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Der Windelkrimi
 
- sollte eigentlich den Titel "Mord im fremden Milieu" tragen. Er erzählt die Geschichte eines heimlichen Windelfans:

Kay wird im Wald beim Babyspiel überrascht. Das bringt ihm einen Ferienjob ein, bei dem er Windelhöschen und Windeln tragen darf. Der Job ist jedoch nicht ungefährlich, wie er bald festellt. Eine Bande von Motoradfahrern entführt Kay und läßt ihn hilflos in einem ungewöhnlichen Versteckt zurück. Zwei Frauen retten ihn und adoptieren ihn als ihr Baby. Kurz darauf wird eine der beiden Frauen ermordet. Der Mörder kommt aus einem ganz bestimmten Milieu.

Erschienen 1998 unter dem Titel: „Kim“ beim K. Lange Verlag, Neuenbürg, Format A5, 73 S.


 

Das Erste Kapitel
handelt von einem überraschten Camper, der in aberwitzige Situationen gerät.
Das Zweite Kapitel
beschreibt, wie unser Held einen Job antritt und erneut peinliche Momente erlebt.
Das Dritte Kapitel
enthüllt die Geheimnisse einer Familie und von zwei jungen Mädchen.
Das Vierte Kapitel
bring den Helden in Gefahr, was ihn eine schöne Frau wieder vergessen lässt.
Das Fünfte Kapitel
schildert ein grässliches Ereignis, zur Schonung des Lesers jedoch nach und nach.
Das Sechste Kapitel
klärt einen Mord auf und vereint die Trauernden zu einer Gedenkgemeinde.
 
Personen:
 
Kay Jürgens          ein Student in Windeln
Mary Seldorn       eine geheimnisvolle Frau
Raimund Seldorn ein Ehemann mit Familiensinn
Armin Seldorn      ein aktiver Schwager
Lena Eggert          ein Familienfaktotum
Kati und Betti       ihre beiden Nichten
Uwe Martens        ein Verwalter
Ernst Panteleit      ein Forstaufseher
F. W. Holm          ein Kriminaloberkommissar
 
Ort der Handlung ist Bornhude(*)
 
Nicht nur die Personen, auch die Geschichte ist von A-Z erfunden. Dennoch übernimmt WIA die volle Verantwortung dafür, dass sie sich unter gewissen Voraussetzungen und entsprechenden Umständen so – oder so ähnlich abgespielt haben könnte. Zugegeben, die Häufung der Voraussetzungen und Umstände ist ungewöhnlich. Aber schließlich ist ein Babykrimi ja auch etwas Ungewöhnliches. Oder?
 
* Bornhude könnte fast überall liegen. Um den Leser nicht zu beeinflussen, wo er sich Bornhude vorstellen möchte, erwähnen wir an dieser Stelle nicht, dass es im Bezirk Neumünster liegt und Neumünster in Schleswig-Holstein. Wir erwähnen auch nicht, dass man von der Großstadt Hamburg am besten über die A 7 in Richtung Landeshauptstadt Kiel bis zur Abfahrt Neumünster-Einfeld fährt und dann weiter über die   B 205 in Richtung Nortorf. Nortorf ist die nächste Bahnstation an der Strecke Hamburg-Flensburg. Schon gar nicht erwähnen wir, wo hinter Nortorf der weitere Weg nach Bornhude abzweigt.
 
Erstes Kapitel
Schläge gegen die Zeltwand rissen Kay aus dem Schlaf. Vor Schreck war er unfähig, sich zu rühren.
„Raus da, aber fix!“ herrschte eine resolute weibliche Stimme.
Kay hatte damit gerechnet, dass sein Versteck irgendwann von Waldarbeitern oder Pilzsammlern entdeckt werden würde, aber nicht, darin am Sonntagmorgen im Schlaf überrascht zu werden. Dazu war der Platz zu gut gewählt. Das kleine Zweimannzelt stand im Wirrwarr der Kronen umgestürzter Fichten, halb von ihnen bedeckt. Man konnte es nur aus nächster Nähe sehen. Schon vor Wochen hatte er diesen Platz auf einer seiner Radtouren durch den Naturpark entdeckt. Seitdem verbrachte er hier jedes Wochenende. Für die Sachen, die sie zu Hause nicht sehen durften, hatte er einen wasserdichten Tropenkoffer aus Aluminium gekauft, den er jedesmal vergrub, wenn er wieder zurückfuhr.
Ein Hund schnüffelte an der Zeltwand. Die Lähmung ließ nach. Vorsichtig öffnete er den Reißverschluss am Eingang und steckte den Kopf hinaus. Der Hund verbellte kurz, wurde aber von seinem Frauchen zurückgerufen und am Halsband festgehalten. Sie hatte eine doppelläufige Schrotflinte unter den rechten Arm geklemmt, die Läufe zielten auf ihn, ihre Hand lag am Abzug.
„Rauskommen!“ kommandierte sie.
Ihre Augenbrauen hoben sich, als er sich vor dem Zelt aufrichtete.
„Was machen Sie denn hier?“ fragte sie perplex.
„Vögel beobachten.“
Dies war auch die Ausrede, mit der er zu Hause seine Fahrradausflüge am Wochenende begründete. Ihn von oben bis unten musternd, bemerkte sie mit mokantem Lächeln:
„So wie du angezogen bist, kriegen das die Vögel bestimmt nicht mit.“
Er wurde rot. Unter seinem Sweatshirt guckte deutlich die gelbe Plastikhose aus dem Sanitätsgeschäft hervor, die er über einen Windelslip mit Klebestreifen aus dem gleichen Geschäft gezogen hatte. Er wagte nicht, die Frau mit dem Lodenkostüm im Jägerlook näher zu betrachten, starrte nur auf ihre derben grünen Gummistiefel. Misstrauisch behielt sie Kay im Auge, als er alle Sachen einzeln aus dem Zelt herausholen und ihr vorzeigen musste. Der Hund, ein Münsterländer, sah mit schiefem Kopf zu. Einige Dinge musste er vor den Haufen legen. Sie ließ sie sich von ihrem Hund apportieren: sein Springmesser und ein spitzes Küchenmesser, aber auch seinen Schnuller einen Beruhigungssauger für Säuglinge aus der Drogerie und seinen Teddy. Der Teddybär, den Kay auf dem Wochenmarkt erworben hatte, schien es dem Hund besonders angetan zu haben. Schwanzwedelnd apportierte er ihn und wollte ihn nicht mehr auslassen.
„Und jetzt alles zusammenpacken!“ befahl die Dame mit dem Gewehr.
Noch war die Sonne nicht aufgegangen. Von ferne hallte das Keckern eines Eichelhähers durch den Wald. Der kühle Tau an seinen Füßen und die morgendliche Frische ließen Kay frösteln. Er spürte, wie der Druck auf seine Blase stärker und stärker wurde. Als das Zelt abgebaut und alle Sachen auf dem Fahrrad verstaut waren, konnte er sich nicht länger beherrschen. Während er neben dem Rad wartete, bis die Dame im Jagdkostüm seinen Lagerplatz abgesucht hatte, gab er dem Drang nach. Schon vorher hatte er geahnt, dass die Papierwindeln nicht mehr alles aufsaugen würden. Dennoch erschrak er, als er es warm an seinen Innenschenkeln herablaufen fühlte.
Willenlos war Kay allen Aufforderungen nachgekommen. Sein eigentliches Ich schien vor der Peinlichkeit der Situation aus dem Körper geflohen zu sein und die Vorgänge aus einer Art Vogelperspektive zu beobachten. Er hatte nie geglaubt, einmal in diesem Aufzug entdeckt zu werden. Im Gegensatz zu den 'Babymännern', über die er gelegentlich in Illustrierten gelesen hatte, wollte er sich nicht 'outen', der Umwelt seine Vorliebe für Windeln und jede Art von Babysachen mitteilen. Er musste sich jedoch eingestehen, dass allein der Gedanke an eine Entdeckung seinem heimlichen Tun ein zusätzliches Prickeln verliehen hatte. Jetzt schob er, nur mit Schuhen, Sweatshirt, Windeln und Windelhöschen bekleidet, sein vollbepacktes Rad, obenauf den Aluminiumkoffer, über einen holprigen Forstweg. Er hatte Mühe, den Koffer auszubalancieren. Bei heftigen Bewegungen tropfte es nass aus seiner Windelhose. Kay war überzeugt, dass dies auch der fremden Dame nicht verborgen blieb. Die Jagdflinte immer noch auf ihn gerichtet, ging sie in sicherem Abstand ein paar Schritte hinter ihm. Neben ihr tänzelte der Hund, voller Stolz den Teddy im Fang. Die Szene kam ihm so absurd und komisch vor, dass er nur mühsam einen Lachanfall unterdrücken konnte. Als er einen verstohlenen Blick zurück warf, sah er auch auf ihrem Gesicht einen Anflug von Belustigung.
Sie näherten sich dem Waldrand. Unbarmherzig trieb die Flintendame Kay an offenen Wiesen und Weiden vorbei auf ein Anwesen zu, das aus einem Herrenhaus, Remisen und Stallungen bestand. Irgendwo rumorte ein Pferd. Kay musste sein Fahrrad in einen Anbau beim Stall schieben. Der Raum hatte wohl schon vielen Zwecken gedient. Neben dem Stalldurchgang stand ein eiserner Herd. Ihm gegenüber, neben dem Fenster, befand sich ein alter Handstein, unter dem ein elektrischer Durchlauferhitzer angebracht worden war. Die linke Ecke füllte eine eingemauerte Dusche aus, ein zweites Fenster neben der Tür beleuchtete die Duschecke. An der Rückseite des Raums führte eine schmale Holzstiege nach oben.
Kay durfte die Dusche benutzen. Aber auch während er unter der vorhanglosen Dusche stand und ebenso später beim Anziehen, ließ ihn die Fremde keinen Moment aus den Augen. Sie hatte sich mit übergeschlagenen Beinen auf die Futterkiste in der Ecke zwischen Tür und Stalldurchgang gesetzt. Das Gewehr lehnte hinter ihr an der Wand. Der braun-weiß gefleckte Hund lag zu ihren Füßen und leckte den Teddybären zwischen seinen Pfoten. 
*    *
*
Im Haupthaus duftete es verlockend nach Kaffee und Toast. In Jeans, Turnschuhen, weißem Hemd und ohne Windeln sah Kay jetzt wieder wie ein normaler Sonntagsspaziergänger aus. Einer molligen älteren Frau wurde er als „Hänschen, das sich im Wald verlaufen hat“ vorgestellt. Es war die Wirtschafterin. Sie hieß Lena Eggert, wurde aber mit „Frau Lena“ angeredet.
 
Bei der Vorstellung nahm ihr an sich freundliches Gesicht einen mürrischen Ausdruck an. 
Kay musste in der Frühstücksveranda warten. Die Fensterseite mit ihren hohen, bis zum Boden reichenden Rundbogenfenstern wölbte sich wie eine Apsis nach außen. Unzählige Gewächse und Blumen, ein brauner Terrazzoboden und leichte, weiße Korbmöbel gaben dem Raum ein südliches Flair. Geräuschvoll legte Frau Lena ein zweites Gedeck auf; dabei behielt sie Kay ständig argwöhnisch im Auge. Kay merkte ihr die Erleichterung an, als die Dame des Hauses zurückkam. Sie hatte sich umgezogen und trug jetzt modische Stretch-Jeans, ein kariertes Hemd, das über ihrer Brust leicht spannte und Gesundheitssandalen. Kay musterte sie verstohlen. Sie war etwa zehn Zentimeter kleiner als er, um einen Meter fünfundsechzig Zentimeter groß und ungefähr zehn Jahre älter, Mitte Dreißig. Sie hatte breite Hüften und sie wirkte ungemein fraulich. Das dunkle Braun ihrer Haare ging zu den Spitzen hin in Goldbraun über. Schwere Lider, eine im Ansatz fast klassisch-griechische Nase, die zur Spitze hin die Form einer Sechs annahm, volle Lippen, ein festes, rundes Kinn und hohe Wangenknochen ließen ihr Gesicht wie das Werk eines antiken Bildhauers wirken. Ihr Teint war gebräunt und etwas großporig. Das Auffallendste an ihr waren jedoch die intensiv schimmernden graublauen Augen.
Mit einer knappen Handbewegung forderte sie Kay auf, Platz zu nehmen. Er rückte ihren Stuhl zurecht, was sie mit einem flüchtigen Lächeln quittierte. Frau Lena, wohl schon ein langjähriges Familienfaktotum, beschäftigte sich mit unsinnigen Dingen in ihrer Nähe. Das Gespräch beim Frühstück blieb allgemein: Wo er wohne, ob er schon lange Vögel beobachte, ob er gestern Abend auch die Nachtigall gehört habe, was er beruflich mache. Kay antwortete im gleichen Plauderton: Er wohne in Hamburg, Vögel beobachte er schon seit seinem zehnten Geburtstag, an dem er ein Buch zur Vogelbestimmung geschenkt bekommen hatte. Er sei fast jedes Wochenende mit der Bahn und dem Fahrrad unterwegs. Nachtigallen im August? Unwahrscheinlich – wer weiß, was sie gehört habe. Er studiere, Biologie. Dabei er verschwieg er allerdings, dass er bei den Prüfungen im letzten Semester durchgefallen war und eigentlich das Studium schmeißen wollte. Nur wusste er weder, was er sonst machen sollte, noch wie er es seiner Mutter beibringen konnte. Nach dem Tod seines Vaters hatte er sich den finanziellen Argumenten nicht verschließen können und war wieder nach Hause zurückgekehrt. Auch seine Schwester lebte noch in der großen Wohnung, die seine Mutter nicht aufgeben wollte.
Unvermittelt wechselte seine Gastgeberin das Thema. Sie berichtete von einem Wilddieb, der hier in der Gegend mit Schlingen wilderte. Man hatte ihn bisher noch nicht fassen können. Offenbar missfiel Frau Lena dieses Thema. Geräuschvoll setzte sie einen Blumentopf zurück auf seinen Untersatz. Auch ein Pferdemörder beunruhigte die Bauern, die noch immer einige Pferde auf den Koppeln stehen hatten.
„Hier hat er zwar noch nicht zugeschlagen“, meinte die Hausherrin, „aber...“
Ihre vor Erregung geröteten Wangen ließen sie jünger außehen. Kay verstand die nicht ausgesprochene Entschuldigung für heute morgen. Eilfertig versicherte er, dass er ihre Besorgnis voll verstehe.
Nach dem Frühstück fragte sie ihn, ob er es eilig habe, zurückzufahren, oder ob er sie auf einem Rundgang begleiten wolle. Sie fragte tatsächlich so, als wäre Kay ein Gast, auf den man gewisse Rücksicht nimmt.
Im vorigen Jahrhundert hatte ein Ahnherr ihres Mannes das Anwesen Bornhude erworben und an der Stelle des alten Gebäudes ein Herrenhaus als Jagd- und Landsitz errichtet. Ursprünglich im neoklassizistischen Stil mit Säulenportal und Dreiecksgiebel darüber erbaut, hatten spätere Generationen die Architektur des zweigeschossigen Kastens nach ihrem eigenen Geschmack verändert. Die runden Gauben im überstehenden Knickwalmdach und auch die geschwungene flache Treppe zum Portal zeugten davon. Im rechten Winkel zur Schmalseite des Herrenhauses standen zwei langgestreckte Gebäude mit flachen Giebeldächern, leere Stallungen auf der einen, und Remisen, die jetzt als Garagen dienten, auf der anderen Seite. Zum Hof zwischen den beiden Nebengebäuden hin hatte das Haupthaus einen schmucklosen Dienstboteneingang.
Noch nie umgepflügte Wiesen und Weiden umgaben die Gebäude. Der größte Teil war verpachtet. Ursprünglich hatte sich der Herrensitz auf einer Lichtung im Wald befunden. Jetzt reichten die Felder eines Dorfes bis an den Besitz heran. Der Vorteil war ein asphaltierter Zufahrtsweg bis zum Gartentor, der Nachteil der Gestank von Gülle, den der Westwind herüber wehte, wenn die Bauern ihre Felder und Wiesen düngten. Der Besitz gehörte einer Erbengemeinschaft. Aber außer ihrem Mann und ihrem Schwager, der sich um eine kleine Forstwirtschaft kümmerte, kamen die übrigen Verwandten selten hierher – manchmal in den Ferien oder zu besonderen Anlässen.
Im Stall begrüßte sie der Hund mit freudigem Winseln. Automatisch streichelte ihn Kay. Es war eine Hündin. Als Kay aufhörte, richtete sich die Hündin an Kay hoch, um noch mehr Streicheleinheiten zu bekommen.
„Truva mag Sie“, kommentierte ihr Frauchen.
Nebenan forderte ein Pferd mit lautem Pochen eines Vorderhufs an die Boxentür nach Leckerbissen. Truvas Frauchen gab ihm kleingebrochene alte Brotscheiben aus einem Beutel. Kay tat es ihr nach.
„Was halten Sie von Rebekka?“ stellte sie Kay auf die Probe.
„Rebekka? Ein ungewöhnlicher Name für ein Pferd!“
„Sie hat mal einem Pastor gehört.“
Da seine Begleiterin die Tür zur Box geöffnet hatte, ging er hinein und betrachtete die Stute eingehend. Es war eine Fuchsstute, von Arbeit gezeichnet, mit tiefen Kuhlen über den Augen und langen, gelben Zähnen. Mähne und Schweif wirkten wie von Motten zerfressen.
„Ein Wagenpferd, das auch unterm Sattel ging und jetzt sein Gnadenbrot bekommt“, urteilte er und fügte hinzu:
„Ich hab' mal als Pferdepfleger gejobbt“.
Als Student hatte Kay schon die verrücktesten Jobs gehabt.
„Dann können Sie mir ja helfen!“ forderte das Frauchen von Truva Kay auf. Er bekam einen Overall von ihr, ihren Overall, wie er beim Anziehen feststellte. In einer Ecke standen mehrere Paare Gummistiefel, unter denen er sich eines aussuchen durfte. Danach musste er Rebekkas Hufe säubern. Sie waren unbeschlagen und schlecht gepflegt. Unaufgefordert stakste die Stute durch die Stallgasse zum offenen Stalltor hinaus und trottete gemächlich weiter zur Koppel hinter dem Stall. Kay brauchte nur noch die Gatterstangen hinter ihr einzulegen.
„Wie heißen Sie eigentlich?“ fragte Truvas Frauchen, als Kay Rebekkas Stall ausmistete. Sie hocke mit angezogenen Knien auf einem Strohballen in der gegenüberliegenden Box.
„Kay, Kay Jürgens!“
Die Mistforke in der Hand deutete er eine Verbeugung an.
„Und ich bin Mary Seldorn“, stellte sie sich vor.
Sie rollte das R in einer Weise, die Kay nicht zuordnen konnte. Beim Einstreuen kam ihre nächste Frage:
„Das von heute morgen, ziehen Sie das gerne an?“
Sie schien befangen, sonst hätte sie das 'DAS' beim Namen genannt: Windelhöschen und Pampers. Aber worauf wollte sie hinaus? Geräuschvoll verteilte und glättete Kay das Stroh. So konnte er eine Antwort hinauszögern. Er fegte gerade die Stallgasse, als Frau Seldorn erneut ansetzte:
„Okay, ich habe einen Vorschlag. Kommen Sie mit, Kay! Ich darf Sie doch Kay nennen?“
Im Vorbeigehen hob er den Teddybären auf, an dem Truva momentan das Interesse verloren hatte und legte ihn zuoberst auf sein Fahrrad. Mary Seldorn stieg die Treppe im Anbau zu einem kleinen Zimmer hinauf, das mit verstaubtem Gerümpel vollgestopft war. Auch hier lagen, wie in der Stube darunter, die Fenster über Eck.
„Das war früher die Kutscherkammer“, erklärte Frau Seldorn.
„Heute beschäftigen wir nur noch einen Verwalter, der mit seiner Familie im Dorf wohnt. Auch Frau Lena hat einen Bruder im Dorf, den sie häufig auf seinem Hof besucht.“
Sie schien den Faden verloren zu haben.
„Sie haben doch Semesterferien?“
Er nickte. Eifrig fuhr sie fort:
„Unser Verwalter will Urlaub machen. Sein Sohn heiratet bald und da baut er. Die meisten Arbeiten machen er und sein Sohn selber. Und die Frau von Frau Lenas Bruder, ihre Schwägerin also, fühlt sich zur Zeit nicht wohl. Da kann sie Lenas Hilfe gut gebrauchen. Na ja, und bei mir sind so viele Dinge liegengeblieben, dass ich ein paar Tage in der Hauptstadt zu tun habe.“
Mit dem Zeigefinger an ihrer Unterlippe fragte sie unvermittelt:
„Wollen Sie hier nicht für die nächste Zeit einhüten? Sie können mit Tieren umgehen und wären genau richtig dafür. Wir könnten Ihnen die Kutscherkammer herrichten.“
Kay war so überrascht, dass er nicht sofort antworten konnte.
„Sie hätten im Wesentlichen nur Rebekka und Truva zu versorgen. Sie haben genügend Zeit, Vögel zu beobachten und könnten im übrigen tun und lassen, was Sie wollen – ich meine –, ach, Sie wissen schon, was ich meine!“
Die Sätze sprudelten nur so aus ihr heraus.
„Es ist immer so schwierig, alle Urlaubstermine unter einen Hut zu bringen. Außerdem findet sich hier in der Gegend schwer jemand, der freiwillig für längere Zeit auf Bornhude bleiben würde. Ich kann allerdings nichts zahlen. Das Geschäftliche erledigt mein Schwager, und der hat kein Verständnis für ...“, sie suchte nach dem richtigen Worten, „für persönliche Wünsche.“
Als sie wieder hinunterkamen, war der Teddy verschwunden. Aus dem Stalldurchgang schielte Truva mit gesenktem Kopf zu ihnen. Kay glaubte fast, so etwas wie ein triumphierendes Aufblitzen in den Hundeaugen zu sehen.
*    *
*
Zweites Kapitel
Heute sollte Kays erster Tag auf Bornhude sein. Am letzten Sonntag hatte Mary Seldorn ihn mit ihrem zweisitzigen Sportkabriolett zur Bahn gebracht und sie hatten gemeinsam eine Verbindung für heute herausgesucht. Sie wollte ihn abholen. Bis auf die schmutzige Wäsche hatte Kay alle Sachen zurückgelassen.
Hitze waberte über den Gleisen des kleinen Bahnhofs. Zwei Arbeiter verteilten Asphalt auf einem Platz neben dem Bahnhofsgebäude. Ein Reisender, der mit Kay ausgestiegen war, unterhielt sich mit einem Autofahrer auf dem Vorplatz. Es roch penetrant nach Asphalt und imprägnierten Schwellen. Gerade als Kay in den Schatten einiger Bäume gehen wollte, sah er das rote Kabrio schwungvoll auf den Bahnhofplatz einbiegen.
Mary Seldorn fuhr konzentriert aber waghalsig. Kay war sich nicht sicher, ob ihr Fahrstil der einer übermütigen Anfängerin war oder einfach fatalistisch.
„Gehen Sie oft auf Jagd?“ versuchte Kay eine Unterhaltung in Gang zu bringen.
„Nie, ich könnte keinem Tier 'was antun!“
„Aber im Wald, da sahen Sie ganz professionell aus!“
Das sei nur ein Kostüm im Trachtenlook gewesen, bekam Kay zur Antwort.
„Und die Flinte?“
„Die gehört meinem Schwager. Er hat früher ganz gerne gejagt. Ich hab' sie aus seinem Gewehrschrank genommen. Sie ist nie geladen.“
„Und wie haben Sie mich entdeckt?“
Der Forstaufseher hatte das Zelt entdeckt und ihr gezeigt. Er hatte es die ganze Woche über beobachtet. Am Samstag hatte sie dann selbst nachgesehen und festgestellt, dass es benutzt wurde. Da war ihr der Gedanke gekommen, den komischen Camper zu überraschen.
Vor ihnen zuckelte ein alter VW-Passat. Mary Seldorn schaltete einen Gang zurück, überholte mit heulendem Motor und bog danach so scharf wieder ein, dass der Fahrer des Passats erschrocken auf die Bremse trat. Dabei verriss er das Steuer und schlitterte auf den unbefestigten Seitenstreifen. Dem Kennzeichen nach stammte der Wagen nicht aus dieser Gegend. Das Gesicht von Mary Seldorn war starr und ausdruckslos. Kay krampfte seine Hände um die Reisetasche mit frischer Wäsche und dem Päckchen von einem Versand für Hygieneartikel, das er noch nicht geöffnet hatte. Er hatte keine Lust mehr auf eine Unterhaltung. Auch Mary schwieg den Rest der Fahrt über.
Auf Bornhude begrüßte sie Truva mit freudigem Bellen. Frau Lena kam aus dem Nebeneingang. Sie war wie umgewandelt und begrüßte Kay freundlich, ja, fast herzlich. Ein mittelgroßer Mann mittleren Alters mit einer Bauchwölbung mittleren Ausmaßes schlenderte um die Stallecke auf sie zu. Er hatte schüttere, am Kopf klebende blonde Haare. Es war Herr Martens, der Verwalter. Verwalter sei eine etwas hochgegriffene Bezeichnung, versicherte er mit gewisser Selbstironie. Er sei mehr Mädchen für alles – zuständig für sämtliche Reparaturen sowie im Sommer für den Garten und im Winter fürs Schneeräumen.
Mary Seldorn führte Kay zum Stallanbau. Frau Lena und Herr Martens schlossen sich erwartungsvoll an. An der Tür behinderten sie sich gegenseitig. Kay holte überrascht Luft. Die muffige, verstaubte Kammer hatte sich in eine anheimelnde Stube verwandelt. Blau-weiß gewürfelte Vorhänge rahmten die geputzten Fenster. Ein gelblicher, halb durchsichtiger Plastikvorhang mit kaum noch erkennbarer Musterung verdeckte die Duschnische. Der Spiegelscherben über dem Handstein war durch einen älteren Alibertschrank mit Mittelkonsole ersetzt worden. Auf der anderen Seite neben dem Handstein stand eine hochbeinige Kommode, die mit einem Wachstuch abgedeckt war. Auf dem Herd gegenüber hatte – vermutlich Frau Lena – eine elektrische Kochplatte, einen Schnellkochtopf für Wasser und einen Toaster in Reih und Glied aufgebaut. An der Wand hinter der Futtertruhe hing ein Rehfell. Zwei mit Schaumgummi gefüllte Sitzkissen lagen auf der Truhe, mehrere farbige, an die Wand gelehnte Sofakissen gaben ihr das Außehen einer rustikalen Sitzbank. Ein in Braun- und Beigetönen gehaltener Läufer vor ihr verstärkte diesen Eindruck (später sollte Kay erfahren, dass es ein Webekelim war). Unter der Treppe stand jetzt ein halbhohes Regal mit Putzmitteln, Besen und Schrubber hingen an Haken von der höchsten Treppenstufe herab.
Auch die Dachkammer war ausgeräumt und geputzt. Auf der einen Seite befand sich ein grün lackierter Einbauschrank, den Kay beim letzten Mal nicht bemerkt hatte. Die Türfelder waren mit Blumen und Ranken bemalt. Seine zurückgelassenen Sachen befanden sich im Schrank. Unter dem Fenster gegenüber vom Schrank lag eine Matratze auf dem Boden, über die sein Schlafsack wie eine Tagesdecke ausgebreitet war. Obenauf saß sein Teddybär. Über dem Lager, direkt unterhalb der Fensterbank, verlief ein langes, schmales Wandbrett, und vor der Matratze lag ein Flickenteppich in hellen, freundlichen Farben. Solche Teppiche hatte Kays Großmutter früher aus in Streifen geschnittenen und zusammengenähten Stoffresten gehäkelt. Auch dieser hier war schon älter, verwaschen und nachgebessert. Von draußen drängte sich Truva zwischen den Beinen von Frau Lena und Herrn Martens hindurch in den Raum. Schwanzwedelnd pirschte sie auf das Bett zu, schnappte sich den Teddy und rannte mit ihm davon.
Wieder unten, passte Kay eine günstige Gelegenheit ab, um Frau Seldorn nach einer Toilette zu fragen. Mit gespieltem Erstaunen stellte sie die Gegenfrage:
„Toilette? Benutzen Sie denn überhaupt eine?“
Dann musste sie lachen. Sie führte Kay zu einem Verschlag am Ende des Stalls.
„Die Kinder meines Schwagers reißen sich um dieses Klo, wenn sie mal hier sind!“
Dabei lächelte sie spöttisch mit hochgezogenen Augenbrauen. Es war noch ein richtiges altes Plumpsklo, mit gezimmerter Sitzbank, rundem Holzdeckel und direkter Einmündung in die Jauchegrube. Kay gab ihr im Stillen recht. Diese Toilette würde er wirklich nicht oft benutzen.
Herr Martens sollte vor seinem Urlaub Kay noch einweisen. Er erklärte ihm den Rasenmäher, auf dem man wie auf einem kleinen Traktor saß, wann der Rasen vor dem Haupthaus zu schneiden war und wo der Wassersprenkler angeschlossen werden konnte. Der Rasen war vermoost und stellenweise schon braun. Die Rosenrabatte wirkten dagegen gepflegt.
„Wozu zeige ich Ihnen das eigentlich alles? Sie sind ja nicht hier, um den Gärtner zu spielen!“
Ein lauernder Unterton schwang mit.
„Nein, meine Hauptbeschäftigung wird das Beobachten von Vögeln sein.“
Herr Martens lachte auf, als hätte Kay einen guten Witz gemacht.
„Aber wenn ich schon mal hier bin, kann ich mich ja auch ein bisschen um den Garten kümmern. Manche Vögel kommen sogar sehr nahe heran, wenn sie einen Menschen arbeiten sehen.“
Erneut lachte der Verwalter. Es klang wie das Meckern einer Ziege. Zum Abschied klopfte er Kay jovial auf die Schulter und wünschte ihm augenzwinkernd:
„Gute Pirsch!“
Am Abend saß Kay mit Mary Seldorn und Frau Lena in der geräumigen Küche des Herrenhauses. Frau Seldorn verkündete das Programm für den nächsten Tag. Sie müsse zum Einkaufen in die Kreisstadt und Kay solle sie begleiten. Auf dem Weg dahin würden sie Frau Lena im Dorf absetzen. Übermorgen, am Sonntag also, werde sie dann für eine Woche zu ihrem Mann fahren. Dann sei er, Kay, hier der Haus-, Hof- und Stallmeister.
Später, als Kay in seiner Kammer den Schlafsack aufdeckte, erlebte er die letzte Überraschung des Tages. Auf der Matratze lag eine rostrote, dicke Gummiunterlage.
*    *
*
Kay wachte früh auf. Er hatte unruhig geschlafen und verworrene Träume gehabt, in denen Mary Seldorn mit verschiedenen anderen Frauengestalten aus seinem Leben verschmolzen war. Jetzt musste er dringend auf die Toilette. Gestern Abend hatte er sich nicht getraut, gleich in der ersten Nacht auf Bornhude Windeln anzulegen.
Im Stall sprang Truva an ihm hoch. Sie hatte ihr Körbchen in der leeren Box gegenüber von Rebekka, in der die Strohballen lagerten. Rebekka schnaubte und polterte. Kays neue Pflichten riefen.
Er tränkte gerade nach, als Frau Seldorn in den Stall kam. Truva ließ von der harten Brotscheibe, die ihr Kay aus Rebekkas Beutel gegeben hatte, ab und sprang auf ihr Frauchen zu. Frau Seldorn schaute Kay eine Weile zu.
„Wie viel Hafer haben Sie Rebekka gegeben?“
Es war zu viel gewesen.
„In einer halben Stunde gibt es Frühstück!“ rief sie noch, bevor sie wieder ging. Sie nahm Truva mit. Kay führte Rebekka auf die Koppel und beeilte sich mit der Stallarbeit. Dabei fand er seinen Teddybären in Truvas Körbchen.
Diesmal nahm Frau Seldorn den Landrover. Sie setzten Frau Lena im Dorf ab und fuhren weiter ins Einkaufszentrum der Kreisstadt. Während des Einkaufs blieb Mary Seldorn vor einem Regal mit Babynahrung stehen und forderte Kay auf, sich seinen Wochenvorrat auszusuchen. Kay war das peinlich. Er blickte sich um. Neben ihnen wählte eine Frau mit Kleinkind im Sitz des Einkaufswagens verschiedene Gläschen aus. Als Kay nur süße Obstspeisen aus dem Regal nahm, protestierte Mary:
„Babys müssen gehaltvolle Nahrung haben!“
Mit zweideutigen Kommentaren wie:
„Dies ist richtig für große Babys!“ oder:
„Das schmeckt selbst dir!“, griff sie nach anderen Gläsern.
Einiges davon mochte Kay nicht.
„Keine Dorschleber! Wie die schon riecht“, ging er auf ihren Ton ein, „auch nicht den Spinat – oder wäscht du hinterher das Lätzchen?“
An dieser Stelle mischte sich die Mutter neben ihnen ein:
„Den können Sie ruhig nehmen! Mein Boris macht bei diesem Spinat überhaupt keine Sperenzien.“
Zum Schluss ihres Einkaufsbummels steuerte Mary Seldorn auf ein Sanitätsgeschäft zu. Dort ließ sie sich alle Artikel für Inkontinente zeigen und ausführlich erklären. Hin und wieder fragte sie Kay nach seiner Meinung. Nach außen strahlte sie dabei unterkühlte Neutralität aus. Aber eine hektische Röte im Nacken und seltsam flackernde Blicke verrieten ihre Erregung. Nur konnte Kay nicht deuten, was sie erregte: Abneigung oder Anregung. Ihn selbst geilten die Sachen so stark auf, dass er die Hand nonchalant in die Hosentasche steckte, damit seine Erektion nicht zu offenkundig wurde. Als Frau Seldorn den reichlichen Vorrat an Windelslips, Vorlagen und Endloswindeln bezahlte, fragte die Verkäuferin in übertriebener Beflissenheit:
„Darf's sonst noch'n Wunsch sein?“
Um alles tragen zu können, musste Kay die Hand aus der Tasche nehmen. Mary Seldorn hielt ihm die Tür auf. Dabei blickte sie mit wissendem Lächeln an ihm herab.
Zurück auf Bornhude half Kay beim Ausladen.
„Willst du dich nicht umziehen?“ fragte Mary Seldorn.
„Ich mach' inzwischen das Essen warm!“
Sie brauchte nur eine Auswahl unter den von Frau Lena sorgfältig in Portionen abgepackten und beschrifteten Vorräten im Gefrierteil des Kühlschranks zu treffen und in der Mikrowelle aufzuwärmen. Kay blieb unschlüssig in der Küche stehen.
„Wozu haben wir wohl die ganzen Sachen gekauft? Nimm sie schon und verschwinde! Zieh den Overall über!“ rief sie ihm noch nach.
Nach dem Essen musste Kay mit ins Dachgeschoß. Hier oben hatte nur Frau Lena ihr Zimmer; die übrigen Räume wurden nicht mehr bewohnt und waren mit alten Möbeln und Hausrat vollgestellt. Wie im ganzen Haus herrschte auch hier eine durchorganisierte Ordnung.
„Wir müssen noch ein paar Sachen für dich aussuchen“, erklärte Mary Seldorn, „Solange Herr Martens noch da war, ging das schlecht.“
Zielstrebig steuerte sie auf einen Raum mit Kindermöbeln zu. Kay musste verschiedene Sachen umschichten, um an einen Tisch zu kommen, den Mary für sein Zimmer ausgesucht hatte. Es war ein Schreibpult mit Klappdeckel, wie es früher in Schulzimmer gestanden hatte. Als nächstes musste er einen Holzstuhl mit halbhoher Lehne und breiten Armlehnen hervorholen und ausprobieren. Der Stuhl war niedrig und etwas eng, aber Kay konnte darin sitzen. In einem anderen Raum standen Stubenwagen, Babykörbchen, auseinandergenommene Gitterbettchen und eine Wiege. Die Teile der Bettchen lehnten der Größe nach geordnet an der Wand.
„Da würdest du wohl gerne drin schlafen?“ fragte Mary mit jenem eigentümlichen Lächeln, das ihm schon mehrmals an ihr aufgefallen war. Es war spöttisch, gleichzeitig aber verständnisvoll und, wie es Kay schien, auch einen Hauch wehmütig. Es bewirkte bei Kay, dass er sich wie ein kleines Kind schämte.
„Die dürften zu klein sein“, meine er.
Marys Lächeln vertiefte sich. Sie ließ ihn aus der hintersten Reihe Teile eines sehr großen Gitterbettes herausholen.
„Spezialanfertigung für ein krankes Kind hier im Haus“, erläuterte sie. Auf die Verdeckstangen eines Korbwagens deutend, fragte sie:
„So 'was auch?“
Kay wusste nicht, was sie meinte. Statt auf einer Antwort zu beharren, führte Mary ihn zu einer großen Truhe mit Puppen und Plüschtieren.
„Such dir einen Ersatz für den Teddy aus, den Truva jetzt adoptiert hat!“
Kay begann in der Truhe zu wühlen. Ungeduldig ergriff Mary Seldorn wiederum die Initiative. Mit einem unergründlichen Blick auf ihn drückte sie ihm eine Schlafpuppe im Dirndlkleidchen und einen großen, langbeinigen Plüschhasen in Weiß und Rosa in die Hand. Danach wählte sie noch zwei Lampen aus – eine Deckenlampe, deren rot-weiß karierter Glockenschirm am unteren Ende mit einem Rüschenvolant abgesetzt war und eine dazu passende Nachttischlampe.
Kay musste als erstes die Lampe anbringen. Inzwischen säuberte Mary die herausgesuchten Sachen. Beim Pult hielt sie ihm, selbst bepackt mit Stoffen, die Türen auf. Anschließend schickte sie Kay ins Haupthaus zurück, um dort in den Bodenräumen wieder Ordnung zu schaffen. Zu gerne hätte er gewusst, was Mary Seldorn in der Kammer über der Kutscherstube machte. Seine Neugierde steigerte sich mit jeder Minute. Aber erst, als er nach dem Abendessen unruhig auf seinem Stuhl herumrutschte und verstohlen nachfühlte, ob er durchzufeuchten begann, durfte er gehen. Zuvor füllte Mary noch Tee für die Nacht in sein Fläschchen. Sie musste es mit herübergebracht haben.
In der Nacht kündigte sich die vorhergesagte Schlechtwetterfront mit einem heftigen Gewitter an. Kay lag im Gitterbettchen, die Dirndlpuppe und den Plüschhasen rechts und links neben sich. Das Bettchen war etwas schmaler und kürzer als ein normales Bett, sein Kopf und seine Zehen berührten die Schmalseiten aus massivem Holz. Über ihm wölbte sich ein Betthimmel in verblasstem Altrosa. Grelle Blitze erleuchteten sekundenlang die Kammer. Sie gaben Kay Gelegenheit, seine Umgebung auf sich einwirken zu lassen. Er befand sich in einem richtigen Kinderzimmer! Art und Muster der Vorhänge stimmte mit den Lampenschirmen überein. Auf dem Wandbrett neben dem Bett hatte Mary außer Babypuder, Creme und Öl noch kleinere Plüschtierchen, Püppchen und Holzspielzeug verteilt. Das Pult stand unter dem zweiten Fenster, davor der Stuhl. Für den Stuhl gab es ein rotes Ledergeschirr, das, eingehakt, ein Herausrutschen nach vorne verhinderte. An den Wänden hatte Mary Kindermalereien und zwei Hampelmänner aufgehängt. Die kindhafte Umgebung ließ Kay immer weiter zurück in seine eigene Kindheit gleiten. Als Kind hatte er Angst vor Gewittern gehabt und eingenässt. Er nahm die Puppe in den Arm, drehte sich auf die Seite und zog das Deckbett über den Kopf. Fast automatisch landete sein Daumen wieder im Mund, und er begann heftig daran zu lutschen. Im Schwebezustand zwischen Wachen und Schlafen fühlte er nach einem heftigen Donnerschlag, wie es warm in seine Windeln lief...
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Drittes Kapitel
„Mistvieh, blödes, wo hast du denn diesmal den Teddy hingeschleppt?“
Truva lag im Stallgang, den Kopf auf den übereinander gefalteten Vorderpfoten. Sie blickte treuherzig zu Kay auf. Er war allein auf Bornhude. Mary Seldorn war am Vormittag abgefahren, nicht ohne vorher totale Hektik verbreitet zu haben. Sie hatte Kay den Platz gezeigt, an dem im Haupthaus die Papiere und die Wagenschlüssel für den Landrover lagen und einen Hausschlüssel ausgehändigt. Er sollte die Blumen in der Frühstücksveranda gießen. Einige brauchten kaum Wasser, andere waren Hydrokulturen, die er nur gießen sollte, wenn der Messstab im Glasröhrchen unter die Markierung gesunken war. Er durfte sich seine Mahlzeiten aus dem Kühlschrank aussuchen und in der Mikrowelle warm machen, die Waschmaschine und, wenn es unbedingt sein musste, auch die Toilette benutzen. Letzteres hatte Mary wieder mit ihrem typischen Lächeln gesagt. Im Flur – oder hieß es in einem Herrenhaus ‚Foyer‘? – lag ein schnurloses Telefon auf seiner Basis. Er sollte es nach Möglichkeit immer in seiner Nähe haben, aber nicht vergessen, die Akkus zum Aufladen rechtzeitig auszuwechseln. Mary wollte sich ab und zu erkundigen, ob alles klappte. Für alle Fälle hatte er einen Zettel mit den wichtigsten Rufnummern. Wenn Anrufe kämen, solle er sagen, Frau Seldorn rufe zurück und sie in der Stadt verständigen. Als sie schon eingestiegen war, hatte sie ihm noch zugerufen:
„Und vergiss nicht, das Futter für Truva rechtzeitig aufzutauen!“
Kay schwirrte noch immer der Kopf von all den nötigen und unnötigen Instruktionen in letzter Minute. Jetzt, wo Mary Seldorn weg war, schien ihm, als wäre sie äußerst ungern gefahren.
Den Teddybär fand Kay, als er Einstreu für Rebekkas Stall holte. Truva hatte ihn unter Stroh vergraben. Als er ihn aufhob, sprang Truva bellend an ihm hoch und verlangte ihr Spielzeug. Das brachte Kay auf eine Idee. Er sperrte Truva im Stall ein und ging einmal um das Gebäude. Hinter dem Stall ließ er den Bären ins hohe Unkraut fallen. Durch den Anbau ging er in den Stall zurück und führte die ihm erwartungsvoll entgegenfiebernde Truva zum Stalltor.
„Such! Such den Teddy! Na, wo ist denn der Teddy? Such ihn!“ redete er auf sie ein.
Truva wusste nicht, was er von ihr wollte. Als Kay ein paar Schritte in die gleiche Richtung wie zuvor machte, nahm sie Witterung auf.
„Teddy! Wo ist der Teddy?“
Kay zeigte auf den Boden.
„Such den Teddy!“
Er musste sie noch bis zu Stallecke führen, ehe sie allein seine Spur verfolgte. Sie hatte eine gute Nase. Den Teddybären neben der Fährte fand sie ohne Mühe. Kay lobte sie und Truva zog sich stolz mit dem Teddy in ihre Stallecke zurück.
Am nächsten Tag legte Kay zwei längere Fährten. Beim ersten Mal versteckte er den Teddy unter Laub, beim zweiten Mal in einem Erdloch. Truva machte das Suchen Spaß, und sie stöberte auch diese Verstecke auf.
*    *
*
Kay saß auf einem gefällten Baum, Truva hatte sich zu seinen Füßen langgestreckt. Für sie war der Wald voller aufregender Fährten. Gut abgerichtet wie sie war, kam sie jedoch sofort, wenn er sie rief. Ihre einzige Jagdleidenschaft schienen Mäuse zu sein. Wenn sie aufgeregt im Laub schnüffelte und mit fiependen Hetzlauten umhersprang, war sie hinter einer Maus her. Ihre erste Maus heute hatte sie mit zwei Bissen hinuntergewürgt. Kay vermutete, dass sie später ihre Beute wieder auswürgen würde. Wahrscheinlich in ihrer Stallecke, als Futter für den Teddy. Auch bei Tieren pervertierten gelegentlich natürliche Verhaltensweisen zu seltsamen Formen.
Kay fühlte nach, ob es Zeit sei, zurückzugehen. Hier im Wald trug er unter den Jeans nur einen Windelslip mit einem Windelhöschen darüber. Auf dem Herrensitz lief er meistens im Overall herum, der besser verbarg, wenn er zusätzlich noch zurechtgeschnittene Endloswindeln einlegte. Er musste ständig mit Besuch rechnen. Gestern Vormittag hatte eine Entsorgungsfirma die Klärgrube geleert. Am Nachmittag war ein älterer Arbeiter von der über fünfhundert Meter entfernten Baustelle an der Zufahrtsstraße vorbeigekommen und hatte nach Wasser gefragt. Kay hatte von ihm erfahren, dass sie eine Drainage legten. Er beschloss, sich die Baustelle näher anzusehen.
Er näherte sich der Baustelle vom Waldrand. Sie befand sich knapp fünfzig Meter von der Straße entfernt in einem schon älteren Kahlschlag. Birken und Ebereschenbüsche waren nachgewachsen. Neben dem Bauwagen einer Tiefbaufirma stand ein Raupenbagger. Ein Graben war ausgehoben und mehrere Betonringe zu einer an beiden Enden offenen Röhre darin verlegt worden. Kay entdeckte nur einen Arbeiter, der vor dem Bauwagen seinen blassen Oberkörper sonnte. Er kehrte Kay den Rücken zu, hatte die Hörer eines Walkmans in den Ohren und blätterte eine Zeitschrift durch. Einige Meter hinter ihm rief Kay: 
„Hallo!“.
Der Angerufenen fuhr erschrocken hoch.
„Auch kein schlechter Job“, versuchte Kay eine Unterhaltung. Die Antwort war einsilbig.
Im Gegensatz zu seinem Kollegen von gestern schien er offensichtlich nicht an einem Schwätzchen interessiert. Irritiert pfiff Kay nach Truva, verabschiedete sich mit: 
„Na denn, frohes Weiterschaffen!“ und ging auf der Straße nach Bornhude zurück.
*    *
*
Am Mittwoch schaute Frau Lena vorbei. Ein großer Korb mit selbstgebackenem Kuchen hing am Lenker ihres Fahrrads. Kay hatte gerade wieder einmal den Teddybären versteckt. Beim Klang von Frau Lenas Stimme begann Truva im Stall zu Jaulen.
„Warum ist Truva denn eingesperrt?“ wunderte sich Frau Lena.
„Wir spielen gerade Teddy-Verstecken“, erklärte Kay.
Er ließ Truva heraus, die sofort Frau Lena mit Hundekuss begrüßte und von ihr durch Streicheln und Rückenklopfen ‚abgefreut‘ wurde. Als sich Truva wieder beruhigt hatte, fragte Kay:
„Na, wollen wir den Teddy suchen?“
Truva rannte erst noch ein paar Mal zwischen ihm und Frau Lena hin und her, dann ließ sie sich von Kay an den Beginn der Fährte bringen und nahm Witterung auf.
„Wo ist der Teddy? Such den Teddy!“ forderte Kay den Hund auf.
Nach kurzem Orientierungsschnüffeln zog Truva wie von einer Schnur gezogen davon. Dass Kay diesmal nicht hinterherrannte, schien sie gar nicht wahrzunehmen. Während sie auf Truvas Rückkehr warteten, erklärte Kay Frau Lena das Spiel. Als dann Truva tatsächlich nach einiger Zeit mit dem Teddy im Fang auf den Hof geprescht kam, war Frau Lena beeindruckt.
In der Küche des Herrenhauses legte sich Truva in eine kühle Ecke und begann den Teddy zwischen ihren Pfoten abzuschlecken.
„Nun sieh' dir bloß mal die Truva an! Die leckt den Teddy wie ein Junges“, stellte auch Frau Lena fest, während sie den Kaffeetisch für Kay und sich deckte.
In der Küche von Frau Lenas Schwägerin musste eine wahre Backorgie stattgefunden haben. Es gab gedeckten Apfelkuchen, saftigen Pflaumenkuchen und Stachelbeerschnitten. Ob Frau Lena alles selber gebacken habe, wollte Kay wissen. Er hatte einmal einen Kuchen gelobt, der nicht von der Gastgeberin gewesen war. Seitdem war er mit seinen Komplimenten vorsichtiger. Frau Lena hatte den Pflaumenkuchen gebacken. Es war ihre Spezialität. Kay nahm noch ein Stück. Mit vollem Mund fragte er, ob alle Frauen im Dorf so gut backen konnten wie sie. Die Antwort war eine langatmige Beschreibung, welche Dorffrau für welchen Kuchen bekannt sei und woher das Rezept stammte. Wenn sie vom Dorf sprach, verfiel Frau Lena in das breite Plattdeutsch der Gegend. Kay entnahm dem Redefluss, dass alle Dorfbewohner untereinander versippt und verschwägert sein mussten. Er fragte Frau Lena, ob im Dorf denn nur alteingesessene Familien lebten. Bis zum Krieg sei das noch so gewesen, da hätten bis auf den Pastor und den Lehrer keine Fremden im Dorf gelebt, berichtete Frau Lena. Im Krieg, als die Männer an der Front waren, waren russische Kriegsgefangene zur Arbeit auf den Höfen und im Wald eingesetzt worden. Nach dem Krieg kamen dann Umsiedler aus den Ostgebieten. Sie bauten sich mit Regierungsunterstützung kleine Häuser auf Pachtland und arbeiteten anfänglich im Wald. Nach und nach fanden die meisten von ihnen besser bezahlte Arbeit, einige machten sich selbständig, andere zogen weg, besonders die jüngeren. Aber die Alten wohnten immer noch in ihrer Siedlung am Dorfrand.
Als sie kaum noch Arbeiter bekommen hatten, fingen die Seldorns an, Gastarbeiter einzustellen. Damals hatte sich schon der Armin, der jüngere von den beiden Seldornbrüdern, um die Forstwirtschaft gekümmert. Zuerst waren es nur zwei Arbeiter gewesen, die er auf einem aufgelassenen Hof untergebracht hatte. Heute wohnten auf dem alten Hansenhof mehrere Familien, die alle untereinander verwandt waren. Sie waren freundlich und fleißige Arbeiter – aber sie gehörten nicht zum Dorf.
„Und die Seldorns, sind die auch mit dem Dorf verwandt?“ fragte Kay.
Die Familie Seldorn habe immer in ihren eigenen Kreisen geheiratet, erklärte Frau Lena, der Landrat sei mit ihnen verwandt und auch ein bekannter Politiker in der Landesregierung.
„Ich war der Meinung, die junge Frau Seldorn, Mary Seldorn, stamme hier aus der Gegend“, versuchte Kay etwas über Mary zu erfahren.
„I bewahre, sie ist gar keine richtige Deutsche!“
„Gibt es denn auch falsche Deutsche?“
Frau Lena schwieg beleidigt. Kay hätte sich die Zunge abbeißen können über seinen vorschnellen Spott. Nun musste er warten, bis sich eine neue Gelegenheit ergab, etwas über Mary Seldorn zu erfahren.
Nach dem Kaffeetrinken fragte Frau Lena, ob Kay schon alle Zimmer im Herrenhaus gesehen habe. Da er nur die Räume kannte, in denen er mit Mary Seldorn gewesen war, führte in Frau Lena herum. Dabei erfuhr er mehr über die Seldorns: Im Krieg, als in den Städten die Bomben fielen, hatten alle Seldorns hier auf dem Alterssitz der Großeltern Zuflucht genommen. Acht Kinder hatten damals hier herumgetobt. Mit den größeren war Lena zusammen in die Schule gegangen, auf die kleineren hatte sie, selbst elf, zwölf Jahre alt, aufgepasst, wofür ihr der Großvater hin und wieder ein paar Groschen zugesteckt hatte. Mit sechzehn war Frau Lena dann bei den Seldorns auf Bornhude in Stellung gegangen. Zu der Zeit wohnten hier nur noch die beiden alten Seldorns, die Frau ihres Sohnes, der noch in Gefangenschaft war und die beiden Enkel, Raimund und Armin; die anderen waren wieder in ihre Stadtwohnungen zurückgekehrt. Nachdem der letzte Seldorn aus der Gefangenschaft entlassen worden war, zog auch dessen Familie wieder in die Hauptstadt. Frau Lena blieb bei den alten Seldorns, bis die beiden kurz hintereinander verstarben.
Im ersten Stock deutete Frau Lena auf zwei Türen, die sie nicht öffnete:
„In diesem Zimmer wohnt immer Raimund Seldorn, wenn er hier ist“, erklärte sie, „und in dem daneben sein Bruder Armin, der inzwischen einen eigenen Holz-Im- und Export betreibt.“
Die beiden Brüder seien grundverschieden, führte Frau Lena weiter aus, der Armin sei schon als Kind ein Hallodri und Draufgänger gewesen und auch jetzt noch immer kein Kostverächter, aber ein guter Geschäftsmann. Sein um zwei Jahre älterer Bruder Raimund, immer auf den guten Ruf des Namens Seldorn bedacht und ein feinsinniger und grundgütiger Mensch, sei Lehrer geworden. Eine Kampagne, die mehrere Schüler gegen ihn gestartet hätten, sei ihm so nahe gegangen, dass er sich zur Schulbehörde versetzen ließ. Was für ein Mensch er sei, sähe man ja schon daran, dass er Mary mit ihrem unehelichen Kind geheiratet habe, nur um sie zu versorgen. Mary war gleich nach der Hochzeit mit Raimunds Mutter hierher gezogen. Vor zwei Jahren war die alte Dame gestorben.
„Seitdem lebt Mary hier so gut wie allein. Ihren Mann sieht sie nur selten, dennoch kommen die beiden auf eine eigene Art sehr gut miteinander zurecht.“
Kay durfte einen Blick in Frau Lenas Mansarde werfen. Erinnerungsfotos unter Glas standen auf den Borden, hingen an den Wänden. Einige erklärte sie Kay. Bei der Besichtigung der anderen Mansardenzimmer sagte Frau Lena:
„Du hast die Sachen von Heidschi bekommen. – Eigentlich hieß sie ja Adelheid, aber alle nannten sie nur Heidschi, nach dem Kinderlied, das wir ihr immer vorsingen mussten.“
Adelheid war die jüngere Schwester von Raimund und Armin gewesen, ein stilles, in sich gekehrtes Kind. Wegen eines Herzfehlers war sie zu schwach gewesen, um in die Schule zu gehen. Als sie immer schwächer wurde und nichts mehr ohne Hilfe machen konnte, hatte der Großvater die Spezialmöbel für sie anfertigen lassen. Nach der Rückkehr ihres Vaters war sie dann mit knapp dreizehn Jahren gestorben. Als hätte sie nur auf ihren Vater gewartet, den sie noch nie gesehen hatte, erinnerte sich Frau Lena.
„Sie wissen über mich Bescheid“, stellte Kay fest.
Seltsamerweise empfand er Frau Lena gegenüber keine Befangenheit.
„Ich hab' euch kommen seh'n und nachher lange mit der Mary gesprochen. Erst fand ich ja die Idee, dich hier einhüten zu lassen, nicht so gut, aber dann hat mich Mary überredet. Ich glaube auch, dass es so am besten ist. Du machst das doch sehr gut, nö?“
Nach der Führung durch das Haus forderte sie Kay auf:
„Zeigst du mir jetzt mal dein Zimmer? Nur man keine Hemmungen, mein Junge! Ich weiß doch, was alles 'rüber ist – hab' ich es doch selbst mit der Mary ausgesucht!“
Sie griff nach Kays Ellbogen.
„Weißt du, wie du hier angekommen bist, hast du wirklich noch wie ein großer Windelhosenmatz ausgesehen, und da haben wir uns gesagt, der braucht auch ein richtiges Kinderzimmer!“
In Kays Zimmer öffnete Frau Lena ungeniert den Schrank. Sie schien sich besonders für seine Windelslips und seine Schutzhosen zu interessieren.
„Ich wusste gar nicht, dass es auch richtige Pampers für Erwachsene gibt!“ staunte sie.
Danach begutachtete sie die Windelhöschen von Kay. Unter ihnen befanden sich auch ein orangenfarbenes aus Latex und ein großes rosafarbenes aus stärkerem Reingummi, die er erst letzte Woche von der Post abgeholt und hier auf Bornhude ausgepackt hatte.
Halb auf dem Pult am Fenster sitzend, das orangenfarbene Gummihöschen und einige Pampers in der Hand, fragte ihn Frau Lena:
„Hab' ich dir schon von Kati und Betti erzählt, meinen beiden Nichten? Nicht? Die ältere, die Kati, die macht auch jetzt mit neunzehn noch manchmal ins Bett. Sie arbeitet bei der Genossenschaftsbank. Angefangen ist sie damit mit fünf, und das bis heute.“
Kay stutzte bei dieser gewagten Verknüpfung von Tatbeständen.
„Sie hat eine Gummiunterlage im Bett und zieht oft auch ein Windelhöschen an, so ein gelbes, wie du es auch hast. Was ihre kleine Schwester ist, die Betti, bei der ist es noch schlimmer. Die Ärzte sagen ja, ihre Blase ist zu klein, aber ich meine, es macht ihr Spaß.“
Frau Lena legte eine Gedankenpause ein.
„Ihre Freundinnen wissen, dass sie ins Bett pieschert und Windelhöschen trägt, auch am Tage. Es gehört einfach zu ihr und keiner merkt es mehr.“
Sich selbst widersprechend fuhr sie fort:
„Leicht hat sie's ja nicht damit, in der Schule und so. Wenn sie wie die andern Schiens anhat, hat sie schon manchmal dunkle Ränder am Allerwertesten.“
Kay ahnte, dass 'Jeans' gemeint waren.
„Dabei benutzt sie Vorlagen. Im Bett hat sie ein großes Waffelgummi anstatt von einem Laken. Vor Jahren kam mal ein Vertreter für Sanitätsartikel vorbei, und seitdem bestellen sie alles bei ihm.“
Wieder machte sie eine Pause.
„Ich weiß nicht, aber vielleicht bestellt meine Schwägerin nicht das Richtige. – Ich würde gern' mal was von deinen Sachen mitnehmen, zum Zeigen. Keine Angst, du bekommst alles wieder!“
*    *
*
Am nächsten Mittag rief Frau Lena an, Kay solle mal eben zum Mittagessen 'rumkommen, ihre Schwägerin habe Wildgulasch. Er solle sich nur schnell ‚Schiens‘ überziehen, nicht den ollen Overall von der Mary. Hier wisse man schon, dass er das gleiche Problem habe, wie die Betti. In ihrer umwerfenden Art fegte sie sämtliche Bedenken und Ausflüchte von Kay hinweg.
Kay parkte den Landrover in einer Sackgasse neben dem Gehöft. Eine halbhohe Ziegelsteinmauer grenzte den Bauernhof zur Straße ab. Dahinter standen mehrere stattliche alte Bäume um einen Ententeich. Frau Lena passte Kay am Hoftor ab.
„Schön, dass du gekommen bist!“
Sie ergriff seinen Arm.
„Du kennst mich ja schon ein bisschen. Bei mir gibt es kein langes Fackeln, was muss das muss!“
„Und das Mittagessen heute musste sein?“ wurde Kay sarkastisch.
Frau Lena drückte seinen Arm.
„Hätt' ich sonst wohl so auf gedrängt?“
„Was ist denn daran so wichtig?“
„Lass man, das wirst du noch früh genug erfahren“, wich Frau Lena mit ungewohntem Ernst einer direkten Antwort aus.
In der Stube saß Bauer Hans und las Zeitung. Er war unverkennbar der jüngere Bruder von Frau Lena – die gleiche untersetzte, zur Fülle neigende Gestalt, das gleiche runde Gesicht, die gleichen Bewegungen und selbst die gleichen Gesten. Hans Eggert begrüßte Kay freundlich.
„Na, nicht'n büschen einsam da draußen?“ fragte er leutselig.
In diesem Moment trug eine junge Frau eine Stapel Teller in die Stube. Sie hatte den letzten Satz gehört und platzte mit der Bemerkung heraus:
„Ich würd' auf Bornhude ja keine Nacht allein bleiben wollen!“
Als Kay sie näher betrachtete, glaubte er nicht, dass die Bemerkung so zweideutig gemeint wie formuliert war. Sie war klein und dünn und ging etwas schief. Die glatten rotblonden Haare hatte sie zu einem Knoten hochgesteckt. Ihre bloßen Arme und ihr Gesicht waren voller Sommersprossen, die auf den Wangen große Pigmentfleckte bildeten.
„Meine Tochter Kati“, sagte Bauer Hans, übertönt von seiner Schwester Lena, die durch die offene Tür aus dem Zimmer nebenan rief:
„Du warst ja auch schon immer eine Bangbüx!“
Kay nannte seinen Namen und streckte Kati die Hand hin. Kati wischte ihre Hand umständlich in der Schürze ab, bevor sie zurückhaltend einschlug. Dabei sah sie Kay kaum an. Ganz anders Betti, die kurz darauf hereingestürmt kam. Mit festem Druck schüttelte sie Kays Hand, während sich ihre Augen an ihm festsaugten. Obwohl sie die gleichen leicht vorquellenden wasserblauen Augen wie ihre Schwester hatte, wirkten sie bei Betti größer und lebendiger. Für ihr Alter war sie gut entwickelt, hatte einen blonden Wuschelkopf, eine sommersprossige Stupsnase und leicht vorstehende Schneidezähne. Kurz vor dem Essen kam auch Frau Lenas Schwägerin aus der Küche, eine hagere, abgearbeitete Frau.
Während des Essens sorgte Frau Lena für Stimmung – sie versuchte es jedenfalls. Kati strahlte frostige Reserviertheit aus und ignorierte Kay, Betti starrte ihn unverhohlen an, blickte aber jedesmal schnell weg, wenn Kay zu ihr hinübersah, und ihre Mutter warf verstohlen beunruhigte Blicke auf Betti. Von Zeit zu Zeit gifteten sich die Schwestern an. Bauer Hans schien desinteressiert an den Vorgängen um ihn herum. Nur, wenn es mit den beiden Schwestern zu arg wurde, gab er ein verächtliches „Weiberkram“ von sich.
Als Kay zum Wagen zurückging, saß Betti mit angezogenen Knien und darum geschlungenen Armen auf der Mauer. Sie trug ein wieder modernes Minikleid, das in dieser Pose mehr von ihrem orangenfarbenen Gummihöschen zeigte, als es bedeckte. Es musste Kays Latexhöschen sein. Auf sein „Hallo Betti!“ reagierte sie nicht sofort. Erst nach eine Weile meinte sie:
„Ich find' Betti blöd. Ich möchte lieber Bettina heißen!“
Kay schloß den Wagen auf und setzte sich halb auf den Fahrersitz.
„Legst du nichts unter?“ fragte Betti.
„Was hat denn Frau Lena alles über mich erzählt?“
„Na, alles“, kam prompt die Antwort. „Tante Lenchen kann einfach nichts für sich allein behalten.“
Betti drehte sich zu ihm hin, ließ die Beine von der Mauer baumeln und stützte sich seitlich mit den Händen ab. Jetzt hatte Kay den im Schritt von Windeln gebauschten Teil ihres Gummihöschens im Blickfeld.
„Du brauchst keine Angst zu haben, von uns erzählt keiner was weiter“, versicherte sie.
„Weißt du, wie man den Eggerthof hier nennt?“
Kay schüttelte den Kopf.
„Den Pieschmädchenhof!“
Vielleicht sollte dies erklären, weshalb keiner vom Eggerthof etwas über Kay weitertragen würde.
„Tante Lenchen hat dir doch sicher auch alles von Kati und mir erzählt?“ konnte Betti ihre Neugierde nicht länger bezwingen.
„Ja, erzählt hat sie“, gab Kay zu, „und dass sie nicht dicht halten kann, hab' ich auch schon gescheckt, aber alles? Alles wird sie ja wohl kaum wissen.“
Betti zwinkerte ihm zu.
„Nein. Ich glaube, sie weiß nicht, dass ich noch immer an den Fingern lutsche, so!“
Sie steckte die beiden mittleren Finger ihrer rechten Hand in den Mund und blickte ihn fragend an. Statt einer Antwort steckte Kay seine Daumen in den Mund. Sie grinsten beide verschwörerisch während sie eine Weile still vor sich hin nuckelten.
„Piescherst du immer voll?“ wollte Betti weiter wissen.
Kay beschloss, aufrichtig auf ihre Fragen einzugehen.
„Nein. Zuhause, da wissen sie gar nicht, dass ich manchmal Windelhöschen benutze. Aber wenn ich Windeln und Windelhöschen anhab', weißt du, dann muss ich einfach nass machen.“
Betti nickte ernsthaft.
„Vielleicht könnte ich auch ohne auskommen – ich hab's noch nie probiert. Ich hab' ja immer 'was an und achte einfach nicht darauf, ob's läuft.“
Sie überlegte eine Weile, ehe sie die nächste Frage stellte:
„Bist du jetzt nass?“
Kay schloss die Augen und konzentrierte sich.
„Jetzt schon“, sagte er, als er sie wieder öffnete.
Betti hatte ihn beobachtet.
„Ich war schon nass, bevor du gekommen bist“, hauchte sie mit gesenkter Stimme.
Eifriger fuhr sie fort:
„Mein Teddy muss immer mit ins Bett. Ohne ihn kann ich nicht einschlafen.“
„Meinen Teddy hat jetzt Truva. Ich hab' dafür eine Puppe und einen Plüschhasen bekommen.“
„Spielst du noch mit Puppen?“ kam Bettis Frage sofort hinterher.
Kay wusste es nicht. Als Junge hatte er bisher noch nie eine Puppe besessen.
„Ich habe eine Babypuppe“, erzählte Betti, „die kann richtig nass machen, wenn ich ihr ein Fläschchen gebe. Manchmal leg' ich sie auch ...“
Sie stockte.
„Manchmal legst du sie trocken?“
„Das auch.“
„Und was sonst noch?“
„Ach, nichts.“
„Das ist unfair. Wie soll ich denn lernen, richtig mit Puppen zu spielen, wenn du mir als Puppenmami nicht sagst, was ich tun muss?“ versuchte Kay es weiter.
Mit rotem Kopf hastete Betti hervor: „Ich leg sie an die Brust!“
Kay stellte sich bildhaft vor, wie Betti den Kopf der Puppe an ihre knospende Jungmädchenbrust drückte.
„Ich glaube kaum, dass meine Puppe das bei mir möchte“, meinte er.
Betti, jetzt knallrot, hatte es plötzlich eilig wieder ins Haus zu kommen.
„Ich muss 'rein!“
Sie schwang die Beine über die Mauer und rutschte auf der anderen Seite hinunter. Kay fürchtete um das Latexhöschen.
„Mach's gut Betti – Bettina!“ rief er ihr nach.
*    *
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Viertes Kapitel
Die versteckten Andeutungen und unverständlichen Anspielungen von Frau Lena und Kati hatten Kay eher neugierig gemacht als beunruhigt. Dennoch erschrak er, als am späten Freitagabend das Telefon klingelte und eine sich vor Aufregung überschlagende Stimme durch den Hörer schrie:
„Mann, hau' ab Kay, sie sind unterwegs zu dir!“
Noch bevor er etwas sagen oder fragen konnte, hörte er ein halb wütendes, halb ängstliches „Nein!“, der Hörer polterte und die Verbindung war unterbrochen. Kay hatte die Stimme am Telefon nicht erkannt, glaubte jedoch, dass Betti die Anruferin gewesen war. Auch jetzt geriet er noch nicht in Panik. Er vermutete, dass ein paar Burschen aus dem Dorf zu ihm unterwegs waren. Prügeleien mit Ortsfremden gehörten in dieser Gegend zu den dörflichen Tanzfesten wie Bier und Köm. In seinem Kinderzimmer wollte er sich nicht überraschen lassen. Er wusste nicht, wie viel Zeit ihm blieb. Eilig stand er auf, schlüpfte in den Overall und zog Turnschuhe an.
Kay schloss die Kammer ab und versteckte sämtliche Schlüssel, auch den vom Haupthaus, hinter einem Dachbalken. Vielleicht hielten sie die verschlossenen Türen davon ab, sich neugierig umzugucken. Aus der Stube drangen Geräusche herauf. Sie mussten durch den Stall gekommen sein, dessen Tür Kay im Vertrauen auf Truvas Wachsamkeit bisher nie verriegelt hatte. Aber Truva hatte nicht angeschlagen, und aus Rebekkas Box drang überlaut das Mahlen ihrer Zähne, als sie etwas Hartes zerbiss. Starke Taschenlampen blendeten Kay. Er gab sich einen Ruck. Scheinbar unbefangen stieg er die Treppe hinab und ging auf die Lampen zu.
„Hallo“, versuchte er die Besucher aus dem Konzept zu bringen, „ihr seid hier, um mich ein bisschen aufzumischen, wie?“
Einer kicherte.
„Man ganz schön warm heut, nicht? Wie wär's vorher mit 'nem kühlen Bierchen?“ redete Kay auf Platt weiter.
Wenn sie darauf eingingen, würde er ihnen als nächstes einen Zweikampf mit dem Stärksten vorschlagen, der dabei zeigen könnte, was er auf dem Kasten habe. Dabei zu unterliegen war das kleinere Übel, als unkontrollierte Massenkeile zu beziehen. Verlieren musste er, darüber war sich Kay im Klaren. Fast hätte er Erfolg gehabt. Einige murmelten zustimmend. Das Licht ging an. Erst jetzt sah Kay, dass sie zu fünft waren. Sie trugen Motorradkleidung. Unter den Helmen hatten sie Tücher vor die Gesichter gebunden. Einer wollte schon seinen Helm abnehmen, als ihn ein scharfes „Stopp!“ zurückhielt. Es kam von einem stämmigen und untersetzten Mann. Kay hatte den Eindruck, dass er älter als die übrigen war.
„Nichts gegen dich persönlich“, sagte der Stämmige mit einer Stimme, die durch Tuch und Helm dumpf klang.
Als sich Kay dem Sprecher zuwandte, schlang ein langer, dünner Bursche von hinten die Arme um Kay. Kay trat aus und traf das Schienbein des Langen. Der wich mit dem Unterkörper etwas zurück und nahm dadurch genau die Stellung ein, die Kay brauchte. Für den in der engen Stube nur halbherzig angesetzten Schulterwurf hätte Kays Jiu-Jitsu-Lehrer allerdings keine Punkte vergeben. Immerhin glitt der Angreifer mit einer halben Körperdrehung von Kays Schulter und landete unsanft neben Kay. Zwei seiner Kumpane, die ausweichen wollten, gerieten aus dem Gleichgewicht. Einen anderen, der Kay von der Seite in den Schwitzkasten nahm, hebelte er mit einem Hüftschwung von den Beinen. Kay nutzte die kurze Verwirrung und hechtete zur Tür. Ein wuchtiger Schlag mit einem kantigen Gegenstand auf den Hinterkopf ließ ihn für einen Moment benommen zu Boden gehen. Sofort rissen ihn zwei Mann hoch und ein dritter stülpte Kay einen Getreidesack über den Kopf. Mit unsanften Knüffen richteten sie Kay auf und verschnürten den Sack fachmännisch mit Stricken über seinem Oberkörper. Dann bugsierten sie Kay zur Tür hinaus.
Zwei der nächtlichen Besucher nahmen Kay in die Mitte und führten ihn vom Hof. Der übergestülpte Sack reichte Kay bis über die Knie, und er konnte nur kleine Schritte machen. Sie schwiegen, während sie Kay zur Zufahrtsstraße führten. Er hörte, wie Motorräder gestartet wurden. Sie mussten an der Einfahrt gestanden haben. Mindestens drei Motorräder fuhren neben Kay und seinen beiden Begleitern her, die ihn auf der Straße immer weiter weg vom Herrensitz dirigierten. Wenn er langsamer wurde, trieben sie ihn mit Knüffen an. Es tat nicht wirklich weh.
Je länger der Marsch dauerte, desto flauer wurde das Gefühl in Kays Magen. Was hatten sie vor? Dies war längst keine Aktion mehr von rauflustigen Dorfjugendlichen. Nach, wie es Kay schien, endloser Zeit bogen sie von der Straße ab. Es ging über unebenes Gelände weiter. Kay stolperte mehrmals und fiel auf die Knie. Jedesmal verpasste ihm einer seiner beiden Begleiter eine Kopfnuss, riss ihn wieder hoch und schubste ihn weiter. Kay ahnte, dass sie zur Baustelle unterwegs waren. Er fühlte sich jetzt wie auf dem Gang zur Hinrichtung. Sein Bauch begann zu rebellieren. Als er wieder einmal auf die Knie gestürzt war, traf ein Faustschlag die bereits in der Stube lädierte Stelle an seinem Hinterkopf. Er spürte, wie Blut herablief. Laut aufstöhnend krümmte sich Kay vor Schmerz zusammen. Diesem zusätzlichen Druck von außen hielt sein Bauch nicht länger stand. Gewaltsam entlud sich seine Angst in die Windeln.
„Was hat er denn nu?“ fragte eine Stimme an Kays linker Seite.
Kay vermutete, dass es der Lange war.
„Sagen wir mal, er hat die Buxen randvoll“, antwortete von rechts der Stämmige, ohne zu ahnen, wie recht er damit hatte.
*    *
*
Kay schwitzte vor Anstrengung. Sie hatten ihn tatsächlich zur Baustelle geführt und dort mit dem Kopf voran in den bereits verlegten Röhrenteil geschoben.
„Lass dich hier nicht wieder blicken, sonst kommen wir wieder!“ hatte der Stämmige Kay zuletzt noch zugezischt.
Bevor sie abzogen, hatte sie an beiden Enden der Röhre den Grabenrand zum Einsturz gebracht. Kay spürte einen leichten Luftzug. Eine schmale Luftspalte an beiden Enden der Röhre war offen geblieben, zu schmal, um sich hindurchzuzwängen. Mit den Füßen versuchte er, den einen Spalt zu erweitern – vergebens. Er musste den Sack abstreifen und seine Hände freibekommen, um sich ausgraben zu können. Unter Einsatz seines ganzen Körpers begann er, den Knoten des Stricks über den rauen Beton zu reiben. Auf Hilfe konnte er nicht hoffen. In den nächsten beiden Tagen würde bestimmt niemand hier vorbeischauen. Und Kay war sich nicht sicher, ob am Montag überhaupt Arbeiter auftauchen würden. Während der letzten beiden Tage hatte er niemanden auf der Baustelle gesehen.
Irgendwann schlief er erschöpft ein. Als er wieder aufwachte, zitterte er vor Kälte. Kay wusste nicht, wie lange er geschlafen hatte. Er hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Seine Blase war übervoll, und er gab dem Drang ach. Danach scheuerte er mit seinen Fesseln weiter am Beton. Immer wieder zwangen ihn seine verkrampften Muskeln, Pausen einzulegen, in denen er erschöpft vor sich hin döste.
Von draußen drangen Geräusche zu ihm herein. Ein Hund bellte und begann im Erdreich zu scharren. Truva? Aufgeregte Stimmen sprachen durcheinander. 
„Sie hat ihn! Hier muss er sein!“
Er erkannte die Stimme von Frau Lena.
„Hallo, hier bin ich!“ machte sich Kay bemerkbar.
„Sei mal still, da ruft jemand!“
Es war die Stimme von Mary Seldorn.
„Kay, bist du das? Kannst du mich hören, Kay? Bist du in Ordnung?“
Ihre Stimme klang ganz nahe.
„Ich bin okay. Aber ihr müsst mich 'rausholen, ich kann nicht alleine!“
„Wir brauchen Schaufeln!“ sagte Frau Lena etwas weiter entfernt.
„Es ist alles locker, das schaffen wir so“, rief Mary zurück.
Als die Öffnung groß genug war und sie zu Kay hineinschauen konnte, stammelte Mary entsetzt:
„Um Gottes Willen, schau dir das an, Lena!“
Bald darauf zogen sie Kay mit vereinten Kräften an den Füßen heraus. Frau Lena schimpfte vor sich hin.
Mary wollte Kays Fesseln lösen, war aber zu aufgeregt. Frau Lena gelang es dann, den Knoten zu lösen.
„Aua!“
Erschrocken hielten die beiden Frauen inne, die Kay gerade aus dem Sack befreien wollten.
„Was hast du?“
„Am Kopf klebt was!“
„Das machen wir schon“, beruhigte ihn Frau Lena.
Sie rollten den Getreidesack sorgfältig bis zu seinem Kopf hoch. Dann begann sie das Gewebe behutsam von seiner verklebten Platzwunde am Hinterkopf zu lösen. Es ziepte, und Kay hatte das Gefühl, dass die Wunde wieder aufgegangen war.
„Ohgottohgottohgott, was haben sie nur mit dir gemacht?“
Mary kniete vor Kay. Ihr Sommerkleid war voller Erde. Sie nahm Kays Kopf zwischen die Hände und weinte. Bellend sprang Truva dazwischen.
„Recht hat sie ja!“ sagte Frau Lena und wischte sich mit der Hand über die Augen. Eine dunkle Schmutzspur blieb zurück.
„Ohne sie hätten wir ihn nie gefunden!“
Kay nahm Truva in die Arme, schmiegte seinen Kopf an ihren und lobte sie. Truva schleckte über Kays Gesicht. Unsicher erhob sich Kay.
„Ich hol' meinen Wagen!“ rief Mary und schickte sich an, aus dem Graben zu klettern.
„Keinen Wagen!“ Kay fühlte sich nass und verschmiert und hatte Angst, die Sitze zu beschmutzen.
„In den Sportwagen passen wir doch nicht alle rein. Ich bin schon okay, ich kann laufen.“
Die Fürsorge, mit der ihn die beiden Frauen rechts und links stützten, hielt Kay für übertrieben. Dennoch war er froh darüber. Während der häufigen Verschnaufpausen wollte er wissen, wie spät es sei und weshalb Frau Lena und Mary auf die Idee gekommen seien, ihn zu suchen. Es war samstag Nachmittag. Am Morgen hatte Betti ihre Tante angerufen, die mit der Bahn zu Verwandten an die Küste gefahren war. Frau Lena hatte sofort Mary verständigt und Mary hatte Frau Lena mit dem Wagen abgeholt.
Auf Bornhude merkten sie gleich, dass Kay etwas zugestoßen sein musste: die offene Tür beim Anbau, die Unordnung, die Schmutzspuren, eine unversorgte Rebekka im Stall und eine Truva, die mit schlechtem Gewissen angeschlichen kam. Erst dachten sie noch, Kay habe sich womöglich in seiner Kammer eingeschlossen, bis Mary eine Leiter holte und durchs Fenster schaute. Als sie ins Haupthaus wollten, stellten sie fest, dass keine von ihnen Schlüssel eingesteckt hatte. Inzwischen war Frau Lena Kays Teddy-Suchspiel mit Truva eingefallen. Auf gut Glück ließ sie Truva an der Tür des Anbaus suchen, und Truva zog so schnell davon, dass die beiden Frauen kaum folgen konnten.
*    *
*
„Jetzt werden wir erst mal unser'n kleinen Hosenschieter versorgen!“ verkündete Frau Lena, als sie das Haus erreicht hatten.
„Ich helf' dabei!“
Und mit der gleichen unterschwelligen Traurigkeit, die Kay schon in ihrem Lächeln aufgefallen war, fügte Mary hinzu: 
„Schließlich ist ja alles meine Schuld.“
Frau Lenas Gesicht, das sich bei Marys Angebot verfinstert hatte, glättete sich wieder.
„Das mach man auch gerne! – Wo sind denn die Schlüssel?“
Kay ging voran und holte sie aus dem Versteck.
„Ganz schön plietsch!“ lobte Frau Lena und eilte ins Haupthaus hinüber.
Mary brachte Kay hinunter in die Duschkabine, wo sie ihm seine schmutzigen, verschmierten Sachen auszog. Frau Lena, die sich inzwischen eine Plastikschürze umgebunden und Gummihandschuhe übergestreift hatte, seifte ihn von oben bis unten gründlich ab. Eine Plastiktüte, wie eine Mütze über seinen Kopf gestülpt, schützte seine Platzwunde. Nach der Säuberung steckte ihn Mary in einen kurzen weißen, molligen Bademantel, der wohl ihr gehörte. Während er die Treppe hinaufstieg, stützte sie ihn von hinten. In der Kammer setzte sie ihn in das Stühlchen, damit sich Frau Lena die Wunde ansehen konnte.
„Muss er zum Arzt?“ fragte Mary besorgt.
„I wo, alles halb so schlimm! Ich werd' die Haare wegschneiden und Salbe drauftun“, beschwichtigte sie Frau Lena und kramte in dem großen Verbandskasten herum, den sie aus dem Haupthaus mitgebracht hatte.
„Ist wohl besser, wir schnallen unser großes Baby dabei an“, überlegte sie weiter. Gemeinsam banden sie Kay das Sicherheitsgeschirr um und hakten es am Stuhl fest. Es war so eng, dass sich Kay kaum rühren konnte. Mary stand vor ihm und presste sein Gesicht gegen ihren Bauch, während Frau Lena die Wunde versorgte. Wenn er zuckte, redete Frau Lena ihm gut zu und pustete wie bei einem Kind die Schmerzen weg. Zum Schluss bestrich sie einen Mulltupfer dick mit Salbe und klebte ihn mit Leukoplast am Kopf fest.
„Jetzt ist uns' Lütten aber sicher hungrig und durstig, und wir haben noch nichts vorbereitet!“ meinte Frau Lena, als sie fertig war.
Mary wusste Rat. Sie holte zwei Gläschen mit Babynahrung und eine Flasche Saft aus Kay Vorrat im Schrank. Mit den Worten:
„Ohne Lätzchen wird das nichts!“, band Frau Lena Kay ein großes Handtuch um. Sie holte auch noch einen Trinkbecher, weil Kays Fläschchen mit Tee von der letzter Nacht auf dem Wandbord beim Bett stand. Mary fütterte Kay, und Frau Lena setzte zwischendurch immer wieder den Becher an Kays Lippen. Beim zweiten Gläschen wechselten sich die beiden Frauen ab. Kay hing apathisch in seinem Stühlchen und ließ alles mit sich geschehen. Er hatte so starke Kopfschmerzen, dass er weder die Fürsorge der beiden Frauen genießen noch sich genieren konnte, weil sie ihn wie ein Kind behandelten. Als sie schließlich fragten, was er denn habe, deutete er nur auf seinen Kopf.
„Kopfschmerzen?“
Kay nickte vorsichtig. Frau Lena gab ihm ein Schmerzmittel aus dem Verbandskasten.
Es musste ein starkes Mittel gewesen sein. Nach kurzer Zeit nahm Kay alles um ihn herum nur noch wie durch einen Watteschleier wahr – wie Frau Lena ihm auf dem Bett den wunden Po eincremte und puderte, ihm Windeln anlegte und ein Windelhöschen darüber zog. Er war schon eingeschlafen, bevor die beiden ihn verließen. Frau Lena hatte ihm mit einem Seitenblick auf Mary noch seinen Daumen in den Mund gesteckt, woraufhin Mary mit ihrem typischen Lächeln Kay die Dirndlpuppe in den Arm gedrückt hatte.
*    *
*
Später, es war schon dunkel, schaute Frau Lena noch einmal nach Kay. Er wurde wach, als sie ihm ein Nachthemd überstreifte und ein Betthäubchen aufsetzte. Beides roch nach Mottenkugeln. Als sie merkte, dass er wach war, fragte sie, wie es seinem Kopf ginge. Die Kopfschmerzen hatten nachgelassen. Er fühlte nur noch ein dumpfes Pochen in der Wunde. Kay musste sich aufsetzen. Frau Lena band ihm eine große Mullwindel als Lätzchen um und drückte ihm ein Fläschchen in die Hand. Es war ein großes, schweres Fläschchen, eine Milchflasche mit einem darüber gestülpten Kälbersauger.
„Es ist mir ja peinlich, aber ich muss dir was beichten“, druckste Frau Lena herum, während Kay die Hafersuppe geräuschvoll aus der Flasche saugte.
„Du erinnerst dich doch an die Sachen, die ich mir ausgeliehen habe?“
Kay ahnte, was kommen würde.
„Lass mich mal raten! Du hast Betti das Gummihöschen zum Anprobieren gegeben, und es hat ihrem Temperament nicht standgehalten“, fuhr Kay für sie fort.
„Stimmt. Aber woher weißt du das?“
„Neulich, nach dem Essen, da ist sie mit dem Gummihöschen auf der Gartenmauer rumgerutscht, da hab ich schon so was befürchtet.“
„Du hast gesehen, was Betti unter ihrem Kleid anhatte?“
Lena schien entsetzt zu sein.
„Ich konnte ja gar nicht anders, sie ist ja darin noch wie ein Kind“, versuchte Kay sie zu beschwichtigen.
„Denkst du! Mädchen in Bettis Alter können schon ganz schön durchtrieben sein.“
Kay überlegte, was er sagen konnte, um Betti eine Zurechtweisung durch ihre Tante zu ersparen.
„Die Betti, die hat viel von dir, nicht wahr?“
Er merkte, wie Frau Lena dahin schmolz und fügte hinzu:
„Die lässt auch nichts anbrennen.“
Frau Lena umarmte ihn mit blanken Augen.
„Ach du, mein Süßen!“ sagte sie und drückte ihm einen Kuss auf die Stirn.
Als sie das Gitter vom Bettchen hochschob, wollte Frau Lena noch wissen, wo Kay die Sachen gekauft habe. Er wollte aus dem Bett klettern und den Versandhausprospekt für Hygieneartikel aus seinem Koffer holen. Dabei bemerkte er, dass er ein langes, altmodisches Frauennachthemd anhatte, das über der Brust plissiert und mit rot-weißen Paspeln abgesetzt war.
*    *
*
Am nächsten Morgen weckte ihn Mary. Sie hatte einen anthrazitfarbenen Trägerrock an, unten weit geschwungen und oben Figur betonend. Dazu trug sie eine verspielt gerüschte weiße Bluse, dunkle Strümpfe und rote Ballerinaschuhe. Ein rotes Samtband hielt ihr Haar zusammen. Der Duft eines schweren, sinnlichen Parfums umgab sie, und sie wirkte so begehrenswert auf Kay, dass er sich seiner Babyhaftigkeit schämte. Mary ließ das Gitter des Bettchens herab, hauchte Kay einen Gutenmorgenkuss auf die Wange und half ihm aus dem Bett.
„Wo ist denn Frau Lena?“ fragte Kay.
„Ich hab' sie eben zurück ins Dorf gefahren“, antwortete Mary.
„Heute wird Mary ganz allein für ihren kleinen Liebling sorgen!“ 
Als Kay zu einer neuen Frage ansetzte, legte sie ihm nur den Finger auf den Mund und schaute ihn mit einem verschleierten Blick aus ungewöhnlich dunklen und geweiteten Augen an.
Sie rasierte Kay in der unteren Stube und putzte ihm die Zähne. Dann führte sie Kay, der noch immer im Nachthemd war, hinüber ins Haupthaus, wo in der Küche der Frühstückstisch gedeckt war. Kay musste sich mit seitlich abgewinkelten Beinen auf die Bank setzen, um keine kalten Füße zu bekommen. Mary band ihm wieder das Handtuch als Lätzchen um und nahm neben ihm Platz. Während sie ihn fütterte, schmiegte sie ihren Körper eng an den seinen und wärmte ihn. Sein Fläschchen, gefüllt mit Kaffee, hatte sie ihm in die Hand gedrückt. Nach dem Frühstück nahm sie Kays Kopf in beide Hände und küsste ihm die Essenreste vom Gesicht.
Wie einen kleinen Jungen nahm sie Kay an die Hand und führte ihn hinauf in ihr Bad. Vor der Dusche wollte sie ihn ausziehen, aber Kay sträubte sich. Er wollte nicht, dass sie seine männliche Erregung sah. Unter Küssen und Streicheln streifte sie ihm schließlich doch sein rosa Gummihöschen und die Windeln ab. Bevor sie ihn unter die Dusche stellte, setzte sie ihm zum Schutz seiner Platzwunde ihre mit Rüschen und Rosetten versehene Badehaube aus Gummi auf. Sie zog sich Rock und Bluse aus und begann ihn abzuduschen. Dabei, und auch danach beim Abtrocknen, sorgte sie durch sanftes Reiben dafür, dass sein Glied ständig erigiert blieb.
Erschöpft lagen sie in Marys Bett. Sie war wild, leidenschaftlich und laut gewesen. Auf Kay sitzend hatte sie ihn angefeuert:
„Komm, mein Baby, zeig deiner Mami wie stark du bist! Ja, so ist's gut! – Mach weiter!“
Kay war viel zu schnell gekommen. Er war jedoch in ihr geblieben, und Mary hatte sich wie eine Ertrinkende an ihn geklammert. Bis er zum zweiten Mal soweit gewesen war, hatte sich Marys Körper in mehreren explosionsartigen Höhepunkten aufgebäumt. Zum Schluss hatte sie nur noch zuckend unter ihm gelegen und leise gestöhnt.
Als hätte Mary Kays Gedanken erraten, sagte sie unvermittelt:
„Du brauchst dir wegen Raimund keine Sorgen zu machen! Wenn er eifersüchtig ist, dann auf mich, nicht auf dich.“
Kay brauchte einige Sekunden, bis er begriff.
„Warum hast du ihn dann geheiratet?“
Mary beantwortete die Frage nicht sofort.
„Wir waren uns einig, dass jeder sein eigenes Leben führt.“
Kay erfuhr nach und nach, dass Marys Kind, ein Mädchen, schwer körperlich und geistig behindert gewesen sei und dass sie es in ein Heim gegeben habe, bevor sie hier hinaus nach Bornhude gezogen war.
„Es ist gestorben. Es hatte kein Recht auf Leben!“
Unvermittelt schlug Mary die Hände vors Gesicht.
„Wir haben alle kein Recht auf Leben!“ brach es aus ihr hervor.
Mary beruhigte sich wieder, stand auf und zog sich ohne Scheu vor Kay an. Sie legte Kay einen von den Windelslips aus dem Sanitätsgeschäft um. Und weil sie meinte, dass Kays Windelhöschen allesamt einmal durchgewaschen werden müssten, beließ sie es dabei, zog ihm aber, damit die Pampers fester saßen, einen ihrer Schlüpfer über.
„Ich habe keine richtigen Kindersachen für meinen kleinen Jungen – aber dies hier tut es vielleicht auch“, überlegte sie und holte einen weißmelierten, mit farbigen Zierstreifen abgesetzten Jogginganzug aus dem Schrank.
 
*    *
*
Am Nachmittag wollte Mary spazieren gehen. Kay weigerte sich, in seinem Aufzug die schützende Nähe des Hauses zu verlassen, sie aber legte ihre Hände auf seine Schultern und sagte mit zwingender Stimme:
„Du bist nicht mehr Kay Jürgens. Du gehörst jetzt mir!“
Ihre Augen schienen in Kay einzudringen und von ihm Besitz zu ergreifen.
„Mary hat dich an Stelle ihres toten Mädchens als Kind angenommen, und als deine neue Mutti ist sie jetzt für alles verantwortlich. Also komm!“
Hand in Hand, gelegentlich auch eng umschlungen, umrundeten sie Bornhude im großen Bogen. Truva hatte einen großen Ast aufgenommen und tollte um sie herum. Wenn sie dem anstürmenden Hund nicht rechtzeitig auswichen, bekamen sie den Ast gegen die Beine. Ab und zu überzeugte sich Mary, ob Kay noch trocken war. Sie hatte ihn bisher jedesmal neu gewindelt, wenn er nass war. Beim Nachfühlen pflegte sie Kays Windeln im Schritt zu streicheln, woraufhin Kays Glied jedesmal prompt reagierte.
Am Abend klingelte das Telefon. Mary hatte Kay gerade für die Nacht fertiggemacht, und er lag in ihrem Bett. Sie nahm das Gespräch auf einem Nebenanschluss im Flur an.
„Es war Raimund“, erklärte sie anschließend.
„Er schien ziemlich sauer, weil er nicht wusste, wo ich war. Ich fahr' wohl besser wieder zurück, eh' er durchdreht und herkommt. Ich würde ja viel lieber bei meinem Baby bleiben!“ setzte sie noch hinzu.
„Soll ich dich fahren?“
„Und wie kommt der große Junge dann wieder nach Bornhude?“
Damit war für Mary das Thema erledigt. Bevor sie in ihren Sportwagen stieg umarmte sie Kay, der in einem dünnen Baby-Doll Nachthemd von Mary fröstelnd daneben stand.
„Ich ruf' gleich an und erkundige mich, ob Kindchen auch brav schläft!“
Sie biss ihn zärtlich ins Ohrläppchen.
Kay konnte nicht sofort einschlafen. Der Tag klang in ihm nach. Während er sich an einzelne Gespräche und bestimmte Gebärden erinnerte, fiel ihm auf, dass Mary den ganzen Tages über kein einziges Mal auf ihn herab gelächelt hatte. Sie war verändert gewesen. An einem Punkt hatte sie Kay etwas über sich und ihre Ehe mitteilen wollen, ohne es auszusprechen. Kay überlegte. Welchen Grund hatte der homosexuelle Raimund Seldorn gehabt, eine Frau mit einem unehelichen Kind zu heiraten? Was hatte Frau Lena über die beiden Brüder erzählt? Raimund war stets auf den guten Ruf des Namens Seldorn bedacht, und sein Bruder ein ... Natürlich, das war es! Das musste es sein! Der verheiratete Armin Seldorn war der Vater von Marys verstorbenem Kind gewesen. Raimund Seldorn hatte Mary geheiratet, um die Familienehre zu retten. Das erklärte auch, weshalb Mary diese Ehe eingegangen war. Aber was hatte sie mit ihrer Bemerkung über das Recht auf Leben gemeint? Hatte tief in ihr Angst gewühlt und sie deshalb den Tag so intensiv als Frau und Mutter ausleben lassen? Angst wovor?
*    *
*
Fünftes Kapitel
Kay war schon eingeschlafen, als sie endlich anrief – jedenfalls war Kay der Meinung, es sei Mary.
„Bornhude, Kinderzimmer“, meldete er sich.
Einen Moment lang herrschte verblüfftes Schweigen am anderen Ende der Leitung. Dann sagte eine Männerstimme:
„Hier ist Raimund Seldorn.“
Kay entschuldigte sich für seinen Scherz, er habe einen anderen Anruf erwartet.
„Dann ist Mary also abgefahren?“ fragte Herr Seldorn.
„Ja, so gegen zehn Uhr etwa. Ist sie denn nicht bei Ihnen?“ Kay schaute zur Uhr. Es war fünf Uhr morgens.
„Deswegen ruf' ich ja an. Sie ist bisher nicht angekommen.“
Bei Marys Fahrweise und ihrer gestrigen Gemütsverfassung dachte Kay sofort an einen Unfall.
„Welche Strecke fährt sie denn gewöhnlich? Ich könnte die Strecke abfahren und nach ihrem Wagen Ausschau halten.“
Raimund Seldorn wehrte ab.
„Es ist besser, wenn Sie auf Bornhude bleiben, falls ein Anruf kommt. Ich bin über mein Handy zu erreichen. Haben Sie die Nummer?“
„Moment“, rief Kay, „ich hol' schnell 'was zum Schreiben!“
Der nächste Anruf kam kurz nach sechs.
„Noch mal Seldorn hier“, meldete sich Marys Mann, „ich bin soeben benachrichtigt worden, dass Mary im Kreiskrankenhaus liegt. Da ich schon ganz in der Nähe des Krankenhauses bin, fahre ich sofort hin. Sind Sie so freundlich und benachrichtigen Frau Lena? Sie wird sicher auch herkommen wollen.“
*    *
*
Das kalte Neonlicht aus den Deckenleuchten im Warteraum des Krankenhauses ließ selbst die Gesichter der Besucher kränklich-blass erscheinen. Es roch nach einer Überdosis von Desinfektionsmittel. Frau Lena und Kay warteten auf Marys Mann, der vom Arzt in eines der Behandlungszimmer gebeten worden war. Raimund Seldorn war Ende fünfzig und immer noch sehr schlank. Mit seinem scharf geschnittenen länglichen Gesicht, den grauen Schläfen und seiner fast übertrieben ‚korrekt ‘ wirkenden Kleidung sah er dem Grafen einer Fernsehserie ähnlicher als einem Beamten der Schulbehörde.
Sichtlich erschüttert kam Raimund Seldorn wieder.
„Sie ist tot!“ sagte er mit schwerer Stimme.
Frau Lena griff nach Kays Arm und schluchzte auf. Kay reichte ihr sein Taschentuch.
„Die Ärzte haben alles versucht, aber Mary war zu schwer verletzt.“
Kay war kalkweiß und umkrampfte die Lehne des Stuhls, auf dem Frau Lena saß.
„Wie ist es denn passiert?“
„Sie wurde heute morgen auf einem Parkplatz an der Bundesstraße angeschossen aufgefunden“, berichtete Herr Seldorn als verlese er die Lokalnachrichten im Rundfunk.
„Es war gar kein Unfall?“ fragte Kay.
„Nein, es war Mord!“
Raimund Seldorn hatte einen bitteren Unterton in der Stimme.
*    *
*
Kay fuhr die noch immer unter Schock stehende Frau Lena zurück ins Dorf. In der Kreisstadt war für sie nichts mehr zu erledigen gewesen. Die Staatsanwaltschaft hatte die Ermittlungen aufgenommen.
Im Kreise ihrer Verwandten wendete Frau Lena ihre eigene Methode zur Schocküberwindung an. Sie zählte die Ereignisse des Vormittags in allen Einzelheiten auf, angefangen beim Anruf von Kay am Morgen. Als sie zum dritten Mal damit begann, hatte sich ihre Stimme bereits wieder gefestigt.
Kay gab Betti ein Zeichen, ihm in die Diele zu folgen. Er wollte mit ihr über den Anruf vom Freitagabend sprechen. Ihm war nachträglich aufgefallen, dass Mary und Frau Lena am Samstag weder daran gedacht hatten, die Polizei zu verständigen, noch gefragt hatten, ob er einen seiner Entführer erkannt habe. Kay konnte sich diese Unterlassungen nur damit erklären, dass sie gewusst hatten, wer die Entführer gewesen waren – und das konnten sie wiederum nur von Betti erfahren haben. Jetzt, nach Marys gewaltsamen Tod, maß Kay dem Vorfall vom Freitag eine viel größere Bedeutung als vorher bei.
Betti – und hinter ihr Kati – kamen zu Kay in die Diele.
„Ihr habt ja gehört, was passiert ist“, empfing sie Kay, „und ihr wisst auch, was mir Freitag Nacht zugestoßen ist.“
Er fasste an seinen Hinterkopf, der ihm in der Ambulanz des Krankenhauses neu verarztet worden war.
„Ich will jetzt von euch wissen, wer das am Freitag gewesen ist!“
Katis Gesicht war abweisend.
„Das wissen wir doch nicht!“ sagte sie schnell – zu schnell.
„Du, Kati, die ganze Sache ist zu ernst, um noch länger Versteck zu spielen. Natürlich wisst ihr 'was. Jeder hier weiß etwas.“
Mit unsicherem Blick antwortete Kati:
„Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun, ich meine, die Sache mit dir und“, sie zögerte, „und das mit Frau Seldorn.“
„Vielleicht nicht, aber das will ich selbst 'rausfinden. Du brauchst keine Namen zu nennen, ich will nur einen Hinweis“, versuchte es Kay noch einmal. Mit einem:
„Ich weiß von nichts“ wendete sich Kati ab.
Betti trippelte von einem Bein auf das andere. Nun hielt sie es nicht länger aus:
„Ich sag's!“
„Nein!“ fuhr Kati sie an, „du hältst den Mund!“
„Das soll dir man schietegal sein, was ich sag' und was nicht!“ konterte Betti, und zu Kay gewandt legte sie los:
„Kati ist doch mit Jörg Martens verlobt, dem Sohn vom Verwalter auf Bornhude. Und der, ich meine der Jörg, der war am Freitagabend hier. Da hab' ich gehört, dass sie was mit dir vorhatten. Jörg sollte mit, weil er dort draußen alles kennt. Er hat nämlich seinen Vater schon oft vertreten. Ich wollte dich warnen, aber Kati hat die ganze Zeit telefoniert und nachher hat sie mir das Telefon weggerissen.“
„Danke Bettina!“
Kay gab ihr einen Kuss auf die Wange.
„Da nicht für!“ stammelte sie, rot bis unter die Haare.
*    *
*
Kay erinnerte sich an ein Neubaugelände am Ortseingang. Er vermutete, dass auch Herr Martens dort baute. Gleich auf der zweiten Baustelle stieß er auf den Verwalter, der ihn wortreich begrüßte:
„Ich hab' von den Eggerts gehört, was vorgefallen ist. Tut mir ehrlich leid, ist ja wohl aber halb so schlimm gewesen und alles glimpflich ausgegangen. Allens klar auf Bornhude? Oder brauchen Sie mich dort?“
Kay fragte ihn, ob er das von Mary Seldorn schon gehört habe.
„Frau Seldorn? Ist 'was mit ihr?“
Er schien besorgt zu sein. Kay erzählte, was er wusste.
„Oh verdammich!“ fluchte Herrn Martens vor sich hin.
Kay wollte gerade nach Jörg fragen, als ein lang aufgeschossener junger Mann um die Hausecke bog. Kay erkannte in ihm sofort den 'Langen' wieder. Bei Kays Anblick wollte er sich wieder verdrücken, aber Herr Martens rief ihm zu:
„Komm her, Jörg! Es ist wichtig.“
Der Lange, Jörg, kam zögernd heran geschlendert. Nachdem er von Mary Seldorns Tod erfahren hatte, blieb er mit hängenden Schultern stehen. Kay nutzte seine Bestürzung:
„Was wolltet ihr eigentlich wirklich von mir?“
„Nichts Persönliches. Wir wollten nur, dass du abhaust, um die Frau Seldorn zu schützen. Das mit dem Schlag tut mir leid. Es war nicht vorgesehen. Wir wollten dir nichts tun, aber wir hatten nicht mit soviel Widerstand gerechnet.“
Kay blickte immer noch nicht ganz durch.
„Ihr wolltet mich vertreiben, um Frau Seldorn zu schützen?“
„Na ja, wir hatten 'rausgekriegt, dass du keiner von der Kripo warst.“
„Auch ich hatte Sie ja zuerst für einen Kriminalassistenten gehalten, als Sie nach Bornhude kamen“, warf sein Vater ein.
Jörg fuhr fort:
„Wir hielten es für besser, wenn sich keine Fremden hier in der Gegend aufhielten.“
„Wer ist 'wir'?“ hakte Kay nach. „Und was hat das alles mit der Kripo zu tun?“
„Mehr kann ich nicht sagen“, wich Jörg aus.
„Ich würd' mal mit dem alten Panteleit, dem Forstaufseher der Seldorns sprechen!“ empfahl Herr Martens.
Zum Abschied reichte Kay beiden die Hand, die der 'Lange' sichtlich erleichtert schüttelte.
*    *
*
Am Abend fuhr Kay zum Häuschen von Herrn Panteleit in der Siedlung. Den Weg hatte er sich beschreiben lassen. Kay erwartete, hier den 'Stämmigen' anzutreffen, aber der Mann, der ihm öffnete, glich eher einem verwitterten, knorrigen alten Baum. Als habe Herr Panteleit Kay bereits erwartet, führte er ihn sofort in die Stube. Ohne zu fragen, schenkte er Kay und sich einen Klaren aus der schon halb geleerten Flasche auf dem Tisch ein, sagte: „Wohlsein!“ und trank sein randvolles Glas in einem Zug aus. Kay tat es ihm nach.
Nach und nach erfuhr Kay, dass der Forstaufseher Herrn Seldorn hergebeten habe, weil er sich Sorgen um Marys Sicherheit auf Bornhude gemacht habe.
„Welcher Herr Seldorn?“ fragte Kay.
Mit bedächtigem ostpreussischen Tonfall gab Herr Panteleit zur Antwort:
„Wer schon? Der Herr Lehrer, von der unjlücklichen Mary ihr Mann.“
Das Zelt im Wald war dem Aufseher verdächtig erschienen, und er wollte da schon selber Ordnung schaffen, aber Mary war ihm zuvorgekommen. Als er dann hörte, dass der Camper Urlaubsvertretung auf Bornhude machen sollte, dachte er zuerst, Herr Seldorn stecke dahinter. War aber nicht so, und da hat er mit ein paar verlässlichen Leuten gesprochen, weil er, der Panteleit, doch auf die Mary hat aufpassen müssen. Nein, nein, er war am Freitag nicht dabei, wenngleich er schon wusste, was geschehen sollte. Jetzt tue es ihm auch leid.
„Ich hab' doch nich' könn' ahnen, dass die junge Frau deswejen jleich herkommt. Ich hätt' wohl jut jetan, den Herrn Lehrer zu fragen, dann wär' alles anders jekommen!“
Kay versuchte, den sich in Selbstvorwürfen verlierenden Aufseher zu beruhigen.
*    *
*
Mit dem Versuch, den Überfall auf sich aufzuklären, hatte Kay seine Trauer verdrängen wollen. Die Entdeckung, dass eine Verbindung zum Mord an Mary bestand, eine Verbindung, deren Schlüsselfigur im Hintergrund Raimund Seldorn zu sein schien, lenkten Kays Gedanken noch unmittelbarer als vorher auf Mary zurück. Auf Bornhude ergriff ihn eine große, tränenlose Leere. Er setzte sich auf Marys Bett. Hier hatten sie zusammen gelegen. Das Bettzeug roch nach ihr – nach ihrem Parfum und nach ihrem Schweiß. Ihm wurde jetzt erst richtig bewusst, dass Mary nicht nur abwesend war, sondern tot. Es kam Kay wie ein Verrat an Mary vor, ohne sie in das Zimmer zu gehen, das sie für ihn eingerichtet hatte, die Sachen anzuziehen, die sie ihm gegeben hatte. Nicht einmal Windeln wollte er sich anlegen, weil Mary doch gesagt hatte, dass er jetzt ihr Baby sei. Aber Mary würde nicht kommen, um ihn zu windeln – nie mehr.
Er holte seinen Schlafsack aus dem Schrank in seiner Kammer und legte sich auf den Strohballen im Stall schlafen. Truva machte es sich auf einer Ecke des Schlafsacks an Kays Füßen bequem.
*    *
*
Die Gelegenheit zu einem Gespräch mit Raimund Seldorn ergab sich früher als Kay erwartet hatte. Herr Seldorn rief ihn in Bornhude an und legte ihm nahe, sich bei der Polizeiinspektion in der Kreisstadt zu melden, wo ein Kommissar Holm die Ermittlungen in Marys Fall führe. Die Angaben von Frau Lena und Kay über den Zeitpunkt, wann Mary auf Bornhude eingetroffen sei und wann sie es wieder verlassen habe, seien wichtige Punkte für die Rekonstruktion des Geschehens. Dadurch, dass Frau Lena und Kay persönlich vorsprächen, könnte der untersuchende Beamte Zeit sparen und sich anderen Dingen im Zusammenhang mit dem Fall widmen. Mit Frau Lena, habe er morgen, zehn Uhr, vereinbart, Kays Einverständnis vorbehalten. Er werde auch dort sein, aber mit der Bahn kommen, da sein Wagen zur Inspektion sei. Kay fiel, wie schon im Krankenhaus, die überkorrekte Ausdrucksweise von Raimund Seldorn auf. Mit seinem eigenen Hang zu skizzenhaften Formulierungen und übergangslos aneinandergereihten Sätzen hätte Kay bei Raimund Seldorn als Deutschlehrer keine guten Noten bekommen.
Kriminaloberkommissar Holm hatte Tränensäcke unter traurigen braunen Augen. Beim Laufen neigte er seinen großen, schweren Körper nach vorne und es schien, als setze er die Beine nur unter, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Dass er Oberkommissar war, hatte Kay aus dem Schild an der Bürotür mit der Aufschrift ‚F.W. Holm‘ und darunter ‚KOK‘ geschlossen. An Kays Aussage schien der Kriminaloberkommissar kein besonderes Interesse zu haben; er sprach einen anscheinend bereits in Gedanken vorformulierten Text ins Diktiergerät. Die Antwort auf die Frage nach der Ankunft von Mary Seldorn legte er Kay mit der Bemerkung in den Mund:
„Frau Eggert hat angegeben, dass Sie erst nach ihr und Frau Seldorn von einem Spaziergang zurückgekommen sind. Sie können also keine Angaben zur Ankunftszeit machen!?“
Da Frau Lena den Grund ihrer und Marys Anwesenheit auf Bornhude verschwiegen hatte, ging auch Kay nicht darauf ein. Der wichtigste Punkt, wenn man überhaupt von wichtig reden konnte, war der Grund und die Zeit ihres Aufbruchs am Sonntag. Danach fragte er Kay noch routinemäßig, ob Frau Seldorn im Laufe des Abends noch andere Anrufe bekommen habe. Als Kay Näheres über den Tod von Mary wissen wollte, wich der Kommissar aus: Die Ermittlungen liefen noch. Nach dieser Abfuhr war Kay überrascht, als ihn Oberkommissar Holm mit einem Blick ansah, der an Truva erinnerte, wenn sie im Stall zurückgelassen wurde, und fragte:
„Hatten Sie am Sonntag Geschlechtsverkehr mit Frau Mary Seldorn?“
Kay entnahm der Frage, dass der Obduktionsbefund bereits vorlag.
Herr Seldorn hatte Kay zwar gesagt, dass es schnell gehen würde, da es sich um eine reine Routineangelegenheit handle. Damit, dass er so schnell fertig sein würde, hatte Kay aber nicht gerechnet. Er war fast ein bisschen enttäuscht über die geringe Aufmerksamkeit, die ihm Kriminaloberkommissar Holm gewidmet hatte.
Frau Lena und Raimund Seldorn, die vor Kay ihre Aussagen gemacht hatten, warteten beim Wagen.
„Lena, Frau Eggert, möchte die Gelegenheit für ein paar Besorgungen nutzen“, empfing ihn Herr Seldorn, „und ich habe noch etwas Zeit, bis mein Zug zurück geht. Ich schlage also vor, dass wir uns in ein Kaffee setzen, während Sie auf Frau Lena und ich auf den Zug warten.“ 
Kay traute Herrn Seldorn nicht zu, dass er Kaffee trank. Frau Lena hatte rote Augen und machte einen verstörten Eindruck, als sie ging.
Kay behielt recht. Im Bahnhofsrestaurant bestellte sich Herr Seldorn Tee.
„Ich habe von dem Vorfall Freitagnacht erfahren“, begann Raimund Seldorn das Gespräch, ohne Kay dabei anzublicken.
„Es tut mir leid, wenn Sie durch mich, wenn auch nur indirekt, Unannehmlichkeiten hatten.“
Obwohl er das Gespräch mit Kay gesucht hatte, blieb er in seiner Ausdrucksweise reserviert und hölzern.
„Aber ich war um Marys Sicherheit draußen auf Bornhude besorgt“, setzte er erläuternd hinzu.
„Das hab' ich schon gehört!“ Kay rührte in seinem Kaffee.
„Mich interessiert, welchen Grund Sie zur Besorgnis hatten?“
Gedankenverloren in den Raum starrend antwortete Herr Seldorn mit einer Gegenfrage:
„Mary ist doch am Sonntag draußen geblieben, um mit Ihnen allein zu sein – hat sie Ihnen nichts erzählt?“
Kay kam sich vor wie in einer Filmszene, in der sich Ehemann und Liebhaber gegenübersitzen und gegenseitig abtasten. Nur hätte seine Aggressivität eher auf den Ehemann und die Zurückhaltung von Raimund Seldorn auf den Liebhaber gepasst. Aber die Kategorien stimmten ja nicht. Raimund Seldorn war nur auf dem Papier Marys Mann gewesen, und Kay fühlte sich als Marys Baby – wenn auch mit gewissen männlichen Regungen.
„Ich hatte einen ganz bestimmten Grund, möchte aber nicht darüber sprechen“, unterbrach Raimund Seldorn Kays Gedankengänge. Die Antwort genügte Kay nicht.
„Marys Kind war doch von Ihrem Bruder Armin“, versuchte Kay seinen Gesprächspartner aus der Reserve zu locken.
„Weshalb haben Sie Mary geheiratet? Ich meine, obwohl Sie nie vorhatten, mit ihr eine Ehe zu führen?“
Einen kurzen Moment sah Herr Seldorn Kay an.
„Sie wissen schon einiges über unsere Familie“, stellte er fest.
„Ich würde gerne mehr erfahren. Ich kannte Mary zwar nur kurz, aber ich hatte sie gerne – sehr gerne.“
Kay machte ein Pause.
„Ich möchte wissen, ob mein Auftauchen auf Bornhude etwas mit Marys Tod zu tun hat?“
Raimund Seldorn sah Kay an und sagte:
„Sie sind am wenigsten von uns allen mitschuldig an Marys Tod!“
Auf der Rückfahrt saß eine erschütterte Lena Eggert neben Kay. Ihre angeblichen Besorgungen waren von Raimund Seldorn nur vorgeschoben worden, um mit Kay reden zu können. Frau Lena hatte lediglich eine halbvolle Einkaufstüte bei sich.
„Uns' arme, arme Mary!“ schluchzte sie auf, „dass sie hat so leiden müssen!“
Kay blickte fragend zu ihr hinüber.
„Hat er es dir denn nicht gesagt?“
„Was?“
„Na, wie Mary gestorben ist!“
Kay nahm an, dass Herr Seldorn es Frau Lena mitgeteilt hatte, während er beim Kommissar gewesen war.
„Vielleicht war Herr Seldorn zu erschüttert, um es auch noch mir zu erzählen“, meinte Kay.
„Das mag wohl wahr sein“, stimmte ihm Frau Lena zu.
„Stell' dir vor, man hat unseren armen Mary mit einer Pistole fünfmal ins Gesicht geschossen, aus wenigen Metern Entfernung!“
Sie schnaubte laut in ihr Taschentuch. Erst nach einer Weile erfuhr Kay, was die Polizei rekonstruiert hatte: Mary war auf einen entlegenen Parkplatz gefahren, hatte hinter einem parkenden Wagen gehalten, war ausgestiegen und auf den anderen Wagen zugegangen.
„Von dort hat man auf sie geschossen. Einfach so! Sie hat noch gelebt.“
Gegen Morgen hatte der Fahrer einer Großbäckerei Mary auf dem Parkplatz entdeckt, die neben ihrem Wagen zusammengebrochen war. Von ihren Sachen hatte nichts gefehlt; an ihrem Wagen hatte die Beleuchtung noch gebrannt und die Zündung war eingeschaltet gewesen, der Motor allerdings bei leerem Tank stehen geblieben. Kays Frage, ob die Polizei schon einen Verdacht habe, blieb unbeantwortet. Frau Lena weinte vor sich hin.
Nachdem Kay Frau Lena beim Eggerthof abgesetzt hatte, fuhr er die Bundesstraße ab, die Mary benutzt haben musste. Es war die kürzeste Verbindung zur Autobahn und damit zur Hauptstadt. Er hielt Ausschau nach einem 'entlegenen' Parkplatz. Ein abgesperrter Parkplatz auf der gegenüberliegenden Straßenseite erregte seine Aufmerksamkeit. Er hielt in einem Waldweg und ging hinüber. Auf dem Parkplatz markierten noch immer angepflockte rot-weiße Bänder einzelne Stellen – zwei auf der rechten Seite des Parkplatzes und eine etwas weiter links dazwischen. Was hatte Mary veranlasst, zu wenden und hier in der Gegenrichtung auf diesen Parkplatz zu fahren? Autos fuhren vorbei und Kay fiel auf, dass sie von seinem Standort aus gut zu erkennen waren. Hatte Mary im Vorbeifahren hier ein ihr bekanntes Fahrzeug entdeckt und war umgekehrt, um nachzuschauen? So musste es gewesen sein! Sie hatte gehalten, das andere Fahrzeug vor sich im Scheinwerferlicht. Wenn ein Unbekannter im anderen Wagen gesessen hätte, wäre sie wohl kaum ausgestiegen. Mary hatte ihren Mörder gekannt!
*    *
*
Sechstes Kapitel
Frau Lena brach ihren Urlaub ab. Die Beisetzung sollte auf der Familiengrabstätte der Seldorns im Dorf erfolgen, Anlass für ein großes Familientreffen der Seldorns, für das Frau Lena ihre Vorbereitungen treffen musste. Sie spannte Kay mit ein. In zwei Zimmern stellten sie zusätzliche Kinderbettchen auf, und im Dachgeschoß richteten sie weitere Mansarden als Gästezimmer her.
Dass Kay keine Windeln trug, merkte Frau Lena erst, als er zwischendurch zur Toilette ging.
„Sag' mal, hast du denn gar nichts untenrum an?“ fragte sie.
Kay versuchte ihr zu erklären, weshalb er seit Marys Tod trocken geblieben war. Er gestand ihr auch, seitdem nicht mehr in seinem Kinderzimmer geschlafen zu haben.
„Oh du mein Süßen, das musst du man nicht machen!“
Lena schlang ihre kompakten Arme um Kay.
„Mary hätte das sicher auch nicht gewollt. Dass sie tot ist, heißt ja noch lange nicht, dass du kein kleiner Windelschieter mehr sein darfst. Bis du wieder jemanden gefunden hast, werde ich als deine Tante Lena die Mary ersetzen. Geh' schon vor auf dein Zimmer, ich komm' gleich!“
Kay brauchte nicht lange zu warten. Frau Lena – nein, Tante Lena – erschien mit einem Stapel Tücher über dem Arm.
„Jetzt werden wir dich mal richtig wickeln, so wie ich es früher gelernt hab´“, sagte sie und begann diverse Kinderbettlaken und Mulltücher zu legen und zu falten.
„Ich hab' so viel zu tun, da müssen die Windeln schon ein bisschen länger vorhalten“, erklärte sie, „und der alten Methode vertrau' ich eben mehr als dem neumodischen Papierkram.“
Sie cremte und puderte ihn sorgfältig, legte ihm die Windeln an und sicherte sie mit einer straff um seinen Bauch gewickelten Mullbinde gegen ein Verrutschen. Die Windeln füllten sein bauschiges rosa Gummihöschen voll aus. Als Lena fertig war und Kay aufstand, konnte er nur breitbeinig herum tapsen, wie ein kleines Kind, das eben Laufen lernt. Mit Mühe gelangte er wieder in den Overall. Unten, vor dem Spiegel, fand er seine Befürchtungen bestätigt: Das Windelpaket zeichnete sich überdeutlich unter dem Overall ab. Lena trat hinter ihn.
„Für heute muss das so geh'n! Morgen such' ich dir einen größeren Overall heraus“, beschwichtigte sie ihn und gab ihm einen Klaps auf den wohlverpackten Hintern.
Nach der Schule kam Betti vorbei, um zu helfen. Kay hatte sich inzwischen an seine neue Windelung gewöhnt und begrüßte Betti unbefangen. Frau Lena, die neben ihnen stand und bemerkte, wie Betti auf Kays Hose starrte, fuhr ihre Nichte an:
„Glupsch' nicht so, als hättest du noch nie jemanden in Windeln gesehen! Komm' am besten auch gleich mal mit!“
Betti wurde wieder einmal rot. Frau Lena ging mit ihr in den Stallanbau. Kay schien, als folgte Betti sehr bereitwillig ihrer Tante. Er konnte sich vorstellen, was Frau Lena dort mit Betti vorhatte. Und Betti würde bei dieser Gelegenheit Kays Zimmer sehen, sein Gitterbettchen, seine Puppe (aber von der wusste sie ja schon) und all die kindlichen Dinge, mit denen Mary die ehemalige Kutscherkammer in ein Kinderzimmer verwandelt hatte. Kay war erleichtert, als Frau Lena ihn anschließend mit Aufträgen außerhalb des Hauses beschäftigte.
Bevor es dunkelte, schickte Frau Lena Betti zurück ins Dorf.
„Ich kann sie doch fahren“, schlug Kay vor.
Aber eine offenbar besorgte Tante Lena wies das Angebot zurück:
„Das lass' man bloß nach! Ich pass' schon auf, dass ihr zwei keine Dummerhaftigkeiten zusammen macht!“
*    *
*
An einem der nächsten Tage musste Kay die beiden zum Hansenhof fahren. Frau Lena, die er nur ‚Tante‘ nannte, wenn sie allein waren, wollte einige Aushilfskräfte für den Tag der Beerdigung einstellen. Der genaue Termin stand allerdings noch nicht fest. Den Ausländern, die jetzt auf dem Resthof lebten, sah man an, dass sie untereinander verwandt waren. Als er sie sah, durchzuckte Kay blitzartig die Erkenntnis, dass es Marys Verwandte waren!
Kay wartete beim Wagen auf Frau Lena und Betti. Er hatte nicht mit hineingehen wollen. Tante Lena hatte ihn zwar nicht mehr ganz so unförmig wie beim ersten Mal gewickelt und der Overall, den sie ihm gegeben hatte, deckte seine Windelpackung ganz gut ab, dennoch ging er noch immer etwas breitbeinig. Während Kay sich am Wagen zu schaffen machte, sprach ihn ein etwa achtzehnjähriger Bursche an:
„Kannst du mich nachher mitnehmen?“
Er hatte die gleichen Augen wie Mary.
„Ich muss zurück zur Hauptstadt. Nur bis zum Bahnhof, okay? Dort kann ich den Zug nehmen.“
Kay versprach es ihm. Aber zuerst müsse er Frau Lena und ihre Nichte zurückfahren, was ja kein großer Umweg sei.
Der junge Mann hieß Yekta, was in seiner Sprache ‚der Erste‘ bedeutete. Seine Eltern wohnten in der Stadt, und er ging zur Oberschule – als einziger seiner ganzen Verwandtschaft –, wie er beiläufig, aber mit gewissem Stolz, erwähnte.
Nachdem Kay Betti beim Eggerthof und Frau Lena auf Bornhude abgesetzt hatte, fuhr er mit Yekta zum Bahnhof. Während der Fahrt erfuhr Kay, dass Yekta mit der Tochter seines Großonkels verlobt sei. Es solle sie gleich nach dem Abitur heiraten.
„Wir wurden schon als Kinder versprochen. Unsere Eltern haben das untereinander ausgemacht. Aber wenn ich meine Braut sehen will, muss ich ihre Familie besuchen, und es ist immer jemand dabei, ich darf nie mit ihr allein sein!“ beklagte er sich.
„Warum suchst du dir dann nicht selbst ein Mädchen, mit dem du auch allein ausgehen kannst?“ wunderte sich Kay.
„Zum Ausgehen und so, null Problemo, verstehst du?“ gestand Yekta. „Aber zum Heiraten, das geht nicht, dann krieg' ich Zoff mit meiner Familie und allen Verwandten.“
„Mensch, ihr lebt doch hier in Deutschland“, ereiferte sich Kay, „machen denn da eure Mädchen mit?“
„Na und? Wir leben hier in Deutschland, aber müssen wir deshalb alles gut finden und nachmachen, was hier so läuft?“
Yekta schien schon oft auf diese Frage geantwortet zu haben.
„Wir hoffen, dass sich eines Tages die politischen Verhältnisse ändern, und wir können wieder zurück in unser Dorf. Sollen wir dann Fremde sein in unser Heimat? Das sehen auch die Mädchen ein.“
Yekta stieß die Luft scharf durch die Nase.
„Bei uns zu Hause, dort kümmert sich der Staat nicht so um alles wie hier, weißt du. Wir müssen uns selbst helfen. Da muss jeder wissen, wenn er sich mit einem von uns anlegt oder seine Ehre verletzt, hat er es mit dem ganzen Klan zu tun.“
„Ehre verletzt – was meinst du damit?“ fragte Kay nach.
„Also, zum Beispiel, wenn sich jemand an eine von unseren Frauen 'ranmacht, vorausgesetzt, die hat sich richtig benommen und nichts angefangen. Sonst ist sie selber dran.“
Kay erfuhr, dass der Klan von Yekta über fünfzig Mann stark war und dass sie alle einen gemeinsamen Urgroßvater hatten. Bei der Zahl war sich Kay nicht sicher, ob sämtliche Personen oder nur die Männer gemeint waren. Bis auf einen Onkel, der schon früher das Dorf verlassen hatte und der jetzt in einer Stadt sein Geschäft hatte, lebten alle in Deutschland.
„Schon lange?“ wollte Kay wissen.
„Ein Teil von uns schon. Die sind als Arbeiter hierher gekommen und haben ihre Familien nachgeholt. Ein paar sind auch wieder zurück. Aber dann, letztes Jahr, da bekam das Dorf Ärger mit dem Militär und alle mussten weg. Wir haben hier Geld gesammelt, damit unsere Leute nach Deutschland kommen können. Das ging aber nicht sofort. Die durften erst jetzt ausreisen.“
Ob alle hier im Norden lebten, fragte Kay. Hier lebten nur die Männer, die als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen waren, und ihre Familien. Die Neuankömmlinge waren in Aachen und Umgebung auf mehrere Heime verteilt worden.
„Und, habt ihr ein großes Wiedersehensfest gefeiert?“
„Bisher noch nicht. Die dürfen dort nicht weg, weil ihre Asylanträge noch laufen. Aber trotzdem waren schon welche zu Besuch hier. Neulich, da hab' ich bei meinem Onkel zwei Cousins getroffen, die ich noch gar nicht kannte. Die waren extra mit dem Auto hergefahren, um uns kennenzulernen, für die war die Verwandtschaft wichtiger als Behörde.“
„Warst du denn nie bei euch im Dorf, dass du diese beiden Vettern nicht kanntest?“
„Doch, klaro Mann, fast immer in den Ferien, außer in den letzten Jahren – wegen der Politik, du verstehst? Aber die waren in der Stadt. Ihre Papas sind vor zwanzig Jahren von hier zurück nach Hause und haben geheiratet. Aber sie bekamen Trouble im Dorf und sind in die Stadt und erst viel später wieder ins Dorf. Deshalb, weil ich schon seit dem Kindergarten in Deutschland bin, hab ich meine Cousins nie getroffen!“ erklärte Yekta.
Als sie schon am Bahnhof hielten, stellte Kay noch schnell eine letzte Frage:
„Habt ihr Mary, ich meine Mary Seldorn, auch besucht und sie euch?“
Yekta zögerte bevor er antwortete:
„Die, die gehörte nicht zu uns!“
Danach verabschiedete er sich hastig und stieg aus.
*    *
*
Auf dem Rückweg vom Bahnhof fielen Kay die Kinder an der Kreuzung auf. Er erinnerte sich, dass er jedesmal, wenn er hier in den Weg zum Dorf eingebogen war, Kinder gesehen hatte, die sich die Kennzeichen der vorbeifahrenden Wagen notierten. Einer plötzlichen Eingebung folgend hielt er an und schlenderte zu den Kindern hinüber. Die Kinder blickten ihm misstrauisch entgegen. Sie hatten wohl schon Erfahrungen mit verärgerten Autofahrern.
„Spielt ihr Nummern aufschreiben?“ fragte Kay wie beiläufig.
Zögernd bejahten sie.
„Hab' ich früher auch gespielt! Ich bin immer auf eine Autobahnbrücke gegangen, da kam ich gar nicht mit dem Schreiben mit. – Kommen hier denn auch mal Autos aus anderen Gegenden vorbei?“
„Na ja, ab und zu. Meist welche aus Dänemark!“
Ein etwa neunjähriger Junge berichtete Kay voller Begeisterung, dass er erst neulich ein Auto mit einem Kennzeichen ganz aus dem Westen aufgeschrieben habe.
„Aus der Gegend von Aachen“, unterbrach ihn ein älterer Junge.
Unbeirrt redete der Knirps weiter:
„Ein alter Passat war das, eine richtige Rostlaube!“
Kay sah wieder Marys versteinertes Gesicht vor sich, während sie einen braunen WV-Passat von der Straße drängte.
„Wisst ihr auch noch, wann das war?“
Sie hatten diesen Wagen mehrmals gesehen, zuletzt am Sonntag der vergangenen Woche. In der Nacht vom Sonntag auf Montag war Mary ermordet worden.
„Habt ihr auch gesehen, wer im Wagen saß?“
Wieder antwortete der Neunjährige:
„Immer zwei Männer!“
Er konnte sie nicht näher beschreiben, außer dass es noch sehr junge Männer gewesen waren. Ein älteres Mädchen war sich ihrer Sache sicher:
„Die gehörten zum Hansenhof! So wie die ausgesehen haben!“
*    *
*
Als der graue Audi den Zufahrtsweg heraufkam, ahnte Kay schon, wen er jetzt kennenlernen würde. Er mähte gerade den Rasen vor dem Haupthaus, der sich durch den Regen in den letzten Tagen erholt hatte und wieder kräftig nachgewachsen war.
Armin Seldorn war breiter und massiger als sein Bruder. Rote Äderchen durchzogen ein Gesicht mit unternehmungslustig funkelnden dunkelbraunen Augen. Seine Anwesenheit auf Bornhude, besonders vor der anstehenden Beerdigung, war nichts Ungewöhnliches. Dennoch hielt sich Kay bereit, weil er vermutete, dass Armin Seldorn seinetwegen gekommen war. Er war daher auch nicht überrascht, als er nach dem Abendessen zum Kognak in die Bibliothek eingeladen wurde. Armin Seldorn steckte sich eine Zigarre an und hielt Kay das Zigarrenetui auffordernd hin. Kay wählte ein leichteres Zigarillo.
Den Kognakschwenker in der Hand, in einem tiefen Ledersessel zurückgelehnt und von blauen Zigarrenrauchschwaden umhüllt, sagte Armin Seldorn:
„Mein Bruder hat mich angerufen. Sie wissen von dem Kind und haben die eine oder andere Andeutung über Mary und mich aufgeschnappt. Wir sind übereingekommen, dass ich Ihnen erzähle, was passiert ist, ehe Sie von anderer Seite eine möglicherweise verzerrte Version hören!“
Mary, ihr eigentlicher Name klang genauso, wurde aber ‚Meri‘ geschrieben, war vor einundzwanzig Jahren ein lebenshungriges sechzehnjähriges Mädchen gewesen, das aus den engen Fesseln ihrer Familie herauswollte. Sie kannte Armin Seldorn, für den ihr Vater und ihre Brüder arbeiteten, und sie wusste, dass er gerne auf die Jagd ging. Eines Tages war sie bei seinem bevorzugten Hochsitz am Waldrand zu den Wiesen um Bornhude aufgetaucht.
„Erst viel später wurde mir klar, dass sie nichts von mir wollte – jedenfalls nicht das, was ich glaubte. Sie wollte mich wohl nur am Schießen hindern. Nachdem sie dann hier lebte, durfte ich hier nicht mehr jagen.“
Kay erinnerte sich an die Bemerkung von Mary, dass sie keinem Tier etwas zuleide tun könnte.
„Na ja“, fuhr Armin Seldorn fort, „jedenfalls hat sie sich nicht sehr gesträubt, als ich sie küsste. Nur küsste!“ betonte er.
„Ob Sie mir glauben oder nicht, mehr geschah nicht an diesem Abend! Aber sie kam wieder, und da passierte es dann!“
Er schenkte Kognak nach, ehe er weiter erzählte.
„Es war eine wilde Leidenschaft zwischen uns – wir können doch wie Männer miteinander reden? Sie wissen doch auch, wie leidenschaftlich Mary war!“
Kay blieb die Antwort schuldig.
„Mary wusste, dass ich verheiratet war und eine kleine Tochter hatte und dass ich mich nicht scheiden lassen würde“, setzte Armin Seldorn seine Beichte fort.
Die Schwierigkeiten begannen, als Marys Familie entdeckte, dass sie schwanger war. Ihr Vater und ihre Brüder wollten von ihr wissen, wer ihr das angetan habe. Aber Mary schwieg. Daraufhin wurde sie beschimpft, geschlagen und eingesperrt. Vater und Brüder beschlossen, Mary zu töten, weil sie die Familie entehrt hatte. Nur fand sich niemand bereit, das Femeurteil sofort zu vollstrecken.
„Ich weiß nicht, ob Sie das auch erlebt haben“, unterbrach Armin Seldorn seinen Bericht, „aber wenn Mary wütend war, konnten ihre Augen in einer Weise aufblitzen, die einem Angst einjagte. Ihre Leute hatten unheimlichen Respekt vor diesen Augen. Sie glaubten, dass Mary den ,bösen Blick‘ habe und jedem, den sie anfunkelte, Böses anhexen konnte.“
Kay hatte Antworten auf ein paar der Fragen bekommen, die ihn beschäftigten.
„Und wie ging's weiter?“ drängte er.
„Mein Waldaufseher – Sie kennen ja bereits den Herrn Panteleit –, der die Arbeiter im Wald einsetzte, hatte etwas mitbekommen und Mary zur Flucht verholfen.“
Mary kam in ein Heim, wo sie das Kind zur Welt brachte. Marys Vater hatte vor Aufregung einen Herzanfall bekommen und war gestorben. Vor seinem Tod hatte er jedoch noch Mary als Tochter verstoßen und prophezeit, dass die Familie so lange von Unglück verfolgt werde, bis durch Marys Tod ihre Ehre wiederhergestellt sei.
„Wir mögen das lächerlich finden, aber seine Söhne nahmen die Worte ihres sterbenden Vater sehr ernst. Mit falschen Versprechungen versuchten sie Mary zurückzulocken. Als das nichts nutzte, wollten sie Mary entführen. Unterdessen hatte auch meine Mutter von der Sache erfahren und, da sie mich ja kannte, mir auf den Kopf zugesagt, dass ich der Vater sei. Ich musste ihr alles beichten. Daraufhin nahm sie kurz entschlossen Mary und das Kind bei sich auf und stellte sie quasi unter den Schutz unserer Familie. Im Jahr darauf gingen Marys Brüder zurück in ihre Heimat. Nachdem dann mein Bruder Mary geheiratet hatte, schien sich alles wieder eingerenkt zu haben. Die Verwandten von Mary, die weiter hier arbeiteten, pflegten zwar keine verwandtschaftlichen Kontakte mit ihr, respektierten sie jedoch als Frau Seldorn. Einige jüngere Frauen bewunderten Mary sogar, weil ihr der Ausbruch aus der starren Tradition gelungen war. Sie arbeiteten gerne als Aushilfskräfte auf Bornhude, weil sie dadurch – natürlich inoffiziell – mit Mary in Kontakt bleiben konnten.“
„Ach, deshalb war Frau Lena wegen der Aushilfskräfte auf dem Hansenhof!“ dämmerte es Kay. „Sie können dadurch indirekt auch an Marys Beerdigung teilnehmen.“
„Unsere Lena hat manchmal ganz gute Einfälle“, bestätigte Armin Seldorn.
„Und jetzt sind die Brüder von Mary plötzlich wieder in Deutschland aufgetaucht und Sie und Ihr Bruder hatten Angst um Mary“, nahm Kay den Faden wieder auf.
„Sie wissen das auch schon? Ja, wir, das heißt Herr Panteleit, hatte von seinen Arbeitern erfahren, dass sie wieder in Deutschland sind und auch, dass sie noch immer hinter Mary her waren.“
„Aber Marys Brüder waren nicht die Mörder!“
„Nicht? Wer denn sonst?“ fragte Armin Seldorn überrascht.
Kay erzählte ihm, was er erfahren und herausgefunden hatte.
Als sie sich gegen Morgen trennten, waren sie beide nicht mehr ganz sicher auf den Beinen. Zuletzt hatten sie nur noch über Mary gesprochen, wie leidenschaftlich sie gewesen war und dass sie von ihnen beiden voll und ganz Besitz ergriffen hatte, wenn auch zu verschiedenen Zeiten. In seiner Kammer ließ sich Kay unvollständig entkleidet ins Bett fallen. Um ihn drehte sich alles und er konnte nur mit Mühe seinen Magen beruhigen.
„Schämst du dich denn gar nicht?“
Lenas laute Stimme riss Kay aus dem Schlaf. Er wusste nicht, was sie meinte. Sie hatte sein Deckbett zurückgeschlagen und schimpfte weiter:
„Du hast dich ja von oben bis unten nass gemacht!“
Erst jetzt fühlte Kay, wie die nasse Unterwäsche kalt an seinem Körper klebte.
„Als wenn ich im Augenblick nicht schon genug Arbeit hätte! Du hast doch alles hier, damit das Bett trocken bleibt. Aber was macht der Herr? Er legt sich ungeschützt ins Bett und pieschert hinein! Pfui, schämen solltest du dich!“
Kay begann sich zu erinnern. Er hatte gestern vor dem Abendessen geduscht und danach keine Windeln angelegt, weil er sich geniert hatte, Armin Seldorn in Windeln gegenüberzusitzen. Und nachher im Bett hatte er völlig vergessen, dass er ungewindelt war.
Kays neue Tante drehte ihn auf den Bauch und klatschte ihm einige kräftige Schläge mit der Hand auf das Hinterteil.
„Lass dir das eine Lehre sein, nie wieder ohne Windeln ins Bett zu gehen!“ keuchte sie. „Beim nächsten Mal nehm' ich den Teppichklopfer!“
*    *
*
Raimund und Armin Seldorn, letzterer mit Frau und Kindern, trafen am Montag auf Bornhude ein. Am Mittwoch sollte Mary beigesetzt werden. Für Dienstag hatte sich Oberkommissar Holm angekündigt, um die Seldornbrüder über den neuesten Stand der Ermittlungen zu informieren. Raimund Seldorn bat Kay, dabei anwesend zu sein.
Wenn Oberkommissar Holm erstaunt war, dass außer Raimund und Armin Seldorn auch Lena Eggert und Kay Jürgens zugegen waren, dann ließ er es sich jedenfalls nicht anmerken. Die Männer hatten es sich in den Ledersesseln um den Rauchtisch in der Bibliothek bequem gemacht und Frau Lena schenkte Raimund Seldorn Tee, den anderen und sich Kaffee ein. Kommissar Holm sprach Raimund Seldorn nochmals sein Beileid aus, dann kam er zum eigentlichen Anliegen seines Besuchs.
„Es mag zwar kein Trost für Sie sein, Herr Seldorn, aber vielleicht beruhigt Sie zu wissen, dass wir den Täter gefasst haben“, begann er umständlich.
„Den Täter?“ fiel ihm Armin Seldorn ins Wort.
Sein Bruder winkte ab und nickte Herrn Holm zu. Der fuhr im Protokoll-Diktierton fort:
„Am Freitag hat sich ein gewisser ... „, er blätterte in seinem Notizbuch, „ein gewisser Nuri in Begleitung eines Dolmetschers bei der Polizei in Aachen gemeldet und sich mit einem gültigen Pass ausgewiesen, aus dem hervorging, dass er noch nicht volljährig ist. Er gab an, seine Tante erschossen zu haben, weil sie Unglück über die Familie gebracht hatte. Zur Sache befragt, sagte er aus, dass er die Tat alleine begangen und zur Durchführung bei einem Bekannten eine Waffe gekauft sowie von Freunden einen Wagen geliehen habe. Die Tatwaffe habe er weggeworfen, den Wagen wieder zurückgebracht. Seine Angaben werden noch überprüft. Was er bisher zum Tathergang aussagen konnte, stimmt mit unseren Rekonstruktionen weitgehend überein.“
Bis jeder Anwesende den von Kommissar Holm aufgesagten Text in seine eigene Sprache übersetzt hatte, herrschte Schweigen.
Armin Seldorn fing sich als erster:
„Der will uns doch 'was vormachen!“
„Möglich“, antwortete Kommissar Holm wieder in normalem Tonfall, „aber das heißt noch lange nicht, dass ich etwas anderes beweisen kann!“
„Doch, Sie können zum Beispiel beweisen, dass zwei Personen in dem Wagen gesessen haben, aus dem auf Mary geschossen wurde!“ kam Raimund Seldorn in Fahrt. „Unser junger Freund hier kann es Ihnen erzählen!“
Er deutete auf Kay. Kommissar Holm hob die Augenbrauen und sah zu Kay hin.
„Ach, unser Unglücksrabe! Mit Ihrem Auftauchen haben Sie mächtig für Verwirrung gesorgt. Wir mussten Sie überprüfen, und bis wir uns ein Bild von Ihnen gemacht hatten, haben wir Sie observiert.“ Kay dachte nach, wo er beschattet worden war.
„Die Bauarbeiter!“ fiel ihm ein.
Der Kommissar nickte:
„Die auch. Wir haben mit Unterstützung von Herrn Armin Seldorn die Baustelle hier in der Nähe eingerichtet, um von dort Bornhude beobachten zu können, ohne Verdacht zu erregen. Sie haben den jungen Kriminalanwärter ganz schön erschreckt, als Sie von hinten an ihn 'rangeschlichen sind.“
Ungeduldig forderte Armin Seldorn Kay auf, seine Kombinationen von neulich Abend zu wiederholen.
„Zwei Söhne von Marys Brüdern sind hier aufgetaucht – und Mary hat es gewusst. Als sie mich vom Bahnhof abholte, hat sie die beiden im Auto erkannt, vielleicht an der Familienähnlichkeit, vielleicht war ihr aber auch der Wagen beschrieben worden.“
Kay erwähnte den Vorfall während der Fahrt, die Kinder, die Autokennzeichen notiert hatten und vergaß auch Yektas Information über die beiden unbekannten Vettern nicht. Armin Seldorn wandte sich an den Kommissar, der sich Notizen machte:
„Die beiden Neffen von Mary waren anscheinend schon hier in der Gegend, als wir Sie eingeschaltet haben. Der Hinweis aus dem Kreis von Marys hiesigen Verwandten an Herrn Panteleit, dass Marys Brüder etwas planten, hatte also einen ganz realen Anlass gehabt. Mary während der Urlaubszeit sicherheitshalber aus Bornhude fortzuschaffen, war an sich eine gute Idee. Wenn sie nur nicht wieder hergekommen wäre!“
Armin Seldorns Worte veranlassten den Kommissar zu der Bemerkung:
„Auf Grund Ihrer Informationen haben wir in Aachen die Brüder von Frau Seldorn durch Kollegen beobachten lassen. Wer konnte denn ahnen, dass ein Kid...?“ Er verstummte.
In die sich aufbauende Spannung hinein setzte Kay seine Kombinationen fort:
„Am Sonntag muss Mary wohl bei der Rückfahrt das Auto ihrer Neffen auf dem Parkplatz wiedererkannt haben und umgekehrt sein. Vielleicht suchte sie die Entscheidung. Vielleicht hoffte sie, die beiden einschüchtern zu können, ihnen Angst vor ihren ,übernatürlichen Kräften‘ einzujagen. Wenn ihr das gelungen wäre, hätte sie wohl gewonnen gehabt – für immer. Aber einer der beiden schoss in panischer Angst vor Marys ,bösen Blick‘ auf ihre Augen. Das erklärt die Schüsse ins Gesicht!“
Raimund Seldorn hatte sich bei Kays Ausführungen interessiert vorgebeugt.
„Ich verstehe nur nicht, warum Marys Brüder so lange gewartet haben. Sollte man nicht meinen, dass ein alter Groll nach einundzwanzig Jahren eingeschlafen ist?“ 
Die Antwort auf einen Teil der Frage fiel Kay leicht.
„Marys Brüder waren nach der Rückkehr in die Heimat anscheinend nicht sehr erfolgreich. Sie glaubten daher wohl immer noch, das Mary an ihrem Unglück Schuld sei und es erst mit ihrem Tod enden würde.“
Kay überlegte sich, weshalb sie die Tat nicht schon früher begangen hatten. Hatten sie keine Gelegenheit gefunden und war ihnen der Zufall einer neuerlichen Anwesenheit in Deutschland zu Hilfe gekommen? Kay schien beides möglich, aber nach allem, was er von Yekta über die Sitten in Marys ursprünglicher Heimat erfahren hatte, zu vordergründig. Er hatte einen Einfall:
„Sieben ist schon eine in der Bibel erwähnte mystische Zahl, und einundzwanzig ist durch sieben teilbar!“
Oberkommissar Holm räusperte sich:
„Da haben Sie ja Einiges herausgefunden und, wie mir scheint, ganz gut zusammenkombiniert!“
Frau Lena blickte Kay voller Stolz an, als hätte sie soeben erfahren, dass ihr Lieblingsneffe Klassenbester geworden sei. Gleich darauf regte sie sich auf:
„Was sind das nur für Väter, die ihre Söhne zu so etwas zwingen?“
Alle Blicke konzentrierten sich auf Kay.
„Der Täter, der sich gestellt hat, ist minderjährig, sagten Sie?“ vergewisserte sich Kay beim Kommissar.
„Er wird also von allen in Frage kommenden Personen die geringste Strafe erhalten. Und er hat keine Familie. Während er seine Strafe absitzt, fällt also kein Ernährer aus!“
„Sie sollten sich bei uns melden, wenn Sie mal Arbeit suchen!“ empfahl ihm Oberkommissar Holm.
Das Gespräch begann in Einzelunterhaltungen zu zerflattern, und der Kriminalbeamte verabschiedete sich. Raimund Seldorn begleitete ihn hinaus. Kay wollte ebenfalls gehen, aber Armin Seldorn hielt ihn zurück. Auch Frau Lena blieb. Als Raimund Seldorn wiederkam, ergriff sein Bruder das Wort:
„Kay, nennen Sie es Zufall oder Schicksal, aber Sie sind von uns drei Männern hier der letzte, der in Marys Leben eine Rolle gespielt hat. Wenn sie noch lebte, wären Sie vermutlich ein gern gesehener häufiger Gast hier auf Bornhude geworden. Raimund und ich, wir wollen Ihnen anbieten, dieser Gast zu werden, auch wenn Mary nicht mehr lebt – sozusagen in ihrem Angedenken als Erfüllung eines letzten Wunsches.“
„Ein Zimmer hat er ja schon!“ platzte Frau Lena heraus.
Sie sah Kay an: „Na, Kay, was sagt mein Süßen dazu?“
„Na denn, dann will ich man wohl gerne kommen, Tante Lena!“ ahmte Kay sie nach.
*    *
*
Nachwort
An der Beerdigung nahm das Dorf geschlossen teil. Eine kleine Gruppe von Männern und Frauen hielt sich abseits. Unter ihnen befand sich auch Yekta. Die meisten Männer hatten Schnurrbärte, Schirmmützen und schlecht sitzende Krawatten, die Frauen trugen Kopftücher. Mit ihrer Anwesenheit zeigten sie, dass sie sich vom Täter und seinem Zweig des Klans distanziert hatten.
Während des allgemeinen Aufbruchs nach der Beerdigung drängte sich Betti zu Kay durch. Sie drückte ihm ein flaches Päckchen in die Hand.
„Für das zerrissene!“ raunte sie ihm zu. „Ich hab' genau das gleiche auch für mich ausgesucht.“
Mit üblichem rotem Kopf hastete sie davon.
E N D E
 
 

 

 

Der Tod in Pampers  

...ereilt einen Babyboy im Wald. In diesem Babykrimi von Wia stören eine Leiche in Hamburg und ein toter Babyboy das ländliche Babyparadies von Kay. Als auch noch auf Kay geschossen wird, bekommt der Teenager Betty Angst.  Sie gesteht Kay, dass sie seine Babypuppe sein möchte. Er muss sich als Mädchen verkleiden und lernen, seine neue Puppe zu swindeln. 
Nebenbei klärt er einen Mord auf. 
Erschienen 2003 im Esté Media Verlag, Wiesbaden, Format A5, 74 S..

Personen:

Kay Jürgens        – kann nur in Windeln kombinieren

Lena Eggert        – verwirklicht eigene Vorstellungen

Betti Eggert         – liebt nasse Windeln und Kay

Raimund Seldorn – bleibt das Herz stehen

Armin Seldorn     – ist nicht nur geschäftlich viel unterwegs

Uwe Martens      – schnitt früher Rosen, jetzt schießt er Böcke

F. W. Holm        – löst vor seiner Pensionierung noch einen Fall

Florian Björne     – ist der Anlass des Romans

 
 
 Durch ein Versehen bei den Vorbereitungen zum Druck des letzten Krimis erschien der Arbeitstitel des Verlags auf dem Umschlag. Bemerkt wurde es erst, als es bereits zu spät war. Außer Wia hat sich niemand darüber beschwert. Warum sollte daher im Titel des zweiten Windelkrimis nicht wiederum „Kim“ auftauchen – als Wiedererkennungseffekt? Denn der zweite Windelkrimi handelt von einem neuen Fall des Studenten Kay, der auf Bornhude sein Windelparadies gefunden hat.
Die Fans von Kay, Lena und Betti wissen aus dem ersten Windelkrimi unterdessen sicher, wo Bornhude liegt. Für diejenigen Leser, die es noch nicht herausgefunden haben: Bornhude liegt irgendwo in der Gegend von Nortorf in Schleswig-Holstein.
Auch diese Geschichte ist von A-Z erfunden. Aber die Realität besitzt bisweilen viel Phantasie. So brauchten nur gewisse Zutaten gemischt, Orte und Namen untergemengt und das Ganze mit einem Schuss Babyphantasie abgeschmeckt zu werden. Guten Appetit beim Lesen!
 
 
 
Das Erste Kapitel
– beschreibt das Leben von zwei jungen Menschen in Windeln und einem anrüchigen Fund in Hamburg.
Das Zweite Kapitel
– setzt unseren Helden in völlig durchnässten Hosen einer (fast) tödlichen Gefahr aus.
Das Dritte Kapitel
– lässt den treuen Hund Truva einen toten Babyboy im Wald aufspüren.
Das Vierte Kapitel
– beweist, dass man auch in Windeln weiß, wie man zur Sache kommt.
Das Fünfte Kapitel
– schildert, wie ein bewährtes Team die Lösung findet und was heruntergezogene Hosen bedeuten.
 
Erstes Kapitel
Es war Freitag, und der Dreizehnte dazu! Lena Eggert schaute aus dem Küchenfenster des neoklassizistischen Herrenhauses auf dem Landsitz Bornhude. Sie war jetzt über sechzig Jahre alt, wie viele Jahre darüber, gab sie ungern zu. Ihr rundes Gesicht mit der frischen Farbe und ihr lebhaftes Wesen, das im Widerspruch zu ihrer untersetzten, etwas zur Fülle neigenden Figur stand, ließen sie jünger erscheinen, als sie es der Eintragung im Ausweis nach war.
Jetzt war Lena beunruhigt. Nicht wegen des Datums, sondern weil sie seit sechs Wochen nichts von Raimund Seldorn gehört hatte. Ihm und seinem Bruder Armin gehörte das Anwesen, auf dem sie Wirtschafterin war. Raimund hatte sich nach dem Tod von Mary vor drei Jahren wegen seiner Herzprobleme vorzeitig pensionieren lassen. Im vorigen Jahr, nach dem Tod seiner Mutter, hatte er die Wohnung in Neumünster aufgelöst und war nach Hamburg gezogen. Lena ahnte, weshalb Raimund die Anonymität der Großstadt suchte. Sie kannte sein Geheimnis seit ihrer gemeinsamen Kindheit im Dorf.
Gewöhnlich rief Raimund von Zeit zu Zeit an oder er kam auf einen Sprung vorbei. Vergeblich hatte Lena versucht, ihn telefonisch zu erreichen. Das kommende Wochenende wollte sie ihm noch als Frist geben. Wenn er sich bis dahin nicht gemeldet oder sie ihn erreicht hatte, wollte sie am Montag zu einem Einkaufsbummel nach Hamburg fahren. Kurz vor dem Sommerschlussverkauf hatten die meisten Warenhäuser ihre Preise schon reduziert. Bei dieser Gelegenheit wollte sie auch nach Raimund sehen.
Auf dem Postamt im Dorf hatte Lena einen großen, an Raimund Seldorn adressierten Brief erhalten. Bornhude war zwar Raimunds offizieller Zweitwohnsitz, aber Post bekam er kaum hierher, höchstens Werbung. Auch bei diesem Brief mit der aufgedruckten Adresse ohne Absender schien es sich um Werbung zu handeln. Der Brief war in Hamburg abgestempelt. Lena wollte ihn mitnehmen, wenn sie zu Raimund fuhr.
„Autsch!“
Betti Eggert, Lenas Nichte, hatte sich gestoßen. Lena pflegte von ihr zu behaupten, dass sie mit dem Allerwertesten wieder einreiße, was sie mit den Händen aufbaue. Dabei gab sich Betti alle Mühe, nicht so ungestüm und tollpatschig zu sein. Vergeblich. Sie war einfach der Pechvogel vom Dienst! Für sie hatte der Unglücksfreitag schon gestern begonnen. Ihr Daumen war beim Brotschneiden wieder einmal im Weg gewesen! Ständig hatte sie blaue Flecke, zerschundene Beine und zerschnittene oder verbrannte Finger. Aber da sie meistens wie ein Junge gekleidet herumlief, fiel es nicht sonderlich auf. Zu einem Jungen gehörten Kratzer und Schrammen.
Nach den Ferien sollte sie eine Hauswirtschaftsschule besuchen, um dann später einmal Tante Lenas Stellung zu übernehmen. Das Angebot, die Ferien auf dem Landsitz zu verbringen und Lena zur Hand zu gehen, hatte Betti sofort angenommen. Der Grund war Kay. Schon bevor sie ihn kennen gelernt hatte, war sie neugierig auf diesen Studenten aus Hamburg gewesen, von dem Tante Lena erzählt hatte, dass er auch in Windeln herumliefe – auch, denn sie war durch eine angeborene Blasenschwäche inkontinent.
Nachdenklich verzog sich Bettis sommersprossiges Gesicht mit der kleinen Stupsnase, den etwas herausquellenden wasserblauen Augen und den vorstehenden Zähnen im halb geöffneten Mund. Kay! Ihr wurde ganz flau im Magen, wenn sie an heute Vormittag dachte. Am Vormittag hatte Kay zu spüren bekommen, dass es Freitag, der Dreizehnte war. Sie sollte einen Sud aus Brenneseln und Schachtelhalm aufgießen, Lenas Geheimrezept gegen Ungeziefer und Blattkrankheiten bei den Rosen vor dem Haus. Kay hatte ihr beim Pflücken geholfen und wartete neben der Anrichte, auf der die alte Steingutschüssel mit den Zutaten stand. Statt des Topflappens benutzte Betti den Ärmel ihres Hemdes, um den Kessel mit dem kochenden Wasser vom Herd zu nehmen. Der Ärmel rutschte weg und sie setzte den Kessel abrupt ab. Ein Schwall kochend heißen Wassers schwappte auf Kays Socken. Der sprang brüllend zurück, wobei er mit dem Arm die Schüssel von der Anrichte fegte. Ein talergroßes Stück auf seinem Fuß war verbrüht.
Gleich würde Kay in seinen weichen BabyBettschühchen angehumpelt kommen, in denen er den ganzen Tag herumgelaufen war, weil er keine festen Schuhe über den von Tante Lena mit Brandsalbe, Gaze und Brandbinde verarzteten Fuß ziehen konnte. Wahrscheinlich würde er sie verlegen anlächeln. In letzter Zeit lächelte er sie stets so an, wenn er vor ihr nicht verheimlichen konnte, dass er außer Windeln und Windelhöschen auch andere, richtige Babysachen besaß. Dabei sprachen gerade seine Babysachen die Puppenmami in ihr an. Am liebsten würde sie ihn wie eine ihrer Babypuppen anziehen und versorgen!
Während der Ferien waren Kay und sie in ehemaligen Dienstmädchenkammern im Dachgeschoss des Herrenhauses von Bornhude untergebracht. Dort oben hatte auch Tante Lena ihr Zimmer. Die Kammer, in der Betti schlief, hatte Kay so anheimelnd gestaltet, dass sie ganz überwältigt gewesen war. Für sich hatte er eine andere Kammer hergerichtet, in die er aus der Kutscherkammer im Stallanbau umgezogen war. Die Idee, Kay umzuquartieren, stammte von Tante Lena. Da war sich Betti ganz sicher. Die beiden Seldornbrüder taten doch immer, was ihre Tante vorschlug. Aber warum war Kay jetzt, wo sie fast Tür an Tür schliefen, so verlegen? War es ihm peinlich, dass sie jeden Morgen sein Bett sah, wenn sie ihrer Tante beim Aufräumen half – das Gitterbett mit dem Betthimmel darüber, der Puppe, dem Plüschhasen und den vielen Saugern für Erwachsene darin? Dabei müsste sich der Blödmann doch denken können, dass sie alle seine Babygeheimnisse schon vorher gekannt hatte!
Kay saß in der Bibliothek des Herrenhauses, wo er sich zu Beginn der Ferien einen Arbeitsplatz eingerichtet und seinen Laptop angeschlossen hatte, um sich hier wenigstens an den Wochenenden mit seiner Diplomarbeit zu beschäftigen. Nach dem Grundstudium in Biologie hatte er sich für Zoologie entschieden. Sein besonderes Interesse galt den Vögeln. Heute hatte er auf Tante Lenas Anweisung hin seinen Fuß geschont und den Nachmittag am Laptop verbracht.
Seit Marys tragischem Tod durfte er jederzeit auf Bornhude Babyferien machen und Frau Lena, Tante Lena, wie er sie nannte, kümmerte sich um ihn wie um ein verwaistes Baby. Während seiner Aufenthalte ließ sie ihn nie ohne Windeln umherlaufen, brachte ihn abends in sein Kinderbettchen und gab ihm ein Gute-Nacht-Fläschchen. In diesem Sommer hatte er eigentlich in Hamburg bleiben und für seinen Abschluss lernen wollen. Als ihm jedoch Armin Seldorn eine feste Einstellung während der gesamten Ferienzeit angeboten hatte, war die Aussicht, drei Monate lang Tante Lenas mütterliche Fürsorge zu genießen, zu verlockend gewesen. Das Herrenhaus war innen und außen renovier bedürftig, und der Verwalter, der für sämtliche Arbeiten zuständig gewesen war, hatte gekündigt. Jetzt war Kay Maler, Fliesenleger, Klempner, Gärtner und Chauffeur auf dem Landsitz. Nur Pferdeknecht war er nicht mehr. Rebekka, das alte Wagenpferd, hatte kurz nach Marys Tod mit seinen langen, gelben Zähnen am letzten Scheibchen Gnadenbrot geknabbert.
Er stand auf und humpelte hinaus auf die Terrasse. Als Trostpflaster hatte Tante Lena ihren beiden Unglücksraben ein Grillessen auf der Terrasse versprochen. Es war wohl sicherer, wenn er sich um das Grillen kümmerte. Aber Betti hatte bereits den Grill aufgebaut und die Holzkohle angezündet. Sie trug ein viel zu großes, grob gelb und rot kariertes Baumwollhemd lose über den Jeans. Es kaschierte sämtliche Wölbungen an ihr, nicht nur die der Windeln unter der Hose. Über den Grill gebeugt blickte sie Kay zerknirscht entgegen. Ein Zipfel ihres Hemdes geriet in die Glut und fing Feuer. Kay eilte zu ihr und schlug die Flamme mit der Hand aus. Dann streifte er ihr das Hemd vom Körper, um die noch glimmenden Ränder des Brandloches mit Wasser zu löschen. Zum Glück hatte sich Betti nicht verletzt, aber sie hatte einen Schock bekommen. Stocksteif stand sie vor dem Grill, ohne daran zu denken, dass sie unter dem Hemd nichts angehabt hatte. Ihre bloßen Brüste schimmerten hell im fahlen Abendlicht. In diesem Moment kam Tante Lena mit dem Fleisch auf die Terrasse. Sie sah Kay vor der halb nackten Betti knien und fragte trocken:
„Könnt ihr damit nicht bis nach dem Essen warten?“
Betti wurde rot und rannte ins Haus. Lena musste sie zum Essen wieder herausholen. Geknickt und appetitlos saß Betti herum.
„Immer muss mir sowas passieren“, klagte sie, „es war mein Lieblingshemd!“
Kay überlegte, weshalb gerade dieses Stück Bettis Lieblingshemd gewesen sein sollte. Er hatte ein ganz ähnliches an. Um sie zu trösten, fragte er:
„Willst du meines?“
Betti schüttelte heftig ihren blonden Wuschelkopf.
„Nein, nun nicht mehr!“
Verwundert schaute Kay Tante Lena an. Über deren Gesicht huschte ein flüchtiges, verständnisvolles Lächeln, auf das sich Kay keinen Reim machen konnte.
*    *
*
Lena, Betti und Kay saßen in der Sitzecke der geräumigen Küche im Erdgeschoss und tranken die letzten Schlucke ihres Frühstückskaffees. Truva, die Münsterländerhündin, lag zwischen Betti und Kay in der Ecke der Sitzbank und ließ sich abwechselnd kraulen. Wenn einer der beiden nachlässig mit den ihr zustehenden Streicheleinheiten umging, erinnerte ihn die Hündin mit einem Stups ihrer Schnauze in die Seite oder einer Pfote auf den Schoss an seine Pflichten. Außer gestreichelt zu werden liebte Truva Spaziergänge und Ausflüge. Sie begleitete Kay auf seinen Streifzügen durch den Wald, rannte hinterher, wenn Betti mit dem Rad unterwegs war und folgte Lena ins Dorf. Seit Truva dort die Bekanntschaft des phlegmatisch wirkenden Bernhardiners vom Metzger gemacht hatte, gab es rund um Bornhude eine wachsende Population von Münsterdinern und Bernhardländern.
Nach dem Frühstück durfte Kay rauchen. Er genoss die entspannte Behaglichkeit während der Frühstücke am Wochenende. Sie frühstückten später und ausgiebiger als in der Woche, dafür gab es kein Mittagessen. Tante Lena saß in ihrem geblümten Morgenmantel am Tisch, Betti und er in Jogginganzügen über den Nachtsachen. Betti hatte den Anzug von Mary an und er einen ganz ähnlichen größeren, ein Geschenk von Tante Lena. Nach dem Wecken hatte er sich lediglich die Zähne geputzt und rasiert. Auf dem Rasieren bestand Tante Lena, weil Babys nun einmal keine Bartstoppel haben. Bei früheren Gelegenheiten hatte sie ihm zum Frühstück ein Lätzchen umgebunden und ihn mit Babybrei gefüttert. Jetzt hielt sie Bettis Anwesenheit davon ab. Es wäre ihm vor dem jungen Mädchen auch peinlich gewesen, obwohl er überzeugt war, dass Betti davon wusste. Tante Lena hatte schon immer ein mitteilsames Wesen besessen.
Die kleinen Abstriche nahm Kay gerne in Kauf, denn Bettis Anwesenheit belebte die Eintönigkeit auf Bornhude. Betti war das reinste Chaotengirl, das täglich für eine neue Abwechslung sorgte. Mit ihren Missgeschicken weckte sie die Beschützerinstinkte eines großen Bruders in ihm. Natürlich hatte er bemerkt, dass Betti ihn anhimmelte, hielt es aber für einen Jungmädchenschwarm und vermied alles, was sie als Ermunterung auffassen konnte. Sie war doch noch ein Backfisch und er wollte schon ein bisschen mehr. Außerdem lebte er in Hamburg in einer ganz anderen Welt als sie hier auf dem Lande. Zwei Welten, deren einziges Verbindungsfenster seine Besuche auf Bornhude waren.
Verstohlen musterte Lena ihre beiden „Lütten“. Beide brauchten sie als Tante, Kay, weil er als Kind anscheinend zu wenig Zuwendung erhalten hatte, und Betti, weil sie an der Schwelle zur Frau stand und jemand mit ihr darüber reden musste. Lena führte lange Gespräche von Frau zu Frau mit Betti, Gespräche, die nicht für Kays Ohren bestimmt waren. Jedenfalls war das ihre, Lenas, Meinung. Heutzutage mochte das ja alles anders sein und ihre Einstellung altmodisch. Aber Betti wäre Kays Anwesenheit sicher auch unangenehm, wenn Lena ihr zeigte, wie sie trotz ihrer Behinderung auch als Frau leben konnte! Bisher, wenn Betti ihre Tante besuchte, kaum, dass Kay auf Bornhude angekommen war, hatte Lena stets darauf geachtet, dass Betti und Kay keine Gelegenheit für eine Dummerhaftigkeit bekamen. Auch das mochte heute großzügiger als früher ausgelegt werden. Aber für Lena galt nach wie vor der Spruch aus ihrer Jugend: „Bis sechzehn hat der Staatsanwalt seine Hand drauf!“ Jetzt war Betti sechzehn Jahre alt, dennoch passte Lena weiter auf. Sie wollte es Kay und Betti nicht zu leicht machen, auch wenn die beiden ihrer Meinung nach für einander bestimmt waren. Aber das sollten die selber herausfinden. Es reichte, dass sie Kay umquartiert hatte und Betti ihre Ferien hier verbringen
durfte.
Lena bemerkte, wie Betti unruhig wurde und von Zeit zu Zeit unter sich fühlte. Die Kinder hatten ja noch die Windeln von der Nacht an! Sie trank ihren Kaffee aus und meinte:
„So bei klein kann uns’ Betti wohl frische Windeln vertragen!“
Es war ihr zur Gewohnheit geworden, bei Betti, der jüngsten Tochter ihres Bruders, auf den richtigen Sitz der Windeln zu achten.
Betti sprang sofort auf und begann den Tisch abzuräumen. Als sie Lena und Kay den Rücken zukehrte, sahen sie dort, wo das Gummihöschen endete, dunkle Nässeflecke auf Bettis Jogginghose.
„Oh ha! Nu’ ward dat aber man höchste Tied!“ stellte Lena fest, schnappte sich Betti und ging mit ihr nach oben.
Kay blieb sitzen und rauchte zu Ende. Er hatte noch Zeit, bis Betti aus dem Bad kam. Erst danach war er an der Reihe, während Betti den Wickelraum benutzte. Nach Lenas Angaben hatte er eine Kammer neben dem Duschbad im Dachgeschoss zu einem Wickelraum umgestaltet, in dem auch große Babys gewindelt werden konnten.
Als er geduscht hatte, holte ihn seine Nenntante zum Wickeln ab. Sie bevorzugte aus kleineren Stücken zusammengenähte große Mullwindel, die sie so faltete, dass ein Saugpolster im Schritt entstand. Unauffälligere Höschenwindeln für Erwachsene verwendete Tante Lena nur, wenn sie in die Stadt fuhren. Aber selbst dann legte sie noch mindestens zwei zurecht geschnittene Endloswindeln in den Schritt und verzichtete auch nicht auf das Windelhöschen.
Mit einem Klaps auf seinen dick verpackten Hintern entließ ihn Tante Lena aus dem Wickelraum. Sie hatte das Saugpolster im Schritt noch mit gefalteten Babywindeln verstärkt, da sie ins Dorf radeln wollte und nicht genau wusste, wann sie wieder zurückkommen werde. Etwas breitbeinig watschelte er über den Flur in seine Kammer. In diesem Moment stürmte Betti, bereits fertig angekleidet, aus ihrem Zimmer. Es war nicht das erste Mal, dass sie ihn morgens in Windelhöschen über den Flur gehen sah. Wahrscheinlich passte sie den Moment absichtlich ab. Auch er war Betti schon einmal auf dem Flur begegnet, als sie, nur mit einem Windelhöschen bekleidet, aus dem Wickelraum gekommen war. Seitdem musste Betti einen Bademantel überziehen.
Das morgendliche Flurstürmen hatte Kay hingenommen, wie er alles, was mit Betti zusammenhing, als etwas Unabwendbares hinnahm. Dennoch war es ihm peinlich, dass sie ihn jetzt in dem robusten, mit einer Kette versehenen Höschen aus beidseitig gummiertem Stoff sah, das von einer Firma in Wedel stammte. Tante Lena hatte das Schloss an der Kette abgeschlossen und den Schlüssel eingesteckt, so dass er die Hose nur mit ihrer Hilfe wieder ausziehen konnte. Welche Konsequenzen das haben könnte, wenn Tante Lena länger wegblieb, konnte sich Betti sicher ausmalen.
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„Ogottogott, absetzen!“ stöhnte Betti.
Erschrocken setzte Kay den großen Wäschekorb ab, den sie gerade in den Garten trugen.
„Was hast du?“ fragte er besorgt.
„Nichts weiter. Es geht gleich wieder!“ presste sie hervor.
Sie kniete vor dem Korb und hielt sich mit den Händen an ihm fest. Nach einer Weile hob sie den Kopf und blickte ihn mit unsicherem Lächeln, aber sichtlich erleichtert an.
„Alles okay?“
Sie nickte und knöpfte die Latzhose auf, um ihm zu zeigen, dass auch sie ein derbes Höschen aus gummiertem Stoff trug, das mit einer Kette verschlossen war.
„Tante Lena hat immer Angst, wir beide könnten es miteinander treiben, wenn sie nicht da ist. Deshalb!“
Es war schon in Ordnung, dass Tante Lena auf ihre Art aufpasste. Ihre Tante hatte sie aufgeklärt. Stundenlang hatte sie Geschichten von Freundinnen und Verwandten erzählt, von deren Frauenproblemen, Ehen, Schlafzimmergeheimnissen. Betti hatte erfahren, weswegen die Ärzte ihrer Schwester Kati abgeraten hatten, Kinder zu bekommen und auch, welche Probleme in einer Ehe auf sie selbst zukommen würden.
Zu zweit hängten sie die schweren Wäschestücke auf die Leine. Dabei beobachtete Kay verstohlen, wie sich Betti noch breitbeiniger bewegte, als durch die Windelwulst zwischen ihren Beinen nötig war. Vielleicht hätte er sie nicht an seiner Zigarette ziehen lassen sollen, überlegt er. In der unförmigen Windelverpackung, die ihre Gesäßpartie übermäßig betonte, der verwaschenen Arbeitslatzhose, dem viel zu großen, groben Hemd, den aufgekrempelten Hemdsärmeln und der Baseballkappe sah Betti so unvorteilhaft aus, dass er Mitleid mit ihr hatte.
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Beim Kaffeetrinken am Sonntag gab Lena bekannt, was sie morgen vorhatte, auch, dass sie auf dem Rückweg kurz bei Raimund vorbeischauen wollte.
„Du wirst doch fahren können, mit deinem Fuß?“ vergewisserte sie sich bei Kay. Sie hatte keinen Führerschein.
„Wenn’s nicht gerade regnet!“
Bei Regen wollte er nicht in Sandalen durch die Stadt laufen und andere Schuhe konnte er noch nicht wieder anziehen.
„Dann werd’ ich ‘mal eben noch schnell nach dem Wagen sehen“, sagte er und stand auf.
Er hatte sich einen billigen Gebrauchtwagen zugelegt, den er seine „Sonntagsbraut“ nannte, wegen der vielen Wochenenden, die er mit Reparaturen an dem älteren Modell verbrachte. Auch jetzt musste er sich überzeugen, ob sie morgen überhaupt damit fahren konnten. Sonst mussten sie den Landrover nehmen, bei dem Tante Lena Schwierigkeiten beim Ein und Aussteigen hatte.
Lena schaute Kay hinterher. Das war ihr Kay! Immer umsichtig und zuverlässig. Und er war keiner von denen, die nur studierten, weil sie mit ihren zwei linken Händen nichts Vernünftiges anzufangen wussten. Er war wirklich ein Ersatz für den „ollen Suffkopp“, den Martens, mit dem sie im Streit auseinander gegangen waren. Jeder im Dorf wusste, dass der alte Martens gerne auf die Jagd ging. Nach dem Tod seiner Frau war es zu einer richtigen Besessenheit bei ihm geworden. Eines Tages hatte Lena erfahren, dass er mit seinem Gewehr in dem zu Bornhude gehörenden Wald gesehen worden war. Im Beisein von Armin Seldorn hatte sie ihm auf den Kopf zugesagt, dass er dort gewildert habe. Rund um den Landsitz durfte kein Tier geschossen werde, das hatte Mary damals durchgesetzt. Uwe Martens hatte sich beleidigt gegeben. Wenn man kein Vertrauen mehr zu ihm habe, werde er kündigen! Armin hatte die Kündigung angenommen. Ein Mitarbeiter, von dem allgemein bekannt war, dass er in fremden Revieren wildere, war für den Landsitz untragbar. Den Versuch von Herrn Martens, vor dem Arbeitsgericht noch ein paar müde Mark herauszuschlagen, hatten Armins Anwälte erfolgreich abgeschmettert.
Während Kay nach dem Wagen sah, bereiteten Lena und Betti die Windeltasche für morgen vor. Sie packten ausreichend Ersatzwindeln ein, um für alle Fälle gerüstet zu sein. Für welchen Fall sie in Hamburg gerüstet sein mussten, ahnte sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
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Am nächsten Morgen hatten längere Telefongespräche Lena aufgehalten und sie kamen später weg, als sie vorgehabt hatten. Deshalb schlug Lena unterwegs vor, zuerst bei Raimund vorbeizufahren. Sie wollte nicht zu spät bei ihm aufkreuzen, falls er noch etwas vorhatte. Erst jetzt erfuhr Kay, dass sie Raimund telefonisch nicht erreicht und keine Zeit vereinbart hatte. Kay verließ die Autobahn in SchnelsenNord und schlängelte sich über den Krohnstieg nach Fuhlsbüttel durch. Raimund Seldorn wohnte in einem Hochhaus in der Nähe des Friedhofs Ohlsdorf, einer über 40 ha großen Parkanlage, die für ihre reiche Vogelwelt bekannt war. Das Hochhaus fanden er auf Anhieb. Ein für Kunden und Mieter reservierter Parkplatz vor dem Haus war besetzt. Er fuhr einmal um den Block und parkte auf der Rückseite. Von dieser Seite erinnerte das Haus an einen Ozean Liner, der seine besten Tage hinter sich hatte. Auf ihr Klingeln an der Eingangstür zum Haus reagierte Raimund Seldorn nicht. Ein Monteur in Arbeitskittel mit Firmenaufschrift kam aus dem Haus und hielt ihnen die Tür auf.
„Igitt, das stinkt hier aber!“ rief Betti entsetzt, als sie aus dem Fahrstuhl stiegen.
Ein penetranter, süßlich-widerlicher Geruch schlug ihnen entgegen. Die Tür zum Treppenhaus stand offen, wahrscheinlich, damit der Geruch aus dem fensterlosen, langen Gang abziehen konnte. Lena Eggert benahm sich seltsam. Sie roch an den Wohnungstüren und selbst am Müllschlucker am Ende des Ganges, um die Quelle des Geruchs herauszufinden. Als feststand, dass er aus Raimunds Wohnung drang, wurde sie blass. Zu Kays Überraschung holte sie sei einen Schlüssel aus ihrer Handtasche und schloss die Wohnungstür auf, ohne vorher zu klingeln oder zu klopfen. Kay registrierte, dass sie den Schlüssel zweimal umdrehte.
Lena kannte den Geruch. Wild, das angeschossen im Wald verendet war, roch so. Es war der Geruch nach Tod und Verwesung. Sie ahnte, was sie erwarten würde und dachte nur noch an Raimund. Dass Betti und Kay ihr in die Wohnung folgten, nahm sie in diesem Moment nicht wahr. Die Türen, die von dem kleinen Flur in der Wohnung abgingen, standen offen. Der Verwesungsgeruch war so intensiv, dass sie sich ein Taschentuch vor die Nase hielt. Ein Schlüsselbund lag auf der Flurgarderobe, die Leiche zusammengekrümmt im Wohnzimmer. Sie war mit einem rosaseidenen Morgenmantel, Schminkumhang, weißem Body, Feinstrumpfhosen und Pumps bekleidet. Die Haare unter der verrutschten blonden Perücke und das Gesicht ließen keinen Zweifel: Es war Raimund Seldorn!
Betti versuchte, an Kay und Lena vorbei einen Blick ins Wohnzimmer zu werfen. Kay wollte sie daran hindern, aber sie hatte den Toten bereits gesehen und erkannt. Ihr wurde schlecht. Sie bekam kaum mit, dass Kay erst sie und dann Tante Lena am Arm packte und in das Schlafzimmer auf der anderen Seite des Flurs schob. Es hatte eine Tür zum Balkon. Erst an der frischen Luft begann Betti, ihre Umwelt wieder wahrzunehmen. Sie saß mit angewinkelten Knien in einer Ecke des Balkons auf dem Boden, hatte den Kopf zurückgelehnt und atmete schwer. Lena hielt sich an der Balkonbrüstung fest, Kay lehnte an der Wand. Der Balkon zog sich über die Länge der Wohnung hin. Er war leer, ohne Balkonmöbel, die Blumenkästen waren nicht bepflanzt.
„Es hilft alles nichts, wir müssen die Polizei verständigen“, sagte Kay, nachdem er sich von dem Geruch erholt hatte.
„Aber wir können ihn doch nicht so ...!“
Schon während ihrer Jugend im Dorf hatte Lena Eggert darauf geachtet, dass kein Außenstehender von ihrem und Raimunds Geheimnis erfuhr. Sie hatte dem gleichaltrigen Raimund Mädchenwäsche und Kleider angezogen, und sie hatten in der alten Waldarbeiterhütte wie Schwestern mit Babypuppen gespielt. Und wenn jemand in die Nähe gekommen war, hatte sie dafür gesorgt, dass Raimund genügend Zeit zum Umziehen bekam.
„Ich fürchte, wir müssen!“ unterbrach Kay Lenas Gedanken, „du weißt doch, wie das immer im Fernsehen ist. Wir dürfen nichts anfassen!“
Irgendwie musste er Tante Lena davon abhalten, etwas zu verändern.
„Wir können ja ‘mal hier von außen nachsehen, ob uns etwas auffällt. Ein Hinweis darauf vielleicht, was eigentlich passiert ist!“ schlug er vor.
Bis auf die Küche hatten alle Zimmer große Blumenfenster und Balkontüren. Im Schlafzimmer, durch das sie gekommen waren, stand der Kleiderschrank offen und das Bett war nicht gemacht. Durch das nächste Fenster blickten sie in die peinlich aufgeräumte Küche. Die Pflanzen auf der Fensterbank im Wohnzimmer waren vertrocknet, der Benjamini hatte seine Blätter verloren und die Yuccapalme hatte sich verfärbt. Auch das Wohnzimmer war aufgeräumt und alles befand sich wohlgeordnet an seinem Platz, wie man es von einem Pedanten wie Raimund erwarten konnte. Der Tote lag in der Nähe der Flurtür, eine Hand in Richtung des Telefontischchens ausgestreckt. Er schien unverletzt zu sein; nichts deutete auf einen Kampf hin.
Am dritten Fenster unterdrückte Lena einen Ausruf der Überraschung. Sie blickten in ein kleines Zimmer, das vom Wohnzimmer abging. Raimund hatte es als Kinderzimmer eingerichtet! Ein großes Gitterbett, dessen Gitter aus zusammengesteckten Einzelteilen zu bestehen schienen, stand an der Wand, im rechten Winkel dazu ein ausgezogener Esstisch mit einer Wickelunterlage, einem Stapel rosa Höschenwindeln, bunten Moltonwindeln und diversen Windelhöschen aus Gummi und Plastik darauf, alles ordentlich ausgerichtet und gestapelt. Ein Hängeregal über dem Tisch war mit Puder, Cremes, Fläschchen und Schnullern voll gestellt. Zwei Umzugskartons unter dem Tisch hatte Raimund mit Krepppapier abgedeckt. In der Mitte des Raumes stand ein zusammengeklapptes Laufställchen, an das sich ein großer Teddybär lehnte. An den Wänden hingen auf Plakatformat vergrösserte Bilder von einem Jüngling in Windeln und Windelhöschen, die ihn am Fläschchen nuckelnd im Gitterbett, mit dem Teddy im Arm im Laufställchen und nackt beim Wickeln auf dem Tisch zeigten. Durch Lenas Reaktion am letzten Fenster neugierig geworden, war Betti aufgestanden und ihnen gefolgt. Ärgerlich drehte sich Lena zu ihr um. Bevor sie Betti zurechtweisen konnte, sage Kay schnell:
„Wir versuchen jetzt, von einem Nachbarn aus zu telefonieren!“
Im Vorbeigehen warf er einen Blick ins Bad. Auf der Konsole unter dem Spiegel standen Schminkutensilien, einige davon waren geöffnet.
Vergeblich klingelten sie an den Wohnungstüren im Gang. Entweder waren die Bewohner zur Arbeit oder verreist.
„Ihr wartet am besten im Wagen. Ich probier’ es beim Hausmeister“, schlug Kay nach dem letzten Versuch vor.
Als er vor der Wohnung des Hausmeisters stand, kam eine ältere Frau vorbei.
„Die Mankes sind im Urlaub“, klärte sie ihn auf.
„Wo finde ich hier eine Fernsprechzelle? Ich muss dringend telefonieren – mit der Polizei“, fügte er noch hinzu.
Das gab wohl den Ausschlag. Er durfte aus ihrer Wohnung anzurufen.
Zwei aufgelöste, blasse Frauen und ein nervöser Student warteten vor dem Hochhaus auf die Funkstreife, die nach fünfzehn Minuten kam. Kay zeigte dem Wachtmeister und seiner Kollegin Raimunds Wohnung und übergab ihnen Lenas Schlüssel. Wenige Augenblicke später kam die Streifenwagenbesatzung blass und mit Tüchern vor der Nase wieder aus der Wohnung. Für diese Angelegenheit war sie nicht zuständig!
Wieder vor dem Haus, nahm die Polizeibeamtin die Personalien von Lena, Kay und Betti auf und notierte sich Namen, Adresse und Telefonnummer von Armin Seldorn, während ihr Kollege über Funk Meldung machte.
Das eingeschaltete Blaulicht des Streifenwagens hatte Schaulustige angelockt, ältere Frauen, dem Aussehen nach eben aus dem Bett aufgestandene Männer und ein paar Kinder. Mit bewundernswerter Ausdauer harrten die Neugierigen der Dinge, die nicht passierten. Als der Streifenwagen wieder abfuhr, zerstreuten sie sich eben so schnell, wie sie sich eingefunden hatten.
Ein Kriminalbeamter in Zivil und ein Mann in Kays Alter, der sich als Referendar bei der Staatsanwaltschaft vorstellte, hatten einige Fragen an Lena. In ihrer weitschweifigen Art erklärte sie, dass sie als Wirtschafterin der Seldorns auch stets Reserveschlüssel für die Privatwohnungen der Familienmitglieder aufbewahre, dass sie nach Hamburg gekommen sei, weil sich Raimund Seldorn längere Zeit nicht gemeldet habe und dass außer im Flur, wo sie ihre Handtasche abgestellt hatte, und der Balkontür im Schlafzimmer, nichts in der Wohnung berührt worden sei. Zum Schluss wollte sie wissen, ob sie bald zum Lüften und Aufräumen in die Wohnung dürfe. Der Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft bedauerte. Die etwas „merkwürdigen“ Umstände ließen es ratsam erscheinen, die genaue Todesursache zu klären. Dazu sei jedoch nach Auskunft des Gerichtsmediziners, der gerufen worden war, eine Obduktion nötig. Die Angehörigen des Verstorbenen würden verständigt werden, sobald die Leiche freigegeben sei. Vor eineinhalb Wochen könne man jedoch nicht mit einem Resultat rechnen. Falls eine natürliche Todesursache festgestellt werden sollte, könne auch die Wohnung wieder betreten werden, bis dahin müsse sie jedoch versiegelt bleiben.
Erst am späten Nachmittag wurde der tote Raimund Seldorn abtransportiert. Lena hatte darauf bestanden, bis zu diesem Augenblick vor dem Haus auszuharren. Gegen Mittag hatte Kay etwas zu Essen und zu Trinken besorgt. Selbst eine Gelegenheit zum Windelwechsel hatte Lena ausfindig gemacht. Sie war in die Apotheke unten im Haus gegangen und hatte die Notsituation der beiden Inkontinenten in ihrer Begleitung geschildert. Durch den Hintereingang durfte sie mit Betti und Kay die Toilette in der Apotheke aufsuchen. Für die Rückfahrt legte Lena sicherheitshalber je eine der mitgenommenen Höschenwindeln unter Betti und Kay auf die Wagensitze.
Während der Gespräche mit den Polizeibeamten und auch noch danach, hatte sich Lena Eggert bemüht, sachlich zu wirken, keine Gefühle zu zeigen. Auf dem Rückweg nach Bornhude brach ihre Selbstbeherrschung zusammen. Sie begann, still in sich hineinzuweinen. Tröstend legte Betti einen Arm um sie. Zur Gesellschaft weinte sie mit.
*    *
*
Zweites Kapitel
Die Nachricht vom Tode seines Bruders hatte Armin Seldorn während einer Geschäftsreise in Süddeutschland erreicht. Seine Holzimportfirma erforderte häufige Reisen. Er kam am Nachmittag des nächsten Tages nach Bornhude. Während Lena ihm Essen aufwärmte, berichtete sie, was in Hamburg vorgefallen war. Kay und Betti hatten ihm Beileid gewünscht und sich zurückgezogen. Als sie später, von Kaffeeduft angelockt, in die Küche schauten, hatte Lena rote Augen und feuchte Wangen. Armin saß gedankenverloren am Küchentisch. Für Betti und Kay standen die Kaffeetassen schon bereit. Überlaut klang das Klickern der Löffel beim Umrühren in der Stille, die in der Küche herrschte. Erschrocken legte Betti ihren Löffel beiseite.
Nach einer geraumen Weile unterbrach Lena das Schweigen.
„Ich weiß nicht, ob es wichtig ist“, begann sie, „aber letzte Woche ist ein Brief an Raimund gekommen. Ich hatte ihn mit nach Hamburg genommen, aber ...“
Sie brach mitten im Satz ab und schnaubte durch die Nase. Schnell wandte sie sich ab, holte den Brief aus ihrer Handtasche und gab ihn Armin. Er war der nächste lebende Verwandte von Raimund und daher für dessen Nachlass zuständig. Ohne besonderes Interesse öffnete Armin den Brief mit dem Stiel seines Kaffeelöffels. Eine Weile starrte er auf den Briefbogen, dann reichte er ihn an Lena weiter. Auch Lena brauchte Minuten, ehe sie fassungslos nach Worte ringend begann:
„Was ist das bloß für ein Mensch? Das ist doch ungezogen! Ja, wo leben wir denn?“
Obwohl sich Kay über die Reaktionen von Armin und Lena wunderte, wollte er nicht neugierig erscheinen. Er gab Betti einen Wink und stand auf.
„Du kannst ruhig bleiben!“ stoppte ihn Armin.
Nach dem Tod von Mary hatten die Seldornbrüder Kay das Du angeboten. Armin reichte Kay den Briefbogen:

 
Die Wörter und Buchstaben waren aus Katalogen und Werbeprospekten herausgeschnitten.
„Du hast doch nicht etwa vor, zu zahlen?“ vergewisserte er sich bei Armin.
„Auf gar keinen Fall!“
Kay schaute sich den Poststempel auf dem Briefumschlag an. Der Brief war – er rechnete nach – am letzten Donnerstag abgestempelt worden. Das Geld sollte also morgen gezahlt werden. Wenn sie sofort die Polizei einschalteten, konnte sie noch die Festnahme des Erpressers vorbereiten. Als er es vorschlug, protestierte Lena heftig:
„Nicht schon wieder die Polizei! Es reicht doch, dass sie Raimund so sehen musste!“
Auch Armin hielt wenig von Kays Vorschlag.
„Du bist doch unser Kriminalexperte! Können wir nicht selbst ‘was unternehmen?“ fragte er.
Der „Experte“ schob sein Kaffeegeschirr beiseite und legte Briefbogen und Umschlag vor sich auf den Tisch. Gespannt rückten Armin und Lena näher.
„Allem Anschein nach gehört der Erpresser zu Raimunds speziellem Bekanntenkreis“, gab Kay den Eindruck wieder, den auch Lena und Armin gewonnen hatten.
„Aber wer? Der Babyjunge von den Bildern bei Raimund?“ fragte Lena.
Sie erwartete keine Antwort und fuhr fort: „Dann will er also solche Bilder veröffentlichen, wie sie in der Wohnung hingen?“
„Wohl solche, auf denen Raimund als Frau und Mutti zu sehen ist“, vermutete Kay. „Raimund hätte sicher schnell herausgefunden, wer hinter der Erpressung steckt“, überlegte er weiter. “Es ist vielleicht gar keine echte Erpressung, sondern nur ein Versuch, Raimunds Aufmerksamkeit zurückzugewinnen! Wenn es der Boy von den Bildern war, dachte er vielleicht, dass Raimund ihn abservieren wollte, als dieser nicht öffnete – nicht mehr öffnen konnte. Die geforderte Summe ist jedenfalls niedrig, niedrig genug, um nicht sofort zur Polizei zu gehen.“
„Warum hat er dann den Brief hierher geschickt, und nicht an Raimunds Adresse in Hamburg?“ fragte Armin.
„Weil er Raimund in Hamburg nicht erreichen konnte und entweder annahm, dass Raimund hier sei, oder dass die Post an ihn weitergeleitet werden würde.“
„Soviel ich weiß, hat Raimund die Adresse von hier nie weitergegeben.
Er kam doch immer her, wenn er Ruhe brauchte“, warf Lena ein.
Der Brief war an die korrekte postalische Anschrift des Landsitzes gerichtet, und die stand nicht im Postleitzahlenverzeichnis. Kay gab zu, dass dies ein Punkt für Lena war.
„Wo will er eigentlich solche Bilder veröffentlichen?“ Als biederer Geschäftsmann konnte sich Armin keinen Markt für derartige Photos vorstellen.
Kay sah sich die Schrift auf dem Briefumschlag unter einer Lupe an. Sie wies typische Merkmale eines Laserdruckers auf. Also hatte der Erpresser einen Computer und, wenn es ein echter Freak war, auch eine Webadresse.
„Internet!“
Für Armin war es ein peinlicher Gedanke, dass Bilder seines Bruders in Frauenkleidern und -wäsche weltweit abrufbar sein könnten.
„Wie können wir das verhindern, wenn wir nicht auf seine Forderungen eingehen?“ fragte er.
„Er muss zu wissen kriegen, dass Raimund gestorben ist!“ schlug Lena vor.
Lena, Armin und Kay – Betti hatte sich klein gemacht und ganz still verhalten, um nicht hinausgeschickt zu werden – waren sich einig, dass die Sache erledigt wäre, wenn der Erpresser wusste, dass Raimund nicht mehr lebte. Aber wie sollte er es erfahren? Die Zeitungen hatten nicht über einem in Hamburg tot in seiner Wohnung aufgefundenen Mann berichtet und eine Todesanzeige war bisher noch nicht erschienen.
„Wir müssen es ihm sagen!“ führte Lena ihren Vorschlag weiter aus.
Armin wollte einwenden, dass sie weder wussten, um wen es sich handelte noch, wo er wohnte, aber Kay winkte ab:
„Genau das ist es! Wir müssen es ihm mitteilen. Der einzige Weg, auf dem wir das können, ist die Geldübergabe! Die Sache hat nur einen Haken.“
Die Runde am Küchentisch blickte Kay gespannt an.
„Falls er den Übergabeplatz beobachtet, was ich stark annehme, dann würde ihn eine andere Person als Raimund misstrauisch machen und davon abhalten, die Tüte mit der Nachricht aus der Mülltonne zu nehmen.“
Lena hatte eine Idee:
„Raimund hat doch immer ‘was zum Anziehen hier. Wenn jemand seinen Mantel überzieht und seinen Hut aufsetzt, könnte er ja denken, es sei Raimund.“
„Aber wenn er Raimund sieht, glaubt er doch nicht, dass er tot ist!“ meldete sich nun auch Betti zu Wort.
„Das ist wohl wahr!“ pflichtete ihr Lena bei.
Eine Weile überlegten die vier in der Küche gemeinsam, wie sie es anstellen könnten, dem Erpresser die Nachricht von Raimunds Tod zuzuspielen und ihn von einer Veröffentlichung der Bilder abzuhalten, bis er die offizielle Todesanzeige las. Aber die sollte erst erscheinen, wenn der Termin der Beisetzung feststand, und der konnte erst festgesetzt werden, wenn der Leichnam freigegeben worden war. Ein Plan nahm schließlich immer festere Formen an: Sie wollten dem Erpresser zusammen mit der Nachricht von Raimunds Tod androhen, sein Foto postwendend der Polizei zu übergeben, falls er Bilder von Raimund in irgend einer Form veröffentlichte. Damit er es ernst nahm, sollte er beim Abholen der Nachricht so fotografiert werden, dass er es auch bemerkte. Darüber hinaus wollte Kay seine E-Mail Adresse angeben und dem Erpresser anbieten, mit ihm Kontakt aufzunehmen, um ihm Einzelheiten über Raimunds Tod mitzuteilen. Vielleicht würde der Erpresser nicht darauf eingehen, aber an der E-Mail Adresse sehen, dass Kay Zugang zum Internet hatte.
Bis in die Nacht hinein besprachen sie noch Einzelheiten ihres Planes. Lena hatte zwischendurch belegte Brote gereicht und Unmengen Tee aufgebrüht. Die Rollenverteilung war klar: Armin würde als Raimund auftreten und Kay die Fotos schießen. Falls Armin angesprochen werden sollte, musste er improvisieren, zum Beispiel erwähnen, dass er oft mit seinem kürzlich verstorbenen Bruder Raimund verwechselt würde. Wieder war es Betti, die einen Punkt bemerkte, den sie bisher übersehen hatten. In Kays Gegenwart hatte sie das Gefühl, dass sie genau so denken konnte wie er, als ob ihre Gehirne über Funk miteinander verbunden wären.
„Wenn ich der Erpresser wäre“, erklärte sie, „und Raimund käme mit einem fremden Audi statt mit seinem Volvo, würde ich ganz schön misstrauisch werden!“
Kay glaubte nicht an Gedankenübertragung, aber er hatte in diesem Moment eine ähnliche Überlegung angestellt. Jedoch weder der Landrover noch seine „Sonntagsbraut“ entsprachen Raimunds Stil. Mit wichtiger Miene stand Lena auf und kramte ein Schlüsseltäschchen mit Raimunds Namen aus ihrer Handtasche. Unter Kays und Armins fragenden Blicken gestand sie:
„Ich hatte mir in Hamburg gedacht, dass wenn wir die Polizei holen, die vielleicht meinen Schlüssel haben will. Und die Schlüssel auf der Flurgarderobe musste ich doch liegen lassen. Aber Raimund hatte ja schon immer Reserveschlüssel in der obersten linken Schublade der Garderobe aufbewahrt. Das war schon so, als er noch in Neumünster wohnte.“
Lena musste die Schlüssel aus der Garderobe genommen haben, während Kay ins Badezimmer geschaut hatte. Das Schlüsseltäschchen enthielt einen Wohnungsschlüssel, der auch zur Haustür und anderen Mieterräumen passte, einen Briefkastenschlüssel, einen Schlüssel für Boden oder Kellerraum sowie einen Autoschlüssel.
„Raimunds Wagen steht in der Tiefgarage unter dem Haus!“ sagte sie und gab Kay die Schlüssel.
Bevor die vier zu Bett gingen – Armin wollte hier übernachten, entwarfen sie noch schnell den im Telegrammstil gehaltenen Text für den Erpresser. Kay wollte ihn morgen auf seinem PC in Hamburg ausdrucken, an dem ein Drucker angeschlossen war.
*    *
*
Fröstelnd stand Kay unter einem Baum am Rande des Rastplatzes, Truva an der Leine neben sich. Von Zeit zu Zeit hob die Hündin den Kopf und witterte in den Nieselregen. Kay war frühzeitig in Hamburg gewesen, hatte seine Fotoausrüstung geholt, die er diesmal zu Hause gelassen hatte, sich von einem Freund ein zusätzliches starkes Blitzlichtgerät ausgeliehen und schließlich Raimunds Wagen aus der Tiefgarage in Ohlsdorf geholt. Er war sich wie ein Dieb vorgekommen, als er in der großen Garage nach Raimunds Wagen gesucht hatte. Bereits auf dem Hinweg nach Hamburg hatte er sich hier auf dem Parkplatz gründlich umgesehen. Von einer Nebenstraße her gab es einen Zufahrtsweg für Gaststättenpersonal und Lieferverkehr zum Autobahnrastplatz. Eine „Mickymaustonne“ hatte er nicht entdeckt.
Vor einer Stunde hatte er den Landrover an der Nebenstraße etwas entfernt vom Zufahrtsweg geparkt. Den Landrover hatte er Truvas wegen nehmen müssen. Die Hündin fuhr leidenschaftlich gerne Auto. Wenn eine Wagentür offen stand, sprang sie in jedes Fahrzeug, auch in ein fremdes. Weil aber manche Besitzer wenig erbaut über Hundehaare auf den Sitzen waren, sollte sie an einen einzigen Wagen gewöhnt werden.
Von seinem Standort aus konnte er den zur Ausfahrt hin gelegenen Teil des für Pkw vorgesehenen Parkplatzes bei der Raststätte überblicken. Er ging davon aus, dass der Erpresser kurz vor der Übergabe eine der Tonnen an diesem Ende des Parkplatzes als Deponie auswählen und kennzeichnen werde. Hier war es nicht so belebt wie unmittelbar bei der rund um die Uhr geöffneten Gaststätte, und der Abholer hatte einen besseren Überblick. Eine Gestalt in gelber Regenjacke und hochgestellter Kapuze joggte über den Parkplatz, machte Lockerungsübungen, joggte weiter. Vor der Mülltonne ganz am Ende der Stellplätze hielt er an und machte sich am Deckel zu schaffen.
Nachdem die Kapuzengestalt weitergejoggt war, wählte Kay mit dem Handy, das ihm Armin gegeben hatte, dessen Autotelefonnummer an und gab seine Beobachtung durch. Armin war auf der Gegenfahrbahn gerade an der Raststätte vorbeigekommen. Bei der nächsten Ausfahrt würde er auf die Kieler Seite wechseln und den Parkplatz pünktlich erreichen.
Im Schatten der Bäume pirschte sich Kay im großen Bogen näher an das Ende des Parkplatzes heran. Hohes Buschwerk säumte diesen Teil der Rastanlage. Er fand einen Platz im Buschwerk, wo ihn die Scheinwerfer der abfahrenden Wagen nicht erfassten. Die Mülltonne lag nur durch ein Stück Rasen und eine Fahrspur getrennt schräg vor ihm.
Raimund Seldorns Wagen rollte langsam auf die letzten Stellplatzmarkierungen zu. Die Plätze waren unbesetzt und Armin hielt quer auf ihnen. Als er ausstieg, konnte man ihn von weitem tatsächlich für Raimund halten. Er hatte Raimunds Hut tief ins Gesicht gezogen und den Kragen von Raimunds Staubmantel hochgeschlagen. Im letzten Moment hatte Lena daran gedacht, die frische Gesichtsfarbe von Armin mit Schminke abzudecken. Armin ahmte sogar die Körperhaltung und den Gang seines Bruders nach, als er suchend von Mülltonne zu Mülltonne ging. Vor der letzten Tonne – der Mickymaustonne – blieb er stehen und schaute auf die Uhr. Um Punkt elf Uhr holte er eine Plastiktüte unter seinem Mantel hervor und warf sie in die Tonne. Die Szene war vorher abgesprochen worden, da sich Raimund sicher pedantisch an die Uhrzeit gehalten hätte.
Unbehelligt konnte Armin in den Volvo steigen und abfahren. Kay war bereit. Er hatte das Blitzgerät und den Fotoapparat mit dem Teleobjektiv in der Hand, hatte Truva von der Leine gelöst. Sie versuchte, ihm den Ball, den er ihr gezeigt hatte, aus der Hand zu schnappen.
Kaum waren die Rücklichter von Raimunds Wagen verschwunden, als ein anderer Wagen am Ende der Stellplätze hielt. Der Jogger mit der gelben Regenjacke stieg aus. Er hatte eine Plastiktüte in der Hand, die er dort in die Mülltonne warf, es sich dann anscheinend anders überlegte und sie wieder herausholte. In diesem Augenblick trat Kay aus dem Buschwerk und warf den Ball auf die Rasenfläche. Truva hetzte hinter dem Ball her. Verdutzt schaute der Jogger auf. Kay schoss eine Serie von Fotos und betätigte zusätzlich noch einige Male den Auslöser des Blitzlichtgerätes. Dabei tat er so, als fotografiere er den spielenden Hund auf dem Rasen zwischen ihm und dem Jogger. Mit der Plastiktüte in der Hand eilte der Jogger zu seinem Wagen und fuhr davon.
Erst jetzt merkte Kay, dass er von innen und außen nass war. Die Höschenwindeln mit den Einlagen, die ihm Tante Lena angezogen hatte, hingen schwer zwischen seinen Beinen. Um sich aufzuwärmen, tobte er noch eine Weile mit Truva herum, was offenbar seine Nierenfunktion anregte. Bevor er wieder ins Auto stieg, blieb er breitbeinig stehen, um seinem Blasendruck nachzugeben. Er hatte das Gefühl, als höre er überhaupt nicht mehr auf auszulaufen. Obwohl er sich behutsam auf den hohen Sitz des Landrovers schob, rann es nass an seinem Oberschenkel hinab. Vorsorglich legte er eine Plastiktüte unter sich auf den Sitz.
Bevor er abfuhr, meldete er sich noch einmal bei Armin, der unterdessen Bornhude fast erreicht hatte. Kay benutzte die Lieferantenzufahrt, um über den Parkplatz der Raststätte auf die zu dieser Zeit nicht mehr stark befahrene Autobahn zu gelangen.
Hinter der Abfahrt nach Bad Bramstedt passierte es! Mit einem kurzen Schlenker des Lenkrads nach links wich Kay einem Katzenkadaver aus, als etwas hart gegen die Windschutzscheibe auf der Beifahrerseite knallte und ein Loch hinterließ. Rund um das Loch splitterte die Scheibe und behinderte die Sicht. Unwillkürlich trat er auf die Bremse. Der Wagen geriet ins Schleudern, aber er konnte ihn wieder abfangen und mit eingeschalteten Warnblinklichtern unter einer Brücke auf dem Standstreifen zum Halten bringen. Das Loch in der Windschutzscheibe war klein und rund – wie der Einschlag einer Kugel. Sekundenlang starrte er auf das Loch. Wenn es tatsächlich ein Kugelloch war, musste das Geschoss irgendwo im Wagen stecken. Er drehte sich zum Hund um. Truva saß zitternd hinter ihm; sie schien unverletzt. Als Kay den Wagen absuchte, fand er etwas tiefer als das Loch in der Scheibe einen gefetzten Einschlag in der Rückenlehne des Beifahrersitzes. Anscheinend steckte die Kugel noch im Polster. Dem Winkel nach war der Schuss schräg von oben abgefeuert worden – von der Brücke. Panik ergriff ihn. Er wollte schnell weg, obwohl sich der Schütze vermutlich nicht mehr auf der Brücke befand, sondern längst das Weite gesucht hatte, um nicht entdeckt oder gar gestellt zu werden.
Der Gedanke, den Vorfall zu melden, behagte Kay nicht. Inzwischen war die Rückseite seiner Hose vom Gürtel bis zu den Kniekehlen nass. Selbst auf der Vorderseite begann sich die Nässe zwischen seinen Schenkeln abzuzeichnen. Mit der Überlegung, dass vielleicht gar nicht der Autobahnschütze, der in diesem Sommer sein Unwesen in Norddeutschland trieb und wahllos auf Autos feuerte, auf ihn geschossen hatte, versuchte er sein Bürgerpflichtgewissen zu beruhigen. Der Schuss konnte ja auch im Zusammenhang mit der Erpressung stehen. Wenn sie nun bei ihrem Plan einen wesentlichen Punkt übersehen hatten? Zum Beispiel die richtige Anschrift? Rein theoretisch könnte der Erpresser den Landsitz beobachtet haben. Nicht aus der Nähe, da hätte ihn Truva bei ihren Spaziergängen entdeckt. Aber vielleicht vom Zufahrtsweg aus? Das würde gereicht habe, um sich den Landrover und die „Sonntagsbraut“, die sie abwechseln auf Bornhude benutzten, einzuprägen. Allerdings gestand sich Kay ein, dass seine Überlegungen nur Alibicharakter hatten. Mit seiner nassen Hose wollte er nur schnell nach Hause, nach Bornhude.
Durch die Sichtbehinderung musste Kay langsam fahren. Als er auf dem Landsitz ankam, brannte kein Licht mehr im Herrenhaus. Anscheinend waren Lena und Betti schlafen gegangen. Raimunds Wagen stand in der zur Garage umgebauten Remise; Armin Seldorn war also mit seinem eigenen Wagen wieder zurück nach Kiel gefahren. Kay hatte also bis morgen Zeit, sich eine möglichst harmlose Geschichte für das Loch in der Windschutzscheibe auszudenken, eine Geschichte, die die beiden Frauen nicht ängstigte.
*    *
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Nach dem Wecken eilte Lena schnell wieder in die Küche, was Kay jedoch kaum zur Kenntnis nahm. Seine nasse Hose lag ausgebreitet auf der Waschmaschine im Wickelraum. Bei seiner Ankunft war Tante Lena noch einmal aufgestanden, um ihn für die Nacht zu versorgen. Mit Bemerkungen über ihr großes, undichtes Baby, für das Pampers wirklich noch nicht geeignet seien, hatte sie seinen Zustand bespöttelt. Er traute ihr zu, dass sie die Hose absichtlich so auffällig ausgebreitet hatte, damit Betti sein Malheur auch ja mitbekam.
Die beiden Frauen saßen bereits am Küchentisch und blickten Kay erwartungsvoll entgegen. Auch das machte ihn noch nicht stutzig. Sicher sollte er ihnen haarklein von den Ereignissen auf dem Raststättenparkplatz berichten. Statt aber Fragen zu stellen, legte Lena schweigend ein kleines, leicht deformiertes Projektil auf den Tisch. Sie hatte den Sitz des Landrovers von Kays feuchten Spuren reinigen wollen, war durch das Loch in der Windschutzscheibe stutzig geworden und hatte schließlich das Geschoss aus dem Polster der Rückenlehne gepuhlt.
Kay versuchte, den Vorfall so undramatisch wie möglich zu schildern und verschwieg, dass ihn nur der zufällige Schlenker um die tote Katze vor einem Kopfschuss bewahrt hatte.
„Wiewie kannst d-du dabei nur so ruhig b-bleiben?“ Betti stotterte vor Aufregung und verhaspelte sich beim Sprechen. „W-wo es d-dich doch beinah erw-wischt h-hätte!“
Lena blickt Kay nachdenklich an.
„Ob das ‘was mit unser’ Sache zu tun hat?“
Er beruhigte sie. Eine Verbindung war zu weit hergeholt, zu konstruiert. Aber Lena vertraute ihren Intuitionen mehr als seinen logischen Erklärungsversuchen.
„Du musst hier weg!“ entschied sie.
„Ich kann euch doch jetzt nicht allein lassen!“ widersprach Kay.
Durch Raimunds Tod waren viele Dinge zu erledigen, bei denen er als Chauffeur unentbehrlich war. Und falls der Schuss tatsächlich mit der Erpressung in Verbindung stand, musste er erst recht bleiben. Er kannte doch Lena! Sie würde jetzt, wo die Vorbereitungen für eine Beerdigung auf sie zukamen, unter keinen Umständen den Landsitz für mehr als ein paar Stunden verlassen.
Lena schwieg, machte aber ein entschlossenes Gesicht, aus dem er ablesen konnte, dass sie sich etwas ausgedacht hatte. Zitternd und völlig durcheinander saß Betti am Tisch. Sie verschüttete ihren Kaffee, und als sie einen Schluck trank, verschluckte sie sich so heftig, dass sie über den Tisch prustete.
„Da siehst du, Kay, was du angerichtet hast“, schimpfte Lena gutmütig, „uns’ Betti ist ja völlig durch’n Wind!“
Sie stand auf und holte aus der hintersten Ecke des Küchenspinds, wo sie Kays Sachen aufbewahrte, eines von seinen Fläschchen, füllte Kaffee, Sahne und Zucker hinein, schüttelte es durch und drückte es Betti mit den Worten in die Hand:
„Nun trink man schön, meine Süße, hiermit kannst du dich nicht mehr so leicht verschlucken!“
Lena wusste schon lange, dass sich Betti heimlich Kays Babyfläschchen „auslieh“. Jetzt konnte sie ihrer Nichte endlich zeigen, dass sie, Lena, nichts dagegen hatte. Wenn sich Betti jetzt nicht sträubte, würde sie ihr – wie vorher schon Kay – in Zukunft alle Getränke im Fläschchen anbieten.
Unschlüssig blickte Betti zu Kay hinüber. Als aber Tante Lena sich neben sie setzte, einen Arm um sie legte und sie streichelte, begann sie schmatzend ihren Morgenkaffee aus dem Fläschchen zu saugen.
Nach dem Frühstück erfuhr Kay, was Lena vorhatte. Sie wollte ins Dorf und sich dort umhören. Wenn sich in der letzten Zeit ein Fremder am Weg oder im Wald um Bornhude herumgetrieben hatte, würde sie es herausbekommen. Kay wusste aus eigener Erfahrung, dass man hier in der Gegend als Fremder nicht unentdeckt blieb. Während Lenas Abwesenheit sollte Betti, zusammen mit ihrer Freundin, ganz normal ihrer Arbeit im Haushalt nachgehen. Ein eventueller Beobachter sollte den Eindruck gewinnen, dass sich Kay nicht auf dem Landsitz aufhielte.
„Soll ich etwa im Haus bleiben und mich verstecken?“ fragte Kay.
Es klang aufsässig. Mit einem undefinierbaren Ausdruck in den Augen blickte ihn Lena sekundenlang an.
„Nö, nö“, schüttelte sie den Kopf, „du bist die Freundin!“
„Was hast du dir denn da ausgedacht?“
Lena war nicht mehr zu bremsen. Wenn jemand hier herumschliche, würde er zwei Mädchen und einen Hund, aber keinen Kay sehen. Kay könnte Betti beschützen, ohne selbst in Gefahr zu sein.
„So und nicht anders wird’s gemacht“, beharrte sie auf ihrem Plan, „oder willst du lieber nach Hamburg zurück? Wenn ich Armin anrufe und ihm alles erzähle, wird er dich sofort nach Haus’ schicken!“
Kay fügte sich. Lena ging mit ihm in Marys früheres Zimmer hinauf, das unverändert geblieben war.
„Wenn schon als Mädchen, dann auch richtig“, meinte Lena und befahl Kay, sich bis auf das Windelhöschen ausziehen.
Zielstrebig wählte sie aus Marys Schrank Hemd, Höschen und Strumpfhose aus. Marys Büstenhalter waren zu groß. Betti, die neugierig von der Tür aus zusah, musste einen kleineren von sich holen. Eine weiße Rüschenbluse und ein blauer Trägerrock, der mädchenhaft wirkte und für Kays Körpergrösse fast zu kurz war, kamen hinzu. Zum Schluss musste Kay noch ein Kopftuch umbinden, wie es die Frauen in der Gegend gelegentlich noch bei der Haus, Stall und Gartenarbeit trugen. Lena betrachtete ihr Werk und fand, dass es „anginge“. Bevor sie ins Dorf aufbrach, schärfte sie Kay noch ein, nicht laut zu reden, nicht an den Autos herumzubasteln und Betti drinnen und draußen bei der Hausarbeit zu helfen.
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Der Schuss auf Kay hatte Bettis Gefühle aufgewirbelt. Was, wenn Kay getroffen worden wäre? Wenn er nun tot wäre, ohne je erfahren zu haben, was sie für ihn empfand? Sie musste ihm zeigen, dass sie bereit war, alles für ihn zu tun, alle Geheimnisse mit ihm zu teilen! Tante Lena hatte wohl für Raimund Seldorn ähnlich empfunden, das ahnte Betti. Ihre Tante war nicht darüber entsetzt gewesen, dass Raimund Frauenkleidung trug, oder dass er Babyspiele mit jungen Männern trieb. Vielleicht hatte sie es gewusst. Es war ihr nur vor den Leuten peinlich gewesen. Und wenn schon! Betti hatte längst gehört und gelesen, dass es solche Männer gibt. Wenn Kay es verlangte, würde sie eben der Junge sein! Aber wollte es Kay so? Beim Umkleiden hatte sie die Erregung in ihm gespürt. Sie spürte immer, in welchem Gemütszustand er sich befand. Heimlich beobachtete sie ihn, sah, wie er verstohlen über den Rock strich, seine Beine beim Sitzen aneinander rieb. Offensichtlich genoss er das sanfte Streicheln des Rockes an seinen Beinen, die kühle Glätte der Feinstrumpfhosen auf der Haut.
Schon früher einmal hatten sie sich gegenseitig Geheimnisse anvertraut. Jetzt war eine günstige Gelegenheit, damit fortzufahren. Sie hatte Kaffee gekocht und saß mit Kay in der Küche auf der Eckbank. Truva lag zwischen ihnen, den Kopf auf Bettis, den Schwanz auf Kays Schoß. Tante Lena war noch im Dorf.
„Du, Kay“, begann Betti zögernd, „erinnerst du das Gespräch an der Gartenmauer, als du das erste Mal mit Tante Lena bei uns auf dem Hof warst?“
Ganz deutlich sah er sie vor sich, wie sie in dem Gummihöschen auf der Mauer herumgerutscht war, was das Höschen nicht überlebt hatte.
„Damals haben wir uns doch gegenseitig Geheimnisse anvertraut, nicht wahr?“
„Ja“, bestätigte er.
„Ich muss dich jetzt wieder etwas fragen. Willst du mir genau so wie damals antworten? Ich meine, genau so ehrlich?“
Er versprach, ganz offen zu sein.
„Wärst du ...“, sie nahm ihren Mut zusammen, „wärst du lieber ein Mädchen?“
„Meinst du damit, ob ich mich zu Männern stärker als zu Frauen hingezogen fühle?“
„So ungefähr.“
„Nein, ich bin eindeutig auf Frauen fixiert!“
Betti war erleichtert, aber noch nicht zufrieden.
„Die Sachen von Mary, die hast du aber gerne an, das seh’ ich doch!“
Verlegen wie ein Kind, das beim Naschen ertappt wurde, gab er zu:
„Ja, ich hab’ sie ganz gerne an!“
„Weil es Marys Sachen sind?“ bohrte sie weiter.
Sie wusste, was Kay und Mary miteinander verbunden hatte, von Marys wilder Leidenschaft, ihrer Ehe mit Raimund, ihren Schuldgefühlen, und dass sie Kay als ihr Baby adoptiert hatte. Für Lena war Mary eine Ersatztochter gewesen, eine Tochter, die sie und Raimund nie gehabt hatten. Nach Marys Tod hatte sich Lena um das Baby ihrer Tochter gekümmert – um Kay. Von Mary erzählten sich die Frauen im Dorf, dass sie alle Männer in ihrer Umgebung behext hatte. Stand Kay noch immer unter ihrem Bann, obwohl Mary schon seit drei Jahren tot war?
„Vielleicht auch ein bisschen, ich weiß es nicht!“ wand sich Kay.
Betti war ein einziges Fragezeichen. Daher fuhr er fort:
„Bevor ich zur Schule kam, musste ich häufig Sachen auftragen, aus denen meine Schwester herausgewachsen war. Später, so mit zwölf, dreizehn Jahren, habe ich den Schrank meiner Schwester durchsucht und heimlich ihre Sachen angezogen. Ich hab’ immer alles vorsichtig zurückgelegt, damit es nicht auffiel. Aber meine Schwester hat doch ‘was gemerkt und mich verpetzt. Meine Mutter hat daraufhin den Schrank abgeschlossen und mich in einem Sportverein angemeldet.“
„Möchtest du auch Sachen von mir anziehen?“
Um Betti bei seiner Antwort nicht ansehen zu müssen, beugte sich Kay zu Truva hinunter.
„Wenn sie mir passen.“
Als Kinder waren Betti und ihre Schwester im Dorf als „Pischmädchen“ bekannt gewesen. Vielleicht hatte sie deshalb nie eine Freundin gefunden, mit der sie, wie andere Mädchen im Alter von dreizehn, vierzehn Jahren, ihre Sachen und intimsten Geheimnisse teilen konnte. Dann war ihr Kay begegnet und fortan hatte sich ihr Interesse auf ihn konzentriert. Sie entsann sich, was für ein unbekanntes, erregendes Gefühl es gewesen war, als sie zum ersten Mal ein Gummihöschen von ihm getragen hatte, das ihr Tante Lena zum Ausprobieren mitgebracht hatte. Später hatte sie mit Tante Lenas Hilfe versucht, stets die gleichen Windelhöschen wie er zu kaufen. Mittlerweile passte ihr auch die gleiche Größe, und, da sie ihre Windelhöschen mitgebracht hatte, waren im Wickelzimmer sämtliche Windelhöschen paarweise vorhanden. Sie hatte auch seine Kleidung kopiert, musste das TShirt haben, das er gerade anhatte, und zog die gleiche Art Hemden an, wie er sie trug. Wenn sie es einrichten konnte, lief sie wie eine zweite Ausgabe von Kay herum.
„Und ich hab’ immer so wie du angezogen sein wollen, wenn du hier warst!“ gestand sie. „In dem Rock und der Bluse siehst du aus wie ein kleines Mädchen – wie das kleine Mädchen Kay! Ich glaub’, ich mag dich als kleines Mädchen!“
Sie gab dem Hund einen Kuss auf die Schnauze, wobei sie jedoch Kay anblickte.
Eine Weile hing Betti schweigend ihren Gedanken nach. Die Bemühungen ihrer Mutter, sie aus den Windeln zu bekommen und sie wenigstens für Stunden „normal“ herumlaufen zu lassen, hatten stets zu nassen Schlüpferchen und Pfützen geführt. Zur Strafe war hinterher die Windelung besonders auffällig ausgefallen. Im Familien und Verwandtenkreis hatten ihre Mutter und selbst Tante Lena, wenn sie zu Besuch kam, ihr manchmal das Kleidchen hochgehoben und die Schlüpfer heruntergezogen, damit alle das Windelhöschen mit den Windeln darunter sehen konnten. Sie hatten sich über das „große Babymädchen“ amüsiert und gespottet, dass es mit diesem Keuschheitsgürtel wohl nie einen Mann abbekäme! Es war nicht bösartig gemeint gewesen, sondern nur der Versuch, sie vom Einnässen abzubringen. Lange Zeit war sie jedes Mal heulend vor Scham und Wut weggerannt und hatte sich versteckt. Später hatte sie sich jedoch damit abgefunden, von anderen als Baby angesehen und behandelt zu werden. Dann war sie eben eines, damit basta! Erst als feststand, dass sie inkontinent war, hatten die öffentlichen Beschämungen aufgehört. Nachdem Betti herausbekommen hatte, dass Kays Zimmer auf Bornhude als Kinderzimmer eingerichtet war, und dass Tante Lena ihn wie ein großes Baby umsorgte, war sie manchmal heimlich hin geradelt und hatte in seinem Zimmer gespielt. In ihrer Phantasie war sie Kay und Betti zugleich gewesen.
Bisher hatte Betti geglaubt, dass Kay als Ersatz für Mary eine erfahrene Frau suche, die ihm als Geliebte und als Mutter alles geben konnte. Wenn er aber gerne Mädchensachen anzog, bedeutete das auch, dass er sich wie ein Mädchen benehmen und Puppenmami spielen wollte? Sie musste herausfinden, ob Kay als Puppenmami an ihr, dem Babymädchen, interessiert war.
„Damals, an der Mauer, da haben wir doch auch über Puppenmamis gesprochen“, kehrte Betti zum Anfang ihres Gesprächs zurück, „und was die alles mit ihren Puppen machen.“
Wie damals bekam sie einen roten Kopf. Fast flüsternd fuhr sie fort:
„Weißt du, heute Morgen, als ich mich verschluckt hatte, und Tante Lena mir eine Nuckelflasche gab, da wollte ich am liebsten eine Babypuppe sein – deine Puppe!“
Die Vorstellung, mit Betti wie mit einer großen Babypuppe zu spielen, brachte Kays Hormone zum Purzeln. In seinen sexuellen Phantasien hatte er schon häufig von einem Babymädchen geträumt, dem er all die Zuneigung und Liebe geben konnte, nach der er sich selbst sehnte. Aber er hatte dabei nie an Betti gedacht – jedenfalls nicht wirklich! Oder vielleicht doch, im Unterbewusstsein? War die Distanz, die er Betti gegenüber eingehalten hatte, nur der Schutz vor einer Enttäuschung gewesen?
In diesem Moment in der Küche stürzten jedenfalls seine bisherigen Argumente und Bedenken wie ein Kartenhaus zusammen. Mit einem versteckten Zwinkern im Augenwinkel begann er laut zu überlegen:
„‘Mal sehen, ob ich mir gemerkt habe, was Puppenmamis alles mit ihren Babypüppchen anstellen? Trockenlegen?“
Betti schüttelte den Kopf. Das wollte sie nicht – noch nicht.
Er überlegte weiter.
„Umziehen?“
Da Betti schwieg, stand er auf. Verwundert schaute Truva hinterher, als er mit Betti an der Hand die Küche verließ und in sein Babyzimmer ging.
„Was zieh’ ich heute meiner Babypuppe bloß an?“
In Selbstgesprächen redete er weiter, während er Betti bis auf das Windelhöschen auszog. Dann streifte er ihr das Baby-DollNachthemd über, das noch von Mary stammte, steckte sie in ein von Tante Lena gehäkeltes weißes Pumphöschen, setzte ihr das Betthäubchen auf und zog ihr die BabyBettschühchen an. Betti hatte die Finger in den Mund gesteckt und lutschte daran.
„Das geht aber nicht“, tadelte er.
Er wählte einen Formsauger unter seinen Schnullern aus und schob ihn ihr in den Mund, nachdem er ihn vorher in seinem Mund angefeuchtet hatte. Das hatte er Tante Lena abgeguckt.
Betti war glücklich. Sie genoss die Zärtlichkeit, mit der Kay sie umzog, die sanfte Berührung seiner Hände, die an einigen sensitiven Stellen ihres Körpers länger als nötig zu verweilen schienen. Um ihm den nächsten Schritt zu zeigen, gähnte sie und rieb sich die Augen.
„Achgottchen, Püppi ist müde und muss ins Bett!“ reagierte Kay prompt.
Er trug sie zu seinem Gitterbett, legte sie hinein, drückte ihr seine Puppe in den Arm und deckte sie zu.
„Jetzt schlaf schön, mein Püppchen“, sagte er und gab ihr einen Gutenachtkuss auf die Stirn.
Statt die Augen zu schließen, sah ihn Betti unverwandt an.
„Hab’ ich noch ‘was vergessen?“
Betti streckte die Arme aus. Als er sich zu ihr hinunter beugte, spuckte sie den Nuckel wieder aus und presste ihren Mund auf die ausgestopfte Stelle in seiner Bluse.
„An die Brust legen? Ich dich?“
Sie antwortete mit einem Lidschlag und zog ihn ins Bettchen, half ihm, die Bluse aufzuknöpfen und den BH hochzuschieben. Als seine Brustwarzen frei waren, glitt sie flüchtig mit ihren Lippen darüber, hob ihr Nachthemdchen hoch und begann, ihre Brustwarzen an seinen zu reiben. Sie drehten sich, bis Betti halb auf Kay zu liegen kam. Bettis Bewegungen wurden immer rhythmischer, während ihre Hand von seinen Hüften abwärts zum Rocksaum glitt, unter dem Rock dem Beinabschluss seines Windelhöschens bis zum Schritt folgte und sich von dort bis zum oberen Rand des Windelhöschens tastete. Zögernd fuhr die Hand unter Kays nasse Windeln. Obwohl Betti noch nie einen Mann so intim berührt hatte, wusste sie aus Lenas Erzählungen, was sie tun musste. Ihr heißes Köpfchen lag jetzt schwer auf seiner Brust. Einen Schenkel über seine Beine gekreuzt, fuhr sie mit der anderen Hand in ihr eigenes Windelhöschen. Kay hatte seine Arme über ihren Körper gelegt und massierte durch Windeln und Windelhöschen hindurch ihre Pobacken. Fast gleichzeitig gelangten sie zum Höhepunkt. Bettis Finger spielten sanft weiter, bis auch die Nachwellen abgeebbt waren. Mit einem tiefen Seufzer glitt sie neben Kay. Während sie ihm den Schnuller in den Mund steckte, griff sie nach seinem Daumen, um daran zu lutschen. Eng umschlungen, die Puppe zwischen sich, die Beine verschränkt, schliefen sie ein.
*    *
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Drittes Kapitel
Lena saß allein in der Küche. Bei ihrer Rückkehr hatten Betti und Kay noch geschlafen. Vorsichtig hatte sie die beiden zugedeckt und weiter schlafen lassen. Jetzt genehmigte sie sich ein Gläschen Kräuterlikör. Es sollte nicht bei dem einen bleiben.
Dass erst immer etwas passieren musste, bevor die jungen Leute das taten, von dem andere längst wussten, das sie es tun würden, sinnierte Lena. Betti schlief in Babysachen neben Kay im Gitterbettchen! Ob die etwa ’n büschen mehr als nur Baby gespielt hatten?
„Na denn, zum Wohl’!“
Zum Glück brauchte sie sich bei der Deern keine Sorgen wegen unerwünschter Folgen machen. Die beiden mussten es aber plötzlich sehr eilig gehabt haben. Nicht einmal den Kaffeetisch hatten sie abgeräumt! Truva hatte für sie die Krümel und Kuchenreste beseitigt. Alle Teller und die Kuchenplatte waren blitzblank abgeschleckt.
Im Dorf hatte Lena nicht das erfahren, was sie erwartet hatte. Zuerst hatte sie ihren Bruder auf dem Eggerthof besucht und dramatisch geschildert, wie sie Raimund Seldorn tot aufgefunden hatte, und dass er schon längere Zeit so in seiner Wohnung gelegen habe. Gewisse Einzelheiten jedoch, seine Kleidung und das Nebenzimmer, hatte sie für sich behalten. Auch die Erpressung und den Schuss auf den Landrover hatte sie nicht erwähnt. Bevor sie ging, hatte sie das Gespräch auf Einbrüche und Fremde in der Gegend gebracht. Ihr Bruder und seine Frau hatten nichts Ungewöhnliches bemerkt, und im Dorf kursierten auch keine Gerüchte. Anschließend hatte Lena mit Kati gesprochen, Bettis älteren Schwester, die bei der Genossenschaftsbank arbeitete. Da in letzter Zeit wiederholt kleinere Bankfilialen auf dem Lande überfallen worden waren, achteten Kati und ihr Mann auf fremde Autos. In der letzten Zeit war ihnen keines aufgefallen. Ebenso ergebnislos war auch Lenas Gespräch mit dem Forstaufseher gewesen, den sie auf dem Rückweg abgepasst hatte.
Der Schuss gab ihr Rätsel auf. Ein bisschen kannte sie sich ja mit Waffen aus – der Schrank unten hing voll davon. Das Projektil stammte nicht von einem Kleinkalibergewehr, es war grösser. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass der Autobahnschütze mit einem professionellen Jagdgewehr herumlief. Jemand hatte es auf Kay abgesehen, und da sie im Dorf keine Hinweise auf einen Fremden in der Gegend bekommen hatte, musste dieser Jemand hier in der Nähe zu suchen sein! Woher sollte er sonst gewusst haben, dass Kay den Landrover fuhr? Ob die alte Geschichte mit Mary dahinter steckte? Lena verrannte sich in die abenteuerlichsten Theorien und Vorstellungen.
Vom Grübeln (oder vom Likör?) hatte sie einen schweren Kopf bekommen. Leicht benommen stand sie auf. Heute Nacht sollte ihren beiden Küken im Gitterbettchen nichts passieren, dafür würde sie, Magdalena Eggert, schon sorgen! Sie ließ Truva noch schnell vor die Haustür, dann traf sie ihre Vorbereitungen.
*    *
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Als Tante Lena sie zugedeckt hatte, war Kay kurz aufgewacht. Auch Betti hatte im Halbschlaf nach der Puppe gegriffen, sich umgedreht, gewohnheitsmäßig ihre Nuckelfinger in den Mund gesteckt und war, das Gesäß in die Beuge seines Schosses geschmiegt, wieder eingeschlafen. Jedesmal, wenn sie sich bewegte, wachte er auf und zupfte die Bettdecke über ihr zärtlich zurecht, was sie mit einem wohligen Murmeln quittierte. Später in der Nacht hörte Kay im Halbschlaf einen Vogel, der direkt vor dem Fenster sitzen musste. Es war demnach kurz vor dem Hellwerden, wenn das Morgenkonzert einsetzte. Wartend lauschte er. Es blieb bei dem einen Vogel.
„Ein Vogel, der singt, wenn andere Vögel schlafen? Das kann nur eine Nachtigall sein,“ dachte er.
Aber den Gesang der Nachtigall hatte er doch ganz anders in Erinnerung! Diese hier pfiff immer wieder die gleiche Melodie vor sich hin, kein Schnalzen oder Schlagen, keine Variation der Tonfolgen. Er zwang sich, wach zu werden. Es war Ende August, keine Saison mehr für Nachtigallen! Außerdem war es bereits hell. Ein gleichmäßiges Geräusch, das er im Halbschlaf für Vogelgesang gehalten hatte, drang durch die halboffene Tür aus dem Flur in die Kammer. Vorsichtig kletterte er aus dem Gitterbett und schlich zur Tür. Er bedeutete Betti, die ebenfalls wach geworden war und sich aufgesetzt hatte, leise zu ihm zu kommen.
Im Flur bot sich ihnen ein merkwürdiger Anblick! Lena hatte den Schaukelstuhl aus ihrem Zimmer an die Treppe gestellt und sich im Morgenmantel und in Filzpantoffeln, mit einer Decke über den Knien, hineingesetzt. Quer über ihrem Schoss hielt sie eine schwere Jagdflinte aus dem Waffenschank der Seldorns. Truva lag zusammengerollt zu Lenas Füssen. Beide schliefen fest. Aus Lenas halboffenem Mund drangen laute Schnarchtöne, zu denen Truva die zweite Stimme röchelte.
*    *
*
Beim Frühstück am Sonntag machte Betti einen Vorschlag. Da sie und Kay festgestellt hatten, dass sie gegenseitig gerne ihre Sachen anzogen, wie es „beste Freundinnen“ taten, könnten sie doch, eben wie beste Freundinnen, immer gleich gekleidet gehen!
„Dürfen wir heute damit anfangen, Tante Lena?“ bettelte sie.
Die Bitte überraschte Lena nicht sonderlich. Schon Mary hatte Kay Sachen von sich angezogen, die dieser bereitwillig getragen hatte. Wenn nun Kay und Betti von sich aus als Zwillinge gehen wollten, kam ihr das sehr entgegen. Das würde die beiden noch enger binden. Sie hatte gelesen, dass Geschwister, Zwillingen, die als Kinder immer gleich angezogen wurden, ihr ganzes Leben voneinander abhängig blieben. Deshalb hatte sie Betti auch darin unterstützt, ihre Kleidung auf Kay abzustimmen. Noch war es schwierig, Kay wie Betti anzuziehen, aber wenn sie von nun an gemeinsam bestellten und einkaufen gingen, würde sich mit der Zeit auch dieses Problem lösen.
Nach dem Wickeln kleidete Lena ihre beiden „Süßen“ an. Es wurde eine Synthese aus Bettis und Kays Garderobe, ergänzt durch die von Mary. Die Bustiers stammten von Betti, wobei Kay den älteren, kleineren bekam, der ihn eng einschnürte. Unterhemden und Unterhosen kamen aus Kays Schrank, Feinstrumpfhosen von Betti und von Mary. Unter Marys Sachen fanden sie auch zwei gleiche, sportliche weiße Blusen. Schwarze Jeanshosen und weiße Söckchen besaßen sowohl Kay als auch Betti. Vor dem großen Spiegel in der Halle versuchte Lena, die Frisuren der beiden anzugleichen.
„Die müssten einmal gemeinsam zum Friseur gehen“, dachte sie.
Betti deutete auf das Bild im Spiegel:
„Wir sind nicht mehr Betti und Kay. Wir sind eine Person, nur mit zwei Körpern! Jetzt müssen wir uns einen Namen überlegen, der für beide Körper passt!“ fuhr sie fort.
„Kay-Tina“, schlug Kay vor.
„Kaitina, ja, wir sind Kaitina!“ stimmte Betti zu.
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„Wuff!“
Truva blickte zu Betti und Kay hinauf. Die beiden waren eng umschlungen stehen geblieben und küssten sich.
„Wuff“, machte Truva noch einmal und drängte sich dazwischen.
„Nu’ kuck dir bloß ‘mal die Töle an“, rief Betti verwundert, „die passt uns auf! Die erlaubt nicht, dass wir schmusen!“
Sie führten den Hund im Buschgelände am Zufahrtsweg aus, dort, wo vor drei Jahren Drainageröhren verlegt worden waren. Der Tag war trüb und regnerisch, wie die meisten Tage in diesem Sommer. In ihren hellblauen Gummistiefeln, den gelben, hier im Norden als „Friesennerze“ bezeichneten gummierten Regenmänteln und den dunkelblauen Südwestern – modische Seemannskleidung für Landratten – konnte man von weitem Kay und Betti nur an der Größe unterscheiden.
Der Hund hatte etwas entdeckt. Mit angehobener Vorderpfote blieb er stehen, Kopf und Rücken bildeten eine gerade Linie, die Hinterläufe waren gegrätscht, wie es sich für einen Vorstehhund gehörte. Bei Truva angelangt, sahen sie das Auto, das mitten im Buschgelände stand. Sie nahmen Truva an die Leine und schauten in den Wagen. Auf der Rücksitzbank lag eine Gestalt mit angewinkelten Knien, den zur Rückenlehne gewendeten Kopf in eine Decke vergraben. Die Decke war vom Körper gerutscht und gab den Blick auf halb heruntergelassene Hosen und ein durchsichtiges Windelhöschen mit pinkfarbenen Höschenwindeln darunter frei. Eine Medikamentenpackung lag auf dem Beifahrersitz, ein zusammengefalteter Bogen Papier auf dem Armaturenbrett, leere Bierflaschen waren im Wagen verstreut.
„Schläft er?“ wollte Betti wissen.
Kay befürchtete etwas anderes. Die Scheiben waren von innen nicht beschlagen! Er öffnete die Wagentür auf der Beifahrerseite, kniete sich auf den Sitz und tastete nach der herunterhängenden Hand der Gestalt. Sie war kalt und ohne Puls!
„Der Babyboy von Raimund?“ fragte Betti, als Kay wieder hinaus kletterte.
Er vermutete es, obwohl das Gesicht nicht zu sehen war. Aber der Wagen mit dem Hamburger Kennzeichen kam ihm bekannt vor. Darauf bedacht, keine Spuren zu verwischen und auch selbst keine zu hinterlassen, inspizierte er das Innere des Wagens. Die Medikamentenpackung, die ein Schlafmittel enthalten hatte, war leer. Mit spitzen Fingern nahm er den Bogen vom Armaturenbrett und faltete ihn auseinander. Betti schaute ihm über die Schultern. Das Blatt enthielt eine kurze, mit Schreibmaschine getippte Mitteilung:
Es tut mir Leid, was ich getan habe! Ich wusste ja nicht, dass Raimund tot ist und wollte ihn bestrafen. Ohne Raimund will ich auch nicht mehr leben!
Kay legte den Bogen zusammengefaltet wieder zurück und schaute sich weiter um. Der Zündschlüssel steckte. Zwischen Vorder und Rücksitz lag eine Brieftasche, die offensichtlich aus der Gesäßtasche gerutscht war. Mit einem unbenutzten Papiertaschentuch von Betti, das er sich zwischen die Finger klemmte, angelte er die Brieftasche hervor und öffnete sie. Das Bild auf dem Personalausweis zeigte eindeutig den Jüngling von den Babyphotos in Raimunds Wohnung.
Nachdem sie von Bornhude aus die Polizei in Nortorf benachrichtigt hatten, ging Kay mit seiner Fotoausrüstung zum Buschgelände zurück. Nur mit Mühe hatte er Lena ausreden können, ihn zu begleiten.
Im Buschgelände zeichnete sich trotz des Regens noch die Stelle ab, wo der Wagen vom Zufahrtsweg abgebogen war. Kay näherte sich dem Auto wieder von der Beifahrerseite. Auf dieser Seite hatten Betti und er schon vorher Fußspuren hinterlassen, die der Regen allerdings bald verwaschen haben würde. Nachdem er sich die Adresse des Babyboys notiert hatte, nach der sich Lena erkundigt hatte, machte er einige Aufnahmen vom Inneren des Wagens. Danach ging er im Bogen um den Wagen und schoss eine Reihe von Fotos von der unmittelbaren Umgebung. An der Fahrertür verriet in den aufgeweichten Boden getretenes Moos und Gras, dass sich hier eine Person längere Zeit aufgehalten hatte, auch wenn keine Fußabdrücke mehr zu erkennen waren.
Am Nachmittag führten Lena und Kay ein langes Telefongespräch mit Armin Seldorn in Kiel. Sie berichteten ihm von dem toten Babyboy im Buschgelände beim Landsitz, und als sie Armin dann auch noch von dem Schuss auf den Landrover erzählten, von dem er bisher noch nichts wusste, polterte er los: Ob sie denn von allen guten Geistern verlassen wären? Die ganze Geschichte begänne ja wohl doch, ihnen gründlich über den Kopf zu wachsen! Dies sei nun gewiss kein Fall mehr für ein paar schmalspur Amateurdetektive, wie sie es waren. Da müsse schnellstens die Polizei über alles informiert werden – guter Ruf hin, guter Ruf her, die Sicherheit der Lebenden ginge vor! Zum Schluss versprach Armin noch, nach Bornhude zu kommen, sobald er wieder etwas Luft im Geschäft habe. Bis dahin bitte er doch sehr, ihn auf dem Laufenden zu halten!
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Montag vormittag erschien Kriminaloberkommissar F. W. Holm aus Neumünster auf dem Landsitz. Lena war erleichtert, dass dieser und nicht irgendein anderer Kriminalbeamter gekommen war. Herr Holm hatte sich vor drei Jahren erst um den Schutz von Mary und dann um die Aufklärung ihres Todes bemüht. Nach einer fast überschwänglichen Begrüßung bewirtete Lena den Oberkommissar in der Küche mit Kaffee und Gebäck. Kay brauchte sie nicht vorzustellen. Der Kriminalbeamte nickte ihm zu und fragte:
„Auch im Lande?“
F. W. Holm war merklich gealtert und sein Gesicht wirkte faltiger als vor drei Jahren. Vielleicht hatte er aber auch nur abgenommen. An Betti konnte er sich nicht erinnern.
Umständlich erklärte der Kriminalbeamte den Grund seines Besuchs. Er habe den Bericht über den Leichenfund auf seinen Schreibtisch bekommen. Da er mit der Örtlichkeit vertraut sei, solle er die Ermittlungen in diesem Fall führen – wenn es überhaupt ein Fall sei. Bisher deute alles auf Selbstmord hin, der Abschiedsbrief, die leere Schlafmittelpackung und die Bierflaschen im Wagen des Toten. Jetzt wolle er eigentlich nur wissen, ob mit dem „Raimund“ im Abschiedsbrief Raimund Seldorn gemeint sei, was ja dann wohl auch den Ort erkläre, den der junge Mann aus Hamburg für seinen Freitod gewählt habe.
„Oder ist es doch ein Fall für unseren Hobbykriminalisten?“ wandte er sich scherzhaft an Kay.
„Sie wissen, dass Raimund Seldorn letzte Woche tot in seiner Hamburger Wohnung aufgefunden wurde?“
Der Oberkommissar wusste es noch nicht. Lena und Kay wechselten sich im Bericht sämtlicher Vorfälle bis gestern ab. Schweigend hörte Herr Holm zu, machte sich aber eifrig Notizen.
„Ich hätte es wissen müssen, gleich als ich Sie hier sah“, meinte er und blickte mit seinen traurigen Hundeaugen Kay resignierend an.
„Eigentlich bin ich hergekommen, um einen Selbstmord zu bearbeiten, jetzt sind ein Tötungsversuch, eine Erpressung und ein ungeklärter Todesfall in Hamburg hinzugekommen. „Dabei stehe ich kurz vor meiner Pensionierung“, setzte er noch hinzu.
Dann vertiefte er sich in seine Aufzeichnungen.
„Warum haben Sie den Schuss nicht gemeldet?“ fragte er unvermittelt.
Betretenes Schweigen in der Küchenrunde.
„Weil er doch seine Hose nass gemacht hat!“ platzte Betti heraus.
In den Augen des Oberkommissars blitzte es kurz belustigt auf. Er ließ sich von Kay genau beschreiben, wo auf ihn geschossen worden war und markierte die in Frage kommende Brücke auf seiner Karte. Mit einem Blick auf das Projektil, das ihm Lena in einer durchsichtigen Plastikhülle überreicht hatte, meinte er:
„Es wird sich ja leicht ermitteln lassen, ob das hier vom Autobahnschützen stammt!“
Halblaut vor sich hin murmelnd, unterbrochen von längeren Gedankenpausen, notierte sich Herr Holm die nächsten Schritte, die er veranlassen musste. Kay hörte die Worte „Kollegen in Hamburg“, „Hülse“, „Ballistik – LKA Kiel“ und „BKA anfragen“ heraus. Danach hatte es der Kriminalbeamte eilig. Er ließ sich von Kay den Landrover zeigen, verzichtete aber auf die Schlüssel. Das Fahrzeug durfte jedoch nicht benutzt werden, bis es erkennungsdienstlich behandelt worden war. Anschließend fuhr er mit Kay zum Buschgelände. Zwei Streifen- und ein Abschleppwagen blockierten den Zufahrtsweg. Mit vereinten Kräften hatten die Männer den Wagen des Babyboys aus dem Buschgelände geschoben und dabei auch die letzten Reste an Spuren im aufgeweichten Boden zertreten. Oberkommissar Holm runzelte nur die Stirn und schickte einen Streifenwagen mit einem Sonderauftrag weg.
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Von Zeit zu Zeit, wenn sie viel zu berichten wusste, besuchte Lena Eggert das Kaffeekränzchen der Landfrauen in Rendsburg. Es stand unter dem auf schleswigholsteinische Verhältnisse gemünzten Motto: „Hören und gehört werden“. Lena blieb nicht verborgen, dass Kay und Betti dem „lenafreien“ Nachmittag entgegen fieberte. Etwas früher als notwendig ließ sie sich von Kay ins Dorf fahren, wo sie mit einer anderen Landfrau verabredet war, deren Mann sie hinfahren würde. Dafür sollte dann Kay die beiden Frauen abends vom Haus der Landfrauen abholen und unterwegs noch zwei weitere Abholer auflesen. Schuld an der komplizierten Abhollogistik waren die „Pharisäer“, große Tassen Kaffee mit reichlich Schlagsahne obenauf, um den Geruch des kräftigen Schusses Rum im Kaffee abzudecken. Keine der Landfrauen war hinterher noch fahrtüchtig! Sie und ihre Autos mussten abgeholt werden.
Endlich waren Kay und Betti allein – fast allein. Um nicht von Truva gestört zu werden, füllten sie den Hundenapf in der Küche mit Futter, und sie ließen die Eingangstür offen, damit die Hündin hinaus konnte. Bereits auf dem Weg ins Dachgeschoss begannen sie heftig zu schmusen. Oben angekommen, nahm Kay Betti auf den Arm und trug sie in ihre Kammer. Bis auf die Windelhosen entkleidet legten sie sich eng umschlungen auf Bettis ausziehbare Schlafcouch. Diesmal war Betti passiv geblieben und hatte Kay die Initiative überlassen. Ihr war bange vor dem, was kommen würde. Wie würde er reagieren, wenn er feststellte, dass ihre Muschi noch immer die eines kleinen Mädchens war, dass sie zu eng und auch etwas schief war und kein Mann hinein kam? Unwillkürlich versteifte sich Betti, als sich seine Hand in ihr Windelhöschen stahl. Ängstlich blickte sie Kay an, dessen Hand an ihrem Bauch hinab bis zwischen die Schenkel vordrang und dessen Finger dort zu tasten begannen.
Was Kay mit seinen Fingern fühlte, ließ ihn ahnen, weshalb sich Betti so verspannt hatte. Eine plötzliche Woge heißem Mitgefühl durchflutete ihn, die er in zärtliche Küsse auf ihr Gesicht umsetzte. Mit seiner freien Hand begann er auf ihrem Körper wie auf einem Instrument zu spielen. Nach und nach gab sich Betti seinen Liebkosungen hin. Von ihrem Stöhnen wie von einem Echolot geführt, fanden seine Finger die richtige Stelle. Behutsam begannen sie dort ihr Spiel, unterbrachen es, glitten weiter und wieder zurück, pausierten.
„Mach weiter! Sanfter! Schneller!“
Betti geriet in Ekstase. Kurz bevor sie soweit war, forderte sie noch:
„Küss mich!“
Kays Zunge fest in ihren Mund gesaugt kam Betti zu einem Höhepunkt, wie sie ihn bisher noch nicht erlebt hatte. Wieder und wieder bäumte sich ihr Körper auf, bis sie mit verdrehten Augen zuckend zurücksank.
Noch immer heftig atmend lag Betti auf dem Rücken neben Kay. Sie merkte, dass sie ihre Blase nicht länger kontrollieren konnte und wollte seine Hand aus ihrem Windelhöschen ziehen.
„Lass mich fühlen, wie du ausläufst“, bat er.
Als Betti nun in Kays Windelhöschen greifen wollte, hielt er ihre Hand fest. Er legte sich auf den Rücken, schob seine Hand unter die ihre und führte beide Hände zwischen seine Windeln. Bettis Hand lag auf seiner, als er durch die feuchten Windeln hindurch die Spitze seines Gliedes zu massieren begann. Nach wenigen Augenblicken hatte auch er seinen Orgasmus.
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Am nächsten Morgen fiel Lena sofort auf, dass mit Betti etwas geschehen war. So glücklich und ausgeglichen hatte sie das Mädchen noch nie erlebt.
„Diesmal war es wohl ernst?“ fragte sie ihre Nichte. „Und, habt ihr euch ausgesprochen?“
Betti lächelte nur verklärt. Ernst war es schon gewesen, aber gesprochen hatten sie gestern nicht viel. Vor lauter Glück hatte sie in Kays Armen geweint und der verrückte Kerl hatte ihren Körper von oben bis unten mit Küssen bedeckt. Keine einzig Stelle hatte er ausgelassen, auch nicht die Partie unter dem Windelhöschen, ganz besonders die eine nicht!
Aus Bettis unzusammenhängenden Bemerkungen schloss Lena, dass Kay endlich auch um Bettis „intimes“ Geheimnis wusste und sie so akzeptiert hatte, wie sie von Natur aus war. Das war gut. Um jedoch wirklich wie Zwillinge fühlen zu können, mussten sie gegenseitig auch verstehen, was Bettis Natur als Frau und Kays Natur als Mann war. Am schnellsten würde das der Fall sein, wenn Lena ihnen beibrachte, wie sie sich gegenseitig zu pflegen und zu windeln hatten.
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Dienstagmittag rief Armin Seldorn durch. Er war benachrichtigt worden, dass Raimund an einem Herzinfarkt verstorben war, und dass der Leichnam und die Wohnung freigegeben seien. Nach dem Anruf brach auf Bornhude die Telefonitis aus. Lena wollte gleich am nächsten Tag nach Hamburg, um alles Notwendige zu veranlassen. Bei dieser Gelegenheit wollte sie auch die ganz persönlichen Dinge aus Raimunds Wohnung abholen. Der Rest sollte möglichst schnell weggeschafft werden. Kay schlug vor, Kleidung und Wäsche den Alsterdorfer Anstalten zu spenden, die sich ganz in der Nähe befanden und eine spezielle Sammelstelle dafür hatten. Für die Einrichtung würden sich sicher Bekannte von ihm interessieren und auch schnell zugreifen, wenn sie nicht zahlen mussten. Armin hatte Lena freie Hand bei der Wohnungsauflösung gelassen und die war mit Kays Vorschlag einverstanden.
Kay war froh, dass ihm noch immer das Handy von Armin zur Verfügung stand. So brauchte er keine Rücksicht auf Lenas Gespräche zu nehmen. Bei einem Autoverleih in Neumünster bestellte er einen Pritschenwagen mit Plane und Spriegel und er verhandelte mit der Werkstatt, in die er auf der Hinfahrt den Landrover zum Auswechseln der Scheibe bringen wollte. Noch gestern hatten zwei Beamte von der Spurensicherung den Winkel zwischen Einschussloch in der Windschutzscheibe und Einschlag im Polster vermessen. Wegen der Möbel setzte sich Kay mit Hildburg in Verbindung. Hildburg war eine Kommilitonin, mit der er längere Zeit eine biologische Zweckgemeinschaft unterhalten hatte. Sie war das Matte As ihrer Gruppe, weder hübsch noch hässlich, hatte einen seziermesserscharfen Verstand und eine von allen gefürchtete spitze Zunge. Sie lebte in einer Wohngemeinschaft, in der jeder nur das Geschirr aus dem Berg in der Spüle abwusch, das er gerade benötigte. Eines Tages hatte Kay seine eigene Tasse zu einem Date mitgebracht. Er hatte es für eine lustige Idee gehalten; Hildburg hatte ihn hinausgeworfen.
„Mann, du hast ein Talent, mich auf dem falschen Fuß zu erwischen, das ist sagenhaft“, bellte die heisere Raucherstimme am anderen Ende der Leitung.
„Tut mir auch gar nicht Leid“, flachste Kay zurück, „aber vielleicht hörst du mir trotzdem zu!“
Er bot ihrer WG die Möbel aus Raimunds Wohnung an – Schlafzimmer, Wohnzimmer, Waschmaschine, Kühlschrank – umsonst, abzuholen in Ohls-dorf, morgen ab zwölf Uhr. Wenn jemand den Abtransport so kurzfristig organisieren konnte, dann Hildburg. Kay wusste, dass in der Wohngemeinschaft Bedarf an allem bestand.
„Wie hieß dieser Babyjunge noch mal?“ fragte Lena in einer Pause zwischen ihren Telefonaten.
„Björne, Florian Björne“ antwortete Kay und gab ihr den Zettel mit der Adresse.
Sofort rief Lena eine Auskunft an, deren Nummer sie sich gemerkt hatte – durch den Werbespruch von der Fußballelf, die es acht Mal mit der dreiunddreißig jährigen Verona treibt. Es gab zwei Eintragungen unter dem Namen Björne mit unterschiedlichen Abkürzungen für die Vornamen, aber gleicher Adresse.
„Ob ich einfach ‘mal anrufe?“
Ohne eine Antwort auf ihre rein rhetorisch gestellte Frage abzuwarten, wählte Lena die angegebenen Nummern. Bei der ersten hob niemand den Hörer ab, bei der zweiten meldete sich eine weibliche Stimme. Lena fand schnell heraus, dass sie mit der Mutter des Babyboys sprach. Voller Anteilnahme erklärte sie, dass sie die Wirtschafterin auf dem Landsitz sei, in dessen Nähe der Sohn von Frau Björne gefunden worden war. Sie könne den schmerzlichen Verlust gut nachempfinden, da sie auch gerade einen Trauerfall habe, einen Jugendfreund, der in Hamburg verstorben sei. Lenas kurzes Aufschluchzen war echt. Nach und nach brachte sie das Gespräch auf ihr eigentliches Anliegen. Sie wolle morgen mit ihrer Nichte und deren Freund nach Hamburg kommen, um ein paar persönliche Sachen aus der Hinterlassenschaft des verstorbenen Jugendfreundes abzuholen. Sie habe sich gedacht, dass sie bei dieser Gelegenheit einmal vorbeischauen könnten, um ihr Beileid auszusprechen. Das sei Frau Björne doch recht? Bloß keine Umstände, sie wollten wirklich nicht lange bleiben. So gegen sechzehn Uhr?
Betti hatte mit fassungslosem Staunen, Kay verschmitzt grinsend zugehört.
„Das hast du aber fein hingekriegt“, kommentierte er Lenas Gespräch mit der Mutter des Babyboys.
Er ahnte, dass Lena aus purer Neugierde, die sie allerdings als tatkräftige Unterstützung von Herrn Holm bezeichnen würde, einen Blick in die Wohnung des Babyjungen werfen wollte.
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Viertes Kapitel
Auf dem Weg zu Raimunds Wohnung hielten sie beim Bahnhof Ohlsdorf an. Ausgerüstet mit diversen Unterlagen und Vollmachten wollte Lena ein Beerdigungsinstitut mit der Überführung von Raimund ins Dorf beauftragen, wo sich die Familiengrabstätte der Seldorns befand. Rund um den Bahnhof wechselten sich Steinmetzen, Friedhofsgärtnereien, Restaurants mit Sälen für kleine Gesellschaften und Beerdigungsunternehmen gleichmäßig ab. Unter den Beerdigungsunternehmen hatte Lena die Auswahl zwischen einem Sargdiscount, einem, das bereits für Azubis eine Vorsorgeversicherung anpries, einem weiteren, das alternativ notariell beglaubigte See und Luftbestattungen anbot und mehreren, die durch ihren Namen katholische und protestantische Pietät ansprachen. Sie entschied sich für eines der letzteren Kategorie, das sich auf den ersten Bischof von Hamburg bezog.
Kay und Betti weigerten sich, mit ihrer Arbeitskluft Lena in das Beerdigungsinstitut zu begleiten. Die Wartezeit vertrieben sie sich auf durchaus lebendige Art. Als Lena endlich wieder herauskam, war sie verstört. Sie konnte sich nicht damit abfinden, dass Raimund eingeäschert werden sollte! Man hatte ihr eine Einäscherung im Krematorium Ohlsdorf und eine Überführung der Urne ins Dorf angeraten. Armin, den Lena vom Beerdigungsinstitut aus angerufen und dem der Mitarbeiter des Unternehmens die Gründe für seinen Vorschlag auseinander gesetzt hatte, war einverstanden gewesen.
In Raimunds Wohnung roch es noch immer unangenehm, obwohl die Fensterklappen inzwischen offen gestanden hatten. Lena riss sämtliche Türen und Fenster auf und versprühte dosenweise Raumspray. Die Gitter des Kinderbettchens im Babyzimmer bestanden tatsächlich aus zusammengesteckten Einzelteilen, die Kay leicht auseinander nehmen konnte. Diskret in Decken gehüllt brachte er die Teile sowie das Laufställchen hinunter zum Pritschenwagen. Lena und Betti packten die persönlichen Sachen von Raimund, einschließlich aller Tonband und Videokassetten, Zeitschriften und Bücher, in die mitgebrachten Umzugskartons und Koffer. Sorgfältig überzeugte sich Lena in jedem Zimmer, dass sie nichts übersehen hatten, was Auskunft über Raimund Seldorns Leben geben konnte. Zum Glück verspätete sich das Räumkommando der Wohngemeinschaft, so dass Lena noch Gelegenheit hatte, ihre Babys frisch zu windeln und anschließend den Kühlschrank auszuscheuern, während Kay die Anschlüsse der Waschmaschine abmontierte und Betti beutelweise Müll in den Container hinter dem Haus brachte.
Nur zwei Stunden später als vereinbart erschienen die Leute von der WG. Etwas komisch kam sich Kay schon vor, als er ihnen gegenüberstand. Es war das erste Mal, dass er Bekannten in Hamburg begegnete und dabei Windeln trug. Es war auch das erste Mal, dass zwei Freundinnen von ihm, seine verflossene und seine jetzige, gleichzeitig anwesend waren. Dass Betti und er zusammengehörten, war nicht zu übersehen. Abgesehen von der gleichen Kleidung hatte Betti zum Zeichen der Verbundenheit ihren und Kays linken kleinen Fingernagel rot lackiert. Kaitinas Zeichen!
Hildburg bemerkte es sofort. Sie warf einem schrägen Blick von Betti zu Kay und fragte hämisch:
„Deine neue Flamme – frisches Kalbfleisch vom Lande, eh?“
Kay hätte sie erwürgen können! In dieser Situation zeigte Bettina Eggert die gleiche Schlagfertigkeit wie ihre Tante. Besitzergreifend hakte sie sich bei Kay ein und konterte:
„Wir halten uns eben länger frisch auf dem Lande. Und überhaupt, Kalbfleisch schmeckt nun ‘mal besser als das von alten Rindviechern!“
Für Zehntelsekunden herrschte die bekannte Stecknadelfallenhörenstille. Feixend drehte Kay sich um und zog Betti aus der Reichweite von Hildburgs scharfen Fingernägeln. Da die drei aus Bornhude mit ihrer Arbeit in Raimunds Wohnung fertig waren, räumten sie das Feld. Die Schlüssel nahmen sie mit. Beim Hinausgehen hörte Kay noch, wie einer aus der WG sagte:
„Die war ja echt gut drauf, die Kleine! Das hätt’ ich der Tussi gar nicht zugetraut.“
Hildburgs Erwiderung bekam er nicht mehr mit.
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Die Doppelhaushälfte, in der Frau Björne wohnte, lag in einem honorigen Villenviertel am Stadtrand, dessen Bausubstanz noch aus der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen stammte. In der Straße roch es nach frisch gemähtem Rasen und wohlgeordnetem Hamburger Mittelstands Milieu. Sie klingelten beim unteren Namensschild mit dem weiblichen Vornamen. Das Schild darüber trug den Namen des Babyboys, Florian Björne. Eine nachlässig gekleidete Frau öffnete erst nach dem zweiten Läuten. Mit unechter Freundlichkeit begrüßte sie die Besucher und führte sie in eine durch Bäume vor dem Fenster verdunkelte Wohnstube. Ein Kanarienvogel begann beim Anblick der fremden Personen in seinem Käfig unruhig umherzuflattern.
Nach kurzer Unterhaltung wurde die Mutter des Babyboys unruhig und zeigte nur noch höfliches Desinteresse an ihren Besuchern. Lena Eggert bewies, dass sie sich auf Menschen verstand. Sich suchend umblickend erwähnte sie, wie deprimierend der Aufenthalt in der Wohnung ihres Freundes gewesen sei. Nur habe sie dort nichts gegen ihre Depressionen unternehmen können, da ihr Freund doch Abstinenzler gewesen sei. Sie hatte das richtige Stichwort gefunden. Sofort erhob sich Frau Björne und eilte in die Küche, um ihr Hausmittel gegen die eigenen Depressionen zu holen. Betti bot ihre Hilfe an. Während die Gastgeberin mit frisch abgespülten Gläsern und einer angebrochenen Flasche Weinbrand ins Wohnzimmer zurückkehrte, versorgte Betti die mitgebrachten Blumen, die achtlos auf dem Küchentisch gelandet waren.
Beim dritten Glas taute Frau Björne auf. Lena hatte allein mithalten müssen, da Kay seine Pflichten als Chauffeur und Betti ihr Alter als Ausrede benutzen und nur aus Höflichkeit an ihren Gläsern nippten. In der nächsten halben Stunde erfuhren Lena, Betti und Kay die Lebensgeschichte der Frau Björne. Sie war eine Zugereiste, eine „Quitje“ – mit einem J wie in „Jeans“ – wie man in Hamburg sagte. Kay tippte auf Sachsen. Lena sprach sie direkt darauf an. Frau Björne stammte aus dem Württembergischen. Sie hatte hier nach Hamburg hinauf geheiratet, wo sie keinen Menschen kannte. Ihr Mann war früh verstorben und hatte ihr das Haus hinterlassen. Und jetzt war Florian auch tot, ihre einzige Stütze nach dem Ableben ihres Mannes! Der Kummer überwältigte Frau Björne und sie begann zu schluchzen. Beim nächsten Glas, das Kay schnell vollgeschenkt und ihr gereicht hatte, erholte sie sich wieder und erzählte weiter. Geschickt stellte Lena Zwischenfragen, wenn sich Frau Björne über ihre Schicksalsschläge in Selbstmitleid zu verlieren drohte. Ja, ihr Sohn habe hier im Haus gewohnt, in der Einliegerwohnung. An Selbstmord glaube sie nicht, das habe sie auch der Polizei gesagt. Florian habe doch alles gehabt, was er brauchte – eine Wohnung, eine Stellung bei einer Versicherungsgesellschaft und seinen Computer. In ihn habe er sein ganzes Geld gesteckt und alles, was neu auf dem Markt kam, sofort gekauft.
Kays Stichwort war gefallen. Er säße selbst nächtelang an seinem PC, erklärte er, und interessiere sich für alles, was damit zusammenhinge. Ob er sich einmal die Anlage von Florian ansehen dürfe? Frau Björne bedauerte. Da sei nicht mehr viel zu sehen. Vorgestern, am Dienstag, seien Kriminalbeamte gekommen und hätten alles mitgenommen. Betti und Kay blickten sich an. Oberkommissar Holm musste es sofort am Montag veranlasst haben. Nachdem Kay seinem Wunsch wiederholt hatte, durfte er einen Blick in Florians Wohnung werfen. Schon etwas unsicher auf den Beinen ging Frau Björne voran, Lena und Betti schlossen sich an.
Die Einzimmerwohnung mit einer abgetrennten Koch- und einer Schlafnische sowie einem Duschbad enthielt keine sichtbaren Hinweise auf Florians Babydasein. Dafür war sie mit Hightech-Geräten überfrachtet. Der Rechner fehlte. Die Polizei hatte die Anschlüsse aus dem Gerät gezogen und es mitgenommen, und sie hatte sämtliche Disketten, Tonband- und Videokassetten sichergestellt.
Ein ISDN-Anschluss bestärkte Kays Vermutung, dass der Babyboy Florian Zugang zum Internet gehabt hatte. Auch ein Laserdrucker war vorhanden. Nach einer Schreibmaschine blickte sich Kay vergeblich um.
„Hatte Ihr Sohn überhaupt eine Schreibmaschine?“ fragte er Frau Björne.
„I wo! So ebbes gibt’s im ganzen Hause nit mehr.“ antwortete sie.
Der Florian habe doch alles mit dem Computer gemacht. Und was der alles damit gekonnt habe! So viel, dass er ständig unterwegs gewesen sei, um für andere Probleme zu lösen. Das habe er nicht aus dicken Büchern gelernt, sondern alles selbst ausprobiert. Frau Björne gestand, dass sie zwar überhaupt keine Ahnung von dem allen habe, aber einiges sei ihr halt schon ein bissel spinnert vorgekommen. Was das gewesen sei? Na ja, zum Beispiel der verrückte Einfall, Disketten in den Kühlschrank zu legen, nur um zu sehen, wie sie dann funktionierten. Erst letzte Woche habe sie ein Päckle im Gemüsefach ihres Kühlschranks gefunden, das Flori dort hinein gelegt hatte, weil in seinem kein Platz war. Kay horchte auf.
„Hat die Kripo diese Disketten auch mitgenommen?“
„Oi, was denkscht’enn du? Ich lass mir doch von dene nit in moi’ Kühlschränkche luge!“
Frau Björne bemühte sich nicht länger, Hochdeutsch zu reden. Disketten in den Kühlschrank zu legen, sei auch für ihn neu, erklärte Kay. Ob er diese Disketten einmal sehen könne? Während die Besucher aus Bornhude wieder in der Wohnstube Platz nahmen, holte Frau Björne eine neue Flasche Weinbrand und die Disketten. Das Päckchen war in genoppter Plastikfolie eingewickelt. Auf der Packung selbst klebte noch das Preisschild, die Disketten darin waren in einen mit Tesafilm verschlossenen Plastikbeutel gehüllt. Kay nahm sie heraus. Sie sahen neu aus. Warum in aller Welt hatte sie der Babyboy in den Kühlschrank gelegt? Kay hatte mit Disketten, die er bei kaltem Wetter im Rucksack herumgeschleppt hatte, schlechte Erfahrungen gemacht.
Nachdenklich ließ er die Disketten durch die Finger gleiten. Plötzlich stutzte er. Eine der Disketten war markiert! Höflich fragte er, ob er eine der gekühlten Disketten einmal ausprobieren dürfe. Er würde sie auch bestimmt zurückgeben. Frau Björne hatte unterdessen ein Stadium allgemeiner Spendierfreudigkeit erreicht. Sie schenkte ihm die ganze Packung.
Auf der Heimfahrt fällte Betti ein vernichtendes Urteil über Frau Björne:
„Die olle Schabracke ist doch voll mit sich und ihrer Buddel beschäftigt. Was da mit ihrem Sohn gelaufen ist, hat die überhaupt nicht geschnallt!“
*    *
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Heute waren sie früh aufgestanden, denn Kay musste den Pritschenwagen bis acht Uhr wieder in Neumünster abliefern. Betti wollte Kay begleiten, aber Tante Lena winkte ab:
„Lass das man nach!“
Sie brauchte ihre Nichte im Haus, weil ihr Kopf brummte und sie sich schwindlig fühlte. Außerdem, wenn Kay allein fuhr, würde er viel schneller wieder zurück sein als mit Betti zusammen!
Als Kay gegen Mittag auf dem Rückweg von Neumünster mit dem Landrover durchs Dorf kam, winkte ihn Kati vor der Bank auf die Seite. Ob er sie mitnehmen könne? Sie wolle während der Mittagspause ihre Tante besuchen. Im Anfang ihrer Bekanntschaft war Bettis ältere Schwester Kay gegenüber sehr reserviert gewesen. Inzwischen hatte Kati geheiratet und sie sahen sich nur noch selten.
Auf Bornhude beschäftigte er sich mit Arbeiten außerhalb des Hauses, um Tante Lena und ihre beiden Nichten nicht zu stören. Katis Besuch während der Mittagspause war ungewöhnlich. Sie musste etwas sehr Wichtiges auf dem Herzen haben. Nach dem gemeinsamen Mittagessen an Tante Lenas Küchentisch ließ sich Kati von Kay zur Bank zurückfahren.
„Na ja“, meinte sie unterwegs, „du wirst ja doch gleich alles erfahren!“
Er erfuhr es, kaum, dass er wieder zurück war. Was ihr Kati erzählt hatte, hatte Lena Eggert gar nicht gefallen. Jörg, der Kati ihr Mann, hatte eine heftige Auseinandersetzung mit seinem Vater gehabt. Der Streit war ausgebrochen, als Katis Schwiegervater eine abfällige Bemerkung über die „Pischer“ gemacht hatte, die hier überall herumliefen. Man sollte ihnen die Hosen herunterziehen und sie davon jagen. Jörg war nicht seiner Meinung gewesen. Daraufhin hatte sein Vater gebrüllt, Jörg müsse wissen, zu wem er zu halten habe – zu seinem Vater oder zu dem Klüngel um Bornhude.
*    *
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Erst am Abend fand Kay Zeit, sich mit den Disketten aus dem Kühlschrank zu beschäftigen.
„Du warst ja man bannig fix, diese Dinger da“, Lena deutete auf die Disketten, „mitzunehmen. Du hast doch ‘was vor damit?“
Kay erklärte ihr, dass es absoluter Schwachsinn sei, Disketten in den Kühlschrank zu legen. Der Babyboy musste etwas anderes damit bezweckt haben, noch dazu, wo er eine der Disketten gekennzeichnet habe. Er ließ Lena und Betti die Diskette heraussuchen, die sich durch eine winzige Kleinigkeit von den anderen unterschied.
„Ist es die hier mit dem Tesafilm?“ fragte Betti.
Sie war es. Die beiden Frauen folgten Kay in die Bibliothek. Sie wollten etwas vorgeführt bekommen. Er tat ihnen den Gefallen und ließ sich den Inhalt der markierten Diskette anzeigen. Anschließend legte er einen neuen Ordner auf seiner Festplatte an und zog den Inhalt der Diskette hinüber. Als er jedoch eine der im Rich-Text-Format abgespeicherten Dateien mit seinem Textprogramm öffnete, erschienen nur Strichmuster auf dem Bildschirm. Nicht nur Lena und Betti waren verblüfft.
„Hast du ‘was falsch gemacht?“ fragte Lena teilnahmsvoll.
Kay betrachtete die Anordnung der Zeichen genauer. Sie bildeten in unterschiedlichen Kombinationen Gruppen von verschiedener Länge, wie Wörter in einem Text.
„Nö, der Boy hat sich eine Geheimschrift ausgedacht!“
„Ist ja richtig aufregend!“ rief Betti.
Lenas Frage war praktischerer Art:
„Kannst du die entziffern?“
Er bat Betti, das Alphabet auf ein Blatt Papier zu schreiben und das dafür verwendete Zeichen dahinter zu malen, sobald er es sicher zugeordnet habe. Dann nahm er sich den letzten Abschnitt der Datei vor und suchte ihn nach Dreierkombinationen ab, die er markierte:
 
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Mehrere Dreierkombinationen wiesen das gleiche Symbol am Anfang auf:
┌┐╤     ┌┤┐     ┌╞╧
Bei ihnen musste es sich um die Artikel „der“, „die“ und „das“ handeln.
Nachdem er die Zeichen durch die entsprechenden Buchstaben im Text ersetzt hatte, ergaben sich nacheinander Auflösungen für weitere Zeichen. Betti malte mit vor Eifer glühendem Köpfchen die eindeutig zugeordneten Zeichen hinter die Buchstaben des Alphabets auf ihrem Zettel, während Kay mit der Suchen-und-Ersetzen-Funktion dem Wirrwarr der Zeichen immer weitere Buchstaben entlockte. Lena, die durch das Lösen von Kreuzworträtseln einen Spürsinn für fehlende Buchstaben entwickelt hatte, erwies sich als phantasievolle Dechiffriererin.
Nach einiger Zeit und mehreren Irrwegen ergaben die Zeichen einen schon fast verständlichen Text:
╣eute hat der ║ertreter noch einmal
angerufen. Er hat unterdessen auch von
anderer ╩eite erfahren, dass ╦aimunde
schon tot war. Jet<t will er sich noch
einmal mit mir treffen, weil ich mir
╩orgen wegen der ╡rpressung mache. Ich
habe ╦aimunde ⌠nrecht getan und das tut
mir ╫eid. Ich h≡tte mich nicht auf die
╩ache einlassen sollen.
Die Dekodierung der übrigen Zeichen war nur noch ein Kinderspiel.
Sie waren so vertieft in die Entzifferung gewesen, dass sie nicht auf die Uhr geachtet hatten. Erst als Lena zu Gähnen anfing, merkten sie, dass es an der Zeit war, schlafen zu gehen. Lena machte ihre beiden großen Babys gemeinsam für die Nacht fertig und brachte sie zu Bett – jedes in sein eigenes, wie es sich vorläufig noch gehörte!
Ungeduldig lauschte Kay in den Flur hinaus und wartete auf die ersten gedämpften Schnarchtöne aus Lenas Zimmer. Er wollte seinen Laptop heraufholen und weitermachen, bis er sämtliche in der Datei vorkommenden Symbole enträtselt hatte, um dann ein Umwandlungsprogramm zu schreiben, mit dem er die Datei insgesamt und auch die übrigen Dateien lesbar machen konnte. Als Tante Lena später in der Nacht noch einmal in sein Zimmer schaute, saß er mit gekreuzten Beinen im Gitterbettchen vor dem Laptop, den Schnuller im Mund, seine Puppe und seinen Plüschhasen rechts und links neben sich.
„Ich hab’s ja gewusst! Du lässt auch keine halbfertigen Sachen über Nacht ‘rumliegen!“
Ihr Ton war zärtlich. Sie zog Kay die Jacke vom Jogginganzug über, rückte sein Babyhäubchen zurecht und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Mit einem Blick auf den Bildschirmtext meinte sie:
„Ist vielleicht auch besser so, Betti muss ja noch nicht alles lesen!“
Die Diskette enthielt tagebuchartige Aufzeichnungen des Babyboys Florian, in denen er vernichtend über seine Mutter urteilte und mit ihr abrechnete. Er hatte sich nach Liebe und Verständnis gesehnt, während sie ihm nur Verantwortungen aufgebürdet hatte. Als ihr Alkoholproblem zunahm, häuften sich hässliche Szenen und Florian begann sie zu verachten. In Raimund Seldorn lernte er einen Menschen kennen, mit dem er reden konnte. Sie führten lange Gespräche, bei denen Raimund schnell herausfand, wie sehr sich Florian nach Zuwendung sehnte. Bei den Babyspielen ersetzte Raimund dem Boy die Mutter. Sie gaben ihm das Gefühl einer besonderen Geborgenheit, in der „Raimunde“, wie er Raimund in seinen Aufzeichnungen nannte, die Verantwortung für ihn übernahm. Er tat alles, was „Raimunde“ wollte, um dessen Zuneigung zu erhalten.
Als sie wieder einmal verabredet gewesen waren und „Raimunde“ nicht öffnete, war Florian verwirrt. Mehrere Tage lang versuchte er, Raimund anzurufen oder zu unterschiedlichen Zeiten in der Wohnung aufzusuchen. Schließlich war er überzeugt, dass sich Raimund nicht in Hamburg befand. Aber da er weder eine Nachricht hinterlassen noch angerufen oder geschrieben hatte, glaubte der Boy, dass Raimund ihn auf diese Art loswerden wollte. Es folgten lange Ausführungen, in denen sich wütende Tiraden gegen Raimund mit Selbstvorwürfen von Florian, der die Schuld für Raimunds Verhalten bei sich suchte, abwechselten. Aus Raimunds Erzählungen wusste Florian vom Landsitz Bornhude, ohne allerdings die genaue Adresse zu kennen.
In seiner Verzweiflung fuhr er in der Gegend, wo er Bornhude vermutete, und fragte an Tankstellen und in Dorfgaststätten nach dem Weg. Er hoffte, Raimund treffen und zur Rede stellen zu können. Bornhude zu finden war schwieriger, als sich Florian vorgestellt hatte und er war nahe daran aufzugeben. Beim letzten Versuch stiess er auf einen Autofahrer, der ihm den Weg beschreiben konnte. Der freundliche Mann fuhr sogar ein Stück vor Florian her. In einem kleinen Ort hielt er an und lud Florian zu einem Glas Bier ein. Während der Autofahrer den genauen Weg nach Bornhude aufzeichnete, verwickelte er Florian in ein Gespräch und fragte, zu wem er denn wolle. Als Florian den Namen Raimund Seldorn erwähnte, war der Mann ziemlich sicher, dass Raimund Seldorn zurzeit nicht dort sei. Er habe häufig in der Nähe zu tun und der Volvo von Herrn Seldorn wäre ihm bestimmt aufgefallen.
Es wurde eine längere Unterhaltung. Wärme, leerer Magen und Gemütszustand verstärkten die Wirkung des Bieres bei Florian. In seinen Aufzeichnungen machte er sich hinterher Vorwürfe, dem fremden Autofahrer zu viel von sich und Raimund erzählt zu haben, genug jedenfalls, dass sich der Mann ein Bild von ihren Beziehungen machen konnte. Als Florian endlich weiterfahren wollte, riet ihm der Fremde ab, jetzt nach Bornhude zu fahren. Wenn er Herrn Seldorn sprechen wolle, müsse er vorher sicher sein, dass sich dieser auch auf dem Landsitz aufhalte, sonst hätte es gar keinen Zweck. Ihm, dem jungen Mann aus Hamburg, würde man dort bestimmt nicht sagen, wo Herr Seldorn zu finden sei. Das leuchtete Florian ein. Durch seine Nachforschungen könnte „Raimunde“ gewarnt werden und sich noch besser vor ihm verstecken. Als der Fremde, den Florian für einen Vertreter hielt, vorschlug, herauszufinden, wer sich im Augenblick alles auf Bornhude aufhalte und ob Herr Seldorn dort erwartet werde, ging Florian darauf ein. Er schrieb seine Telefonnummer auf, und der Mann versprach, in den nächsten Tagen anzurufen.
Drei Tage später rief der Vertreter, dessen Namen Florian noch immer nicht kannte, an und erklärte leutselig, dass Raimund Seldorn nicht auf Bornhude sei. Aber ein anderer junger Mann aus Hamburg, den er schon mit Raimund zusammen gesehen habe, verbringe dort seine Ferien. Seit er dort sei, hingen ständig Windeln und Windelhöschen zum Trocknen auf der Leine hinter dem Haus. Für Florian stand jetzt fest, dass „Raimunde“ einen neuen Freund hatte, der dort auf ihn wartete. Bereitwillig ging er auf den Vorschlag des Anrufers ein, sich am nächsten Tag bei Fischerhütte an der Fähre über den Nord-Ostsee-Kanal zu treffen.
Es gibt mehr Fähren über den Kanal als Brücken. Der als Treffpunkt vereinbarte Ort war auf Florians Autoatlas nicht verzeichnet und er hatte Mühe, die richtige Fähre zu finden. Der Vertreter wartete bereits. Mit ihren Autos setzten sie über auf die andere Kanalseite, wo sie den nächsten Gasthof aufsuchten. Florian ließ sich noch einmal berichten, was er schon am Telefon erfahren hatte. Anscheinend verriet er durch seine Fragen sein besonderes Interesse an Windeln und Windelhöschen, denn der Vertreter fragte ihn, ob er auch damit herumlaufe. Florian brauche sich deswegen nicht zu genieren, es gäbe ja offenbar viele, die das täten; einige davon hätte er auch schon kennen gelernt.
Florians Informant spendierte einen Schnaps. Er könne gut verstehen, dass Florian den Raimund Seldorn zur Rede stellen wolle. Er habe die Seldorns auch kennen gelernt. Die nähmen überhaupt keine Rücksichten auf andere Menschen! Sie prosteten sich zu.
„Gegen die Seldorns!“ sagte der Vertreter.
Die nächste Runde bestellte Florian.
„Gegen Raimund Seldorn!“
„Prost!“
Mit dem Landsitz Bornhude schienen mehr Leute verbunden zu sein, als Florian vermutet hatte. Sie kamen richtig in Fahrt. Den feinen Herrschaften auf Bornhude müsse man es einmal richtig zeigen, meinte Florians Begleiter nach einigen Gläsern. Florian war ganz seiner Meinung. Am meisten weh täte es denen, wenn es an den Geldbeutel ginge, überlegte der Vertreter weiter. Die Idee zu einer Erpressung entstand. Das Geld wollten sie sich teilen, da die Herrschaften dem Vertreter auch noch etwas schuldeten. Einige Einzelheiten waren schnell entworfen, alles Weitere wollten sie am Telefon besprechen. Den Brief sollte Florian an die Bornhuder Adresse senden, da man dort sicher wusste, wo sich Raimund aufhielte und ihm die Post zuschicken würde. Der Vertreter diktierte Florian die genaue postalische Anschrift. Mit dem festen Vorsatz, sich an Raimund Seldorn zu rächen, trennten sich Florian und sein neuer Komplize.
*    *
*

Fünftes Kapitel

Zärtliche, feuchte Küsse weckten Kay auf. Er war neben seinem Laptop eingeschlafen. Im ersten Moment glaubte er, dass Betti ihn wach küsse. Ihre Küsse waren immer etwas feucht, was er besonders kindlich fand. Aber es war Truva, die ihn auf ihre Art weckte, nachdem Lena die Seitenwand vom Gitterbettchen heruntergeklappt hatte.
Lena hatte Kay länger schlafen lassen. Aber Studentensitten – abends nicht rein und morgens nicht raus aus den Federn, die wollte sie auf Bornhude nicht einreißen lassen. Als Zugeständnis für seine Nachtarbeit hatte sie jedoch ein Babyfrühstück mit herauf gebracht. Kay und Betti mussten sich eng nebeneinander auf ein Schulbänkchen setzen. Lena band ihnen Lätzchen um und stellte eine Halblitermilchflasche, auf die sie einen Kälbersauger gestülpt hatte, zwischen sie. In der Flasche war genug Morgenkaffee für beide. Betti verstand.
„Kaitina nur ein Fläschchen braucht!“ sagte sie in Kleinkindersprache.
Kaitina brauchte auch nur einen Löffel, mit dem Lena, die sich auf einen Schemel vor das Bänkchen gesetzt hatte, Kay und Betti aus einer großen Schüssel voll Babybrei fütterte. Nach dem Frühstück setzte Lena ihren Vorsatz in die Tat um und unterwies Kay und Betti in der Pflege großer Babys. Sie mussten sich gegenseitig die Zähne putzen, die nassen Nachtwindeln ausziehen und gemeinsam unter die Dusche gehen, wo sie unter Lenas Anleitung einander gründlich abseiften. Anschließend forderte Tante Lena ihre Nichte auf, Kay die Schamhaare abzurasieren, die schon wieder kräftig nachzuwachsen begannen.
„Bei deinem zarten Flaum ist das bisher noch nicht nötig, aber, stark behaarte große Babys kann man schlecht sauber halten!“ erklärte sie Betti, die sich mit hoch rotem Kopf an Kays intimsten Zonen zu schaffen machte.
Staunend sah Lena zu, wie geschickt sich Tollpatsch Betti dabei anstellte. Zu Kay gewandt meinte sie:
„Na, das gefällt dem großen Babyjungen wohl?“
Kay genierte sich, dass sie sein erigiertes Glied sah, das sich bei Bettis Berührung steil aufgerichtet hatte. Der kleine Racker ließ aber auch keine erogene Zone aus!
Fertig gewickelt und angezogen musste Kay das große Baby Betti versorgen. Mit rotem Kopf kletterte Betti auf dem Wickeltisch, um sich von Kay windeln zu lassen. Sie hatte Schmetterlinge im Bauch, als sie mit gespreizten Beinen nackt vor Kay lag und sich seinen Blicken auslieferte. Tante Lena zeigte Kay, wo er Betti cremen und pudern musste, um einem Windelausschlag vorzubeugen. Unter dem sanften Druck von Kays Fingern wurde Betti beim Eincremen feucht. Sie hoffte nur, dass es Lena nicht bemerkte. Kay, der Filou, hatte es bemerkt und mit seinem Finger sogar noch ein bisschen nachgeholfen.
*    *
*
Lena und Kay hatten Oberkommissar Holm informiert und sich mit ihm in Neumünster verabredet. Sie setzten Betti im Einkaufszentrum ab und vereinbarten einen Treffpunkt. Bevor sie zur Polizeidienststelle fuhren, holte Kay noch den Film ab, den er gestern zum Entwickeln abgegeben hatte. Die Abzüge mussten fürs Erste genügen, obwohl aus dem Filmmaterial mehr herauszuholen war.
KOK F. W. Holm hatte noch immer sein altes Büro. In gespielter Verzweiflung blickte er seinen beiden Besuchern entgegen. Am Telefon hatte sich Kay nach einem PC, Drucker und einem bestimmten Textverarbeitungsprogramm erkundigt. Oberkommissar Holm hatte das Gespräch zu einem jüngeren Kollegen aus einer anderen Abteilung durchgestellt. Dieser Kollege war ebenfalls anwesend und Kay übergab ihm eine vorbereitete Diskette mit Auszügen aus Florian Björnes Aufzeichnungen zum Ausdrucken.
„Dann schießen Sie ‘mal los, junger Freund. Sie haben wieder auf eigene Faust Detektiv gespielt?“ eröffnete Oberkommissar Holm die Unterhaltung, nachdem sie an einem Besuchertisch Platz genommen hatten.
Kay legte zuerst die Bilder vom Parkplatz der Autobahnraststätte auf den Tisch, auf denen Florian Björne als Abholer an der Mülltonne zu erkennen war. Die nächsten Aufnahmen zeigten das Auto des Babyboys von drei Seiten im Buschgelände. Kay wies auf die Stelle vor der Fahrertür hin, wo der Boden zertreten gewesen war. Auf den Fotos vom Inneren des Fahrzeugs waren keine Schmutzspuren zu erkennen.
„Sie haben mir gar nicht erzählt, dass Sie auch Aufnahmen vom Wagen gemacht haben!“
Ein leichter Vorwurf schwang im Ton des Oberkommissars mit.
„Das ...“ „Wenn ...“
Lena und Kay setzten gleichzeitig zu einer Antwort an. Das habe Kay bestimmt nicht mit Absicht getan, hatte Lena sagen wollen.
„Wenn ich es Ihnen gesagt hätte, hätten Sie doch gleich wieder Einmischung in die Polizeiarbeit geargwöhnt“, vollendete Kay seinen Satz.
Der Oberkommissar ging nicht auf Kays Erwiderung ein.
„Nach dem bisherigen Stand der Ermittlungen scheidet der tot aufgefundene Florian Björne aus Hamburg als Brückenschütze aus. Eine Verbindung zum Tod von Herrn Raimund Seldorn besteht nur insofern, als sie das Motiv zum Erpressungs- und späteren Selbstmordversuch liefert. Aus einem vorläufigen gerichtsmedizinischen Befund geht hervor, dass der Tod durch Ersticken eingetreten ist. Alkohol und Schlafmittel waren nicht die unmittelbare Todesursache; Spuren einer Fremdeinwirkung konnten nicht eindeutig nachgewiesen werden. Da im Innern des Wagens außer denen des Fahrzeughalters keine verwendbaren Fingerabdrücke gefunden wurden, gehen wir von Erstickungstod als Unfall in mittelbarer Folge eingenommener Barbiturate aus.“
Die Spuren außen vor der Fahrertür seien wohl für eine Zeitbestimmung zu undeutlich, fuhr Herr Holm fort. Sie könnten auch von einer Person stammen, die zu einem Zeitpunkt in den Wagen geschaut habe, als der Insasse noch lebte. Wie dem auch sei, diese Person müsse als wichtiger Zeuge ausfindig gemacht werden.
Mit Genugtuung nahm Kay zur Kenntnis, dass der Kriminalbeamte nicht anzweifelte, dass noch Spuren vorhanden gewesen waren, als Kay die Aufnahmen gemacht hatte.
„Und was hat das nun mit der ominösen Diskette auf sich?“ wollte Herr Holm als Nächstes wissen.
Zuerst berichtete Lena vom Besuch bei der Mutter des Florian Björne, dass sich dort im Haus keine Schreibmaschine befände, weil Kay doch danach gefragt habe, und dass er Disketten aus dem Kühlschrank geschenkt bekommen habe. Kay händigte Herrn Holm die Packung mit den Disketten aus.
„Sie können sie ruhig aufmachen, unsere Fingerabdrücke sind sowieso überall drauf!“ forderte er den Oberkommissar auf.
„Eine der Disketten ist markiert. Ihr Kollege druckt gerade von mir kopierte Auszüge aus dem Inhalt der Diskette aus.“
Der Kollege kam mit dem Ausdruck zurück und Oberkommissar Holm forderte ihn auf, sich ebenfalls Kays Angaben dazu anzuhören.
„Hoffentlich unterstellen Sie mir jetzt nicht, ich hätte mir alles nur ausgedacht, um Ihnen einen Mordfall zu bescheren“, beendete Kay seine Erläuterungen zu Diskette und Ausdruck.
Oberkommissar Holm betrachtete den Ausdruck und überflog die dekodierten Texte, die Kay ausgewählt hatte. Sein Kollege suchte die Diskette, die Kay wieder „markiert“ hatte, unter den anderen heraus und reichte sie weiter.
„Diese Diskette ist im Originalzustand, wie Sie sie erhalten haben?“ vergewisserte sich Herr Holm.
„Nicht ganz. Zum Einlesen auf meinem PC habe ich den Tesafilm über der Öffnung unten rechts entfernt und sie nachher wieder zugeklebt“, berichtete Kay wahrheitsgemäß.
Nach kurzem Überlegen erklärte der Oberkommissar:
„Ihre Hinweise auf die Nichtübereinstimmung von Augenschein und dem von Ihnen beigebrachten Beweismaterial ergeben in der Tat Anhaltspunkte für die Fortsetzung der Ermittlungen in einer neuen Richtung. Wir werden polizeilicherseits den Hinweisen nachgehen!“
Kay schluckte. Ob man lange brauchte, um diesen Jargon zu erlernen? Für Lena Eggert kam nur eine ganz bestimmte Person als Täter in Frage! Aber der Kommissar war wohl noch nicht so weit, ihren Verdacht ernst zu nehmen. Während sie unschlüssig zögerte, entschuldigten sich der Oberkommissar und sein Kollege für einen Moment. Nach kurzer Beratung im Nebenzimmer steckte Herr Holm den Kopf zur Tür herein und fragte Kay:
„Wie lange brauchen Sie, um mit meinem Kollegen zusammen die Diskette zu dechiffrieren?“
Beim Hinausgehen fragte Kay, was die Überprüfung des Projektils ergeben habe. Mit einem Anflug von Humor antwortete der Oberkommissar, dass die Kugel den Dienstweg eingeschlagen und daher ihr Ziel noch nicht erreicht habe.
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Betti saß vor einem Becher Eiskaffee und wartete auf Kay, der noch immer mit Tante Lena bei der Polizei war. Voller Panik dachte sie an das baldige Ende der Ferien. Es bedeutete Trennung. Sie würde Kay, der sich auf seine Prüfungen vorbereiten musste, in der nächsten Zeit nicht häufig sehen. Den Gedanken, statt in Nortorf in Hamburg auf eine Hauswirtschaftsschule zu gehen, verwarf sie als „Tüttelkram“. Kay hatte weder eine eigene Wohnung noch Geld auf der Kante. Wenn er im Frühjahr mit seinem Studium fertig war und irgendwo eine Anstellung gefunden hatte, konnte sie sich ja immer noch ummelden. Hoffentlich fand er bei der heutigen Arbeitsmarktlage auch eine Anstellung! Sie müsste einmal mit dem richtigen Mann über Kay reden. Dazu brauchte sie allerdings Tante Lenas Unterstützung.
„Sag ‘mal, bist du noch ganz gesund?“ entsetzte sich Tante Lena, als sie das Preisschild auf dem Schuhkarton sah.
Betti hatte die Wartezeit genutzt, um eine Vorauswahl unter den Geschäften zu treffen, in denen sie nachher mit ihrer Tante und Kay einkaufen wollte. Da Kay noch auf der Polizeidienststelle aufgehalten wurde, war sie mit Lena in ein Schuhgeschäft gegangen, wo sie Plateauschuhe mit extrem hohen Sohlen gesehen hatte. Traurig stand sie vor dem Spiegel im Schuhgeschäft. Lena musste zugeben, dass Betti in den Schuhen viel grösser und schlanker wirkte. Sie ließ sich erweichen. Auch in der Boutique, die Betti ausgespäht hatte, waren die Preise exorbitant. Wohl oder übel fand sich Lena auch damit ab und kleidete ihre Nichte für die anstehende Beerdigung neu ein. Als Kay später zu ihnen stieß, suchten sie zu dritt einen Frisiersalon auf. Hinterher war Lena frisch gelockt, und Betti und Kay hatten identische Frisuren.
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Die Chance, zusammen mit seiner Pensionierung der vorgesetzten Dienstelle den Unfalltod eines Selbstmörders als Mord präsentieren zu können, hatte den in letzter Zeit eingeschlafenen kriminalistischen Jagdeifer von Oberkommissar Holm wieder geweckt. Nach dem Besuch von Lena Eggert und Kay Jürgens hatte er eine längere Aktennotiz verfasst. Dieser Studiosus aus Hamburg erwies sich mit seiner Beobachtungs- und Kombinationsgabe wieder einmal als recht nützlich bei der Aufklärung eines Falles. Aus diesem Grund hatte er Herrn Jürgens angeboten, am Samstag gemeinsam einigen Hinweisen aus den Aufzeichnungen des vermeintlichen Selbstmörders nachzugehen. Eine vielversprechende Spur war der Gasthof bei der Kanalfähre. Auf dem Weg dorthin wollte er Herrn Jürgens in Bornhude abholen.
Den Gasthof auf der anderen Seite der Kanalfähre fanden sie ohne Mühe. Oberkommissar Holm wies sich aus und legte dem Wirt Photographien von verschiedenen Personen vor. Ohne zu zögern, deutete der Wirt auf das Foto von Florian Björne. Die anderen Personen kenne er nicht, aber dieser da auf dem Foto, der sei vor einiger Zeit hier gewesen. Wann genau, könne er nicht mehr sagen. Er holte seine Frau aus der Küche zu Hilfe, aber auch sie konnte sich nicht an den Tag erinnern, nur, dass es vor über einer Woche gewesen war. Ob er etwa in einen Unfall verwickelt worden sei, wollte sie wissen, weil er und sein Begleiter doch ganz schön einen zur Brust genommen hätten.
„Ich bin extra hinaus, um die beiden vom Fahren abzuhalten“, erklärte der Wirt.
Der vom Foto, dessen Wagen ein Hamburger Kennzeichen hatte, habe auf ihn gehört und erst einmal ein paar Stunden in seinem Wagen geschlafen. Dann habe er gegessen und literweise Kaffee getrunken, ehe er weitergefahren sei. Der andere sei gleich abgefahren. Aber dem habe man die Schnäpse auch kaum angemerkt. Wie er aussah? Na, so Mitte vierzig, mittelgroß, ein bisschen rund um den Bauchnabel, mittelblondes, glattes, schon etwas schütteres Haar. Der Wirt vermutete, dass es ein Handwerker aus der Gegend sein müsse. Handwerker, weil er einen Kombi fuhr, einen roten, und weil er hinten Werkzeug geladen hatte, aus der Gegend wegen der Autonummer aus Rendsburg, vielleicht auch Neumünster, das könne er jetzt nicht mehr so genau sagen.
Auf der Rückfahrt sah der Oberkommissar Kay prüfend an.
„Sie haben einen Verdacht, wer der Begleiter von Florian Björne gewesen sein könnte?“ fragte er.
„Bevor ich den falschen Mann verdächtige, möchte ich erst einmal laut nachdenken, ob auch alle Fakten zusammenpassen.“
Kay fasste das Schweigen des Oberkommissars als Aufforderung zum lauten Nachdenken auf und entwickelter seine Theorie.
„Natürlich fehlen noch einige Beweise,“ schloss er seine Überlegungen ab, „aber die sind im Augenblick vielleicht auch gar nicht nötig. So, wie ich unseren Mann einschätze, wird er ein Geständnis ablegen, wenn Sie ihm andeuten, dass Sie die Beweise hätten.“
„Eine interessante und sogar wahrscheinliche Theorie“, räumte Herr Holm ein.
Unterdessen waren sie in der Nähe des Dorfes angelangt, zu dem Bornhude gehörte. Kay lotste den Oberkommissar durch das Dorf bis vor ein Grundstück, in dessen Einfahrt ein metallic weinroter Kombi stand. Aus dem Haus trat gerade ein mittelgroßer Mann mit Bauchansatz und mittelblondem, schütterem Haar – Uwe Martens, der ehemalige Verwalter von Bornhude, dessen Sohn Jörg mit Lenas Nichte Kati Eggert verheiratet war!
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Wie vor drei Jahren saßen fünf Personen in der Bibliothek des Herrenhauses auf dem Landsitz Bornhude – Armin Seldorn, der zur Urnenbeisetzung seines Bruders auf dem Dorffriedhof angereist war, Lena Eggert, die für Getränke und Rauchwaren sorgte, ihre Nichte Betti, die vor drei Jahren noch nicht dabei gewesen war und sich mit Kay einen der großen Ledersessel teilte und KOK F. W. Holm, der sich eine von Armins guten Zigarren angezündet hatte und an seinem Kognakschwenker nippte. Auf einem Tischchen neben ihm lagen ein Aktenhefter und sein obligates Notizbuch. Er räusperte sich.
„Wie Sie wissen, werde ich nächste Woche pensioniert“, begann er.
Mit einer Handbewegung wehrte er mögliche Kommentare ab.
„Aber durch die entscheidenden Hinweise unseres jungen Freundes hier“, er deutete auf Kay, „hinterlasse ich meinem Nachfolger keinen unerledigten Fall auf dem Schreibtisch. Herr Uwe Martens hat ein umfassendes Geständnis abgelegt!“
Erleichtert atmeten seine Zuhörer auf. Lena hatte gleich den alten Martens in Verdacht gehabt, und sie war stolz auf Kay, dass auch er es herausgefunden hatte.
„Das meiste dürfte Ihnen ja schon bekannt sein“, fuhr der Oberkommissar fort, „ich will daher nur auf ein paar Punkte eingehen.“
Er blätterte in dem Hefter.
„Zuerst zum Motiv der Erpressung. Herr Martens war der Meinung, dass er im Zusammenhang mit seiner Kündigung um Geld betrogen worden sei – zu Unrecht, wie wir nachgeprüft haben. Als er rein zufällig den Florian Björne kennen lernte, sah er eine Möglichkeit, über Erpressung an das ihm vermeintlich zustehende Geld zu kommen. Eine erste Forderung war als Test gedacht, weitere Forderungen sollten folgen.“
„Offiziell darf ich Ihnen natürlich keine Einsicht in das Geständnis gewähren. Außerdem gehe ich davon aus, dass Herr Martens es entweder widerrufen oder in wesentlichen Teilen abändern wird, wenn er sich erst mit einem Anwalt beraten hat.“
Herr Holm legte den Aktenhefter aufgeschlagen zurück auf das Tischchen. Einige Textstellen waren gelb angestrichen.
„Wo kann ich mir ‘mal die Hände waschen?“ fragte er übergangslos.
Sobald er den Raum verlassen hatte, griff Armin, der am nächsten saß, nach dem Hefter und las vor:
„Der Florian sollte sich bei der nächsten Ausfahrt mit mir treffen, wenn er das Geld hatte. Als wir nur den Zettel und kein Geld in der Tüte fanden, war ich schon sauer. Und als der Florian mir dann auch noch den Mann und seinen Hund beschrieb, der die Fotos gemacht hatte, wusste ich sofort, dass es dieser Kay – Kay Jürgens – gewesen war, der sich auf Bornhude eingenistet hatte und der Schuld an meiner Kündigung war, weil dieser Geizkragen Armin Seldorn einem Studenten natürlich weniger zahlen musste, als mir. Und jetzt hatte dieser Windelpischer Kay schon wieder dazwischengefunkt und mir die Tour vermasselt! Da bin ich ausgerastet. Mit einer Stinkwut im Bauch bin ich losgefahren. Den erwischt du auf dem Rückweg, hab ich mir gesagt! Ich kannte ja alle Wagen, mit denen er unterwegs sein konnte. Auf einer Brücke, wo um die Zeit kein Verkehr war, hab ich auf ihn gewartet. Mein Jagdgewehr hatte ich hinten im Kombi.”
Armin blätterte um und las weiter:
Als ich dann erfuhr, dass Herr Seldorn, der Lehrer, tatsächlich verstorben war, und dass die Polizei den Fall untersuchte, hab ich den Florian angerufen. Ich wusste doch, dass Herr Seldorn auch Bilder von ihm gemacht hatte und dass die Polizei ihn leicht ausfindig machen konnte. Und so durcheinander wie der war, würde er alles erzählen, auch das mit der Erpressung, und mich da mit hineinziehen. Er kannte zwar meinen Namen nicht, aber wenn er auspackte, war ich trotzdem geliefert, weil man uns zusammen gesehen hatte. Für ihn war das weiter nicht schlimm, aber für mich, denn ich hatte doch auf den Landrover geschossen. Ich hab mich also noch mal mit ihm verabredet. Wir haben ein paar Flaschen Bier getrunken und dann hab ich ihm vorgeschlagen, in die Nähe von Bornhude zu fahren, um dort auf das Andenken von seinem toten Freund weiter zutrinken. Wir haben hinter dem Dorf am Weg nach Bornhude unsere Wagen geparkt, und, weil das Bier alle war, hab ich gesagt, dass ich eben schnell nach Hause fahren wollte, um neues zu holen. Er solle sich unterdessen schon mal auf unsere Abschiedsparty für Raimund vorbereiten, aber wegen dem Hund nicht zu weit vom Wagen weggehen.
Zu Hause hab ich mir dann dünne Gummihandschuhe übergezogen, das Schlafmittel, das meine Frau verschrieben bekommen hatte, als sie so krank war, eingesteckt und den Abschiedsbrief getippt. Als ich zurück bin, hat der Florian tatsächlich noch gewartet. Der hatte sich inzwischen dicke Pampers und ein Schutzhöschen angezogen, was mir sofort auffiel, weil er seine Hose nicht mehr zu bekommen hatte. Ich hab aber nichts gesagt. Wir haben weiter getrunken, und als er sich in seinen Wagen setzte, hab ich das Schlafmittel in eine Flasche getan. Die hab’ ich ihm aber erst gegeben, als er noch ein paar Bier mehr intus hatte. Wie er sich kaum noch wach halten konnte, hab ich ihn überredet, sich auf der Rückbank in seinem Wagen auszuschlafen. Hier draußen würde ihn niemand stören.
Ich hab dann gewartet, bis es fast hell war. Da hat er noch gelebt. Weil es aber gefährlich für mich war länger zu bleiben, hab ich die Decke über seinen Kopf gezogen. Wenn er aufgewacht wäre, hätte ich gesagt, dass ich ihn zudecken wollte. Er hat aber so fest geschlafen, dass er überhaupt nichts gemerkt hat. Ich wollte nicht, dass sein Wagen direkt an der Straße gefunden wurde, wo auch meiner gestanden hatte. Deshalb hab ich Florians Wagen mit ihm auf dem Rücksitz tiefer ins Gebüsch gefahren. Ich hab den Abschiedsbrief und die Schachtel von dem Schlafmittel hingelegt, die Bierflasche, wo ich das Schlafmittel reingetan hatte, an mich genommen und bin ausgestiegen. Als ich noch einmal in den Wagen sah, brachte mich die offene Hose auf einen Gedanken. Ich hab sie so weit runtergezogen, dass man die Pampers gut sehen konnte.”
Vor der Tür räusperte sich der Oberkommissar und Armin legte den Hefter zurück.
„Eines würde mich interessieren“, fragte Herr Holm, nachdem er sich wieder gesetzt hatte und an seiner Zigarre zog, „warum hat Herr Martens seinem Opfer die Hosen heruntergezogen?“
„Das kennt man hier so, um jemanden lächerlich zu machen.“
Mit Kay an der Seite entwickelte Betti zunehmendes Selbstbewusstsein in Gesellschaft. Es war nicht Betti, die gerade sprach, sondern Kaitina.
„Aber der Herr Martens wollte nicht den Babyboy bloßstellen, sondern eigentlich Kay und alle die mit ihm und Bornhude zu tun haben, weil hier doch jeder weiß, dass Kay und ich in Windeln ‘rumlaufen!“
„Die beiden sind nämlich inkontinent“, beeilte sich Armin dem Oberkommissar zu erklären.
Dem nachfolgenden Schweigen hörte man nicht an, ob es sich auf Bettis Bekenntnis oder auf das Geständnis von Uwe Martens bezog.
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Die Begräbnisfeier auf Bornhude nach der Urnenbeisetzung von Raimund Seldorn würde Kay sein Leben lang nicht vergessen! Betti und er waren als „Kaitina“ gekommen. Bis auf die Plateauschuhe, die Betti nur noch einen halben Kopf kleiner als Kay erscheinen ließen, waren sie völlig gleich gekleidet. Sie trugen die gleichen, fast unauffälligen Höschenwindeln mit durchsichtigen, knisternden Plastikhöschen darüber, die gleiche Unterwäsche, gleiche Söckchen, Hemden und Krawatten. Ihre Hosen und Blazer unterschieden sich nur in einigen Details des Schnitts voneinander.
Beim Kaffee sagte Bauer Hans, Lenas Bruder, mit seiner lauten, durch den Raum dröhnenden Stimme auf Platt zu Kay:
„Meine Schwester hat mir schon alles erzählt, von dir und meiner Tochter Betti. Meinen Segen habt ihr! Wenn du fertig bist in Hamburg, dann können wir ja wohl Verlobung feiern?“
Kay war perplex. Ermunternd stieß ihm Betti den Ellbogen in die Seite und er stimmte schnell zu.
„Oh ha“, dachte er, „das kann ja noch heiter werden!“
Das ist das
E N D E
oder?