungen zu unterstützen. Er machte geltend, dass die OPP am Ehesten in der Lage sei, das Paar aus Deutschland und den Wohnwagen ausfindig zu machen, solange es sich noch in der Provinz Ontario aufhielt.
 
Nach dem Briefing vereinbarten Detective Constable Delorme von der Mordkommission Toronto und der OPP-Detective Constable Puckett, ihre Ermittlungen gemeinsam durchzuführen.
 
4. Kapitel
Obwohl es in Kanada offiziell keine Privatpatienten gab – eine Diskussion darüber lief seit Jahren – bekamen Patienten in Ausnahmefällen Einzelzimmer. Wenn die Stationen nicht gerade überbelegt waren und ein Patient über entsprechenden Einfluss oder Beziehungen verfügte, konnten es die Ärzte als medizinische Indikation deklarieren.
 
Andi war froh, dass er das Krankenzimmer nicht mit anderen Patienten teilen musste. Anfangs, als sich Andi noch sterbenselend gefühlt hatte, hatte er Biggis spezielle Fürsorge lethargisch über sich ergehen lassen. Er war zu schwach gewesen, um zu protestieren. Danach war es zu spät gewesen, um noch etwas zu ändern. Die Ärzte tolerierten seine nicht alltäglichen Gewohnheiten – medizinische Indikation eben – und das meiste Pflegepersonal schien sich mit seinen Sonderheiten abgefunden zu haben, wenn auch mit hochgezogenen Augenbrauen. Biggi und einige Schwestern achteten geradezu darauf, dass er auch im Krankenbett seiner Babyrolle gerecht wurde.
Aguasabon Falls
Getreu dem Motto auf ihrem Nummernschild: „Ontario – yours to discover“ – Ontario gehört dir, um es zu entdecken –, hatten sich Andi und Biggi durch den Süden und Südwesten der Provinz bewegt. Andi hatte aus seinem Reiseführer und dem Internet eine Route zusammengestellt, die sie von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten getrieben hatte. Maggy und Paul waren nicht ganz unschuldig an dem vollgepackten Programm gewesen; sie hatten Andi und Biggi vorgeschwärmt, was man alles unbedingt sehen müsse – das Wenigste davon hatten sie selbst gesehen. Anfangs hatte sich Biggi gefügt, dann, nach drei Wochen, zu meutern begonnen. Jetzt fuhren sie kürzere Tagesstrecken und blieben länger auf Campingplätzen, die ihnen gefielen. Andi hatte zugeben müssen, dass sie seitdem eingehender über das Erlebte sprachen und es dadurch viel intensiver verarbeiteten.
*   *
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Biggi hatte Angst und sie war wütend auf Andi, so wütend, wie sie bisher noch nie auf ihn gewesen war. Sie waren von Timmins nach Chapleau gefahren und dort nach Süden abgebogen. Ihr erster Campingplatz auf der Route nach Thessalon am Lake Huron lag an einem malerischen See. Nur die angelfanatischen Kanadier mit ihren Außenbordmotoren an den Booten störten die Idylle.
„Willst du nicht auch angeln?“, hatte Biggi gefragt.
„Wenn du die Fische dann ausnimmst und zubereitest?!“
Biggi hatte sich geschüttelt. Lieber verzichtete sie auf eine grätige Fischmahlzeit.
Statt zu angeln, waren sie in den Wald gegangen, um die ersten Blaubeeren zu pflücken. Biggi hatte von weitem ein vielversprechendes Blaubeerfeld entdeckt und war dort hin gelaufen. Als sie sich aufrichtete, sah sie Andi nicht mehr und auf ihre Rufe antwortete er nicht.
 
Andi hatte beim Pflücken stets darauf geachtet, Biggi nicht aus den Augen zu verlieren. Bevor er weitergegangen war oder die Richtung geändert hatte, hatte er ihr zugewinkt. Jetzt hatte er sie aus den Augen verloren. Er rief. Dichtes Unterholz verschluckte seinen Ruf. Andi ging zu der Stelle, wo er Biggi zuletzt gesehen hatte. Von Biggi keine Spur! Oder doch? Er war zwar kein Scout oder Indianer, der, wie in den Romanen von Karl May, noch einer mehrere Tage alten Spur folgen konnte, aber er war bei den Pfadfindern gewesen. Er konnte die Himmelsrichtung nach Uhr und Sonnenstand bestimmen und sich Landmarken einprägen. Biggi war dagegen ein Stadtkind, das mit zielstrebiger Sicherheit die besten Einkaufsmöglichkeiten in jeder fremden Stadt fand; in der Wildnis würde sie jedoch hoffnungslos im Kreis herumirren.
 
Neben der Angst um Biggi kroch in Andi Wut auf ihr unvernünftiges, eigensinniges und eigenwilliges Verhalten hoch. Sie hätte warten müssen, bis er zu ihr hinsah, um ihm zu signalisieren, wohin sie ging.
 
In welche Richtung Biggi sich auch entfernt hatte, sie musste eine Spur hinterlassen haben: nieder getretene Blaubeerstauden, geknicktes Gras, eingedrücktes Moos. Andi fand eine Spur und folgte ihr. An einem Wildwechsel war er mit seinem Fährtenleselatein am Ende. In welche Richtung war Biggi weiter gegangen? Auf gut Glück folgte er dem Wechsel ein Stück nach rechts – und hatte Glück. An einer feuchten Stelle bemerkte er den frischen Abdruck eines kleinen Schuhs. Immer wieder Biggis Namen rufend hastete weiter.
Biggi war völlig aufgelöst, als Andi sie einholte.
„Wo warst du denn?“, fauchte sie Andi an.
„Wieso bist du plötzlich weiter gelaufen, ohne mir zu zeigen, wohin?“ Auch Andis Ton war gereizt.
Sie maulten noch miteinander, als sie nach mehreren kleineren Umwegen wieder bei ihrem Wohnwagen ankamen.
Über Thessalon am Lake Huron fuhren sie weiter nach Sault Sainte Marie, „the Soo“.
 
Die Stromschnellen der heiligen Maria – Sault Sainte Marie – lagen am Abfluss des Lake Superior in den sieben Meter tieferen Lake Huron. Durch eine Reihe von Schleusen, den Locks, gelangten auch große Ozeanschiffe nach Thunder Bay in Kanada oder Duluth in den USA am nordwestliche Ufer des Lake Superior. Eine Hochbrücke über den Ste. Marie´s River verband den kanadischen mit dem US-amerikanischen Teil der Stadt.
 
Andi und Biggi wählten den KOA Tent & RV Park an der 5th Line, der sich acht Kilometer nördlich der Stadt befand. Hier hatten sie allen Komfort, sogar einen platzeigenen WiFi- (WLan-)Zugang für Andis Laptop.
„Der Austausch von Banalitäten bringt die Menschen einander näher, macht sie vertrauter miteinander“, könnte ein Leitspruch der Ontarier lauten. Außerhalb des Ballungsgebiets Toronto tauschten sie Banalitäten mit zeremoniellem Ritus aus, woraus sich eine ganz spezifische Form der Kommunikation ergab. Auf den Campingplätzen war diese Kommunikation von ergreifender Vielseitigkeit und Tiefe:
„Hi there!“
„Hallo“
„Schöner Tag heute, nicht wahr?“
„Wunderschön. Aber es ist Regen vorhergesagt“
„Ach was, erst morgen!“
Wenn an dieser Stelle der Unterhaltung nicht die ersten Tropfen fielen und jeder zu seiner Wohnburg eilte, konnten – unter günstigen Voraussetzungen – gesprächige Nachbarn die Fragen anschließen:
„Sind Sie aus der Gegend hier?“
„Nein, aus Hamburg“
„Oh, Deutschland, nicht wahr? Ich war auch schon mal dort.“
„Wo denn?“, pflegte Andi daraufhin zu fragen, wobei er so viel uninteressierte Höflichkeit wie nur möglich in seine Stimme legte.
„Äh, weiß ich nicht mehr. Die Stadt hatte einen Flughafen, wo mein Anschlussflug nach ... weiter ging. Dort habe ich Verwandte besucht.“
Jetzt war es angebracht, sich gegenseitig vorzustellen.
„Besuchen Sie uns doch, wenn Sie nach (Wartburg, Rostock, Cobourg, Hanover, Neustadt, Carlsruhe, Bornholm oder sonst eine Stadt mit deutschem Namen) kommen“, – was praktisch nie geschehen würde, da spätestens jetzt die ersten Tropfen fielen und man nicht mehr dazu kam, die Adressen auszutauschen.
Wenn man sich später wieder sah, winkte man sich aus der Ferne wie unter vertrauten Freunden zu. Die Privatsphäre begann auf den Stellplätzen – und dort waren die Zugbrücken hochgezogen, selbst wenn sich alles im Freien abspielte. Andi und Biggi waren daher erstaunt, als sie auf dem Campingplatz bei „the Soo“ eines Abends ein junger Mann ansprach und sich nach dem obligaten „Hi there“ wie selbstverständlich zu ihnen an den Picknicktisch auf ihrer Campside setzte.
 
Andi und Biggi hatten den ganzen Tag in der Stadt verbracht. Sie hatten eine Bootstour durch die Locks gemacht und waren in der „Station ShoppingMall“am Fluss einkaufen gewesen. Dort hatte Biggi in einer Boutique etwas für Andi entdeckt und, diesmal ohne Anprobe, gekauft. Auf dem Rückweg hatten sie noch in die Andenken- und Geschäftszeile beim Totem Pfahl unweit der 4th Line am Ende der Stadt Halt gemacht. „The Totem Pole“ war ein „Gift Shop“, ein Souvenirgeschäft mit einem reichhaltigen Sortiment indianischer Kunstgewerbe Gegenstände, Andenken und Kitsch. Gleich daneben lockte die „Frontier Annie“ aus Pappmaché im roten Kleid und mit bloßem Hintern in ihren Saloon, der eine Snackbar war. Figuren auf dem Gelände vor der Ladenzeile, einige davon schon lädiert, stellten Szenen aus der Pionierzeit dar.
 
Bei der Rückkehr auf dem Campingplatz war ihnen der rosa angestrichene Campingbus sofort aufgefallen, der in der Nähe ihres Caravans auf einem der für Zelter und kleinere Fahrzeuge vorgesehenen Plätze stand. Er gehörte dem jungen Mann, der nun an ihrem Tisch saß. Rosa schien seine Lieblingsfarbe zu sein. Er trag eine eng anliegende maisgelbe Hose aus Nappaleder, unter der sich, für Eingeweihte deutlich erkennbar, Pampers abzeichneten, ein altrosafarbenes Hemd und rosa-weiß gestreifte Puma Schuhe. Sein Name war Bob. Er richtete ihnen Grüße von „Flipper“ aus:
„Flipper plant Ende des Sommers ein RV-Babycamp, diesmal ganz im Nordwesten bei Ignace, an der Trans-Canada, wo ein DL ein paar Acre Land erworben hat, und einen Campingplatz betreibt. Ich habe gerade Urlaub und soll mir den Platz dort einmal anschauen, wie viele Motorhomes, Trailer, Mobile Homes und Campingbusse dort Platz haben und wie diskret der Platz ist. Mal sehen, ob genügend Interessenten zusammenkommen. Flipper hat mir auch gesagt, dass ihr nach Nordwesten unterwegs seid. Und wo ich euch eventuell finden kann, das hat er von Mac und Pauline erfahren.“
„Ihr kennt euch wohl alle untereinander?“, fragte Biggi.
„Nicht alle. Aber jeder kennt natürlich Flipper, der hat die meisten Kontakte. Maggy und Paul habe ich auf einer Babyfreizeit in einem Camp kennen gelernt.“
Andi lud Bob ein, eine Kleinigkeit mit ihnen zu essen. Bob bedauerte, dass es auf diesem Campground keine Feuerstellen gäbe, an der sie Wiener und Marshmallows rösten und ein paar Dosen Bier dazu trinken konnten. Die Picknickplätze mit gemauerten Feuerstellen lagen entfernt von den Stellplätzen in einer anderen Ecke des Geländes. Biggi machte ein süß saueres Gesicht. Bob hatte sich ihnen quasi aufgedrängt und sie konnten seine Gesellschaft nicht ablehnen, ohne ihn und vielleicht auch noch Anderen aus der kanadischen Babyszene, vor den Kopf zu stoßen. Aber die Aussicht, in ständiger Begleitung zu reisen, auch wenn es ein ABDL war, behagte ihr nicht.
 
Bob blieb lange, trank lieber sein leichtes kanadisches Bier als den Wein, den sich Andi und Biggi teilten, und er erzählte viel. Erst nachdem er gegangen war, konnte Biggi ihren Einkauf auspacken und Andi anprobieren lassen. Es war eine bordeauxrote, ins Violette chargierende Trägerlatzhose mit kurzen Beinen und weitem Beinausschnitt. Wenn sich Andi ungeschickt hinsetzte oder -hockte, konnte man durch die Hosenbeine seine Windelverpackung sehen – die Latzhose war eben für etwas kleinere Mädchen mit dickeren Oberschenkeln gedacht.
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Ein Teil des heutigen Neys Provincial Park am Lake Superior war 1941-1946 eines der 21 Kriegsgefangenenlager für deutsche Kriegsgefangene aus den überfüllten Lagern in England gewesen. Hierher waren Gefangene mit brauner Überzeugung gekommen. Es hatten so gut wie keine Fluchtchancen bestanden: Auf der einen Seite lag der Lake Superior und die anderen drei Seiten waren durch Moskito verseuchte Wälder geschützt. 1965 hatte die Provinzregierung aus dem unterdessen demontierten Lager und dem umliegenden Gelände einen Provinzpark gemacht.
 
Abends ging Biggi zu den Waschräumen. Sie blieb lange weg. Andi wurde unruhig und wollte schon nachsehen, wo sie blieb, als sie in Begleitung von zwei Männer zurück kam. Bei den Müllcontainern neben den Waschräumen hatte sie einen Bären gesehen und sich nicht mehr allein zurück getraut. 
 
Andi zog sofort mit seiner Kamera in die Richtung los, wo Biggi den Bären gesehen hatte – und kam zu spät. Der Bär hatte inzwischen seinen Weg geändert und war einige Plätze entfernt auf der anderen Seite von Andis und Biggis Wohnwagen aufgetaucht.
 
Ihre Vorräte gingen zur Neige. Die nächste „Stadt“ war der 35 km entfernte Ort Marathon. Wenn die Kanadier den Stadtnamen aussprachen, erkannte Andi nichts griechisches mehr in ihm. Während Andi die Einkäufe erledigte, blieb Biggi in der Obhut von Bob auf dem Campingplatz. Die beiden wollten einen Spaziergang auf der „Bären sicheren“ Wanderroute entlang des Strands machen.
 
Auf dem Rückweg von der Stadt, wo Andi auch gleich über den kostenlosen Internetzugang in der Bibliothek seine Mails gecheckt hatte, schaute er im Eingangshäuschen des Parks vorbei. Er wollte ihren Aufenthalt verlängern, um den Bären vielleicht doch noch zu Gesicht und vor die Kamera zu bekommen. Aber es war Ferienzeit, alle Plätze waren für die nächsten Tage vorbestellt und die „walk-out“ Plätze, Stellplätze, auf denen man sich maximal zwei Wochen lang täglich entscheiden konnte, ob man auschecken oder bleiben wollte, waren alle belegt. Enttäuscht wendete er sich zur Tür – und erstarrte. Keine zehn Schritte von ihm entfernt wollte ein Schwarzbär, offenbar ein noch junges Tier, die Straße überqueren. Gellende Schreie einer älteren Dame, die neben einem parkenden Auto stand, trieben ihn in den Wald zurück. Er blieb aber in den Büschen am Straßenrand und überquerte die Straße ca. 30 m hinter dem Eingangshäuschen. Und Andi hatte zum Einkaufen seinen Fotoapparat nicht mitgenommen!
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Bereits während ihres ersten Stopps nach „the Soo“, im Neys Park, hatte Andi herausgefunden, das Bob heimlich kiffte.
„Was ist denn mit Bob los?“, hatte ihn Biggi gefragt, „der benimmt sich so komisch. Manchmal redet er wie aufgezogen und dann wieder kriegt er Mund nicht auf.“
Auf dem Parkplatz bei den Aguasabon Falls war er noch in seinem Campingbus geblieben, während Andi und Biggi zur Aussichtsplattform auf den Wasserfall und der im rechten Winkel dazu verlaufenden Schlucht des unteren Aguasabon River hinuntergegangen waren. Der Weg zur Plattform war ausgebaut und auf beiden Seiten mit Seilen sowie stellenweise mit Metalltreppen und –stegen gesichert.
 
Sie befanden sich bereits auf dem Rückweg, als sie Bob außerhalb der Abgrenzung auf den Felsen herum turnen sahen. Anscheinend suchte er das optimale Motiv für ein Foto vom Wasserfall und der Schlucht. Er stand am Rand eines schräg abfallenden Felsvorsprungs auf einer Moosplatte. Andi hatte bereits seine Erfahrungen mit den tückischen, nur lose auf dem glatten Gestein unter ihnen liegenden Moosplatten gemacht und sich dabei den Fuß verstaucht.
„Komm zurück, das ist wahnsinnig gefährlich, was du da machst!“, rief er Bob zu.
Unbeeindruckt Fotografierte Bob weiter. Auch aus einer Gruppe anderer Touristen, die ihnen von oben entgegenkam, erschollen Warnrufe. Auf diese Rufe hin drehte sich Bob zu der Gruppe um und winkte ihr zu. Dabei verlagerte er sein Gewicht. Die Moosplatte unter ihm gab nach und löste sich vom Fels. Wie auf einem Snowboard rutschte Bob über die Felskante und stürzte rücklings in die Schlucht. Ein vielstimmiger Aufschrei begleitete seinen Sturz.
 
Ein Tourist holte sofort sein Handy hervor und wählte eine Nummer. Biggi wollte eine Kette organisieren, wie man sie zur Rettung einer ins Eis eingebrochenen Person bildet, um nachzusehen, ob Bob noch lebte. Sie fand niemanden, der auf ihren Vorschlag einging. Es war zu gefährlich und obendrein sinnlos. Selbst wenn Bob noch am Leben war – auf Rufe antwortete er nicht – von hier oben konnten sie ihm nicht helfen.
 
Als erster traf ein Police Officer der First Nations ein, der von seiner Station im Reservat weiter westlich mit dem Wagen nach Marathon unterwegs gewesen war und über Polizeifunk von dem Unfall erfahren hatte. Er gab seinen Kollegen vom OPP-Posten in Marathon einen detaillierten Bericht durch und bat die Augenzeugen, auf dem Parkplatz zu warten. Geraume Zeit später kamen Polizeifahrzeuge und eine Ambulanz aus Marathon. Inzwischen hatten Helfer aus dem Ort Terrace Bay Seile herbeigeschafft und ein Hobbybergsteiger hatte sich an der Unglücksstelle in die Schlucht abgeseilt.
 
Beamten der OPP begannen die Augenzeugen über den Hergang des Unglücks zu befragen. Ihr wichtigster Zeuge war der Mann, der sie über Handy verständigt hatte, ein kanadischer Staatsbürger mit Wohnsitz in Ontario. Andi und Biggi waren nicht die einzigen Besucher aus Deutschland, deren Aussagen eine Beamtin aufnahm. Keiner von ihnen hatte eine feste Wohnadresse in Kanada; Andi und Biggi waren mit ihrem Wohnwagen unterwegs und die Anderen wollten in den nächsten Tagen zurückfliegen. Andi wies die Beamtin auf Bobs Campingbus hin. Ein weiterer Officer inspizierte kurz den Bus und stellte ihn erst einmal sicher.
 
Für Andi stand fest, dass Bob derart zugekifft gewesen war, dass er die Gefahr nicht erkannt und die Rufe möglicherweise für Aufmunterungen gehalten hatte. Sie standen noch auf dem Parkplatz herum und sprachen über das Unglück, als die Sanitäter der Ambulanz mit einer Trage den Weg zum Parkplatz heraufkamen. Bobs auf die Trage geschnallter Körper war bis über das Gesicht in eine Decke gehüllt. Er war tot.
*   *
*
Andi und Biggi hatten nicht den Nerv, am gleichen Tag noch weiter als die 100 Meter bis zum Aguasabon Campground gleich neben dem Parkplatz zu fahren.
Biggi war noch immer völlig neben sich. Sie deckte flache Teller zur Suppe auf und merkte es erst, als die Suppe beim Auffüllen über den Tellerrand schwappte. Sie begann Sätze mit:
„Ich denke – ich glaube – wie gesagt – ich weiß nicht“ oder mit:
„Komm mal her – geh weg – warte mal!“
Bevor sie zu Bett gingen, zog Biggi ihrem Baby die Knöpfwindelhose und die triefnasse Tageswindel aus und schickte Andi unter die Dusche. Vor der sanitären Anlage versuchte Andi vergeblich, sich an die Zahlenkombination zu erinnern, die er am Schloss eingeben musste, um hineinzugelangen. Während er noch vor der Tür stand und verschiedene Kombinationen ausprobierte, kam ein anderer Campinggast und ließ ihn hinein.
Biggi lag bereits im Bett, als Andi endlich zurückkam.
„Was rödelst du noch herum?“, murmelte Biggi. „Leg dich endlich hin und gib Ruhe.“
Andi zog sich seinen Strampelanzug über und schlüpfte unter sein Deckbett. Seine Püppi lag bereits auf dem Kopfkissen, sein Schnuller daneben.
 
Andi träumte den „Toilettentraum“: Er war auf der Suche nach einer Toilette, aber jedesmal, wenn er glaubte, eine gefunden zu haben, erwies sie sich als unbenutzbar. Der Druck auf seine Blase nahm zu und er wachte auf. Wie schon lange gewohnt, ließ er es laufen und begann wieder halb einzuschlafen.
„Ogottogott“, durchfuhr es ihn, „du hast ja keine Windeln an!“
Es war bereits zu spät. Ein nasser Fleck hatte sich unter ihm auf dem Laken ausgebreitet. Biggi wachte auf. Wie häufig nachts streckte sie ihre Hand unter Andis Deckbett, um zu prüfen, ob seine Windeln dicht gehalten hatten. Zu Beginn ihrer Tour, als sie noch die verschiedenen Marken und Modelle der Einwegwindeln durchgetestet hatten, waren Andis Nachtsachen an den Beinabschlüssen manchmal feucht gewesen.
 
Erschrocken riss Biggi ihre Hand zurück und setzte sich kerzengerade im Bett auf.
„Sag mal, du hast doch nicht etwa ... ?“ Sie schlug Andis Deckbett zurück. „Du hast!“
Im ersten Moment war Biggi wütend. Sie schimpfte Andi aus, während sie ihm Pampers und ein Schwedenwindelhöschen anlegte.
„Den nassgepischten Strampelanzug behältst du an und das Laken wechseln wir morgen“, bestimmte sie. „Das hast du nun davon, wenn du noch ins Bett machst!“
Noch während sie das sagte, wusste sie, dass sie Andi nicht wirklich böse war. Im Gegenteil, jetzt hatte sie ein Argument, ihn – zumindest nachts – immer in Windeln zu verpacken, auch wenn er unter anderen Umständen und in einer anderen Situation dagegen protestieren sollte.
*   *
*
Schwester Ines vom Nachtdienst war eine der Schwestern mit den hochgezogenen Augenbrauen. Es schien ihr Vergnügen zu bereiten, Andi mit seinen unmännlichen Angewohnheiten aufzuziehen. Wenn sie ihn bei Dienstbeginn mit seiner Puppe im Arm und den Daumen im Mund vorfand, lächelte sie süffisant. Manchmal, besonders im Anfang, entnahm sie seinem Krankenblatt, dass er am Tage noch keinen Stuhlgang gehabt hatte. Dann führte sie ihm ein Verdauungszäpfchen ein und ließ sich viel Zeit, wenn er klingelte – bis es zu spät war. Während sie die Windeln wechselte, verspottete sie ihn in Kleinkindersprache, dass er sich wieder einmal wie ein Baby und nicht wie ein erwachsener Mann benommen habe.
 
Als sich Andi etwas besser fühlte, versuchte er einmal, allein die Toilette zu erreichen, schaffte es aber nur bis zur Tür. Ein Schwächeanfall übermannte ihn. Er setzte sich schnell auf den Boden. Andis Eigenmächtigkeit hatte Schwester Ines in Angst und Schrecken versetzt. Sie drohte, ihn am Bett festzuschnallen, wenn er noch einmal versuchen sollte, ohne Aufsicht aufzustehen. Aber auch danach reagierte sie nie sofort auf sein Klingeln. Andi hatte sie allerdings im Verdacht, vor seiner Tür auf die Geräusche aus dem Zimmer zu lauschen.

 

 

6. Kapitel
Als sich Andi langsam erholte, blieb Biggi nicht mehr ständig bei ihm. Sie musste sich jetzt um Angelegenheiten kümmern, die vorher Andi erledigt hatte: Finanzen, Versicherung, Rechnungen, Mails, Wohnwagen. Aber da musste sie durch, das gehörte nun mal zu ihrer Rolle als Mutter. Viviandi war völlig auf sie angewiesen und sie hoffte, dass es auch nach Andis Entlassung aus dem Krankenhaus so bleiben werde.
 
Bei Kolleginnen hatte Biggi beobachtet, wie sich bei ihnen als junge Mütter ihr Wesen verändert hatte. Sie waren unduldsamer, bestimmender, von der Richtigkeit ihres Handelns überzeugter, geworden. War sie jetzt, als „Mutter“ von Viviandi, selbst dabei, das Verhalten einer wirklichen Mutter anzunehmen?
Thunder Bay
Auf der Halbinsel Sibley an der Westseite der „Donnerbucht“, gegenüber der Stadt Thunder Bay, lag eine ungewöhnliche Felsformation, in der man mit Phantasie einen „schlafenden Riese“ hinein sehen konnte. Für die   Ojibwa-Indianer dieser Gegend, war der „Sleeping Giant“ der Geist Nanabusch, der zu Stein erstarrte, als ein betrunkener Indianer den Weißen die Silbermine des Spirits verriet. Andi und Biggi beschlossen, einige Tage im Sleeping Giant Provincial Park zu bleiben und über einen markierten Wanderweg dem Riesen auf den Bauch zu steigen. Das letzte Stück des Weges führte steil bergan. Es war sehr warm und, typisch für das Gebiet um die großen Seen, auch sehr schwül. Ihr Wasservorrat war aufgebraucht, die Kleidung klebte am Körper und Andis Windelhöschen und Windeln begannen zu scheuern. Aber Biggi trieb ihn erbarmungslos weiter. Wenn sie sich einmal etwas begonnen hatte, zog sie es auch durch!
 
Nach dieser Wanderung mussten sich beide erst einmal mehrere Tage lang erholen. Andi hatte sich im Schritt wund gelaufen und seine Genitalien brannten wie Feuer. Biggi verteilte pfundweise Babycreme und –puder auf die entzündeten Partien. Sie wechselte Andis Windeln jetzt mehrmals täglich und, wenn sie wach wurde, auch nachts.
 
Nach der Rückkehr von einem Abendspaziergang an den See beim Campground, wo sie den Sonnenuntergang beobachtet hatten, fanden Andi und Biggi einen Zettel hinter den Scheibenwischer ihres Wagens geklemmt. Er enthielt eine Handynummer und den Zusatz: „Bitte dringen anrufen!“
 
Andi fuhr zum Office, um zu erfahren, von wem die Nachricht stamme, aber es war bereits geschlossen. Im Informations- und Kulturzentrum des Parks hatte er einen öffentlichen Fernsprecher gesehen. Der nahm nur Quarter, 25-Cent Münzen, an. Nachdem Andi die Nummer der Vermittlung und danach die Handynummer von der Benachrichtigung gewählt hatte, meldete sich der Operator und nannte einen Betrag, den er einwerfen sollte. So viele Quarter hatten Biggi und Andi jedoch nicht und die Geschäfte im Kulturzentrum waren auch schon lange geschlossen.
 
Obwohl sie vor Neugierde brannten, was es mit dem Anruf auf sich habe, dauerte es seine Zeit, bis Biggi mit Andi ihre morgendliche Frühstücks-, Windelwechsel- und Ankleideprozedur durchgespielt hatte. Im Office konnte man ihnen nicht sagen, von wem die Nachricht stammte – die Kollegin, die gestern Abend Dienst hatte, komme erst am Nachmittag wieder.
 
Diesmal hatte sich Andi genügend Kleingeld besorgt. Beim zweiten Versuch kam sogar eine Verbindung zustande. Nach mehrmaligem Läuten meldete sich eine warme, sympathische Männerstimme:
„Chris Puckett.“
Andi nannte seinen Namen:
„Man hat mich benachrichtigt, ich solle diese Nummer anrufen“, zur Sicherheit wiederholte er die Nummer.
„Oh ja. Nett, dass Sie sich so schnell melden. Ich bin Constable bei der OPP-Zentrale“, er machte eine kleine Pause, damit Andi die Bedeutung der Worte begriff. Dann fuhr er fort: „Keine Panik! Es geht nicht um Sie oder ihre Partnerin. Es handelt sich um den Wohnanhänger, den Sie gekauft haben.“
Andi wollte wissen, was es mit dem Wohnwagen auf sich habe.
Der angerufene Constable entschuldigte sich: Er sei gerade mit dem Auto unterwegs nach Toronto, um einen Flug nach Thunder Bay zu erreichen und die Erklärungen würden zu lange dauern. Er würde gerne persönlich mit ihm darüber sprechen.
„Können Sie es einrichten, sich morgen mit mir und einer Kollegin aus Toronto in der OPP-Zentrale Nordwest in der James Street South 615 in Thunder Bay zu treffen? Sagen wir, um zehn Uhr?“
Andi meinte, es ließe sich einrichten.
„Fein, alles Weitere dann dort. Bis morgen also!“
Die Verbindung brach ab. Biggi hatte während des Telefonats wie ein lebendes Fragezeichen neben Andi gestanden. Als er den Hörer auflegte, konnte sie nicht länger an sich halten:
„Was ist los?“
Andi berichtete ihr, worum es in dem Gespräch gegangen war. Biggi begann vor Aufregung zu flattern:
„Um Gotteswillen, es wird doch nicht mit dieser Diane zu tun haben, von der du den Wohnwagen gekauft hast? Bist du auch sicher, dass beim Kauf alles mit rechten Dingen zugegangen ist? Vielleicht war das gar nicht ihr Wagen, und wir müssen ihn jetzt zurückgeben und das Geld ist futsch!“ Biggi stellte die wildesten Vermutungen an und war nicht zu bremsen.
Andi ließ sie reden.
„Morgen wird uns dieser Puckett sagen, worum es geht.“ Mit einem Blick auf seine Armbanduhr fuhr er fort: „Wir können es noch schaffen, bis zwölf Uhr auszuchecken und uns einen Campingplatz näher an der Stadt suchen, damit wir morgen rechtzeitig zu unserer Verabredung kommen.“
Biggi war mit Zusammenpacken, Einladen und dem Abarbeiten ihrer Checkliste vorübergehend so beschäftigt, dass sie nicht dazu kam, noch weitere Vermutungen zu äußern.
*   *
*
Andi hatte sich so sehr daran gewöhnt, als Baby ständig in Windeln herumzulaufen, dass es ihm immer schwerer fiel, sich wie ein „Normalo“ zu benehmen. Von Zeit zu Zeit erforderten jedoch die Umstände, dass er seine Babyrolle aufgab und „erwachsen sein“ spielte. Als sie die OPP-Regionalzentrale Nordwest in Thunder Bay betraten, hätte er gerne heimlich in die Windel genässt. Als ahne Biggi es, warnte sie:
„Denk dran, du hast keine Windeln an!“
Die Zentrale Nordwest befand sich im „Second Floor“, also im ersten Stock eines Gebäudes, in welchem auch noch weitere Behörden untergebracht waren. Im ersten Stock standen Andi und Biggi ratlos herum, bis sich eine Zivilangestellte mit einem Namensschild an der Brust ihrer annahm. Sie führte die beiden in einen Raum, der anscheinend als Konferenzzimmer diente, und bat sie, sich noch etwas zu gedulden: Der Chief sei noch in einer Besprechung.
 
Der diensthabende Offizier in der OPP-Zentrale Nordwest hatte es sich nicht nehmen lassen, bei der Befragung der Touristen aus Deutschland anwesend zu sein. Vorher hatte er jedoch noch Constable Puckett in sein Büro gebeten.
 
Mit Puckett und Delorme im Gefolge betrat er den Konferenzraum, wo Andi und Biggi warteten. Als ranghöchster anwesender Offizier stellte er sich mit Namen und seinem Rang bei der OPP vor, danach den OPP-Detective Constable Chris Puckett aus Orillia und zum Schluss Detective Constable Delorme von der Stadtpolizei Toronto.
„Delorme?“, fragte Andi erstaunt zurück.
Mit einem belustigten Aufblitzen in ihren Augen antwortete Delorme:
„Pamela Delorme, nicht Lise!“
Sie kannte also auch die Figuren des kanadischen Kriminalautors Giles Blunt.
Der Sektionschef warf ihr einem unwilligen Blick zu.
„Nehmen Sie bitte Platz, am besten hier“, forderte er Andi und Biggi auf und wies ihnen zwei Plätze an einer der Längsseiten des großen Konferenztisches zu. Er selbst blieb an der Schmalseite stehen, so dass Puckett und Delorme gegenüber von Andi und Biggi Platz nehmen mussten.
Nachdem sich alle gesetzt hatten, ließ der Chief einige Minuten schweigend verstreichen, während er in einem Aktenordner vor sich blätterte. Dann blickte er Andi an:
„Sie sind ... .“
Andi reichte ihm unaufgefordert seinen Pass. Der Chief schaute hinein und fuhr fort:
„Mister Ändrias Ries“. Er sprach den Namen englisch aus.
„Da Sie sich schon längere Zeit in Kanada aufhalten, darf ich wohl davon ausgehen, dass Sie Englisch können?“
Sein Tonfall war dienstlich korrekt, aber ohne jede Verbindlichkeit.
„Warum benutzen Sie unterschiedliche Namen, Mister Ries?“
Mit jeder anderen Frage hätte Andi gerechnet, aber nicht mit dieser. So fragte er nur leicht verwirrt zurück:
„So, hab ich das?“
„Im Sleeping Giant Provincial Park haben Sie sich als Andy Rice ausgegeben.“
Andi atmete tief durch.
„Andi, englisch Ändy, ist die Kurzform von Andreas – Ändrias, und die korrekte Aussprache meines Familiennamens ist im Deutschen ´Reis´. Wenn ich meinen Namen korrekt ausspreche, denken die Mädchen im Office eines Campgrounds wohl an eine gewisse Condulezza.
Delorme und Puckett machten leicht belustigte Gesichter zu dieser Anspielung. Unbeirrt fuhr der Sektionschef fort:
„Auf ihrer Fahrt durch Kanada sind eine Menge Tote am Weg zurückgeblieben – Kevin Stapleton in Kingston – Sie waren doch in Kingston?“
Andi bejahte, dort hatten sie das Fort Henry besichtigt.
„Basil Chillin im Night Hawk Lake, Bob Dudley in den Aguasabon Falls. Können Sie dazu etwas sagen?“
Andi warf Puckett einen fragenden Blick zu:
„Sagten Sie nicht am Telefon, dass es um den Wohnanhänger ginge?“
„Um den geht es auch. Beantworten Sie bitte meine Frage!“, antwortete der Chief an Pucketts stelle.
Der Chiefverabscheute das Milieu, in welchem Delorme und Puckett herum stocherten und er hegte eine tiefe Abneigung gegen die Perverslinge in Windeln in diesem Milieu.
„Not guilty – nicht schuldig!“, versuchte Andi die Situation mit einem Scherz zu entspannen.
Dem Chief verschlug es für einen Moment die Sprache. Delorme und Puckett verständigten sich mit einem Blick und Puckett griff ein:
„Fangen wir mit dem Toten in den Aguasabon Falls an. Sie kannten ihn?“
Andi berichtete, wie sich ihnen Bob in Sault Ste. Marie angeschlossen hatte und was sie über den Unfall beim Wasserfall wussten. Danach erfuhren sie, dass ein Basil Chillin, ein DL aus Toronto, in dem Auto, das sie im See entdeckt hatten, ertrunken war.
„Und wer ist der dritte Tote?“, fragte Andi.
„Haben Sie nicht in Toronto Diane Lindsey kennen gelernt? Kevin Stapleton war ihr Freund“, mischte sich Delorme ein. Sie hatte sich den Gesprächsverlauf ganz anders, auf freundlicherer Basis, vorgestellt.
„Ach, dieser Kevin. Ich habe von ihm gehört“, antwortete Andi, „er soll im Gefängnis sitzen.“
„Und haben Sie auch davon gehört, dass er ein Fotofreak war?“
Auch das hatte Andi von Paul gehört. Delorme fand es nun an der Zeit, Andi und seiner Begleiterin gegenüber den Mord an Stapleton zu erwähnen und ihren Verdacht zu äußern, dass dieser Material für Erpressungen in der Babyszene oder Hinweise auf derartiges Material im Wohnanhänger seiner Freundin versteckt habe.
„Sehen Sie“, fuhr sie fort, „wir wissen nicht genau, wonach wir suchen. Aber anscheinend sind auch andere Personen an dem Wohnwagen interessiert. Wenn Sie gestatten, würden wir den Wohnwagen gerne einmal gründlich untersuchen – bevor es andere tun“, setzte sie hinzu.
Andi erklärte Biggi, die nur die Hälfte mitbekommen hatte, was die Polizei von ihnen wollte. Sie berieten sich kurz.
„Okay, wir sind natürlich einverstanden. Was bleibt uns schon anderes übrig. Bloß, wir wohnen darin. Wie lange würde es denn dauern? Und wo soll das Ganze stattfinden?“
Jetzt mischte sie der Chiefwieder in das Gespräch ein. Er hatte eingesehen, dass rein rechtlich nicht gegen Andi vorlag. Außerdem hatte ihn Puckett bereits von Orillia aus informiert, was er und Delorme hier in Thunder Bay wollten und er hatte sich vorbereitet.
„Es gibt hier ein großes Zentrum für R.V.´s, Recreation Vehicles, also Wohnwagen und dergleichen. Dort sind ausgewiesene Experten beschäftigt. Man hat mir zugesagt, dass es nicht länger als einen Tag dauern würde. Wenn der Hänger am Abend zuvor auf das Gelände gebracht wird, könnte die Durchsuchung noch am gleichen Tag abgeschlossen sein.“
Andi schwante etwas:
„Heute ist Freitag!“
„Ja, leider. Der Werkstattleiter ist bereits ins Wochenende zum Fischen gefahren und vor Montag nicht zu erreichen. Wo steht ihr Wohnanhänger jetzt?“, wollte der Chief wissen.
Andi und Biggi waren auf den Campingplatz der KOA-Kette gefahren (die Kette schrieb Kampground immer mit „K“). Es war der erste Platz, wenn man von Norden kam und er lag direkt am Trans-Canada Highway. Wie an vielen Campingplätzen dieser Kette führte auch in seiner Nähe eine Bahnlinie vorbei.
 
Der Chief schlug ihnen den Townbridge Falls Campground der Stadt vor. Der habe durch Bäume und Büsche gegliederte Stellplätze, läge unmittelbar am Centernial Park mit vielen Wanderwegen und, was in ihrem Fall ganz vorteilhaft sei, es gäbe dort auch Kabinen, Hütten zum Übernachten. Der Chief bot an, im Office des Campingplatzes anzurufen und dort einen Stellplatz sowie eine Hütte von Sonntag auf Montag für die beiden deutschen Touristen zu reservieren – jetzt zum Wochenende und in der Urlaubszeit, empfehle sich das.
 
Sie waren aufgestanden und standen zwanglos beieinander. Endlich entwickelte sich das Gespräch so, wie Delorme es sich vorgestellt hatte.
„Was werden Sie morgen machen?“, fragte sie Andi beiläufig.
Andi hatte vorgehabt, in Thunder Bay den Old Fort William HistoricalPark zu besichtigen und sagte es. Delorme schien begeistert:
„Dann treffen wir uns ja morgen vielleicht dort. Chris – DC Puckett – und ich, wir hatten ebenfalls vor, dort hinzufahren.“
Puckett war trainierter Polizeioffizier genug, um sich seine Überraschung nicht anmerken zu lassen. Er hatte keine Ahnung davon gehabt!
Andi und Biggi verabschiedeten sich, förmlich vom Chief und mit dem üblichen: „See ya – man sieht sich“ von Delorme und Puckett.
*   *
*
Der Platz im Townbridge Falls Campground war wirklich hübsch. Es war ein so genannter „Pull through“-Platz, bei welchem sie nicht rückwärts einparken mussten. Eine Baum- und Buschinsel schirmte ihren Wohnwagen vom Zufahrtsweg ab und ein Waldstreifen von den Stellplätzen auf der anderen Seite. Die Hütte, in der sie eine Nacht verbringen sollten, war klein, hatte einen Wohnraum mit Küchenzeile, eine Schlafkammer mit Etagenbetten und ein Bad mit Toilette und Waschbecken. Während sie sich in der Hütte umschauten, wurde Biggis Gesicht immer länger. Die Hütte bot zu wenig Ablagemöglichkeiten, um ihre gesamte persönliche Habe aus dem Wohnwagen ordentlich unterzubringen. Dafür aber konnte man mit dem Wohnwagen direkt vor die Hütte fahren, was das Umräumen erleichtern würde.
 
Am nächsten Tag fuhren sie zum alten Fort William. Wie üblich hatte Biggi ihrem Baby zuvor Windeln angelegt – eine dünne zwar, dennoch war Andi unglücklich darüber gewesen, da sie aller Voraussicht nach die beiden Polizeibeamten treffen würden. Biggi hatte seine Einwände abgetan:
„Meinst du, die wissen nicht Bescheid über dich? Die haben doch mit Maggy und Paul und dieser Diane in Toronto gesprochen. Wenn du nicht zu deiner Windelleidenschaft stehst, brauchst du nie Windeln anzuziehen, dann gibt es immer eine Ausrede, es nicht zu tun!“
Danach hatte Biggi sogar noch zwei Windeln zum Wechseln in ihren Handbeuten getan. Es war später Vormittag, als sie endlich aufbrachen.
 
Fort William war von 1802-1821 der Haupthandelsposten der North West Fur Trading Company gewesen. Nach der Verschmelzung dieser Company mit ihrer ärgsten Konkurrentin, der Hudson´s Bay Company – heute würde man von einer „feindlichen Übernahme“ sprechen –, verlor das Fort an Bedeutung.
 
Die Vorliebe der Kanadier, in Museumsdörfern Momente aus ihrer Geschichte zu darzustellen, zeigte sich auch im Fort William. Komparsen liefen in historischen Kostümen herum, Handwerker führten traditionelle Handwerksfertigkeiten vor und Frauen kochten und backten im Stil der Zeit. Laienschauspieler spielten kleine historische Alltagsszenen nach (dass sie dabei Armbanduhren oder moderne Brillen trugen, fiel den Wenigsten auf). Fort William war nicht das erste Museumsdorf, das Biggi und Andi besichtigten, und sollte auch nicht das letzte bleiben.
Auf dem Gang durch das Areal mit den alten Häusern trafen sie Delorme und Puckett, die in einem Laden Tee tranken. Gemeinsam gingen sie weiter, wobei Andi das Gefühl hatte, dass ihre beiden Begleiter das Meiste schon gesehen hatten. Delorme staunte über Andis Geschichtskenntnisse, bis Biggi sie aufklärte:
„Andi hat einen Doktor in Geschichte!“
Delorme fiel auf, dass sich Andi schwer tat, sie und Puckett mit Namen anzureden. Entweder umging er es oder er setzte ihre Dienstbezeichnungen vor ihre Namen.
„Ist man drüben in Europa immer so förmlich?“, fragte sie Andi. „Hier redet man nur bei ganz offiziellen Begebenheiten jemanden mit Mister oder Mistress oder Rang und Namen an. Nenn mich einfach beim Vornamen – Pamela.“
Chris schloss sich an.
Nach dem Rundgang luden die beiden Kanadier Andi und Biggi zu Kaffee und Donuts ein und erkundigten sich, ob sie mit ihrem jetzigen Campingplatz zufrieden seien. Biggi beklagte sich, dass die Hütte zu klein sei und sie Mühe haben werde, alle Sachen in ihr unterzubringen. Sofort bot Pamela ihre Hilfe an und auch Chris versprach, ihnen zu helfen. Biggi war begeistert von der spontanen Hilfsbereitschaft „der Kanadier“; Andi machte ein betretenes Gesicht. Pamela und Chris würden dabei seine Baby- und Mädchensachen zu sehen bekommen – einige jedenfalls. Er überlegt noch, wie er ihnen auf gute Art und Weise ihr Angebot ausreden könne, als Pamela sagte:
„Schaut mal, ihr beiden, es geht doch auch um eure Sicherheit. Ganz offensichtlich ist jemand aus der Windelszene an dem Wohnanhänger interessiert. Wenn wir euch helfen, können wir gemeinsam auf etwas Ungewöhnliches achten und sicher sein, dass wir nichts übersehen. Und, Andi, wir sind Polizeibeamte und wissen die Privatsphäre einer Person zu respektieren. Du kannst mir vertrauen, weder Chris noch ich werden über irgendetwas schockiert sein. Es muss dir also nicht im Geringsten peinlich sein, wenn wir helfen.“
Zum zweiten Mal versetzte Pamela Chris in Erstaunen. Auch er hatte bereits überlegt, dass es sinnvoll sei, beim Umräumen dabei zu sein. Aber er hatte nicht so schnell wie Pamela auf Biggis Klage reagiert. Andis Zögern war ihm ebenfalls nicht entgangen. Bevor er es jedoch zu deuten gewusst hatte, waren Pamela bereits die richtigen Worte und Argumente eingefallen. Neidlos gestand er sich ein, dass seine kleine Kollegin aus Toronto die schnellere Auffassungsgabe und ein Gespür für den richtigen Moment hatte, wodurch ihr der aktivere Part in ihren gemeinsamen Ermittlungen zu kam.
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Wie verabredet kamen Pamela und Chris am nächsten Tag und halfen beim Umräumen. Andi und Chris fuhren den leeren Wohnwagen zum Gelände der Werkstatt im Gewerbeneubaugebiet zwischen den beiden Stadtteilen von Thunder Bay. Dort stellten sie ihn direkt vor dem Tor der Werkhalle von Smith´s R.V. Centre ab und deponierten einen Briefumschlag mit den Schlüsseln für den Hänger und eine kurzen Mitteilung von Chris im Briefkasten an der Eingangstür zur Werkstatt. Bevor Andi zum Campingplatz zurückfuhr, setzte er Chris beim Ritz Motel in der Arthur Street ab, wo Pamela und Chris abgestiegen waren.
 
Pamela war noch bei Biggi geblieben und hatte ihr dabei geholfen, die Sachen so zu verstauen, dass man sich bewegen konnte und dass die Dinge, die Andi und Biggi für die Nacht und den nächsten Tag brauchten, obenauf zu liegen kamen. Anschließend fuhr sie mit dem Leihwagen, den sie und Chris am Flughafen gemietet hatten, ins Motel.
 
Detective Pamela Delorme, deren Idee die Durchsuchung des Wohnwagens gewesen war, hatte es Chris überlassen, bei der Durchsuchung zugegen zu sein – für den Fall, dass es etwas sicherzustellen gab. Zu zweit hätten sie nur im Wege gestanden und Pamelas technisches Verständnis beschränkte sich auf wenige Alltagsdinge. Daher hatte sie die Aufgabe übernommen, Andi und Biggi „zu beschäftigen“, sie abzulenken. Sie fuhr Chris zur Werkstatt und danach noch einmal ins Motel zurück, da sie nicht zu früh bei Andi und Biggi erscheinen wollte. Sie kam dennoch zu früh und musste vor der Hütte warten, bis Biggi ihr großes Baby zum Ausgehen fertig gemacht hatte.
 
Sie besichtigten das Terry Fox Denkmal, das sich ganz in der Nähe am Trans-Canada Highway befand. In den achtziger Jahren war der krebskranke Terry mit einer Beinprothese von Neufundland aus bis Thunder Bay gelaufen, um Geld für die Krebsforschung zu sammeln. In Thunder Bay hatte ihn seine Krankheit wieder eingeholt und er war ihr erlegen.
 
Da es ein heißer Tag war, verzichteten die drei auf weitere Besichtigungen und entschlossen sich, einen Spaziergang im Wald des Centernial Parks zu machen. Im Park vereinte sich der Current River mit dem Current River Nord. Jetzt, im Hochsommer, waren die beiden Flüsse zu kleinen Bächen geschrumpft, die nicht viel Strömung erkennen ließen. Andi, Biggi und Pamela wählten einen Weg flussaufwärts am Current River. Unterwegs ergriff Pamela die Gelegenheit, von Biggi und Andi mehr über Ageplay und Adult Babies zu erfahren. Nach ihrem Besuch bei Diane Lindsey war sie im Internet auf Begriffe wie „Autonepiophilie“ und „psychosexueller Infantilismus“ gestoßen, Begriffe, die sie mehr verwirrt als aufgeklärt hatten.
 
Biggi gab zu, dass sie anfangs aus Neugierde auf Andis Windelleidenschaft eingegangen war. Später hatte sie Gefallen daran gefunden und schließlich, auf den Rat einer Freundin hin, Andi wie ein richtiges großes Baby behandelt. Wenn sie Andi seine Babysachen anzog und er, wie ein Baby, an seinem Schnuller lutschte, sah er so niedlich aus, so klein und hilflos, dass ein starkes mütterliches Gefühl in ihr aufwallte und sie ihn wie eine Mutter ständig „betütern“ wollte. Dieses Wort verstand Pamela nicht und Andi übersetzte es mit „pampern“.
„Und“, fuhr Biggi fort, „wenn er am Tage, in der Öffentlichkeit, unter seiner Straßenkleidung in Kinderwäsche und Windeln herumläuft, erinnert er mich ständig daran, dass wir ein Geheimnis miteinander teilen, von dem nur wenige wissen.“
Danach wandte sich Delorme Andi zu:
„Was veranlasst einen erwachsenen Menschen, wieder in Windeln wie ein kleines Kind herumzulaufen? Ist ein bestimmtes Kindheitserlebnis, das er nicht verarbeitet hat, die Ursache?“
Dies sei oft der Fall, erklärte Andi, aber nicht bei jedem AB wäre das gleiche Kindheitserlebnis die Ursache. Es gäbe eine ganze Reihe von Schlüsselerlebnissen: Übertriebene Zuwendung und kindhafte Behandlung einschließlich Windeln zu bestimmten Anlässen oder permanent, krankheitsbedingtes Windeltragen, ungewolltes Einnässen aus Eifersucht, wenn ein Geschwisterkind geboren wird und vorübergehendes erneutes Windeln, alles in einem Alter, in welchem sich die sogenannte Lovemap herausbildet, die bewusste Erfahrung dessen, was angenehm ist, so im vierten, fünften Lebensjahr. Aber auch ein Mangel an Nestwärme, früher Zuwendungsentzug, ja selbst frühe Sauberkeitserziehung können Schlüsselerlebnisse gewesen sein.
„Ich denke, dass eigentlich in jedem Alter bestimmte Ereignisse oder Erfahrungen eine Windelleidenschaft auslösen können.“
„Ich höre immer Adult Baby und Diaper Lover. Gibt es da einen Unterschied?“, wollte Pamela wissen.
„Jedes erwachsene Baby ist auch ein Windelliebhaber. Aber die DLs beschränken sich auf das Tragen von Windeln. Für andere wieder besteht das Lustgefühl allein darin, ohne den Schutz von Windeln ins Höschen oder ins Bett zu nässen. Sie wollen einfach nur ´kleines Mädchen´ oder ´kleiner Junge´ sein.“
Schweigend gingen sie ein Stück weiter am Fluss entlang, ehe Andi fortfuhr:
„Auch ich war ein DL, bis ich Biggi kennen lernte. Mit ihr fingen die Age-Spiele an. Sie behandelte mich wie ein Baby, gab mir typisches Babyspielzeug und zog mich wie ein Baby an.“
„Auch Mädchenkleidung?“ bohrte Pamela weiter.
Jetzt mischte sich Biggi, die den wesentlichen Sinn der Unterhaltung mitbekommen hatte, wieder in das Gespräch ein:
„Darin sieht Vivi so süß aus, wie ein Kleinkind eben, und für Jungs gibt es solche niedlichen Sachen nicht zu kaufen.“
„Vivi?“, fragte Delorme zurück.
„Jedes Baby muss doch einen Namen haben. Und Andis Babyname ist Vivi“, klärte Biggi sie auf. „Du musst dir das wie Yin und Yang vorstellen, wo eines im anderen enthalten ist. Andi hat einen Teil Vivi in sich und Vivi ist ein Teil von Andi.“
Andi kam noch einmal auf Pamelas vorherige Frage zurück:
„Unter den erwachsenen Babys gibt es natürlich auch echte Transvestiten, ebenso Homosexuelle und auch Masochisten, die physisch bestraft und gedemütigt werden wollen. Es gibt zahllose Abstufungen, Varianten und Kombinationen von Neigungen, wie es ebenso viele unterschiedliche Schlüsselerlebnisse gibt. Möglicherweise beeinflussen auch angeborene Veranlagungen die späteren Ausprägungen.“
Delorme gab nicht nach:
„Wie fühlt man sich in Windeln? Ist es ein angenehmes Gefühl? Hat es etwas mit Sex zu tun?“
„Für mich ist es angenehm, in Windeln verpackt zu sein. Wenn ich die Windel am Körper, zwischen den Beinen, spüre, das Rascheln des Windelhöschens vernehme, wenn ich mich bewege, dann überkommt mich ein gewisses Wonnegefühl. Nenne es eine Art frühkindliches Lustgefühl. Es ist kein Orgasmus, wenn du verstehst, was ich meine, in der Empfindungsskala rangiert es aber gleich dahinter.“
„Und, benutzt du die Windeln auch für alles das, wofür sie bei Babys vorgesehen sind?“
Andi lächelte flüchtig über Pamelas vorsichtige und umständliche Formulierung.
„Mein Lustgefühl steigert sich noch, wenn ich es einfach unter mich laufen lasse. Die Vorstellung, Nass zu machen und niemand bemerkt es und der Nervenkitzel, jemand könnte mitbekommen, dass ich in Windeln herumlaufe, das alles turnt mich an“, antwortete er ihr. „Es gibt aber auch große Babys, die ihre Babyrolle so echt erleben wollen, dass sie die Windeln voll machen – ist aber nicht Biggis und mein Fall.“
An einer Stelle, wo flach gewaschene große Steinplatten den Fluss in mehrere kleine Rinnsale aufteilten, setzten sie sich auf eine der Platten im Schatten am Rand des Flussbetts und ließen die Beine ins kühle Wasser baumeln. Pamela dachte eine Weile über Andis Ausführungen nach. Dann bohrte sie weiter:
„Ist das ABDL-Sein eine vorübergehende Phase im Leben oder etwas Ständiges?“
„Manchen genügt es, wenn sie alle paar Monate ihre Leidenschaft ausleben, andere sind ihr ganzes Leben lang erwachsene Babys.“
Andi macht eine Pause:
„Glaube mir, es ist wie eine Droge, von der man nicht mehr herunterkommt. Du kannst zehnmal damit aufhören, dein Verlangen nach Windeln bleibt. Ein kleiner Anlass von außen, eine Enttäuschung, eine depressive Phase, und der Zwang nach Windeln und ihre Benutzung ist wieder da. Wenn du ihm dann nachkommst, fühlst du dich gleich ausgeglichener und wohler.“
Langsam wurde es Zeit, zur Werkstatt zu fahren und den Wohnwagen abzuholen.
Chris wartete bereits am Tor des Werkstattgeländes auf sie. Seine Haltung sagte genug aus. Sie hatten nichts gefunden, absolut nichts!
*   *
*
Noch vor einem Jahr hätte Biggi nicht geglaubt, dass sie sich einmal danach sehnen würde, einem Mann die Windeln zu wechseln, ihn wie ein großes Baby zu behandeln. Jetzt wartete sie auf den Moment, da sie Andi wieder nachts neben sich fühlen, seine Windeln kontrollieren und ihm die Sachen, in denen er als Viviandi so süß aussah, anziehen konnte. Nach dem Schrecken mit seiner Verletzung hatte sie sich vorgenommen, diesen großen, dummen, machohaften Jungen so an die Rolle eines kleinen Mädchens in Windeln zu gewöhnen, dass er nie wieder auf die Idee kam, sich auf ein derartiges Abenteuer einzulassen.
 
7. Kapitel
Noch drehte sich häufig alles um Andi, wenn er sich zu schnell bewegte und sein Hinterkopf schmerzte. Dass er außer einer Gehirnerschütterung auch eine Wunde am Hinterkopf hatte, war ihm erst bewusst geworden, als die Schwester bei der Arztvisite den Verband gewechselt hatte. Vielleicht war es eine Platzwunde von einem unglücklichen Sturz. Was es auch war – es tat höllisch weh! 
Hecla Island
Bevor Andi und Biggi zu den Kakabeka Falls westlich von Thunder Bay aufbrachen, hatte sich Andi zur öffentlichen Bibliothek in der Innenstadt durchfragen müssen. Die Bibliothek auf ihrem Weg zu den Falls in der Mall am Expressway – wenn Sie Zellers sehen, rechts einbiegen – war nur an einigen Tagen nachmittags geöffnet. Zuletzt hatten Andi aus Marathon eine Mail an Maggy und Paul geschickt. Im Posteingang befand sich eine Antwortmail von Maggy:
„Aus persönlichen Gründen bitten wir, von weiteren Kontaktaufnahmen zu uns abzusehen.“
Andi war schockiert. Es musste etwas Ungewöhnliches passiert sein, das Maggy und Paul veranlasst hatte, ihnen die Freundschaft aufzukündigen. Biggi war fassungslos:
„Ich dachte, das sind unsere Freunde!“
Noch tagelang beschäftigte Biggi diese Mail. Sie hatte keinen Blick für die Schönheit der Kakabeka Falls und die heroisch-traurige Geschichte, welche die Ojibwa-Indianer mit den Fällen verbanden, interessierte sie nicht.
 
Wie viele Erzählungen der Ojibwa handelte auch diese Legende von ihren Kämpfen mit den Sioux. Die Sioux hatten die Tochter eines Ojibwahäuptlings gefangen und verlangten von ihr, dass sie die Krieger der Sioux zum Lager ihres Vater führe. Sie führte die Kanus mit den Kriegern flussabwärts – direkt in die Kakabekafälle. Noch heute soll man die Schreie der Krieger aus dem Tosen der Fälle heraus hören. Die Ojibwa nannten die Fälle: „brüllendes Wasser – Kakabeka“.
 
In Dryden, der jungen, nach einem ehemaligen kanadischen Minister benannten Stadt jenseits der Zeitgrenze im Westen der Provinz Ontario, bog Andi vom Trans-Canada Highway ins Zentrum ab.
„Schick einmal an Maggy und dann auch noch an Paul eine Mail und frage sie, was das soll!“, forderte er Biggi auf.
 
Durch die Zeitgrenze hatten sie eine Stunde gewonnen und genügend Zeit für die Bibliothek. Es war ein sehr warmer, wenn auch windiger Tag und Andi hätte an einem lauschigen Plätzchen im Park bei der Bibliothek seine Pfeife rauchen können, wenn – ja wenn der Wind nicht den Gestank der Papiermühle von Weyerhaeuser über die Stadt geweht hätte. Es stank wie in einer Fischfabrik! Ein eigener Rundfunksender warb für den Tourismus – jede Stunde mit dem gleichen Text. Andi konnte sich nicht vorstellen, dass sich je Touristen auch nur in der Nähe der Stadt länger als zum Durchfahren des Gebietes nötig aufhalten würden. Er fragte sich, wie hier überhaupt Menschen leben und arbeiten konnten.
 
Kurz bevor die Bibliothek schloss, checkten sie noch einmal ihren Posteingang. Die beiden Mails waren zurückgekommen; Maggy und Paul hatten ihre Mailadressen geändert. Von ihrem nächsten Campingplatz aus versuchte Biggi, Maggy oder Paul anzurufen. Ihre Handys waren abgeschaltet und in ihrem Haus in Shanty Bay ging niemand an den Apparat. Tage später erfuhr Biggi durch einem Anruf in Pauls Maklerbüro, dass Maggy und Paul überstürzt nach Europa geflogen seien.
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Biggi hatte sich mit ihrer Rolle als Mutter eines erwachsenen Babys identifiziert und bewegte sich auf dem schmalen Grad zwischen Bemutterung und Bevormundung. Andi und Baby Vivi waren für sie bereits zu einer Person, ihrem Kind Viviandi, verschmolzen. Wenn sie Andis nasse Windeln wechselte, zog sie ihn in Kleinkindersprache auf:
„Hat das große Baby wieder in die Windis gepischert?“ Schämt es sich denn gar nicht, schon so groß und braucht noch immer Windis?“
Wie Maggy es vorausgesehen hatte, hatte sich Andi so sehr daran gewöhnt, von Biggi wie ein Baby behandelt zu werden, dass er sie widerspruchslos gewähren ließ. Dennoch brachte ihn die neue Unbekümmertheit Biggis seinem Babytum gegenüber gelegentlich in Verlegenheit. Mit der Wickelunterlage auf seinem Autositz, die beim Aussteigen nicht zu übersehen war, hatte er sich abgefunden. Aber es war ihm peinlich, dass ihm Biggi während der Fahrt einen Schnuller in den Mund streckte und darauf achtete, dass er ihn nicht ausspuckte, wenn ihnen andere Fahrzeuge entgegenkamen oder sie überholte oder wenn er als Beifahrer seine Puppe auf den Schoß nehmen musste. Für Biggi war es unterdessen völlig „normal“, dass Andi als Babymädchen herumlief. Wenn sie nicht mit einem ihrer Seitenfenster an einem Durchgangsweg standen, zog Biggi die Rollos hoch, während Andi noch in seinen Babynachtsachen beim Frühstück saß, ein Lätzchen um hatte und das mit Kaffee aufgefüllte Fläschchen vor ihm auf dem Tisch stand. Auf halbwegs Sicht geschützten Stellplätzen zog sie ihm seine Babymädchensachen an, bevor sie sich abends im Freien ans Feuer setzten. 
„Du bist ein kleiner Babymädchen-Junge, auch wenn du manchmal so tust als seiest du erwachsen. Wenn andere Leute so neugierig sind und uns in die Fenster schauen, musst du dich nicht verstellen. Sollen sie ruhig sehen, dass du noch ein großes Kleinkind bist. Lass sie dabei doch denken, was sie wollen!“, war Biggis Kommentar.
Eine besonders beschämende Situation erlebte Andi auf dem Campingplatz am Falcon Lake in Manitoba, kurz hinter der Grenze von Ontario. Es war einer der größeren Campingplätze mit vielen Sommerurlaubern. Biggi hatte im Waschsalon des Platzes Wäsche gewaschen und ihn geschickt, um sie herauszunehmen und in den Trockner zu legen. Alle Waschmaschinen waren belegt und vor dem Salon warteten Frauen mit ihren Wäschebergen darauf, endlich eine freie Waschmaschine zu ergattern. Im Waschsalon stocke Andi der Atem. Eine Frau, die es wohl besonders eilig gehabt hatte, hatte die Wäsche von Biggi und Andi als sie fertig war aus der Waschmaschine genommen, sie gefaltet und auf einen Stapel zusammengelegt – die Windehöschen von Andi obenauf und seine Babysachen direkt darunter! Glücklicherweise befand sich im Moment niemand im Waschsalon und Andi konnte unbeobachtet die Windelhöschen in den Wäschesack und die übrigen Stücke in einen Trockner stecken.
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Auf der Fahrt durch den Nordwesten Ontarios hatten sie Fischadler, Raben, ein Waschbärenpärchen und zahlreiche Chipmunks – Streifenhörnchen – gesehen, nur keinen Moose, von einem überfahrenen Bullen am Straßenrand abgesehen. Andi empfand es fast als persönliche Beleidigung, dass sich ihm während der gesamten Fahrt durch die Wälder Ontarios noch kein einziger Elch gezeigt hatte. Er wollte unbedingt einen zu Gesicht und nach Möglichkeit auch vor die Kamera bekommen. Die Beschreibungen des Whiteshell Provincial Parks in Manitoba klangen verlockend und er hoffte, dort endlich „sein“ Elcherlebnis zu haben.
 
Sie blieben nicht lange im Park. In jedem Office der weiter im Innern des Parks gelegenen Campingplätze lagen für die Greenhorns aus den Städten Broschüren mit Ratschlägen aus, wie man sich bei der Begegnung mit einem Bären verhalten sollte. Die Broschüren allein versetzten Biggi in Panik.
 
Andis Suche nach Elchen (der Singular hätte ihm ja schon gereicht) führten ihn und Biggi nach „Neu Island“ – auf die Insel Hecla im Lake Winnipeg mit ihrer interessanten Geschichte. Ende des 19. Jahrhunderts hatten Bauern und Fischer aus Island das Westufer des Lake Winnipeg um Gimli besiedelt und die Insel nach dem Vulkan Hecla aus ihrer Heimat benannt. Die isländischen Einwanderer hatten sich in ihrer „Republik Neu Island“ zwölf Jahre lang selbst verwaltet, bis ihr Gebiet 1887 in die neu entstandene Provinz Manitoba aufgegangen war. Die wenigen in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts noch auf Hecla verbliebenen „Isländer“ hatten den Status eines Provinzparks für die Insel angestrebt und 1969 hatte die Provinzregierung die Insel zum Park erklärt, um das kulturelle Erbe der Isländer auf ihr zu bewahren. Eine Asphaltstraße und ein Damm zur Insel sorgten später dafür, dass sich das kulturelle Erbe auch bezahlt machte.
 
Einen Elch bekam Andi auch auf Hecla nicht zu Gesicht, nicht auf dem 12 Kilometer langen Lehrpfad, der Aufschluss über die „gesunde“ und „starke“ Moospopulation auf der Insel geben sollte und auch nicht auf der Aussichtsplattform vor einem Sumpfgelände, in welchem sich die Moose angeblich zu Dutzenden zu tummeln pflegten. Wahrscheinlich kannten die Elche den ihnen zu Ehren angelegten Lehrpfad nicht, der hinter dem tagsüber mit lärmenden Kindern und abends mit kichernden Teenagern bevölkerten Spielplatz des Campground begann. Dass sich auch keine Mooses in ihrem Lieblingssumpf gezeigt hatten, konnte Andi den Viechern nicht verdenken. Gleichzeitig mit Andi und Biggi hatte eine chinesische Familie mit einer Schar von lärmenden und quengelnden Kindern die Plattform bevölkert.
 
Um wenigstens ein selteneres Tierfoto zu schießen, fuhren Andi und Biggi in die Marsch am Verbindungsdamm zum Festland. Hier hatten isländische Siedler vergeblich versucht, das Marschland durch Dämme vor Überflutungen zu schützen und landwirtschaftlich zu nutzen. In der Marsch gäbe es Hunderte von Pelikanen, hatte man Andi gesagt. Man könne sie sogar von der Straße aus sehen. Stundenlang wanderten Andi und Biggi über die alten Dämme, die jetzt als Wanderwege dienten, ohne einen einzigen Pelikan zu erblicken. Statt dessen opferten sie Hunderten von Moskitos ihr Blut. An einigen Stellen bemerkten sie Schleifpfade, die über die Dämme von einem Schilfsee in den Nächsten führten. Sie stammten von Schildkröten, die immer an der gleichen Stelle über den Damm wechselten und von denen den Spuren nach einige enorm groß (und alt) sein mussten.
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Auf dem Rückweg von einem Ausflug zum Leuchtturm auf der Landzunge vor Gull Harbour an der Spitze der Insel waren Andi und Biggi dem Wegweiser zur Badebucht auf der Westseite der Insel gefolgt. Es war ein warmer Tag und sie waren verschwitzt.
„Willst du nicht etwas schwimmen? Dann brauchst du nachher nicht mehr zu duschen.“ schlug Biggi vor.
Gegen Abend waren die Duschen auf dem Campground gut besucht und man musste manchmal längere Zeit warten, ehe man an die Reihe kam.
„Aber ich habe meine Badeshorts nicht dabei!“
Andi war zwar keine ausgesprochene Wasserratte, schwamm aber an heißen Tagen gerne ein Stück, wenn das Wasser nicht zu kalt war. Biggi, die nicht gut schwimmen konnte, mied fremde Gewässer.
„Na und? Du hast doch unten rum etwas an. Wenn wir hier am Ende der Bucht bleiben, fällt es von weitem niemandem auf, was du anhast!“
Noch zögerte Andi, aber Biggi begann bereits, ihn bis auf die lindgrüne Windelhose über der Einwegwindel auszuziehen. Schnell rannte Andi ins Wasser.
 
Im Wasser sog sich die Windel so voll Wasser, dass sie schwer nach unten hing, während eine Luftblase die Windelhose aufblähte und sie beim Schwimmern wie einen grünen Luftballon auf der Oberfläche tanzen ließ. Andi wartete, bis er möglichst unbeobachtet aus dem Wasser waten konnte. Biggi zog ihn hinter eine Buschgruppe, die sie notdürftig gegen den Badestrand hin abschirmte, zog ihm die triefende Windel aus und legte ihm die Reservewindel aus ihrem kleinen Wanderrucksack an. Die nasse Windelhose gab ihre Feuchtigkeit an Andis helle Jeans weiter.
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Diesen Tag hatte man Andi als gebraucht angedreht. Sie mussten ihren Platz auf dem Campground räumen, weil eine Reservierung vorlag. Der Ausweichplatz bei Gull Harbour war eine Wiese ohne Strom- und Wasseranschluss.
„Kein Problem, wir haben einen Kanister mit 20 Litern Trinkwasser an Bord, unser Frischwassertank fasst 40 Liter und ist gefüllt und die Batterie im Wohnwagen ist voll aufgeladen, das reicht für mehrere Tage auf der Wiese“, meinte Andi – bis er sich mit dem Wasser aus dem Frischwassertank waschen musste. Es hatte einen eigenartigen Geruch. Alle Versuche, es „schön zu riechen“, nutzten nichts. Es roch nach faulen Eiern!
Andi fuhr mit dem Wohnanhänger zum Trinkwasseranschluss auf dem Parkplatz am Hafen, leerte den Frischwassertank und füllte ihn neu. Das Wasser aus den Hähnen im Hänger stank weiter, obwohl es jetzt reines Leitungswasser war – sein sollte. Andi konnte es sich zwar technisch nicht vorstellen, aber als Herd der Verunreinigung kam nur noch ihr nie benutzter Warmwasserboiler in Frage. Nach drei blutigen Schrammen und zwei eingerissenen Fingernägeln hatte Andi es geschafft, den Boiler ablaufen zu lassen und zweimal durchzuspülen. Bevor er die Außenklappe zum Warmwasserboiler wieder schloss, entfernte er das Wartungsschildchen am Boiler. Es war ein Schildchen, wie es Mechaniker nach einem Ölwechsel unter der Motorhaube anbringen, aber alt und verschmutzt. An Stelle einer Wartungsangabe enthielt es eine frische, mit Kugelschreiber über den Schmutz gekritzelte Kombination von Buchstaben und Zahlen, die für Andi keinen Sinn ergaben: xyuA5KXMke.
 
Das Wetter schlug um, eine Kaltwetterfront zog von Norden heran. Andi hatte die Hoffnung aufgegeben, auf der Insel doch noch einem Moose zu begegnen. Noch während sie ihren Wohnwagen reisefertig machten, begann es in Strömen zu regnen. Die Temperatur sank rapide auf fünf Grad Celsius ab und einzelne Schneeflocken mischten sich unter den Regen. Andi und Biggi waren nicht die Einzigen, die Hecla fluchtartig verließen. Eine ganze Kolonne von Wohnmobilen, Autos und Wohnwagen bewegte sich auf der Hauptstraße der Insel in Richtung Festland.
 
In Gimli setzte Andi in der Bibliothek, in der sich Bibliothekarin und Teenager auf Isländisch unterhielten, eine Mail an Pamela ab. Dann kaufte er Desinfektionstabletten für Trinkwasser und schüttete eine handvoll davon in den Boiler und sicherheitshalber auch in den Frischwassertank. Abends roch das Wasser wieder „normal“, also nach nichts.
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Andi und Biggi hatten den westlichsten Punkt ihrer Reise erreicht. Sie fuhren wieder nach Südosten zurück. Als Krönung ihrer Reise wollten sie dort den Indianersommer erleben, wenn sich im Herbst das Laub der Ahornbäume blutrot verfärbt und Berghänge wie Feuerbälle leuchten. Nach Möglichkeit benutzten sie andere Strecken als auf der Fahrt nach Westen. 
 
Jetzt, Anfang September, war das Wetter unbeständig. Tage, an denen es an windgeschützten Stellen angenehm warm in der Sonne war, wechselten mit regnerischen und stürmischen Tagen ab. Kalt und regnerisch war es meist dann, wenn Biggi Wäsche zum Trocknen oder Lüften aufhängen wollte.
 
Am Lake Superior war es wesentlich wärmer als in den Wäldern im Westen, aber sehr feucht. So feucht, dass Andi die Streichhölzer für seine Pfeife mit dem Feuerzeug anzünden musste, weil die Reibefläche aufgeweicht war.
 
Auf ihrer Fahrt nach Westen hatten Andi und Biggi die Felszeichnungen am Agawa Rock im Lake Superior Provincial Park nicht besichtigen können. Hoher Wellengang hatte den Weg über die Felsleiste, der zu den Zeichnungen führte, nass und gefährlich werden lassen und die Parkranger hatten ihn gesperrt. Beim zweiten Besuch war der Himmel strahlend Blau und eine leichte Brise wehte vom See herauf.
 
Die mit rotem Ocker aufgetragenen Felszeichnungen der Ojibwa-Indianer waren zwischen 150 und 400 Jahre alt, stark verwittert und kaum noch zu erkennen. Sie stellten historische Ereignisse sowie Visionen von Schamanen dar. Hauptattraktion war das Bild des Wassergeistes Misshepezhieu der Ojibwa. Es war eine Gestalt mit Kopf, Körper und Klauen eines Luchses, stacheliger Mähne und stacheligem Schwanz und mit Hörnern als Symbol der Kraft auf dem Kopf.
 
Auf ihrem alten Campingplatz bei Sault Ste. Marie hatte Andi wieder einmal ausführliche Mails mit Pamela und Chris ausgetauscht. Chris hatte ihm nahe gelegt, ein Prepaid Cell Phone zu kaufen, damit sie bei Bedarf zu jeder Zeit gegenseitig erreichbar und nicht auf Öffnungszeiten von Bibliotheken auf Andis Route angewiesen waren. Bei der nächsten Mall hielt Andi an und kaufte bei RadioShack ein Handy aus dem Angebot von Rogers Wireless Canada. Nur die Simkarte in seinem eigenen Handy aus Deutschland gegen eine aus Kanada auszutauschen, war nicht möglich gewesen – die hiesigen Netzanbieter hatten ihre Karten in die Handys eingeschweißt.  
 
Das warme Wetter an den großen Seen verleitete Andi und Biggi zu einem Abstecher auf die Insel Manitoulin, der größten Süßwasserinsel der Welt. Hier besuchten sie Wikwemikong, die „Bucht der Biber“ – das einzige, nicht an die Regierung abgetretene und damit von der Indianerbehörde beaufsichtigte Reservat Kanadas. Die drei an der Ostseite der Insel lebenden Stämme hatten sich 1882 geweigert, einen entsprechenden neuen Vertrag zu unterzeichnen, der den 46 Jahr zuvor mit der Regierung geschlossenen Vertrag ersetzten sollte.
 
Von South Baymouth auf Manitoulin nahmen Andi und Biggi die Fähre zur anderen Seite des Lake Huron nach Tobermory auf der Bruce Halbinsel. Auf ihrem Weg weiter nach Südosten waren sie immer öfter auf private Campingplätze angewiesen. Seit dem Labor Day am ersten Montag im September waren die Büros in vielen Provinzparks nicht mehr besetzt und die sanitären Anlagen oft geschlossen. Man musste sich selbst registrieren und das Formular sowie das Übernachtungsgeld abgezählt in einen Umschlag legen und diesen in den dafür vorgesehenen Kasten werfen. Als Kredit – und Scheckkartenabhängige hatten Andi und Biggi nur selten das Übernachtungsgeld passend dabei.
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Wenn der Moderator des lokalen Rundfunksenders durchgab, in welchem Gebiet oder Streckenabschnitt sich der Wald zurzeit besonders reizvoll präsentierte, konnte Andi die Fortschritte verfolgen, die der Indianersommer machte. Schien dann auch noch die Sonne in sein Krankenzimmer, wäre er am liebsten sofort aufgestanden und hinausmarschiert. Aber die Ärzte hatten strikte Bettruhe verordnet, weil immer noch die Gefahr einer Nachblutung im Hirn bestand.

 

 

8. Kapitel
Albion Hills
Auf dem Rückflug von Thunder Bay nach Toronto hatten sich Pamela und Chris darauf geeinigt, Diane Lindsey aufzusuchen und sie zu bitten, mit ihnen gemeinsam Kevins Fotolabor zu durchsuchen. Es war ihre letzte verzweifelte Hoffnung, doch noch einen Hinweis auf Kevins Unterlagen zu finden. Danach wollten sie sich mit LaRoche, dem ABDL- und SM-Guru von Toronto, befassen.
 
Diane hatte auf ihrem Anrufbeantworter die Nachricht hinterlassen, dass sie in der nächsten Zeit nicht zu erreichen sei. Vom Ehepaar in der anderen Haushälfte erfuhren sie, dass Dianes Mutter schwer erkrankt und Diane zu ihr irgendwo ins mittlere Ottawatal gefahren sei.
 
Flipper LaRoche erreichten sie über seine Handynummer. Er war sofort bereit, sich mit Delorme und Puckett zu treffen. Er befände sich gerade auf dem Rückweg von Oshawa östlich von Toronto. Selbst auf der 407, der Maut pflichtigen Expressroute, rechne er jetzt, im Berufsverkehr, mindestens mit einer Stunde Fahrzeit. Als Treffpunkt schlug er den Food Court im Bramalae City Centre, Queen Street Ecke Dixie Road, vor. Das Eis dort bei Ricci sei einfach himmlisch! Er sei leicht zu erkennen: schwarze Lacklederhose, langes, dunkles Haar, rotes Stirnband. Wenn er aufgehalten werden sollte, würde er sich melden – die Nummer sei ja nun auf seinem Handy gespeichert.
 
Chris und Pamela befanden sich nur ein paar Blöcke entfernt vom vereinbarten Treffpunkt. Im Speisenhof der Bramalae Mall nahmen sie eine Mahlzeit zu sich, wobei Chris einen erstaunlichen Appetit zeigte. Pamela begnügte sich mit einer Schüssel Salat. Von ihrem Platz aus hatte Pamela Riccis Stand im Blickfeld. Sie erkannte LaRoche sofort, der sich bei Ricci einen Spezialeisbecher zusammenstellen ließ und dann suchend in die Runde blickte. Pamela winkte ihm zu und er setzte sich zu ihnen an den Tisch. Chris Puckett und Pamela Delorme stellten sich vor und Delorme erklärte ihm, dass sie in der Kommission säßen, welche den Tod von Kevin Stapleton untersuche und dass sie bei ihren Ermittlungen auf die Windelszene aufmerksam geworden seien.
„Ich hatte schon ein Gespräch mit Diane Lindsey und von ihr weiß ich, dass Sie ein ´big fish´, ein Aktivist der Szene sind – was ja auch Ihre Webseite mit dem Delphin als Logo – beweist.“
LaRoche schien geschmeichelt. Er versprach zu helfen, so gut er könne, allerdings ohne Namen von Personen preiszugeben, die ausdrücklich inkog­nito bleiben wollten.
Er bestätigte, dass er Kevin Stapleton gekannt habe:
„Tragisch, sein Tod, nicht wahr?“
Auch Paul Newman aus Barrie kannte LaRoche von ihren ABDL-Treffen und den Deutschen, der Dianes Wohnwagen gekauft hatte. Basil Chillin und Bob Dudley waren Mitglieder des Baby- und Windelclubs gewesen. Sie wollten zur einer Zeit Urlaub machen, als das deutsche Paar in Kanada unterwegs war. LaRoche erzählte Chris und Pamela, dass er eigentlich einen ganzen Konvoi von Windelfetischisten zusammenstellen wollte, wofür sich aber nicht genügend Teilnehmer interessiert hätten. Er gab auch zu, dass er Chillin und Dudley gebeten habe, zusammen mit dem deutschen Paar einmal gründlich im Wohnanhänger nachzuschauen. Wo sich die Deutschen jeweils befanden oder wohin sie als Nächstes fahren würden, hatte er von Paul erfahren. Er habe schon länger den Verdacht gehegt, dass Kevin versucht hatte, mit seinen Fotos Mitglieder der Szene zu erpressen. Woher er gewusst habe, dass sich Material oder ein Hinweis im Hänger befinden könnten? LaRoche beschäftigte sich einen Moment lang mit seinem Eisbecher, ehe er antwortete:
„Von Diane, die eine sehr, sehr gute Freundin von mir ist. Sie hat mir ausführlich über ihr Gespräch mit Ihnen, Constable Delorme, berichtet.“
Nach dieser Antwort wusste Pamela nichts mehr, was sie LaRoche sonst noch fragen konnte. Um die Unterhaltung nicht ins Stocken geraten zu lassen, griff Chris ein:
„Sie sehen aus wie ein ´Native´ und unterstreichen das noch mit ihrem Outfit. Wie lautet denn ihr richtiger Name?“
Flipper LaRoche sei der Name, den er sich in der Stadt zugelegt habe, erklärte LaRoche. Sein indianischer Name bedeute übersetzt „Delphin“, für die Windelszene habe er daraus „Flipper“ gemacht, was noch stärker mit etwas Niedlichem, Kindlichem assoziiert werde. Chris interessierte LaRoches indianische Herkunft:
„Ich komme aus Orillia. Dort gibt es gleich mehrere Reservate der First Nations. Zu welcher Nation gehören Sie?“
Die Frage schien Flipper, den Delphin, in Verlegenheit zu bringen. Schließlich gestand er, dass er in Calgary, Alberta, bei seiner allein stehenden Mutter aufgewachsen sei. Sie habe an der „indianischen Krankheit“ gelitten und es bis zu ihrem Tode nicht geschafft, in ihr Reservat im Norden der Provinz zu fahren, um dort seine Geburt registrieren zu lassen. Dies sei erst nachträglich geschehen. Die Unterlagen darüber bewahre er zu Hause auf.
„Stimmt Ihre Adresse in Woodbridge noch, die mir Diane gegeben hat?“, meldete sich Pamela wieder zu Wort.
LaRoche bejahte und erklärte dabei wortreich, dass er das Haus in Woodbridge zu günstigen Bedingungen gemietet habe, weil er sich um alles kümmere. Die Besitzerin sei eine alte Dame, die jetzt in Italien lebe.
Delorme und Puckett bedankten sich bei LaRoche für seine bereitwillige Kooperation und verabschiedeten sich. Auf dem Weg zu ihren Wagen – beide waren mit dem eigenen Wagen zum Flughafen gefahren und hatten die Wagen dort bis zur Rückkehr aus Thunder Bay geparkt gehabt – fragte Pamela, was LaRoche mit der „indianischen“ Krankheit gemeint habe.
„Damit hat er umschrieben, dass seine Mutter, wie viele Natives, alkoholabhängig war.“
„LaRoche hat seinen Vater nicht erwähnt. Reicht es denn, von einer indianischen Mutter abzustammen, um als Native registriert zu werden?“
„Laut Verfassung haben wir seit über zwanzig Jahren die völlige Gleichberechtigung, das gilt auch für die Indianer. Aber ich kann mich ja in Orillia bei einem Kollegen von der FNP, der FirstNations Police, erkundigen. Ich habe sowieso vor, mich mal mit einem von ihnen zu unterhalten.“
Pamela runzelte die Stirn:
„Ist dir etwas aufgefallen?“
„Irgendwas kam mir an LaRoche nicht koscher vor.“
Chris war noch am gleichen Abend nach Orillia zurückgefahren. Er wollte zum Rapport bei seinem Vorgesetzten am nächsten Morgen in frischen Sachen erscheinen.
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Die Stapleton Kommission hatte ihre Untersuchungen abgeschlossen. Sie hatte mehrere Rädelsführer der Revolte identifiziert und Einzelhaft für sie empfohlen sowie anschließende Unterbringung im Treatment Centre der psychiatrischen Sektion des Gefängnisses. In dieses Center kamen gestörte und schwierige Häftlinge, die zwei und mehr Jahre Haft zu verbüßen hatten. Ungeklärt geblieben war, wer im Einzelnen zum Tod von Kevin Stapleton beigetragen hatte. In einer Passage des Berichts hatte die Kommission hervorgehoben, dass es keine Hinweise auf eine organisatorische Vorbereitung der Revolte oder gar eine Steuerung von außen gegeben habe.
 
Der Alltag in der College Street hatte DC Pamela Delorme wieder in Beschlag gelegt, die Routine nebensächlicher Internet- und Aktenrecherchen für Kollegen. Ihre Befürchtung, Kollegen könnten sie mit hämischem Grinsen oder dummen Fragen nach einem Wochenende im Norden empfangen, waren unbegründet gewesen. Die Kollegen waren mit sich selbst und ihren Fällen beschäftigt. Sie registrierten Delormes jetzt wieder ständige Anwesenheit an ihrem Arbeitsplatz, wie sie das Bild von John Chisholm, dem Chief der Polizei von Toronto in den fünfziger Jahren, im Foyer am Haupteingang wahrnahmen: Es fiel ihnen auf, wenn es die Putzkolonne abgenommen hatte, aber keiner konnte sich später exakt daran erinnern, seit wann es wieder an seinem Platz hing. Eine Kollegin, mit der Delorme über das rein Dienstliche hinaus auch über private Dinge sprach, war die Einzige, die wissen wollte, was Delorme in der Stapleton Kommission gemacht habe.
 
Gelegentlich telefonierten Chris Puckett und Pamela Delorme miteinander. Sie waren nach wie vor überzeugt davon, dass sie mit dem Wohnanhänger eine wichtige Spur verfolgt hatten, tappten jedoch weiterhin im Dunkeln, wohin die Spur geführt haben mochte und was sie übersehen hatten.
Andis Mail aus Gimli gab Pamela neuen Auftrieb. Sie setzte sich sofort mit Chris in Verbindung. Der Totschlag an Stapleton war zwar ad acta gelegt, möglicherweise aber hatten sie jetzt konkrete Hinweise auf Erpressungen oder Erpressungsversuche im Windelmilieu.
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Auf Andis Vermutung hin, dass es sich bei dem Code auf dem Ölzettel entweder um die Chiffre einer Kontaktanzeige in einem Babymagazin oder um das Zugangspasswort zu einer ABDL-Webseite handeln könnte, das ein Zufallsgenerator erzeugt habe, gingen Pamela und Chris davon aus, dass Kevin Stapleton sein Material einer dritten Person zur Aufbewahrung gegeben hatte. Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis wollte er wohl über diesen Code Kontakt aufnehmen. Aber wem hatte er das Material übergeben? Delorme schloss Diane Lindsey aus; bei ihr hätte es Kevin nicht so kompliziert zu machen brauchen. Hatte diese unbekannte dritte Person jetzt, nach Stapletons Tod, die Fotos in eigener Regie benutzt? Wer aus der Windelszene wurde erpresst und war daher besonders an Andis Fund interessiert? LaRoche? Der hatte zugegeben, Basil Chillin und Bob Dudley auf den Wohnwagen angesetzt zu haben. Allerdings war durch Delormes Frage an Diane nach dem Wohnwagen inzwischen wahrscheinlich in der gesamten Windelszene bekannt, dass sich im Caravan Material oder ein Hinweis darauf befinden konnten.
„Werfen wir einfach einen Köder aus und lassen uns überraschen, welcher Fisch anbeißt!“, schlug Chris vor.
„Ich wusste noch gar nicht, dass du ein Hobbyangler bist.“
„Nur nach dem offiziell gegen das Überfischen propagierten F3-Programm: fischen, fotografieren, freilassen“, beteuerte Chris.
Andi war sofort bereit gewesen, den Köder zu spielen. Wenn er wieder in der Nähe von Toronto war, sollte er LaRoche anrufen und ihm erzählen, dass er etwas im Hänger entdeckt habe – vielleicht in unbeholfenem Englisch, so dass unklar blieb, worum es sich handle – und ein Treffen vereinbaren. Bei diesem Treffen sollte Andi mit einem versteckten Mikrophon ausgestattet werden, damit Pamela und Chris seine Unterhaltung mithören konnten.
 
Pamela und Chris überlegten fieberhaft, wie sie diese Aktion ihren Vorgesetzten schmackhaft machen konnten. An und für sich waren ihre Ermittlungen in einem noch nicht einmal bewiesenen Erpressungsfall zu unbedeutend, um einen Großeinsatz der Polizei zu rechtfertigen, zumal sie bei der Aktion nicht mit Gewalt rechneten – nicht in der Babyszene. Schließlich hatte Chris die Idee: ein geheimes Treffen eines Spitzels mit mutmaßlichen Terroristen als Szenario für eine gemeinsame Übung der OPP mit weiteren regionalen Einrichtungen. Bald hatte er auch in der Albion Hills Conservation Area einen geeigneten Schauplatz für diese Übung gefunden. Die Albion Hills an der Distriktstraße 50 waren ein Naturschutz- und Naherholungsgebiet, das nur 30-40 Fahrminuten von Toronto und keine zehn Minuten von der nächsten Stadt Bolton entfernt lag. Für den Distrikt, in welchem Bolton lag, war die OPP zuständig, und es gab einen Campingplatz auf dem Gelände. Außerdem waren die Hills ein beliebtes Übungsgelände von Mountain Bikern, die hier im Sommer Wettkämpfe austrugen. Auf den Pfaden waren Biker ein alltägliches Bild. Chris dachte an Polizisten, von denen sich ein oder zwei, als Biker getarnt, stets in Andis Nähe aufhalten konnten, ohne Verdacht zu erregen.
 
Bei der wachsenden Terrorphobie im Lande interessierte auch Chris Vorgesetzte das Szenario. Sie befürworteten und unterstützten die Aktion.
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Als Treffpunkt hatte Andi mit LaRoche den Besucherparkplatz des Campgroundshinter der Holzbrücke über den Humber River, der hier noch ein kleiner Bach war, vereinbart. LaRoche erschien in Begleitung eines Mannes im Nadelstreifenanzug mit weißem Hemd und dezent gemusterter dunkler Krawatte, den er als „John“ vorstellte. John mochte Mitte dreißig sein, wirkte jedoch älter. Seiner Kleidung nach könnte er ein Yuppie sein, vermutete Andi, Angestellter einer Anwaltskanzlei oder einer Investitionsfirma. Lediglich seine Größe von knapp 1,70 m passte nicht so recht zu der Vorstellung, die Andi von einem Yuppie hatte, ebenso wenig die fahrige Bewegung, mit der er sich ständig nervös über seine bereits schütteren Haare strich.
 
Vom Parkplatz aus führte Andi seine beiden Besucher am Chalet vorbei einen Waldweg hinauf. Das Chalet war ein Ausflugsrestaurant, das um diese Jahreszeit bereits geschlossen hatte. Der Waldweg war mit Reifenspuren übersät, ein Zeichen, dass auf ihm häufig Biker zum Parkplatz hinunter fuhren. Auf halber Höhe holte Andi den Ölzettel, den Pamela in eine kleine Klarsichthülle gesteckt hatte, aus der Tasche und zeigte ihn Flipper. Der warf einen kurzen Blick darauf und gab ihn an den Yuppie weiter.
„Ist das alles, was du uns anzubieten hast? Willst du uns zum Narren halten? Du hast doch sicher noch mehr! Aber das kriegen wir schon!“
Er griff unter sein Jackett und zog eine Pistole aus dem Schulterhalfter.
Nach einer Schrecksekunde sagte Andi so ruhig wie möglich:
„Du kannst deine Kanone ruhig stecken lassen, Cowboy. Ich hab ja nie behauptet, dass ich etwas Konkretes hätte. Aber vielleicht ist dieser Anhänger ein Hinweis auf etwas, das gewisse Leute anscheinend gesucht haben. Ich will mit der ganzen Sache nichts zu tun haben, ich will wieder zurück nach Deutschland. Nehmt das und macht damit, was ihr wollt!“
Mit Absicht hatte er lauter und dramatischer gesprochen, als es nötig gewesen wäre. Er hoffte nur, dass seine Bewacher reagierten und eingriffen; mit dieser Wendung hatte er nicht gerechnet. Gleichzeit mit Andi hatte Flipper etwas zu John gesagt. Was, das hatte Andi in seiner Aufregung nicht mitbekommen.
 
Delorme und Puckett hatten verstanden, dass Andi von einer Schusswaffe bedroht wurde. Sie blickten sich an und Chris befahl:
„Zugriff!“
Ein als Biker getarnter Polizist war als Erster zur Stelle. Mit der linken Hand riss er seinen ärmellose gelben Überhang auf, unter dem er eine kugelsichere Weste mit der Aufschrift „Police“ trug, mit der rechten Hand griff er in eine große Flickzeugtasche hinter dem Sattel, in welcher er seine Dienstwaffe untergebracht hatte.
„Polizei! Waffe weg!“, rief er.
Erschrocken drehte sich der Nervöse halb zu dem heranstürmenden Polizisten um. Dabei löste sich ein Schuss aus seiner Waffe. Bevor er sich ganz umdrehen und auf den Polizisten anlegen konnte, machte dieser „von seiner Schusswaffe finalen Gebrauch“, wie es später im Polizeibericht stehen sollte.
 
Als die übrigen verdeckten Ermittler eintrafen, lagen John, Flipper und Andi auf dem Boden. John war tot, LaRoche hatte sich auf den Bauch gelegt und die Arme hinter dem Kopf verschränkt, Andi war besinnungslos und blutete aus einer Kopfverletzung. Eine im Rahmen der Übung bereitstehende Ambulanz brachte den noch immer besinnungslosen Andi ins Civic Hospital nach Brampton. Pamela und Biggi fuhren in Pamelas Wagen hinterher.

9. Kapitel
Pamela
Pamela Delorme war Ende dreißig. Trotz solcher Einrichtungen wie Fitnessstudios hatte sie etwas „Babyspeck“ angesetzt, weil sie nicht regelmäßig trainierte. Eine Misswahl hätte sie sowieso nie gewonnen: Sie hatte gedrungene, kurze Beine, nicht die überlangen, schlanken eines Mannequins, und den Bleistifttest hätte ihr Busen auch nicht bestanden. Dafür waren ihre blonden Haare noch voll und lang und ohne Neigung, sich an den Enden zu spalten. Das Interessanteste waren jedoch ihre Augen, deren Farbe je nach Gemütslage zwischen intensivem Grün und verwaschenem Grau wechselte.
 
Bisher hatte sie nie direkte Kontakte zu Windelliebhabern oder erwachsenen Babys gehabt. In einem Fortbildungskurs über Psychologie hatte sie zwar einen Vortrag über die unterschiedlichsten Ausprägungen der menschlichen Sexualität gehört, aber sie hatte nicht gewusst, dass es außer einer Schwulen- und Lesben- und einer SM-Szene auch eine eigene ABDL-Szene in Toronto gab. Seit sie jedoch bei ihren Ermittlungen im Gefängnismord auf Diane, Andi und Biggi gestoßen war, hatte bei ihr ein Prozess des Umdenkens eingesetzt. Die drei lebten ihre Rollen, wenn auch in unterschiedlichen Variationen, voll aus. Pamela musste sich eingestehen, dass sie ein ungewöhnliches Interesse an allem, was mit Windelliebhabern, erwachsenen Babys, Age-Spielen und auch Crossdressing zu tun hatte, entwickelte. Als sie versuchte, den Grund dafür herauszufinden, stieß sie auf etwas, das sie anfangs erschreckte und dann aufwühlte.
 
Die Trennung von ihrem Mann und danach ihre Scheidung war eine langwierige und hässliche Angelegenheit mit viel privatem Stress neben dem beruflichen gewesen. Eines Nachts war sie aufgewacht und hatte mit Entsetzen festgestellt, dass sie im Schlaf eingenässt hatte. Es wiederholte sich und als es einmal kurz hintereinander geschah, fasste sie sich ein Herz und sprach mit ihrer Therapeutin darüber. Es war eine Therapeutin, die gleichzeitig als Polizeipsychologin tätig war und an die sich alle Polizisten vertraulich wenden konnten, wenn sie Probleme hatten oder sich an sie wenden mussten, wenn Vorgesetzten Probleme auffielen beziehungsweise sie welche vermuteten. Die Therapeutin hatte dem ungewollten nächtlichen Einnässen keine große Bedeutung beigemessen. Es sei ein Selbstschutz der Seele, hatte sie erklärt, das unbewusste Verlangen, wieder behütet und so problemlos wie als kleines Kind zu sein. Pamela solle sich Einwegwindeln kaufen und abwarten, bis sie den übrigen Stress abgebaut habe, dann würde sich auch dieses Problemchen von allein lösen.
 
Damals war Pamela entrüstet gewesen. Natürlich hatte sie sich keine Windeln gekauft. Nach einiger Zeit war auch diese Phase des Stresses vorübergegangen. Was sie ihrer Therapeutin nicht erzählt hatte, war, dass sie zum Einschlafen immer öfter wieder an den beiden Mittelfingern ihrer linken Hand gelutscht und mit der rechten Hand Haare gedreht hatte. Dies hatte sie auch als Teenager oft gemacht, besonders wenn sie wieder einmal Liebeskummer gehabt hatte. Einen direkten Zusammenhang zwischen Fingerlutschen und Nässen hatte sie damals nicht gesehen, obwohl es ihr heute, im Nachhinein, durchaus möglich erschien. Die Bekanntschaft mit Andi und Biggi hatte ihr diese Phase ihres Lebens wieder deutlich in Erinnerung gerufen. Was wäre geschehen, wenn sie damals begonnen hätte, nachts Windeln zu tragen und Gefallen daran gefunden hätte?
 
Der unglückliche Ausgang von Andis Undercoveraktion hatte ihrem Selbstvertrauen und ihrem Selbstbewusstsein einen erheblichen Dämpfer aufgesetzt. Sie erinnerte sich an das Gespräch, das sie mit Andi über seine Windelleidenschaft geführt hatte. Ob es, wie Andi beschrieben hatte, auch ihr half, wieder zu sich selbst zu finden? Wäre es nicht eine Flucht, eine Flucht vor der Realität, wenn sie sich wieder in die Kindheit zurückversetzte und sich wie ein kleines Mädchen benahm und fühlte – schließlich war sie eine erwachsene Frau. Aber was hatte ihre Therapeutin vom Selbstschutz gesagt? Was sprach dagegen, wenn sie diesen Selbstschutz bewusst herbeiführte? Wenn sie sich zur Nacht Windeln umlegte und mit einer Puppe oder einem Teddy im Arm so lange an den Fingern lutschte, bis sie mit dem Gefühl einschlief, dass die Pampers eine nächtliche Katastrophe für das Bettzeug verhindern würden?
 
Eines Abends ging sie früher als gewöhnlich nach Hause. Sie musste Einkaufen, Wäsche waschen und auch in ihrer Wohnung wieder mal Ordnung schaffen. Während sie durch die Mall ging und überlegte, was sie unbedingt und was sie eventuell besorgen musste, fiel ihr Blick auf einen kuscheligen schwarzen Teddybären in der Auslage eines Geschäftes für Kinderartikel. Der Teddybär war dem nordamerikanischen Schwarzbären nachempfunden und größer, als manches Kind, für das er gedacht war. Während sie einkaufte, ging ihr dieser Teddy nicht aus dem Sinn. Kurz entschlossen ging zurück zu dem Geschäft mit den Bären und sah sich dort um. Das Sortiment an Stofftieren und Puppen war groß, aber letztlich entschied sich Pamela doch für den Teddybären, obwohl er ihr zu groß und auch zu teuer erschien. In ihrem Wagen zögerte sie. Sollte sie bei der Gelegenheit auch gleich ... ? Sie stieg noch einmal aus und hastete zum Shoppers Drug Mart hinüber. Weil sich im Geschäft eine Postagentur befand, bei der sie schon des Öfteren Briefe aufgegeben hatte, kannte sie sich einigermaßen aus. Die Artikel für Inkontinenz befanden sich in der hintersten Regalreihe, gleich neben dem Tresen der Apotheke. Unschlüssig nahm sie das Sortiment an diversen verschließbaren Einwegwindeln, Höschenwindeln mit verstellbarem Bund, Windeleinlagen, die mit zwei Gummibändern an jeder Seite befestigt werden konnten sowie Slipeinlagen in Augenschein. Schließlich entschied sie sich für ein Paket, dessen Aufschrift Schutz bei mittelschwerer bis schwerer Inkontinenz versprach. An der Kasse ließ sie sich eine Tüte für die Ware geben und hastete zurück zu ihrem Wagen. Hatte die Kassiererin ihre Befangenheit und gerötetes Gesicht bemerkt?
 
Als sie ins Bett ging, war sie so aufgewühlt, dass sie sich lange Zeit von einer Seite auf die andere wälzte. Sie hatte eine der gekauften Windeln unter ihrem Schlafanzug umgelegt, den Teddy in den Arm genommen – wobei ihr das Schild „Made in China“ aufgefallen war – und sich hingelegt. Das Gefühl der Windel zwischen den Schenkeln war ungewohnt, aber nicht unangenehm, wie sie sich eingestand. Finger lutschend und seitlich wie ein Fötus zusammengerollt, schlief sie endlich ein. Am nächsten Morgen prüfte sie als erstes ihre Windeln. Sie waren trocken! Nichts war geschehen.
 
Während ihres nächsten Besuchs bei Andi im Krankenhaus – Biggi hatte für einen Moment das Zimmer verlassen – fragte Pamela:
„Andi, darf ich dir eine private Frage stellen – eine intime?“
„Nur zu!“
„Wenn du Windeln an hast, wie ist das dann? ‚Weest’ du einfach drauflos, wenn du musst oder kommt es von allein?“
„Weißt du, ich lasse es laufen, wenn es mir gerade in den Sinn kommt. Aber, wenn ich frisch gewindelt bin, dann ist es fast ein Zwang, dann lass ich ein paar Tropfen ab, auch wenn ich gar nicht muss.“
Mit einem Blick auf Pamelas angespanntes, von hektischer Röte überzogenes Gesicht fügte er hinzu:
„Ganz im Anfang hatte ich Schwierigkeiten, die antrainierten Hemmungen zu überwinden. Ich musste mich im Bett hinknien und mich konzentrieren.“
Biggi kam zurück und Pamela wechselte das Thema.
Pamela war fest entschlossen. Gleich bei der nächsten Gelegenheit, die sich bot – sie hatte sich den nächsten Vormittag frei genommen – legte sie sich vor dem Schlafengehen eine Windel um, zog sich den Schlafanzug über, nahm den Teddy in den Arm und kniete sich aufrecht aufs Bett. Nach einigen Anstrengungen gelang es ihr, einen Strahl abzulassen. Aufatmend ließ sie sich auf die Fersen zurücksinken und spürte, wie sich die warme Nässe über ihren Unterleib verteilte.
 
Schon beim Anlegen der Windel hatte sie ein gewisses Kribbeln zwischen ihren Schenkeln verspürt. Mit der nassen Windel am Körper steigerte es sich. Sie hatte ein so starkes Bedürfnis nach einem Orgasmus, wie es sonst nur das nahe Beisammensein mit einem Mann bei ihr hervorrief. Dass sie sich selbst befriedigte, kam selten vor. Meist fiel sie müde und abgekämpft ins Bett und war froh, wenn sie gleich einschlafen konnte. Heute war es anders. Sie fuhr mit der rechen Hand in die Windel und ließ ihren Finger spielen. Wie ein Blitz durchzuckte sie der Höhepunkt. Mit einem tiefen Seufzer streckte sie sich aus und schlief, den Teddy im Arm und die Lutschfinger im Mund, mit dem Gefühl ein, tatsächlich wieder ein kleines Mädchen zu sein, dem die Probleme und Sorgen, welche Beruf und Alltag der Erwachsenen mit sich brachten, nichts anhaben konnten.
 
Pamela und Chris waren sich in Thunder Bay näher gekommen – sehr nahe. Während sie Biggi beim Einräumen geholfen hatte, hatte Pamela Andis gesamte Babyausstattung gesehen. Biggi hatte sich nicht die geringste Mühe gegeben, sie zu verbergen. Abends, im Motel, war Pamela so aufgewühlt gewesen sein, dass sie mit Chris noch lange darüber gesprochen hatte. Eigentlich hatte nur sie geredet, Chris war auffallend einsilbig gewesen und hatte sich nur vage zum Thema Windelfetischismus geäußert. Aber er hatte wohl ihre Erregung gespürt und sie an einem bestimmten Punkt der Unterhaltung einfach in den Arm genommen und geküsst. Sie hatte es geschehen lassen, sich von ihm in ihrem Zimmer ausziehen lassen, wobei Chris sicher nicht entgangen war, wie stark ihr Slip bereits durchgefeuchtet gewesen war. Chris hatte sie in eine passive Rolle gedrängt und sie hatte alles mit sich geschehen lassen, ihn nur durch kleine Zeichen der Körpersprache ihr Einverständnis signalisiert. Wie würde Chris reagieren, wenn sie sich ihm gegenüber outete?
 
Nach einem gemeinsamen Besuch bei Andi fragte Chris beim Abschied vor dem Krankenhaus:
„Sehen wir uns wieder, Pam?“
„Möchtest du das denn gerne?“
Chris nickte.
„Bevor du mich noch einmal fragst, muss ich dir etwas gestehen. Durch die Beschäftigung mit der Babyszene habe ich entdeckt ... “, sie zögerte.
Chris sah sie gespannt an.
„... habe ich an mir auch infantile Neigungen entdeckt“, vollendete Pamela ihren Satz.
Chris schwieg eine Weile.
„Chris, bitte sag doch was – irgendetwas!“, bat sie.
„Erinnerst du dich an Thunder Bay, als wir Andi und Biggi halfen, ihre persönlichen Sachen in die Hütte zu tragen? Rein beruflich, natürlich, aber ist dir da auch aufgefallen, dass ich einiges gründlicher betrachtet habe, als es beruflich nötig gewesen wäre? Verzeih mir, wenn ich dir jetzt zu nahe trete – ich habe mir dabei vorgestellt, wie du wohl darin oder damit aussehen würdest.“
10. Kapitel
Der Hai
Filipe Roccelli war der Sohn italienischer Einwanderer in die Vereinigten Staaten. Sein Vater war früh bei einem Arbeitsunfall ums Leben gekommen und seine Mutter hatte sich bei ihren Bemühungen, die Familie durchzubringen, körperlich völlig verausgabt und war wenige Jahre später ebenfalls gestorben. Seine jüngeren Geschwister kamen bei Verwandten unter; ihn nahm ein Onkel in Cleveland, Ohio, bei sich auf, der in der Ölindustrie arbeitete und oft wochenlang auf Montage unterwegs war. Früh auf sich allein gestellt, schloss sich Filipe einer Straßengang an und startete in ihr seine kriminelle Karriere. Filipe besaß eine schnelle Auffassungsgabe und verfügte über ein gehöriges Maß an Bauernschläue. Schon bald genoss er einen gewissen Ruf unter Seinesgleichen und machte als „Hai“ auf sich aufmerksam, der gnadenlos zuschnappte, wenn sich ihm eine Chance bot.
 
Es gab noch keine Polizeiakte über Filipe Roccelli und keine Fotos von ihm, und, da er keine Highschool besucht hatte, nicht einmal Jahrgangsfotos einer Klasse, auf denen er zu sehen war. Aber Filipe wusste, dass dies nicht so bleiben würde. Nach einem besonders dreisten Coup mit seiner Gang, setzte er sich nach Kanada ab. Als Wochenendtourist getarnt war es kein Problem gewesen, eine gründliche Kontrolle an der Grenze zu vermeiden.
 
In Cleveland hatte er mit seiner Gang auch die Autos von Touristen ausgeräumt. Unter den Dingen, die seine Hehler nicht abgenommen hatten, war eine kanadische Bescheinigung über eine Registrierung als Angehöriger der FirstNations gewesen. Mit diesem Dokument nahm er in Toronto eine neue Identität an, während er als „Hai“, jetzt in einer höheren Liga, seine Straßenkarriere fortsetzte. Er war ins Drogengeschäft eingestiegen, hatte Prostituierte und Stricher, die für ihn anschafften und einen Nachtclub, dessen Hinterzimmer illegalen Geschäften jeglicher Art diente. Dabei hatte er jedoch vermieden, je selbst in Erscheinung zu treten. Schon nach kurzer Zeit in Toronto hatte er John Thate kennen gelernt. John hatte das, was Filipe fehlte: Er stammte aus „gutem Hause“, hatte Manieren und Umgangsformen, konnte sich gewählt ausdrücken und er hatte die Universität besucht. Sein Traum war gewesen, einmal Reverend einer Baptistengemeinde zu werden. Den Abschluss hatte John nie geschafft. Während des Studiums hatte er, anfangs aus Neugierde, zu schnupfen begonnen; jetzt war er völlig vom Heroin abhängig. Für seine Sucht und sein Versagen auf der Universität schämte er sich und wollte dafür bestraft werden. Filipe verschaffte ihm beides – Droge und Züchtigung. Dafür hatte John als Beauftragter des „Hais“ Geschäfte abgeschlossen, Dealer beliefert, Gelder kassiert und ein verzweigtes Klientel aufgebaut.
 
Die Tarnung, die sich Filipe Roccelli in Toronto zugelegt hatte, ging so weit, dass er einer offiziellen Beschäftigung nachging und nach außen in bescheidenen Verhältnissen lebte. Das Haus hatte John – mit Filipes Geld – im Namen einer Tante von Filipe gekauft, einer Tante, die irgendwo in Italien im Altersheim dahinsiechte. Filipe zahlte sogar Miete – die auf Umwegen wieder bei ihm landete.
 
Auch Kevin Stapleton hatte zu dem Kreis gehört, den John für Filipe aufgebaut hatte. Sein betrunkener Vater hatte Kevin so oft brutal zusammengeschlagen, dass man ihm nur zu drohen brauchte, um ihn gefügig zu machen. Allein, wenn John den „Hai“ erwähnte, hatte Kevin vor Angst schon in die Windeln gemacht. Anfangs hatte Filipe – über John – Kevin als Kurier eingesetzt, wobei der Wohnwagen seiner Freundin eine gute Tarnung gewesen war. Später hatte Filipe erkannt, dass man auch über das Internet Geschäfte machen konnte und veranlasst, dass Kevin für ihn eine Scheinfirma aufzog. Aber Kevin war anscheinend immer mehr in seine kindliche Phantasiewelt abgedriftet und hatte das Geschäft vernachlässigt. Es war gründlich daneben gegangen. Gerade noch rechtzeitig, bevor die Polizei bei Kevin auftauchte, hatte Filipe seinen Vertreter John zu Kevin geschickt, um alle Hinweise auf das Internetgeschäft zu löschen. Wer hätte schon ahnen können, dass dieses Bauernlümmel aus der Provinz, Kevin, möglicherweise Unterlagen gesammelt und vielleicht sogar belastende Fotos gemacht hatte? Als Kevins Anwalt Filipe davon berichtete, musste Filipe handeln. Kevins Tod war eigentlich nicht geplant gewesen, eine nachdrückliche Einschüchterung hätte bei ihm gereicht. Aber Benutti hatte Recht gehabt, die Verhältnisse in einem Gefängnis waren nicht mit normalen Verhältnissen zu vergleichen.
 
Den Anwalt Benutti hatte Filipe wegen der Art, wie Benutti Frauen anmachte und begrapschte, in seine Gewalt bekommen. Ausgerechnet in Filipes Nachtclub hatte der Anwalt einer Frau so zugesetzt, dass diese die Polizei rufen wollte. Nur mit Mühe hatte sie der Manager – ein Strohmann Filipe Rocellis – davon abhalten können. Bald darauf war John in Benuttis Kanzlei aufgetaucht und hatte mit großzügigem Angebot von Frauen, die sich Benuttis Art gefallen ließen, den Anwalt geködert und ihn zum persönlichen Rechtsbeistand des „Hais“ aufgebaut. Benutti hatte die Verteidigung von Fällen übernommen, bei denen John nicht erwähnt werden sollte. Bisher hatten sich alle Klienten Benuttis gegen großzügige Versprechungen darauf eingelassen, nur Kevin hatte sich nach dem unerwartet hohen Strafmaß nicht länger an den Deal gehalten. Ein anderer Klient von Benutti, der im gleichen Gefängnis saß, hatte aus Kevin dessen Geheimnis heraus prügeln sollen.
*   *
*
Nach dem Desaster in den Albion Hills setzten Pamela und Chris nun ihre Hoffnung auf Diane Lindsey. Vielleicht kannte sie den Code auf dem Ölzettel oder konnte ihnen einen Tipp geben, wo sie danach suchen konnten. An LaRoche kamen sie nicht heran; Kollegen von Chris hatten den Fall übernommen.
 
Chris hatte bei Pam übernachtet. Sie fuhren mit Pamelas Wagen nach Brampton. In der Nähe der Einfahrt zu den Stellplätzen vor dem Haus in der Main Street stand ein Streifenwagen der Polizei von Peel. Während Pamela und Chris parkten, versperrte er die Ausfahrt. Ein uniformierter Polizeibeamter stieg hastig aus und kam auf sie zu, eine Hand am Kolben seiner Dienstwaffe. Chris erkannte, dass er übernächtigt und nervös war. Betont langsam und so, dass der Uniformierte jederzeit beide Hände von Chris im Blick haben konnte, fischte Chris seinen Dienstausweis aus der Gesäßtasche und zeigt in vor. Sichtlich erleichtert atmete sein Gegenüber auf. Nun wies sich auch Delorme aus.
„Was ist hier passiert?“
„Ein Mord. Eine Frau mit durchschnittener Kehle, hier, in der rechten Hälfte des Hauses.“
„Diane Lindsey?“
„Ich glaube, so heißt sie wohl. Aber was machen Sie hier? Es ist nicht ihr Bezirk!“
Chris erklärte, dass sie einer Sonderkommission angehörten und Fragen an Mrs. Lindsey hätten – gehabt hätten. Dann fragte er nach dem Beamten der Regionalpolizei Peel, der den Fall bearbeite. Bereitwillig stellte der Streifenpolizist über das Funktelefon in seinem Wagen eine Verbindung mit Inspektor Dabar im Criminal Investigation Bureau her.
 
Delorme und Chris fuhren zur Polizeizentrale von Peel in der Hurontario Street – der südlichen Verlängerung der Main Street in Brampton.
 
InspektorBaljinder S. Dabar von der Regionalpolizei Peel war unverkennbar indischer Herkunft. Delorme war darüber nicht erstaunt. Die nordwestlichen Trabantenstädte Torontos, Mississauga und Brampton, waren Hochburgen der Zuwanderer vom indischen Subkontinent, besonders aus dem Pandschab. Allein die Religionsgemeinschaft der Sikhs unterhielt in Brampton mit finanzieller Förderung durch den Staat einen Tempel, ein Kulturzentrum, eine Schule und eine Vereinigung. In der Kommunalpolitik konnten die Stimmen der Sikhs als Zünglein an der Waage ausschlaggebend sein. Baljinder war ein Sikh, das „S“ in seinem Namen wies darauf hin. Seit dem späten 17.Jahrhundert trugen alle Sikhs den Zusatz „Singh“, Löwe, zu ihrem Namen.
 
Dabar begrüßte Delorme und Puckett im schönsten Peter Sellers Englisch in dessen Rolle als Bakshi im Film „Der Partyschreck“. Delorme erklärte, welche Spur sie verfolgten und was sie bei Diane Lindsey gewollt hatten. Keine Chancen, dämpfte Dabar ihren Optimismus, der Täter habe alles sehr gründlich durchsucht. Ob er etwas gefunden habe, könne man nicht sagen. Die Rekonstruktion des Tathergangs hatte Folgendes ergeben:
Der Täter hatte sich spät abends oder nachts ungesehen durch den Tara Park an das Haus geschlichen und war durch die Hintertür zum Park unbemerkt in die Wohnung eingedrungen, als die Bewohnerin schlief. Die Tür war wahrscheinlich unverschlossen gewesen, jedenfalls waren keine Spuren eines gewaltsamen Eindringens vorhanden. Der Todeszeitpunkt lag zwischen null und ein Uhr nachts. Es gab keine Abwehrspuren an der Toten, was vermuten ließ, dass der Täter die Frau im Schlaf überrascht und ihr die Kehle mit einem scharfen Gegenstand, wohl einer Art Jagdmesser, durchschnitten hatte. Danach hatte er die Räume durchsucht und war noch während der Dunkelheit wieder verschwunden. Durch die Lage des Hauses unmittelbar am Park und ohne direkte Nachbarn rechts und links sowie durch den Umstand, dass die Bewohner der anderen Haushälfte verreist waren, gab es keine Zeugen oder Hinweise auf den Täter. Die Bewohner der anderen Haushälfte hatten nach ihrer Rückkehr mehrere Tage lang ihre Nachbarin nicht gesehen und schließlich die Polizei informiert.
„Der Gerichtsmediziner meint, ein solcher Kehlschnitt, eine ´sizilianische Krawatte´, sei ein typisches Zeichen der Mafia, mit dem sie Schwätzer oder Verräter bestrafe“, fuhr Dabar mit seiner Schilderung fort und klagte:
„Jetzt habe ich die Sisyphusarbeit, den Bekanntenkreis der Toten nach ihren Alibis zu durchleuchten – und die scheint halb Ontario gekannt zu haben.“
*   *
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„Wenn wir nun bisher von völlig falschen Voraussetzungen ausgegangen sind? Wenn es eine Verbindung zwischen dem Mord an Kevin Stapleton und dem an Diane Lindsey gibt? Wenn das Ganze weit über die Babyszene hinausgeht?“, überlegte Pam auf der Heimfahrt.
Noch am gleichen Abend fuhren Pamela Delorme und Chris Puckett nach Orillia und hörten sich zum wiederholten Mal den Mitschnitt der Gespräche zwischen Andi Reis, Flipper LaRoche und John Thate an.
„Stopp, spul mal zurück! Im Hintergrund ist die Stimme von LaRoche zu hören. Was sagt er?“
Nachdem Chris ein wenig an seinem Computer herum gespielt und einige Frequenzen heraus gefiltert hatte, hörten sie LaRoche sagen:
„Lass den Unsinn! Das würde dem Hai nicht gefallen.“
Der Hai? Delorme hatte diesen Spitznamen schon einmal gehört. Sie hatte Diane ihre Handy Nummer hinterlassen, falls Diane noch etwas einfallen sollte, was mit Kevin zusammenhing. Diane hatte angerufen, Pamela aber nicht erreicht – in Thunder Bay hatte Delorme kein digitales Cell Phone Netz gehabt – und auf die Voice Mailbox gesprochen:
„Hi Pam, hier ist Di. Ich weiß nicht, ob das wichtig ist, aber einmal, da hat der Nervi zu Kevin gesagt, er soll ihm ´was vom Hai ausrichten. Ich hab´ nich´ weiter drauf geachtet, weil ich dachte, ´Hai´ ist auch so´n Babyname wie ´Flipper´ oder ´Orca´ oder so. Aber weil der Nervi doch nich´ zur Babyszene gehört hat – der war höchstens ´n Spanker oder so ´was, kommt mir das jetzt komisch vor. Hoffentlich kannste damit ´was anfangen. Du übrigens, wenn du mal bei mir vorbeischaun willst, ich hab da ´was ganz süßes Neues, was vielleicht auch dir gefallen könnte. Na ja, denn schönen Tag noch. Bye-bye, Liebes!“
Delorme hatte die Nachricht erst viel später abgehört und ihr keine sonderliche Bedeutung beigemessen. Einen Besuch bei Di hatte sie sich jedoch vorgenommen – schließlich war sie schon ein wenig neugierig, was Di ihr zeigen wollte. Ob Diane instinktiv eine Seelenverwandte in Pamela erkannt hatte?
Pamela erzählte Chris vom Anruf. Sie hatten zwei Hinweise auf einen „Hai“, Grund genug, der Sache nachzugehen.
„Kennen wir jemanden bei der RCMP, außer McFarland, den wir fragen können, ob die etwas über einen ´Hai´ wissen? Inoffiziell meine ich?“ Pamela sah Chris fragend an.
„In der OPP-Zentrale arbeiten wir zwar des Öfteren mit den Mounties zusammen, aber mir fällt im Moment niemand ein, an den wir uns wenden könnten. Es müsste schon jemand sein, der Zugang zur Informationsbasis in London hat, ohne aufzufallen“, überlegte Chris. „Wie wäre es mit dem Mounty in Kingston, der diesen Anwalt, Benutti, kennen gelernt hat? Der ist vielleicht auch persönlich interessiert.“
Sergeant Barkman in Kingston war interessiert. Er hatte gute Kontakte zu einer Kollegin bei der IPOC-Einheit in Kingston, die sich mit Wirtschaftskriminalität und Geldwäsche beschäftigte, und er versprach, Delorme und Puckett so bald wie möglich Bescheid zu geben.
 
Das Ergebnis war alarmierend. Seit längerer Zeit schon gab es Hinweise auf einen „Hai“ in der Unterwelt von Toronto, dessen Namen im Zusammenhang mit Zuhälterei, Drogenhandel, illegalen Wetten, Erpressungen – was immer man sich vorstellen konnte – auftauche. Aber bisher fehlte jeder Hinweis auf seine Person; es gab niemanden, der je persönlichen Kontakt zu ihm hatte. Als Mittelsmann des „Hais“ trat stets ein Yuppie mit dem Spitznamen „Nervi“ auf. Bevor der „Hai“ in Toronto von sich reden machte, hatte es in Cleveland, auf der anderen Seite des Lake Erie, einen „Hai“ gegeben. Dort war er Anführer einer dreisten Straßengang gewesen, eines Tages jedoch ohne eine Spur zu hinterlassen untergetaucht.
 
Nervi“ John Thate war tot. Er konnte keine Auskünfte mehr über die Person des „Hais“ geben.
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Nach seiner Festnahme war Flipper LaRoche überzeugt davon, dass er mit einem blauen Auge davon käme und man ihn schlimmstenfalls bis zur einer Gerichtsverhandlung gegen Kaution entlassen würde. Denn was hatte man schon gegen ihn in der Hand? Dass er sich mit dem Deutschen getroffen hatte, um den Ölzettel zu sehen? Er hatte schon immer den Verdacht gehabt, dass Kevin Stapleton innerhalb der Babyszene mit seinen Fotos Leute erpresste und wollte dem ein Ende bereiten. John Thate? Ein Bekannter aus der Spankingszene. Der hatte unbedingt mitkommen wollen. Dass er bewaffnet gewesen war, davon hatte er, LaRoche, keine Ahnung gehabt. Ja, der Code auf dem Ölzettel war Kevins privates Passwort zu dem Teil seiner, LaRoches, Webseite, den er geschützt hatte, damit Jugendliche nicht darauf zugreifen können oder jemand daran Anstoß nehmen könnte, weil dort die erwachsenen Babys und Windelliebhaber auch sehr intime Dinge ansprachen und sich darüber austauschten.
 
Einen Mann mit dem Spitznamen „Hai“ kannte er nicht persönlich. Andeutungen von Freunden hatte er jedoch entnommen, dass Thate etwas mit dem Hai zu tun haben könnte. In den Hills hatte er den Hai nur erwähnt, um Thate von einer Dummheit abzuhalten.
 
Die Polizei würde weiter nach dem „Hai“ Filipe Roccelli fahnden und ihn, den „Flipper“ LaRoche nie mit dem „Hai“ in Verbindung bringen. Flipper war eine seiner Lieblingsgestalten in den Kindersendungen gewesen, als seine Eltern noch lebten. Noch heute sehnte er sich in die heile Welt jener Zeit zurück. Seine eigene Obzession für Windeln und Age-Spiele hatten ihn zu einem aktiven Mitglied der Szene in Toronto werden lassen. Filipe, den „Hai“, dafür in einen harmlosen „Flipper“ zu verwandeln, hatte er als gelungene Tarnung betrachtet.
 
Um die Polizei auf eine falsche Spur zu locken, weg vom „Flipper“ LaRoche hin auf den „Hai“ Filipe Roccelli, den es in Kanada offiziell gar nicht gab, hatte er auch Kevins kleiner Windelhure die Kehle im Mafiastil durchschnitten, obwohl es stilvoller gewesen wäre, ihr ihre nassen Windeln so lange aufs Gesicht zu drücken, bis sie daran erstickt wäre. Den Mord an Diane konnte ihm die Polizei nicht nachweisen. Er hatte seinen Wagen auf der anderen Seite des Tara Parks abgestellt, die Dunkelheit abgewartet und war dann durch den Park ungesehen an die Hintertür gelangt. Nach der Tat hatte er sich umgezogen und die blutbefleckten Sachen zusammen mit dem Messer gründlich entsorgt.
 
Das Pipi-Mädchen hatte er töten müssen. Diane war geschwätzig und hegte offenbar Sympathien für diese Delorme von der Polizei. Ihr hätte sie bestimmt erzählt, wenn er Labor und Wohnung nach irgendwelchem Material von Kevin durchsucht und welches gefunden hätte. Aber er hatte nichts gefunden. Er glaubte auch nicht daran, dass Kevin überhaupt belastendes Material gegen ihn gesammelt habe. Kevin hatte wohl geblufft. Den Code hatte sich Kevin möglicherweise nur notiert und, zugegeben, an ungewöhnlicher Stelle aufbewahrt, um später wieder auf die Webseite zu kommen, nachdem John und Kevin die Festplatte auf dem Laptop gelöscht hatten und damit auch alle gespeicherten Kennwörter verloren gegangen waren.
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Zwei Tage nach der Entlassung gegen Kaution von Flipper LaRoche aus der Untersuchungshaft erhielt Delorme einen Anruf des Kollegen Dabar aus Brampton. Es gäbe Neuigkeiten im Falle Lindsey: einen Brief aus den USA, der sie sicher interessieren würde. Pamela schlug den nächsten Vormittag für ein Treffen vor. Chris würde wohl noch am gleichen Abend nach Toronto kommen.
Der Brief, ein Umschlag im Letter Format, war an Diane Lindsey adressiert. Ein Kuvert, unter die Adresse auf den Umschlag geklebt, enthielt ein Begleitschreiben. Eine Mrs. Cathleen Whaley aus Seattle schrieb im spröden, distanzierten Ton, dass sie erst jetzt, nach der Rückkehr von einem längeren Segeltörn mit ihrer Familie, vom Tode ihres Bruders Kevin erfahren habe. Sie und ihr Bruder hätten lose in Kontakt miteinander gestanden – Mails per Internet zu besonderen Anlässen und den Feiertagen. Vor einiger Zeit habe er ihr jedoch einen großen Umschlag geschickt und sie gebeten, diesen Umschlag, der bereits adressiert war, auf ein bestimmtes Passwort hin, einer Folge von Buchstaben und Zahlen, zur Post zu bringen. Da ihr Bruder tot sei, sei wohl auch das Passwort hinfällig und sie habe den Brief daher direkt an die angegebene Adresse geschickt.
 
Delorme, Puckett und Dabar sichteten gemeinsam den Inhalt des großen Umschlags. Nach einer Weile blickten sich Pam und Chris an:
„Jetzt haben wir ihn!“, frohlockte Pam.
Der Umschlag enthielt Aufzeichnungen über die Aufträge, die Kevin Stapleton für den „Hai“ erledigt hatte. Weit interessanter waren jedoch die Fotos mit Datum und Uhrzeit, die Kevin von John Thate gemacht hatte und die Vermerke dazu, mit wem sich Thate getroffen hatte und wie lange die Treffen gedauert hatten. Kevin hatte John Thate über längere Zeit beschattet, was dieser, high wie er stets gewesen war, offenbar nicht bemerkt hatte. Jedesmal bevor John Thate zu einer Adresse aufgebrochen war, hatte er sich mit Flipper LaRoche getroffen. Auch Kevin Stapleton hatte nach solchen Treffen prompt seine Aufträge vom „Hai“ erhalten.
„Er könnte immer noch alles ableugnen“, gab Chris zu bedenken.
„Kann er nicht!“, widersprach Pamela. „Erinnerst du dich an das Gespräch mit ihm in der Bramalea Mall? Auf die Frage, von wem er das mit dem Wohnanhänger wusste, hatte er doch Diane Lindsey genannt."
„Ja, und?“
„Mein Gespräch mit Diane fand einen Tag vor dem ersten Briefing der Stapleton Kommission statt. Und wann hat man den Toten, diesen Basil Chillin, im Kofferraum seines Wagens im Nigh Hawk Lake gefunden?“
Chris hatte das genaue Datum nicht im Kopf, aber es war einige Tage vor dem Briefing gewesen.
„Jetzt weiß ich auch, was mich an LaRoche gestört hatte – er wirkte auf mich nicht wie ein Native!“
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Chief Superintendent Earl Mcfarland von der RCMP war fair. Er erkannte, welche neuen Perspektiven sich aus dem Material ergaben, das ihm Delorme und Puckett als Kopie zugesandt hatten. Er wusste, dass man sie wegen der Dimension des Falles „Hai“ davon abziehen und den Fall, in den möglicherweise ein US-Bürger involviert war, der RCMP als Föderationspolizei übergeben würde. Aber auch ein Zusammenhang mit dem Tod von Kevin Stapleton war jetzt nicht mehr von der Hand zu weisen und musste untersucht werden. Deshalb beantragte er auf Grund der neuen Fakten entweder eine personelle Erweiterung und Wiedereinsetzung der Stapleton Kommission oder die Bildung einer Sonderkommission im Rahmen der kombinierten Spezialeinheit bei der Abteilung für Drogen und organisiertes Verbrechen. Er erhielt die Leitung der Sonderkommission und nahm außer Mitarbeitern aus den entsprechenden Abteilungen der RCMP, darunter Sergeant Clive Barkman aus Kingston, auch Delorme, Puckett sowie Dabar von der Regionalpolizei Peel in die Kommission auf.
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Nach vierzehn Tagen entließen die Ärzte Andi aus ihrer Obhut. Pamela und Chris hatten sich frei genommen. Mit Biggi zusammen schoben sie Andi im obligatorischen Rollstuhl zu seinem Pick-up. Dort wollte Andi automatisch auf der Fahrerseite einsteigen, was ein lauter Protest aus drei Kehlen verhinderte. Biggi fuhr hinauf zu den Albion Hills, wo noch immer der Wohnanhänger stand. Pam und Chris folgten in ihren Wagen. Es war ein grauer Tag im Oktober, mit feinen Regenschleiern, die ein kalter Wind vor sich her trieb.
 
Während Andis Krankenhausaufenthalts hatte Biggi das Innere des Wohnwagens gründlich gesäubert – den bräunlichen Belag von seinem Pfeifenrauch von Möbeln, Wänden und Decke geschrubbt und den Boden mit einem Reinigungs- und Pflegemittel aus dem Drug Mart aufgewischt. Ein glatter Erfolg! Der Boden war so glatt, dass Chris, der seine Schuhe ausgezogen hatte, beim zweiten Schritt ausrutschte und sich unsanft auf den Boden setzte. Das Schild „Vorsicht, sehr glatt“ hatte er nicht beachtet: Biggi hatte die Warnung auf Deutsch geschrieben!
 
Zur Feier des Tages hatte Biggi ein „deutsches“ Mittagessen vorbereitet, das sie nur noch aufzuwärmen brauchte: Quiche Loraine und als Getränk dazu einen halbtrockenen Chablis aus dem Niagara Weinanbaugebiet.
 
Später hatte Chris im Fire Pit des Stellplatzes ein Feuer angezündet. Es qualmte vor sich hin, während sie nach dem Essen unter der ausrollbaren Seitenmarkise des Wohnwagens saßen, Andi fest in ein Deckbett gehüllt. Genüsslich zog er an seiner Pfeife, der ersten wieder nach langer Enthaltsamkeit im Krankenhaus, während Pamela berichtete, was zur Festnahme von Filipe Roccelli alias Flipper LaRoche geführt hatte. Die Schilderung von Dianes, Di Diapers, Ermordung ging allen nahe und sie schwiegen eine ganze Weile, ehe Andi den beiden Constables Pam und Chris zu ihrem Erfolg gratulierte.
„Was genau ist bei meinem Treffen mit LaRoche und diesem John – John Thate, sagtest du, hieß er – passiert?“, wollte er dann wissen. „Wie bin ich zu dem Loch im Kopf gekommen? Das Letzte, woran ich mich erinnere, ist, dass Thate eine Waffe auf mich gerichtet hatte und ich ziemlich laut gesprochen habe, um sicher zu sein, dass ihr es über das Mikro auch mitbekommt.“
Nach einem Blick auf Chris erzählte ihm Pam, was der alsBiker getarnte Polizeibeamte zu Protokoll gegeben hatte.
„Als sich Thate umdrehte, musst du versucht haben, dich aus der Schusslinie zu hechten, in Deckung hinter LaRoche – Roccelli. Unglücklicherweise war das die falsche Richtung. Aber du hattest Glück im Unglück, die Kugel hat ´nur´“; sie malte mit den Fingern Anführungsstriche in die Luft, „deinen Kopf gestreift.“
Andi griff an den Mullstreifen, der noch immer zum Schutz auf seiner Kopfwunde klebte.
„Ich weiß noch, dass ich überlegt habe, diesem Thate die Waffe aus der Hand zu schlagen, aber ich stand dazu nicht dicht genug bei ihm.“
Pam und Chris waren entsetzt.
„Jesus, diese Amateure“, seufzte Chris.
Biggi wollte noch wissen, ob Maggy und Paul auch irgendwie in den Fall verwickelt seien. Pamela erklärte, dass die neue Sonderkommission das gesamte Umfeld von LaRoche durchleuchte. Auch die Firma von Paul werde genauer überprüft, bisher habe man jedoch keine Unregelmäßigkeiten entdeckt.
„Aber nun etwas anderes“, lenkte Pam vom Thema ab, „ihr hattet gebeten, keine Blumen mitzubringen, was ich gut verstehen kann. Da haben wir uns etwas anderes, persönlicheres ausgedacht. Chris, holst du unser Werk bitte mal aus dem Wagen?“
Es war eine Collage. Sie zeigte eine Frau und einen Mann, die jeder einen Kinderwagen vor sich her schoben aus denen zwei Babys winkten. Die Frau und der Mann hatten die aus Fotos ausgeschnittenen Gesichter von Biggi und Chris, die beiden Gesichter in den Kinderkarren waren die von Andi und Pam. Andi verstand sofort. Er umarmte Pam:
„Willkommen im Club, Schwester!“
Nach einem fröhlichen Nachmittag bot Chris zum Abschied an:
„Falls ihr den Wohnwagen nicht verkaufen und nächstes Jahr wieder herkommen wollt, könnt ihr ihn über Winter auf meinem Grundstück abstellen.“
Die Ärzte im Krankenhaus hatten Andi dringend geraten, noch mindestens zwei Wochen zu warten, ehe er eine Flugreise unternahm. Aber der Campingplatz in den Albion Hills schloss am 16. Oktober. Viel Zeit, sich zu entscheiden, ob sie nächstes Jahr wiederkommen wollten, blieb Biggi und Andi daher nicht.
E N D E
 
Abkürzungen und ausgewählte englische Begriffe
AB – Adult Baby (erwachsenes Baby)
acre – Flächenmaß (1 acre = 40,46 Ar)
ageplay – Rollenspiel als AB
big fish – großes Tier
big hug – feste Umarmung
body shop – in Kanada eine Karosseriewerkstatt
Brampton Civic Hospital – eröffnet 2007, 608 Betten, 425 Ärzte, 900 Schwestern
campside – Campingstellplatz
cell phone – Handy
chalet – Almhütte, Haus im Schweizer Stil
chesterfield – Dialekt: zweisitzige Couch
CID – Criminal Investigation De­partment (Kriminalpolizei)
chipmunk – Streifenhörnchen
CN-Tower – Canadian National Tower; Fernsehturm in Toronto, 533 m hoch
concussion of the brain – Gehirnerschütterung
conservation area – (Natur) Schutzgebiet
coroner – amtlicher Leichenbeschauer
crossdressing – Tragen der spezifischen Bekleidung eines anderen Geschlechts
current – laufend, Strom, Strömung
DC – Detective Constable
dime – Groschen (10-Cent Münze)
DL – diaper lover (Windelliebhaber)
Donuts – Krapfen aus Rührteig, Schmalzgebäckringel
downtown – Innenstadt
expressway – Schnellstraße
fifth wheel – Pick-up mit Wohnanhänger, durch eine Kupplungsvorrichtung auf der Ladefläche verbunden
fire pit – Feuer Grube
First Nations of Canada – offizielle Bezeichnung für die Indianer des Landes
food court – Speisenhof
Fuß (foot – Längenmaß: 1 foot – 12 inches = 0,3048 m – 30,48 cm)
gay – familiär: Schwuler
girls rompers – Mädchenstrampler
gift shop – Geschenke-, Souvenirladen
GTA – Greater Toronto Area (Großraum Toronto)
IPOC – Integrated Proceeds of Crime, Abteilung der RCMP in London und in Kingston
Hwy – Highway
KOA – Kampgrounds of America (Campingplatzkette seit 1962)
lass – familiär: Geliebte
loon – Sterntaucher (Vogel)
lovemap – Erfahrungen im 4./5. Lebensjahr, was angenehm ist
mall – Einkaufszentrum
marshmallows – Süßigkeit aus Eischnee, Geliermittel, Zucker, Aroma- und Farbstoffen
Missis – umgangssprachl. Anrede: Frau
mobile home – Wohnkabine, auf einem Pick-up befestigt
motorhome – Wohnmobil
native – Ureinwohner des Landes (Indianer, Eskimo)
not guilty – nicht schuldig
nurse – Krankenschwester
office – Büro
officer – Polizeibeamter
Ontario – yours to dicover – Ontario gehört dir, um es zu entdecken
to pamper – verhätscheln
pick-up – Pritschenwagen, Kleintransporter
quarter – 25-Cent Münze
reverend – Pastor, Pfarrer (einer Freikirche)
Rogers Wireless Canada – Telekommunikationsanbieter
R.V.´s – recreation vehicles (Erholungsfahrzeuge, Campingfahrzeuge)
Sears – Einkaufskette der Sears Holding Corporation in Chicago
see ya – Idiom: Man sieht sich
Shoppers Drug Mart – Drogeriewarenkette (vergleichbar mit Budnikowski)
spirit – Geist
sleeping giant – schlafender Riese (Felsformation bei Thunder Bay)
snackbar – Imbissstube
trailer (Cabin Trailer) – Caravan, Wohnwagen
Treatment Centre – Behandlungszentrum
wee-wee – Kindersprache: Pipi
Wendy´s – Imbisskette (It´s a waaaay better then fast food)
Zellers– Einkaufskette mit Sitz in Brampton, Tochter unternehmen der Hudson´s Bay Company

 

Brandneu

 

 

Die Gestalt mit der Halloween-Totenmaske unter der Kapuze einer schwarzen Mönchskutte bewegte sich langsam, fast in Zeitlupe, aber zielstrebig, während sie die Wohnung durchsuchte. Das Opfer lag rücklings auf dem Bett, Arme und Beine vom Körper weggespreizt an das Bettgestell gefesselt. Ein breites Klebeband verschloss seinen Mund. Die Totenmaske schaltete eine Sportschau im Fernseher ein, setzte sich auf einen Stuhl und wartete. Noch war das Opfer bewusstlos, die Zeit für den finalen Akt nicht gekommen. Denn ihn sollte es bei vollem Bewusstsein erleben.

Es ist ein Krimi, der im AB/DL-Milieu spielt und dessen Handlung ohne dieses Milieu nicht denkbar wäre – eben ein Windelkrimi! Und ich, Baby Wia, habe ihn geschrieben.

So beginnt der Windelkrimi: „Unbarmherzig. Der Mörder mit der Totenmaske.“ 

Andi und Biggi verbringen ihren zweiten Sommer in Kanada. Sie wollen mit ihrem Wohnwagengespann zu einem Babycamp in der Provinz Alberta. Aber ein Serienkiller versetzt die dortige Babyscene in Angst und Schrecken. Stehen Andi und Biggi auf seiner Liste? Wie schon in: „Mit einem Hai spielt man nicht – Baby“ klären auch hier die Police Officer Chris Pucket und seine Partnerin Pamela Delorme die AB-Mordserie in Alberta auf.
Format A5, 187 Seiten (pdf bzw. docx; kontaktiert mich bitte).